Die Dolchstoßlegende - Entstehung, Verbreitung, Ende

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Die Dolchstoßlegende - Entstehung, Verbreitung, Ende

Beitrag von Moschusochse am Do Feb 02, 2017 6:55 pm

Hallo Leute,

ich wollte mal das Thema Dolchstoßlegende des Ersten Weltkriegs thematisieren. Ich bin natürlich gerne bereit, selbst zu recherchieren, aber vielleicht hat schon jetzt jemand eine gute Zusammenfassung oder Quellenübersicht zur Hand.
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Moschusochse

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Re: Die Dolchstoßlegende - Entstehung, Verbreitung, Ende

Beitrag von Klartext am Do Feb 02, 2017 7:39 pm

Ich denke, Tante wiki hat da eigentlich recht guten Artikel bereit:

https://de.wikipedia.org/wiki/Dolchsto%C3%9Flegende

Die Seite der bpb einen interessanten Ausschnitt:

Am 18. November 1919 verlas Hindenburg – seit Juni im Ruhestand – vor dem Ausschuss der Nationalversammlung für die Schuldfragen des Weltkriegs eine Aussage über die "Ursachen des deutschen Zusammenbruchs im Jahre 1918", die in der Öffentlichkeit ungeheures Aufsehen erregte. Trotz der Überlegenheit des Feindes, so behauptete er, wäre der Krieg gewonnen worden, wenn "Heer und Heimat" zusammengestanden hätten. Stattdessen habe eine "heimliche planmäßige Zersetzung von Flotte und Heer" eingesetzt. "So mussten unsere Operationen misslingen, es musste der Zusammenbruch kommen; die Revolution bildete nur den Schlussstein. Ein englischer General sagte mit Recht: "Die deutsche Armee ist von hinten erdolcht worden." Damit machte sich Hindenburg – unter fälschlicher Berufung auf einen ungenannten englischen General – zum prominentesten Vertreter der sogenannten Dolchstoßlegende, treffender: Dolchstoßlüge. Denn niemand wusste besser als die kaiserlichen Generäle, dass unter ihrer Führung der Krieg bereits militärisch verloren war, bevor die Auflösungserscheinungen an der Westfront begannen; dass diese auf permanente Überforderung der Soldaten zurückzuführen waren; dass die OHL selbst ein sofortiges und deshalb kapitulationsähnliches Waffenstillstandsgesuch verlangt hatte; und dass die Revolution erst ausgebrochen war, nachdem sich der jahrelang propagierte "Siegfrieden" als bloße Illusion herausgestellt hatte. Die republikanischen Parteien unterschätzten die politische Sprengkraft der Dolchstoßlüge. Sie unterließen es, die deutsche Öffentlichkeit ständig darüber aufzuklären, dass das Kaiserreich den Weltkrieg maßgeblich mitverschuldet hatte und allein das Regime Wilhelms II. für Kriegsniederlage und Friedensbedingungen verantwortlich war. Dieses Versäumnis hatte fatale Folgen: Vor dem Hintergrund des als hart und demütigend empfundenen Versailler Vertrages, und während die regierungsoffizielle Propaganda aus Gründen der Staatsräson jede Kriegsschuld bestritt, wurde von prominenten kaiserlichen Militärs und Politikern, mit Unterstützung konservativer und rechtsradikaler Zeitungen, die Dolchstoßlüge unermüdlich verbreitet. Sie traf in breiten nationalbewussten Bevölkerungskreisen, die sich mit der Sinnlosigkeit ihrer Entbehrungen und Opfer im Krieg nicht abfinden mochten, auf Zustimmung. Dadurch wirkte sie ihrerseits wie ein Dolchstoß in den Rücken der Republik.

http://www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/dossier-nationalsozialismus/39531/kampf-um-die-republik-1919-1923?p=all

Nicht viel erfahren kann man über das Ende der Dolchstoßlüge, wie man sie eigentlich richtigerweise benennen sollte. Sie dürfte sich nach dem Zweiten Weltkrieg ergeben haben, wo erst Mal Alltagssorgen alles verdrängt haben, später der kalte Krieg und der Blick in Richtung Wohlstand. Spätestens Fritz Fischer dürfte endgültig damit aufgeräumt haben, aber es dürften vorher schon Historiker auf die Unhaltbarkeit dieser Verschwörungstheorie hingewiesen haben.

