Die Industrialisierungskonzepte in der Sowjetunion

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Die Industrialisierungskonzepte in der Sowjetunion

Beitrag von Moschusochse am Fr Jan 06, 2017 4:00 pm

Wallenstein hat im Rätselthread das interessante Kapitel der Industrialisierung in der Sowjetunion angeschnitten - ich würde das gerne hier speziell thematisieren. Die Frage war, wer die von Stalin später brutal umgesetzte schnelle Variante der Industrialisierung konzipierte, die vorher vor allem von Trotzki verfochten wurde. Hier Wallensteins Text:

Wallenstein schrieb:Trotzki ist nicht verkehrt, da er sich in der Öffentlichkeit für diese Theorie einsetzte. Der eigentliche Begründer war aber  Preobraschenski (1886-1937) und seine Theorie der „ursprünglichen sozialistischen Akkumulation“.

Trotzki und Preobraschenskij vertraten die These, dass die Industrialisierung nicht allmählich durch allein „innere Akkumulation“ verlaufen solle, sondern beschleunigt werden solle durch „externe Akkumulation“, durch indirekte Wertübertragung aus der Arbeit der Bauern und durch ihre direkte Enteignung. Die Landwirtschaft sollte die Industrialisierung finanzieren.

Die Sowjetregierung senkte die Getreidepreise, damit sie mehr Getreide für weniger Industriewaren bekam, bzw. für die gleiche Getreidemenge weniger industrielle Konsumprodukte an die Dörfer liefern musste. Das war eine Maßnahme zur „externen“ Akkumulation der staatlichen Industrie. Doch weil die Bauern im Besitz ihrer Produktionsmittel waren, ließen sie sich nicht die Preise für ihr Getreide diktieren. Sie verkauften nicht oder nur zum wirklichen Wert. Sie hatten die Macht, Getreide zu verkaufen oder zu horten. Die Bauern beeinflussten damit das Tempo der Akkumulation in der Industrie, weil sie im Produktenaustausch Industriegüter - Agrargüter nur zu gleichen Werten oder zu für sie günstigeren Werten tauschen wollten, und daher keine Extragewinne der Industrie zuließen. Alle selbständigen Bauern, nicht allein ihre wohlhabendere Schicht, die Kulaken, entwickelten sich zur Gegenkraft gegen die schnelle Industrialisierung in der Sowjetunion.

Stalin hatte zunächst die Ideen von Trotzki und Preobraschenski entschieden abgelehnt, dann allerdings übernahm er sie und führte mit großer Brutalität Ende der zwanziger Jahre die Zwangskollektivierung durch um die Industrie aufzubauen. Der Widerstand der Kulaken und der Bauern sollte durch staatlichen Terror gebrochen werden.

Bucharin hatte die Theorie von Trotzki und Preobraschenskij ebenfalls abgelehnt. Er wollte eine Fortsetzung der NÖP und setzte sich ein für eine Stärkung der Kulaken. Die sollten Überschüsse produzieren und damit einen inneren Markt für Industrieprodukte bilden. Er stellte sich eine langsame Industrialisierung nach englischem Beispiel vor. (sogenannte Kattun-Industrialisierung). Aus taktischen Gründen unterstützte Stalin zunächst Bucharin in seinem Kampf gegen Trotzki. Als er Bucharin nicht mehr brauchte, ließ er ihn fallen. Ihm wurde vorgeworfen, dass seine Strategie zur Stärkung der Kulaken und damit längerfristig die Rückkehr zum Kapitalismus bedeutet hätte. Er wurde 1938 erschossen. Preobraschenskij wurde 1937 als Trotzkist ebenfalls liquidiert. 1970 dann rehabilitiert.

Der Text auf wiki ist recht unvollständig, vielleicht kann den ja einer von uns ergänzen?

https://de.wikipedia.org/wiki/Industrialisierung_der_Sowjetunion
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Re: Die Industrialisierungskonzepte in der Sowjetunion

Beitrag von Wallenstein am Fr Jan 06, 2017 5:00 pm


In einem anderen Forum hatte ich dazu folgendes geschrieben:

Die Bolschewiki hatten in einem Land gesiegt, das für den Sozialismus keinerlei Voraussetzungen bot. In der Theorie sollte die sozialistische Revolution in einem Staat siegen, der durch den Kapitalismus bereits hoch entwickelt war. Doch Russland war ein rückständiges Agrarland mit nur rudimentärer Industrie. Die Bolschewiki mussten die moderne Industrie erst aufbauen und da die erhoffte Weltrevolution ausblieb, wurde es notwendig, den „Sozialismus in einem Land“ zu entwickeln.

