Die Kulturrevolution in China

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Die Kulturrevolution in China

Beitrag von Wallenstein am So Jan 15, 2017 1:23 pm

Da in diesem Forum über die Machbarkeit des Sozialismus diskutiert wurde, scheint mir der Zeitpunkt günstig zu sein, einen Beitrag über China zu veröffentlichen, der bereits früher unter einem anderen Pseudonym veröffentlich wurde.

Für die chinesische Geschichte habe ich mich immer interessiert und viele Bücher darüber gelesen. Mehrmals hatte ich Gelegenheit gehabt, das Land zu besuchen, auch zu einem Zeitpunkt, als es für Ausländer noch weitgehend verschlossen war.

Kaum ein Land hat sich in den letzten Jahrzehnten so geändert wie die Volksrepublik. Wo es früher nur armselige Verkaufsstände gab, erheben sich jetzt gigantische Einkaufszentren. Peking war früher eine beschauliche, ruhige Stadt gewesen mit lauter Fußgängern und Radfahrern. Jetzt ist es eine lärmende und hektische Metropole geworden, durch die sich der Autoverkehr quält. An die Kulturrevolution erinnert heute nichts mehr.


Die chinesische Kulturrevolution, die ihren Höhepunkt in den Jahren 1966 bis 1968 erreichte, wurde von den westlichen Beobachtern nur schwer verstanden und war in der Tat nicht einfach zu deuten. Dies lag zum Teil daran, das sich das Land weitgehend von der Außenwelt abgeschottet hatte und nur spärliche Informationen nach außen drangen. Aber vor allem widersprach sie auch früheren Erfahrungen, die man mit kommunistischen Staaten gemacht hatte. Diese stellte man sich immer als diktatorische Regime vor, in denen die Regierung alles kontrollierte. Das in einem solchen Lande jahrelang bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen konnten, widersprach allem, was man bisher kannte. Zudem herrschte Unklarheit über die Rolle der Roten Garde, die überall in den chinesischen Städten die Straßen beherrschten und in einigen von ihnen die Macht übernahmen. Aufstände kannte man bislang nur aus Ungarn oder Polen, aber dabei ging es immer gegen das kommunistische Regime insgesamt. Die Roten Garden hingegen kämpften nicht gegen den Kommunismus, sondern anscheinend für eine andere Art von Kommunismus als den bestehenden.

So einigten sich westliche Wissenschaftler, Journalisten und Politiker auf die Feststellung, dass es sich hier um einen Machtkampf zwischen Mao Tse-Tung und Teilen der Kommunistischen Partei handeln würde. So etwas war in kommunistischen Parteien und Regierungen nicht ungewöhnlich. Aber in der Regel lief dies in Form von Intrigen, Verschwörungen und Komplotten unter Ausschluss der Öffentlichkeit ab. Das in China aber so viele Menschen an der Auseinandersetzung beteiligt waren, kann nur darauf zurückzuführen sein, das hier tiefere, soziale Widersprüche in der chinesischen Gesellschaft gewaltsam aufbrachen, um ein Ventil zu finden.

In der chinesischen Geschichtsschreibung wird heute die Kulturrevolution als Irrweg und katastrophale Fehlentwicklung gedeutet, ohne dass der Hauptverantwortliche, nämlich Mao selbst, genannt wird. Man schiebt stattdessen alles auf seine Frau und deren Gefolgsleute. Die meisten Opfer der Kulturrevolution, wie z.B. Teng Hsiao-Ping, wurden später rehabilitiert und bestimmten danach erneut die Politik. Sie hatten natürlich ein Interesse daran, die Kulturrevolution und deren Exponenten zu verteufeln. Ganz konnte man allerdings Mao auch nicht freisprechen, aber diese Ikone der Revolution musste auf jeden Fall erhalten bleiben, da er das kommunistische China und die Revolution verkörperte. Deshalb einigte man sich auf die Formel, dass 70% der Dinge, die Mao gemacht hatte, richtig waren und 30% seien falsch gewesen. So konnte man ihn ein wenig kritisieren, ohne ihn fallenzulassen. Anders als Stalin in der Sowjetunion, der ja völlig aus dem Gedächtnis der Nation gestrichen wurde, war dies bei Mao nicht möglich.