Interessant wäre die Frage, wieviele Politiker und Historiker auf die Dolchstoßlüge während der Weimarer Republik hingewiesen haben.

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Re: Die Dolchstoßlegende - Entstehung, Verbreitung, Ende

Beitrag von Skeptik am Do Feb 02, 2017 8:25 pm

Hier etwas zur Entwicklung der Metapher „Dolchstoßlegende“.

Wiki:
Die Metapher vom „Dolchstoß von hinten“ wurde erstmals in einem Artikel der Neuen Zürcher Zeitung vom 17. Dezember 1918 öffentlich gebraucht. Der namentlich nicht genannte Autor schrieb dem britischen General Sir Frederick Maurice das Zitat zu: „Was die deutsche Armee betrifft, so kann die allgemeine Ansicht in das Wort zusammengefasst werden: Sie wurde von der Zivilbevölkerung von hinten erdolcht.“
Die Aussage habe Maurice zuvor in der britischen Zeitung Daily News veröffentlicht. Dies stellte sich allerdings in weiterer Folge als falsch heraus und wurde auch von Maurice dementiert.

In Wiki France heißt es dazu:
En 1918, face à une situation militaire médiocre, Haig a besoin de plus de troupes. Lloyd George explique que la mobilisation générale atteint ses plus hauts historiques, et qu'il n'y a donc plus de réserves à envoyer au front. General Douglas Haig pense que c'est une vengeance de l'événement précédent, comme toute l'armée, et prend ça pour un « coup de couteau dans le dos ». Ainsi naît la légende.

Ich übersetze:
Im Jahr 1918, einer mittelmäßigen militärischen Situation gegenüber stehend, verlangt der englische General Douglas Haig mehr Truppen. Premierminister Lloyd George erklärte, dass die Mobilisierung ihren Höhepunkt erreicht habe, und es keine Reserven mehr gibt um sie an die Front zu schicken. Haig nimmt an, wie auch die ganze Armee, das sei Rache für einen vorherigen Fall, und interpretiert das als einen "Dolchstoß in den Rücken". So wurde die Legende geboren.

General Frederick Barton Maurice scheint das in einer Veröffentlichung verarbeitet zu haben. Ein Artikel Maurice' vom 12. November 1918 diente angeblich als Grundlage zu jenem Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung vom 17. Dezember 1918, der als Ausgangspunkt für die Bezeichnung der von Hindenburg, Ludendorff und der deutschen Rechten in der Zwischenkriegszeit vertretenen "Dolchstoßlegende" gilt. Maurice verwahrte sich allerdings stets dagegen, selbst die Formulierung vom Dolchstoß von hinten ("stabbed in the back") verwendet zu haben.

Erich Ludendorff und Paul von Hindenburg bekräftigten im November/Dezember 1919 die Version, einer der britischen Generäle habe zuerst von diesem Dolchstoß gesprochen. Ludendorff erwähnte in seinen Erinnerungen ein angebliches Tischgespräch mit General Neill Malcolm im Juli 1919, bei dem er ihm die Gründe der deutschen Niederlage erläutert habe, worauf Malcolm zurückgefragt habe: You mean that you were stabbed in the back? („Sie meinen, Sie seien in den Rücken gestochen worden?“) Hindenburg behauptete in seiner Aussage vor dem „Untersuchungsausschuss für Schuldfragen“ im Reichstag ebenfalls, ein britischer General habe gesagt: Die deutsche Armee ist von hinten erdolcht worden. Beide Briten bestritten energisch die Verwendung des Ausdrucks.

Erich Ludendorff erklärte: „Wir wurden in Feindesland besiegt dank der Verhältnisse daheim.“
Damit war der Grundgedanke der Dolchstoßlegende bereits ausgesprochen, bevor diese Metapher aufkam.

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