Das führte zu einer langen Theoriediskussion in der Partei und dabei schälten sich langsam drei Fraktionen heraus:
Die linke Fraktion um Preobraschenski und Trotzki entwickelte die „Theorie der ursprünglichen sozialistischen Akkumulation“, ausgehend von der von Marx im Kapital skizzierten „ursprünglichen Akkumulation des Kapitals“. Diese besteht hauptsächlich aus der Trennung der Produzenten von ihren Produktionsmitteln und deren Verwandlung in Kapital. In England hatte die Entwicklung Jahrhunderte gebraucht. In verschiedenen Schüben, unter anderem durch die sogenannten „enclosures“ waren immer wieder Bauern von ihrem Land vertrieben worden. Aus ihnen rekrutierte sich das spätere Proletariat. Kapital bildete sich durch Fernhandel, Piraterie, Kolonialismus und Sklavenhandel. Diese Gelder waren die nötige Voraussetzung für die Finanzierung der industriellen Revolution. England und die anderen kapitalistischen Staaten hatten viel Zeit gebraucht, um ihren derzeitigen Entwicklungsstand zu erreichen.

Die Sowjetunion wollte diesen jahrhundertelangen Prozess abkürzen und in wenigen Jahren eine führende Industrienation werden. Aber auch hier mussten die Bauern zunächst vom Land vertrieben werden, um sich in Arbeiter zu verwandeln. Da es kein Privatkapital gab, musste nun der Staat die Rolle einnehmen, die im Ausland die Kapitalisten ausübten.

Da Russland keine Kolonie besaß, standen nur interne Finanzierungsmöglichkeiten zur Verfügung. Preobraschenski empfahl die bewusste „Brechung des Wertgesetzes“. Die Bauern sollten für ihre Produkte nur niedrige, vom Staat vorgegebene Preise erhalten, also unter ihrem Wert bezahlt werden. In den Städten sollten hohe Preise, über ihren Wert, berechnet werden. Die Differenz kassierte der Staat. Durch die doppelte Ausbeutung von Bauern und städtischen Konsumenten sollte der Staat hohe Einnahmen bekommen zur Finanzierung der Industrie. Viele Bauern würden es dann vielleicht vorziehen, ihr Land zu verlassen und in die Stadt übersiedeln. Dem könnte man vielleicht auch durch eine Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche nachhelfen. Im Endeffekt hätte man dann Arbeitskräfte und Kapital.

Diese Auffassung wurde von Stalin als trotzkistische Abweichung scharf kritisiert. Sie würde das Bündnis zwischen Arbeitern und Bauern zerstören.

Er begünstigte stattdessen die Theorie von dem Cheftheoretiker Bucharin. Dieser empfahl eine Förderung der Kulaken mit der Parole „Bereichert euch!“ Die Kulaken sollten Überschüsse produzieren und in der Stadt verkaufen. Die Kulaken wären dann auch ein Markt für industrielle Produkte. So würde sich ein Warenaustausch zwischen Stadt und Land entwickeln, materielle Anreize entstehen und der Wohlstand steigen. Dann würden auch Steuereinnahmen sprudeln.

Seine Kritiker antworteten: Dadurch würde sich nur eine neue Bourgeoisie auf dem Land herausbilden und lediglich eine Kattunindustrie entstehen, eine Leichtindustrie, aber keine Schwerindustrie, die man seinerzeit für wichtiger erachtete.

Stalin lavierte zwischen Trotzki und Bucharin. Schließlich schaltete er die „linke Fraktion“ aus. Danach bekämpfte er Bucharin als „rechten Opportunisten“, der den Kapitalismus wieder einführen wollte. Als er stark genug war, entschloss sich Stalin mit seinen Anhängern, die ursprünglich von ihm bekämpfte Theorie von Preobraschenski zu übernehmen, aber in viel radikalerer Form, als der sich dies jemals ausgedacht hatte.

Die Idee kam von Preobraschenski. Stalin hat sie dann, ohne sich auf ihn zu berufen, umgesetzt, und als seine eigene Theorie ausgegeben und durchgeführt.

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