Die Kommunistische Partei hatte 1949 ein extrem rückständiges Agrarland übernommen und wollte es in kürzester Zeit modernisieren. Da Mao die Entwicklung nicht schnell genug ging, startete er in der Zeit von 1958 bis 1961 ein soziales Großexperiment, den „Großen Sprung“ nach vorne. Die ländliche Bevölkerung wurde in Volkskommunen zusammengefasst und sollte sich neben dem Ackerbau auch noch mit der Produktion von Stahl beschäftigen. Der Stahl, der in den vielen kleinen Stahlkochern überall im Land erzeugt wurde, war in der Regel wertlos. Vernachlässigung der Agrarproduktion und schlechte Organisation führten zu einem Wirtschaftschaos. Hungersnöte verursachten den Tod von Millionen Menschen. Der „Große Sprung“ endete mit einem totalen Misserfolg und Mao verlor seinen Einfluss innerhalb der Partei, ohne das er gestürzt wurde. Die nächsten Jahre zog er sich zurück, um in Ruhe seine Rückkehr an die Macht vorzubereiten.
Nach dem „Großen Sprung“ stabilisierte sich sehr schnell die Wirtschaft und Gesellschaft erneut, doch schon bald wurde eine Reihe von Widersprüchen akut.

Wie auch in den übrigen kommunistischen Staaten, eigneten sich die Spitzen der Bürokratie zahlreiche Privilegien an und führten inmitten einer armseligen Gesellschaft ein fürstliches Leben. Fälle von Korruption wurden bekannt. Korruption und Privilegien von Beamten sind in China seit Jahrtausenden üblich und werden auch allgemein akzeptiert. Widerstand regt sich allerdings, wenn sie über das übliche Maß hinausgehen. Die maoistische Presse behauptete z.B., das sich der mächtige Erste Sekretär im mittleren Süden, Raum Kanton, zahlreiche Villen und Luxushäuser aus öffentlichen Mitteln bauen ließ, riesige Parkanlagen und einen Kristallpalast besaß. Auch vielen anderen Kadern wurden ähnliche Vorwürfe gemacht. Die Arbeiterschaft hingegen lebte von kärglichen Löhnen und dies musste allgemeinen Unwillen erregen.

Innerhalb der Agrarbevölkerung tauchten Gegensätze auf, denn es gab reiche Volkskommunen auf fruchtbaren Böden und arme in weniger begünstigten Gebieten. Auch hatten Volkskommunen in der Nähe der Städte Vorteile, da sie einen lukrativen Markt direkt vor der Haustür besaßen. Zwar wurden die Preise vom Staat vorgeschrieben, aber durch Diversifizierung der Produktion, also Anbau von Produkten, die besser vergütet wurden, konnte man die Einnahmen verbessern.

