Theorien für Entwicklung und Rückständigkeit: Die Dependenztheorie

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Theorien für Entwicklung und Rückständigkeit: Die Dependenztheorie

Beitrag von Marek1964 am Mo Nov 21, 2016 12:37 pm

Diskussionsauslagerung aus diesem Thread: http://geschichte-forum.forums.ag/t1006-der-tortilla-wall-die-grenze-zwischen-den-usa-und-mexiko#10785

Zur Entwicklung resp. der Rückständigkeit von Mittel- und Südamerika.

Wallenstein schrieb:Über die Entstehung der Unterentwicklung gibt es aber eine breite Diskussion in Latein-Amerika, die als Dependenztheorie bekannt wurde.

Sie fand ihren Ausgangspunkt in einer heftigen Diskussion in der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika (Cepal). Während die USA für Freihandel und privatem Unternehmertum waren, forderten die Lateinamerikaner eine Fortsetzung der in den dreißiger Jahren initiierten Importsubstitutionsindustrie, Protektionismus, Schutzzölle und staatliche Industrien.

Beide Strategien brachten aber wenig Erfolg. Über die Gründe für das Misslingen dieser Entwicklungen kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung. Nach Meinung der Dependenztheoretiker waren durch die Kolonialzeit Strukturen entstanden, die eine umfassende  Modernisierung verhinderten. Sie wirken weiterhin fort und blockieren die Entwicklung. Die Positionen der Theoretiker waren zum Teil sehr unterschiedlich. Ist ein Thema für sich

In meiner Schulzeit hatte ich mich in einem Wahlfach zur Entwicklungshilfe und der Situation in Nicaragua auch mit der Dependenztheorie auseinandergesetzt, es gehört allerdings zu etwas, was ich weitgehend vergessen habe - der Lehrer, ein Linker ohne wirtschaftliche Bildung, entsprechen warf ich später diese Dinge im Rahmen eines Wirtschaftsstudiums über Bord, allerdings ohne überzeugende Ansätze dazu bekommen zu haben, wie eine Entwicklung für rückständige Länder anzukurbeln wäre.

Selbst für die 1990 unvermittelt eingetroffenen Situation des Übergangs der "Staatshandelsländer", wie man Sozialistische Länder ideologiefrei nannte, zur freien Marktwirtschaft, war die Wissenschaft unvorbereitet, so finde ich zumindest. Hier habe ich das auch schon mal thematiisiert: (http://geschichte-forum.forums.ag/t203-war-die-wissenschaft-auf-das-jahr-1989-vorbereitet-hatte-man-konzepte-des-ubergangs-und-reformen-vom-kommunismus-zur-marktwirtschaft)

Sofern Wallenstein (aber natürlich jeder andere) etwas dazu schreiben könnte, wäre das toll, ansonsten werde ich mich selbst bei Gelegenheit das Wissen auffrischen und ergänzen.

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Re: Theorien für Entwicklung und Rückständigkeit: Die Dependenztheorie

Beitrag von Skeptik am Mo Nov 21, 2016 8:25 pm

Kann es sein, daß sich da gerade etwas ändert in den Entwicklungsländern und sie diesen Namen positiv neu besetzen?
Nehmen wir das Beispiel Mexiko. Alle großen und namhaften Automobilhersteller der Welt investieren Milliarden in neue Fertigungsanlagen. Und das sind Anlagen für die Herstellung der modernsten und teuersten Autos. Das bringt Know-how in diese Länder und macht sie bereit für eigene moderne Entwicklungen in ihrer Wirtschaft. Und garantiert werden die konkurrenzlos niedrigen Löhne nach ein paar Jahren steigen und dem Land zu mehr Wohlstand verhelfen.

Es wird wohl nicht funktionieren, wenn Trump meint, er könne diese Autofirmen und andere dazu bringen ihre Fertigungen wieder in die USA zu verlegen.