Der wichtigste Auslöser für die Kulturrevolution war indes die unzufriedene Jugend. Nach der chinesischen Revolution verbesserte sich das Bildungswesen und bald besuchten 20 Millionen Studenten und Schüler die Universitäten und Gymnasien. Für sie gab es allerdings höchstens 5 Millionen ihrer Ausbildung entsprechende Positionen in Wirtschaft und Verwaltung. Alle anderen würden sich mit einfachen, schlecht bezahlten Tätigkeiten zufrieden geben müssen. Angesichts der düsteren Aussichten wuchs die Unzufriedenheit der jungen Leute und sie waren eifersüchtig und neidisch auf diejenigen im Staatsdienst, die es geschafft hatten und, da die meisten erst in fünfziger Jahren ihre Posten bekommen hatten, auch noch lange Zeit ihnen den Weg verbauen würden.
Als Mao seine Rückkehr an die Macht plante, verfügte er nicht über die sonst üblichen Mittel, die in kommunistischen Staaten angewendet werden, um diese zu ermöglichen. Er besaß keinen nennenswerten Rückhalt in der Partei, eine konspirative Verschwörung wie sonst üblich, schied damit aus. Auch die Armee für einen eventuellen Putsch stand ihm nicht zur Verfügung. Die einzige Chance für ihn lag darin, gesellschaftliche Klassen im Kampf gegen die Partei zu mobilisieren. Die Bauern und Arbeiter zu agitieren, erwies sich aber als schwierig, auch hätten Streiks in den Städten der Produktion erheblich geschadet. So war die einfachste Lösung, die unzufriedene Jugend zu mobilisieren. Dies ging relativ schnell, man brauchte nur die Schulen und Universitäten zu schließen, die jungen Leute in den sogenannten Roten Garden organisieren und zu Demonstrationen gegen die Partei aufzurufen. Die maoistische Fraktion in der KP China entschloss sich, diesen Weg zu gehen. Mit Hilfe der Roten Garden sollten die maofeindlichen Elemente in der Partei bekämpft und ausgeschaltet werden.

Doch Mao verfolgte noch weitere, utopische Ziele. Er wollte die gesamte Gesellschaft revolutionieren. Seiner Meinung nach war die Revolution seit 1949 eingeschlafen und musste wieder neu entfacht werden. Die alten „Teufel und Dämonen“ waren zurückgekehrt und sollten vertrieben werden, die Gesellschaft aus ihrem Dornröschenschlaf erwachen, ein neuer, revolutionärer Mensch sollte entstehen. Damit ging er aber weit über das ursprünglich Ziel der Rückeroberung der Macht hinaus. Als Idealbild stellte er sich den chinesischen Modellbürger Lei Feng vor, der 1963 kreiert worden war. Ein völlig selbstloser Soldat der Volksbefreiungsarmee, der pausenlos damit beschäftigt war, seinen Kameraden und überhaupt seinem gesamten sozialen Umfeld einen Gefallen zu erweisen, auch wenn ihm diese selbst allenfalls ideellen Nutzen brachten. In einer Schrift forderte Mao alle Chinesen auf, von Lei Feng zu lernen. In der Masse der Arbeiter-und Bauernschaft, die nach endlosen Kriegen und Bürgerkriegen vor allem an sich selbst und ihre Familien dachten, konnte diese Idee nicht zünden. Wohl aber bei der idealistischen Jugend, die für solche Vorstellungen durchaus empfänglich war. Die Mobilisierung der jungen Leute interpretierte Mao als Fortsetzung des Klassenkampfes, der auch im Sozialismus weitergehen würde, auch wenn Schüler und Studenten in der marxistischen Theorie eigentlich keine Klassen sind.

Die chinesische Gesellschaft war auch nach 1949 noch immer von der, wenn auch offiziell verpönten, Ideologie des Konfuzius bestimmt, der „Großen Harmonie“, nach der jeder Mensch sein ihm zugedachten Platz in dem gesellschaftlichen Gefüge einzunehmen hatte. Innerhalb der Familie sollten sich die Frau und die Kinder dem Vater unterordnen. In der Schule mussten die Schüler dem Lehrer gehorchen, an der Universität die Studenten dem Professor, jeder Vorgesetzte erwartete bedingungslosen Gehorsam von dem ihm Unterstellten, der Untertan hatte dem hohen Beamten zu gehorchen. Es existierte ein hierarchisches System von Autoritäten, eine Befehlskette von oben nach unten. Dieses Modell hatte sich über Jahrtausende hinweg bewährt. Indem Mao die Jugend aufforderte, dieses System zu zerstören, legte er die Axt an die Wurzel der chinesischen Gesellschaft. Ein Sturz aller Autoritäten würde China ins Chaos stürzen.

An den Schulen und den Universitäten war der Kampf gegen die Autoritäten besonders leicht zu führen. Lehrer und Professoren wurden als Imperialisten und Reaktionäre beschimpft, gedemütigt und gefoltert. Mao forderte auf, die Prüfungen zu verweigern. Eine Schülerin, die bei einem Examen ein leeres Blatt abgab, wurde als revolutionäres Vorbild gefeiert. Laut Mao war Fachwissen nicht nötig, da allein die revolutionäre Gesinnung wichtig sei. In dem Roten Buch, das nun überall verteilt wurde, konnte man viele revolutionäre Plattheiten lesen, die als große Weisheiten ausgegeben wurden. Das es überall zu Exzessen kam, ist nicht verwunderlich. Wenn in unserer Gesellschaft die Regierung die Schüler aufrufen würde, ihre Lehrer zu bekämpfen und diese ungestraft alles mit ihnen tun könnten, es würde auch bei uns nicht viel anders aussehen. Laut Mao führte die „große Ordnung zur großen Unordnung“, das heißt, die Zerstörung des alten Systems brachte die Unordnung, aber dies sei „gut und nicht schlecht“.

Nach dem Angriff auf die Schulen gerieten als nächstes die Verwaltungen unter Beschuss. Bürgermeister und hohe Parteifunktionäre wurden von den Roten Garden verhaftet und öffentlich gedemütigt. Vielerorts wurden die Parteibüros zerschlagen und missliebige Funktionäre beseitigt.

Obwohl Mao von der „Großen Proletarischen Kulturrevolution“ sprach, waren die eigentlichen Arbeiter an ihr nur wenig beteiligt. Sie waren nicht an revolutionären Slogans, als vielmehr an Lohnerhöhungen und einer besseren Versorgung interessiert. Die Mao Gegner versprachen ihnen dies und versuchten, somit einen Keil zwischen Rotgardisten und Arbeiter zu treiben. Die Propaganda diskreditierte daraufhin die Funktionäre, die auf materielle Interessiertheit setzten, als „Machthaber, die den kapitalistischen Weg gehen“ und bekämpfte sie demzufolge als Reaktionäre.
Ursprünglich wollte Mao die Rotgardisten manipulieren und lenken, doch sie entglitten schon bald seiner Kontrolle und entwickelte ihre eigene Dynamik. Über ihren zunächst durchaus nachvollziehbaren Kampf gegen die etablierte Bürokratie schossen sie bald weit hinaus, in dem sie begannen, jede Form von Autorität zu bekämpfen, auch wenn diese auf Fachwissen und Erfahrung beruhte. Ärzte, Ingenieure, Ökonomen, die gesamte intellektuelle Elite des Landes geriet unter den Beschuss der Roten Garden, die das System tragenden Schichten kamen kollektiv in den Verdacht der Konterrevolution. Die Vorstellung von Mao, das man das Alte bekämpfen muss, damit sich das Neue durchsetzt, interpretierten sie so, das damit die Zerstörung von Tempeln und anderen Altertümern Chinas gemeint wäre.

Waren die Roten Garden eine antiautoritäre Jugendbewegung, so wie sie zur selben Zeit auch in den westlichen Ländern existierte, eine Bewegung, die sich gegen überholte Autoritäten und gesellschaftliche Missstande erhob? Hier gibt es sicherlich Parallelen. Nur wurde in China die Jugendbewegung vom Staat gegründet und dieser versuchte, sie auch zu lenken. Und während im Westen die Bewegung auf den Widerstand der etablierten Mächte stieß, wurde sie in China von der Regierung unterstützt. Hier enden sicherlich auch die Gemeinsamkeiten. Die westliche Jugend verehrte keinen Halbgott an ihrer Spitze, dafür schufen sie aber eine eigene Jugendkultur und langfristig veränderten sie die Gesellschaft. Dies ist für China aber so nicht feststellbar.