Joshua Cohen hat auf die Frage "Wann ist der amerikanische Traum gestorben?" geantwortet: Als weiße Amerikaner sich von ihrer eigenen Einwandereridentität gelöst haben. Es hat ein Generationenwechsel stattgefunden. Die Menschen, die mit nichts aus Europa kamen, sind tot. Für sie selbst, ihre eigenen Kinder und manchmal sogar Enkelkinder hat der Traum sich erfüllt. Ihnen ging es stetig besser. Doch damit ist jetzt Schluß. Es ist fast unmöglich geworden, es besser zu haben als die eigenen Eltern. Der amerikanische Traum ist gescheitert. Das macht die Menschen wütend...

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Re: Theorien für Entwicklung und Rückständigkeit: Die Dependenztheorie

Beitrag von Wallenstein am Di Nov 22, 2016 10:24 am

Schon seit langer Zeit wird das Problem der sogenannten Schwellenländer diskutiert. Je nach Konjunktur werden hier alle möglichen Staaten gehandelt wie: Argentinien, Brasilien, Indien, China, Mexiko, Taiwan, Südkorea, Südafrika usw. Es handelt sich um die Länder, die zu der Gruppe der G20 gehören. Manche Länder wie früher der Iran sind aus dieser Liste wieder verschwunden.

Einige Staaten wie etwa Argentinien und Mexiko sind allerdings „ewige Schwellenländer“ geblieben. Ihr wirtschaftlicher Aufschwung wurde schon vor über 100 Jahren vorhergesagt. Korrupte Machteliten haben dies aber stets verhindert. Auch für Mexiko sehe ich eher schwarz.

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Re: Theorien für Entwicklung und Rückständigkeit: Die Dependenztheorie

Beitrag von Wallenstein am Di Nov 22, 2016 2:01 pm

Die Dependencia Theorie geht davon aus, dass sich durch den Kolonialismus in der „Dritten Welt“ ein sogenannter „Peripherer Kapitalismus“ herausgebildet hat. Kennzeichnend ist hierfür:

Konzentration auf Primärgüter und wenige Exportgüter (Monokultur)

Vorherrschaft des Auslandskapitals in Plantagen, Bergbau und Außenhandel

Integration des dynamischen Export Sektors in die Weltwirtschaft, aber Stagnation und geringe Produktivität im traditionellen Sektor (strukturelle Heterogenität), daher die Unfähigkeit, das Land selber zu versorgen

Geringer Beschäftigungseffekt durch den Exportsektor, daher Marginalisierung breiter Bevölkerungsschichten

Verwendung der Exporterlöse für Gewinntransfer ins Ausland, Import von Luxusgütern für die Oberschicht und Waffen für deren Armeen, sowie für den Schuldendienst

Fehlen einer Massenproduktion von Konsumgütern im Unterschied zu der zum Teil florierenden Produktion von Luxusgütern für die Oberschicht

Fehlen eines umfangreichen Produktionsmittelsektors, was wiederum verursacht wird durch das Fehlen einer großen Konsumgüterindustrie. Wenn es eine solche Industrie in Anfängen gibt, ist sie technologisch sehr stark vom Ausland abhängig.

Diese Theorie entstand in den siebziger Jahren. Sie hat seitdem zahlreiche Veränderungen erlebt und wird in dieser Form heute nicht mehr vertreten.


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Re: Theorien für Entwicklung und Rückständigkeit: Die Dependenztheorie

Beitrag von Marek1964 am Do Nov 24, 2016 12:05 am

Die Dependenztheorie macht sich es zu einfach - alle Schuld liegt bei den Industrienationen, die Entwicklungsländer sind die Opfer.

Dabei wären es allerdings an den Ländern selbst, sich von der Abhängigkeit zu lösen, denn das Zeitalter des Kolonialismus war vorbei und direkte Einflussnahme war da gar nicht so ohne weiteres möglich, wenn nicht lokale Eliten sich zu eigenem Vorteil sich angedient hätten.

Letztendlich haben Länder wie China und Vietnam, aber auch Indien oder Korea gezeigt, dass man sehr wohl erfolgreich am Weltmarkt teilnehmen kann.