Die Zerstörungswut der Roten Garden führte das Land ins Chaos. In ihren eigenen Reihen waren sie nicht antiautoritär aufgebaut, sondern besaßen anscheinend klare, autoritäre Führungsstrukturen. Sie besaßen keine geschlossene Ideologie, sondern interpretieren die Ideen von Mao unterschiedlich. Deshalb kam es auch häufiger zwischen ihnen zu Auseinandersetzungen.
Je mehr diese Bewegung der Gruppe um Mao entglitt, desto größer wurde die Notwenigkeit, die Geister, die man rief, wieder los zu werden. Nur die Armee funktionierte zum Schluss noch. Sie wurde eingesetzt, um den Spuk zu beenden. Ein großer Teil der Jugendlichen wurde auf das Land repatriiert zur „Verbesserung der Moral“. Damit war auch das Gespenst einer arbeitslosen, akademischen Jugend in den Städten vorläufig gebannt.

Mit der Kulturrevolution war auch das zweite Großexperiment von Mao gescheitert. Mit dem „Großen Sprung“ hatte er versucht, China in eine moderne, industrielle Wirtschaftsnation zu verwandeln. Wozu andere Länder mehrere Generationen gebraucht hatten, sollte China in wenigen Jahren schaffen. Der Sozialismus sollte ja laut Marx erst in einer hoch entwickelten Gesellschaft möglich sein, nicht in einem armseligen Agrarstaat. Doch die Entwicklung der Produktivkräfte im Schnelldurchlauf führte das Land in eine Katastrophe und brachte Millionen von Menschen den Hungertod.

Mao dachte nun daran, mit Hilfe der Kulturrevolution das Pferd von hinten aufzuzäumen. Wenn schon nicht die materielle Basis zu schaffen war, dann sollte wenigstens sich zunächst der Mensch wandeln. Zwar bestimmt nach einem berühmten Satz von Marx das Sein das Bewusstsein. Doch Mao wollte das Bewusstsein ändern, ohne dass das Sein dafür schon existierte. Davor hatte allerdings Marx selber schon gewarnt, denn solange eine Knappheit an Gütern existiert und die Menschen um das Lebensnotwendige tagein, tagaus kämpfen müssen, hält der Krieg aller gegen alle an und in der Gesellschaft ist jeder des anderen Wolf. Erst eine Gesellschaft im Überfluss würde den sozialistischen Menschen ermöglichen. Doch so viel Zeit hatte Mao nicht. Schon aufgrund seines fortgeschrittenen Alters würde er die sozialistische Utopie nicht erleben. Aber er glaubte, durch intensive Propaganda einen neuen Menschen formen zu können. Jedoch die randalierenden Rotgardisten, die pausenlos in Chören revolutionäre Binsenweisheiten skandierten, entsprachen kaum dem neuen Idealmenschen der Zukunft, eher schon schienen sie direkt aus einem sozialistischen Neandertal entstiegen zu sein. Vermutlich bemerkte Mao selbst irgendwann seinen Irrtum. Als ihn nach der Kulturrevolution der amerikanische Präsident Nixon besuchte und Mao als großen Revolutionär und Veränderer der chinesischen Gesellschaft rühmte, lehnte dieser das unverhoffte und überraschende Lob aus dem Munde des amerikanischen Besuchers ab und antwortete, das er nur einige Dörfer in der Nähe von Peking verändert hätte, wobei unklar blieb, was er damit eigentlich meinte.

Immerhin hatte Mao sein Nahziel erreicht, die Macht war zurückerobert und seine Gegner ausgeschaltet. Es zeigte sich aber sehr schnell, dass ohne die geschassten Führungskader das Land nicht zu regieren war. Sofern sie den Sturm überlebt hatten, kehrten sie nach und nach still und heimlich in die Politik zurück und bekleideten schon bald wieder ihre alten oder neuen Posten. Die Mao Gegner eroberten so langsam den Staatsapparat zurück, doch solange Mao noch lebte, wagten sie es nicht aufzumucken, drohte der Große Steuermann ihnen doch mit einer neuen Kulturrevolution, die seiner Meinung nach alle 8-10 Jahre stattfinden sollte.