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Re: Theorien für Entwicklung und Rückständigkeit: Die Dependenztheorie

Beitrag von Wallenstein am Do Nov 24, 2016 11:17 am

Marek1964
Die Dependenztheorie macht sich es zu einfach - alle Schuld liegt bei den Industrienationen, die Entwicklungsländer sind die Opfer.

Nein,  so einfach ist das nicht. Die Dependencia Theorie sieht sehr wohl die negative Rolle, die die einheimischen Eliten hier spielen. Ich habe die Theorie hier stark verkürzt referiert. Sie ist natürlich wesentlich komplexer.

Cardoso, ein früherer Dependencia-Theoretiker, der später Staatspräsident von Brasilen wurde, hat sehr eingehend die Verhältnisse in seinem Land analysiert. Seine Regierungszeit macht aber auch deutlich, wie schwierig es ist, eine historisch gewachsene Unterentwicklung zu beseitigen.

Das gilt auch für viele andere Länder. Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Entwicklungsstrategien gesehen und nur wenige waren wirklich erfolgreich. Geglückt sind bisher eigentlich nur Südkorea, Taiwan, Singapur, auch Dubai, da in diesem Land nur noch 5% der Staatseinnahmen aus dem Erdöl stammen.

Daneben gibt es Rentnerstaaten wie Kuwait, Katar, Saudi-Arabien und noch einige andere.

Die erfolgreichen Länder sind (ausgenommen Saudi-Arabien) klein und haben vergleichsweise wenig Einwohner.

Bei den großen Flächenstaaten sieht es anders aus. Indien kenne ich recht gut, in kaum einem anderen Land auf der Welt habe ich eine so erschreckende Armut gesehen. Zwei Drittel der Menschen leben unter Bedingungen, die für uns kaum nachvollziehbar sind. Die entstandene Mittelschicht ist relativ klein.
Auch in China habe ich immer wieder gesehen, das das  Wachstum vor allem in den Küstenstädten vor sich geht. Die Mittelschicht ist hier größer, deren Lebensstandard ist aber oft kaum höher als der von Hart IV Empfängern bei uns.

Deformierte Länder zu entwickeln ist immer schwierig. Das sehen wir auch bei den Staaten, die früher im Einflussbereich der Sowjetunion existierten. Die GUS-Staaten oder die ehemaligen Ostblockländer haben gleichfalls enorme Probleme, obwohl  der industrielle Entwicklungsstand hier viel höher und verglichen mit der Dritten Welt gar nicht so schlecht war.

Es gibt keinen Königsweg aus der Unterentwicklung. Eine solche Strategie muss für jedes Land gesondert herausgearbeitet werden.

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Re: Theorien für Entwicklung und Rückständigkeit: Die Dependenztheorie

Beitrag von Marek1964 am Do Nov 24, 2016 11:23 pm

Ok, dann habe ich wohl diese Theorie vereinfacht in Erinnerung, vielleicht wegen den linken Lehrern, vielleicht habe ich es selbst vereinfacht.

Ja, es ist sicher einfacher für die einheimischen Eliten, internationalen Konzernen die freie Hand zu geben und einfach von deren Schmiergeldern zu profitieren als den schweren und anspruchsvollen Weg einer eigenen Entwicklung zu gehen.

Nicht umsonst gibt es den Begriff "Bananenrepublik", wo einheimische rücksichtslos ausgebeutet werden und wo Korruption herrscht.

In den osteuropäischen Ländern war das Problem aus Monopole gewohnte Unternehmen international konkurrenzfähige zu machen. Es gibt aber Vorzeigebeispiele, etwa dasjenige von Škoda-Volkswagen. Škoda, in vielen Ländern des Westens als eine Art Trabbi verlacht (in England gab es eine Reihe von Škoda Witzen) ist heute auf den anspruchsvollen Schweizer Markt die Nr.1. Wer hätte das gedacht. Ich kenne den Marketing Chef von SAP, der ist zufriedener Fahrer dieses "deutsch-tschechischen" Produkts, wie er mir schrieb.

Aber es gibt viele negative Beispiele. Wenn man sich aber Detroit ansieht, gibt es auch in Industrieländern Beispiele von ganzen Standorten, die einen Niedergang erlebt haben.

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