Doch kaum war er 1976 gestorben, schlugen seine Gegner zu. Maos Frau und ihre Freunde, die sogenannte „Viererbande“, ließen sie verhaften. Unbarmherzig wurden all die Personen festgenommen und inhaftiert, die einst die Gegner Maos gedemütigt und gefoltert hatten. Mit Sympathien in der Bevölkerung konnte diese nicht rechnen. Der Terror der Rotgardisten war vielen noch in Erinnerung und außerdem machte man sie für die schlechte Wirtschaftslage im Land verantwortlich.

Maos Nachfolger, Teng Hsiao-Ping, startete bald wieder ein Großexperiment, dieses erwies sich allerdings als ungleich erfolgreicher als Maos Versuche. Die Rotgardisten hatten ihn früher als „Machthaber, der den kapitalistischen Weg geht“ bekämpft. Mit dieser Behauptung hatten sie gar nicht so unrecht gehabt.

Chinas Probleme waren durch die Kulturrevolution in keiner Weise gelöst worden. Die Bürokratie blieb weiterhin privilegiert und korrupt, die Lebensverhältnisse der Arbeiter waren schlecht aufgrund der desolaten Wirtschaftslage, die unterbeschäftigte, akademische Jugend blieb unzufrieden. Teng entschloss sich daher zu einer radikalen Wendung in der chinesischen Poliltik. Das Land begann sich ausländischen Investoren zu öffnen und schrittweise wurden Teile der Wirtschaft privatisiert. Dies löste einen beträchtlichen Wachstumsschub aus. Die Lebensbedingen der Menschen in den Städten und im Umland begannen sich spürbar zu verbessern, der boomende Arbeitsmarkt saugte die jungen Akademiker auf und bot die Chance zur Selbständigkeit, die Bürokratie blieb zwar korrupt und privilegiert, doch Menschen, die unter halbwegs annehmbaren Umständen leben, zeigen dafür Nachsicht und gehen deshalb nicht auf die Barrikaden.

Doch die Aussage von Marx, dass nämlich das Sein das Bewusstsein bestimmt, blieb auch in China gültig. Die Kommunistische Partei wollte durch die Reformen ihre Macht sichern, doch die langsame Verbürgerlichung der Gesellschaft brachte es mit, dass die Menschen bald nicht mehr nur wirtschaftliche, sondern auch politische Freiheiten wollten. Die jungen Menschen, die 1989 auf dem Tiananmen-Platz Platz in Peking für Demokratie und Menschenrechte demonstrierten, hatten nichts mehr mit den Roten Garden vor über 20 Jahren zu tun. Sie wollten keinen anderen Kommunismus, sondern überhaupt keinen Kommunismus mehr. Dass sie auf dem Platz die amerikanische Freiheitsstatue nachbauten, signalisierte, dass sie ihre Ideale nun woanders suchten.

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Re: Die Kulturrevolution in China

Beitrag von Anticus am Mo Jan 23, 2017 11:28 pm

Super Beitrag, Wallenstein. Es gibt viele Aspekte, die man diskutieren könnte.

Ein Rätsel für mich ist, die asiatischen Kulturen waren immer hierarchisch aber auch von einem senioritätsprinzig, der Achtung von alten Menschen, geprägt.

Die Kulturrevolution war schon deshalb recht pervers, da sie verdiente Kämpfer der Revolution gedemütigt hatte - von Rotzlöffeln, die nichts geleistet hatten, könnte man sagen.

Man könnte hier Paralellen zur 68er Bewegung ziehen, die auch alles in Frage stellten, aber nur ganz wenige von ihnen wurden richtig gewalttätig.
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