Geschichte der Entwicklungshilfe - alles vergebens?

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Geschichte der Entwicklungshilfe - alles vergebens?

Beitrag von Marek1964 am So März 05, 2017 6:43 pm

Heute bin ich auf einen Hinweis auf eine Sendung des Schweizer Fernsehen gestossen. Ein Kriegswaise aus Vietnam, den ein Schweizer Entwicklungshelfer in die Schweiz mitnahm und ihm eine Pflegefamilie vermittelte, kehrte als 50jähriger in sein Heimatland zurück um Entwicklungshilfe zu leisten. Mit einem enttäuschenden Fazit.

http://www.srf.ch/sendungen/dok/niemand-will-sich-entwickeln

Hingewiesen wird auch auf eine Studie, die besagt, dass die gesamte Entwicklungshilfe nahezu wirkungslos blieb.

Wie sieht Ihr das?

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Re: Geschichte der Entwicklungshilfe - alles vergebens?

Beitrag von Wallenstein am Mo März 06, 2017 2:02 pm

Ich glaube nicht, das man diese Frage eindeutig mit Ja oder Nein beantworten kann, weil in vielen Fällen eine Korrelation zwischen einem Projekt und dessen direkter und indirekter  Auswirkung nicht so ohne weiteres  möglich ist.

Viele Entwicklungsprojekte beziehen sich auf den Ausbau der Infrastruktur. Der Bau einer Straße z.B. hat gewaltige Auswirkungen, das habe ich auf meinen vielen Aufenthalten in Entwicklungsländern immer wieder gesehen. Der Strom von Waren, Kapital und vor allem von Menschen nimmt gewaltige Ausmaße an. Bisher schwer zugängliche Regionen verändern sich total und wandeln sich grundlegend um. Es ist nur schwierig, diese Entwicklung zu quantifizieren. Man müsste dann Skalen entwickeln mit Messwerten und das ist nicht einfach.

Außerdem, jede Entwicklung ist sowohl positiv als auch negativ und nicht immer weiß man, was überwiegt. Als Geologen haben wir immer wieder Bodenschätze aufgespürt. Ihre Ausbeutung führt zu Reichtum, aber nicht für alle. Manchmal werden die früheren Bewohner vertrieben oder zur Arbeit in Minen gezwungen. Wenn dann auch noch Bürgerkriege, wie in Afrika, ausbrechen, und einzelne Warlords sich die Lagerstätten aneignen wollen, wäre es manchmal besser gewesen, man hätte die Bodenschätze gar nicht gefunden.

Wenn eine Region von einer Straße erschlossen wird, werden die Bewohner jäh in eine neue Zukunft katapultiert, die nicht immer gut ist. Jede Menge Glücksritter und windige Geschäftemacher strömen in diese Gegend, korrupte Beamten fordern jetzt plötzlich Steuern ein, es kommt zur Landflucht und Vertreibungen, das Land eignen sich reiche Cliquen in den Städten ein.

Entwicklungshilfe ist somit häufig janusköpfig, aber vielleicht ist das nicht immer zu vermeiden.

Ich muss immer daran denken, was einmal ein Mann in Ghana zu mir sagte. Er meinte: „ Der weiße Mann ist hierhergekommen, um unser Land auszubeuten. Gleichzeitig hat er aber auch Häfen, Straßen, Eisenbahnen, Schulen und Krankenhäuser gebaut. Langfristig werden sicherlich die positiven Auswirkungen des Kolonialismus überwiegen. In der Schule lesen wir römische Klassiker. Die Römer haben früher eure Länder überfallen, um euch auszubeuten. Gleichzeitig haben sie aber auch euch ihre Kultur gegeben, denn die verdankt ihr zum größten Teilen den Römern, angefangen von der Schrift, die ihr bis heute benutzt und zahlreichen anderen Dingen. Langfristig wird auch der europäische Einfluss in Afrika eine ähnliche Bedeutung für die Zukunft haben, aber das braucht einen langen Atem.“

Richtig, auch Europa hatte nach Rom eine lange Periode der „dark ages“.

Ich denke deshalb, dass die Entwicklungshilfe nicht unnütz ist, man müsste sicherlich einiges ändern, aber vergeblich ist sie nicht, nicht längerfristig gesehen.

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Re: Geschichte der Entwicklungshilfe - alles vergebens?

Beitrag von Wallenstein am Mo März 06, 2017 3:55 pm

Als Ergänzung zu dem, was ich oben geschrieben habe

Vielleicht nur einmal ein Beispiel aus Westafrika. Ein Dorf, das ich kennen lernte.

Die Bewohner lebten dort mehr schlecht als recht vom Hirseanbau und Viehwirtschaft. Die neue Straße, finanziert von der EU,  schließt die Gemeinschaft an den Rest des Landes an. Nun kommen viele Kaufleute mit Waren in die Stadt, sehr begehrenswerte Güter, die alle haben wollen,  doch kaum einer kann sie kaufen, denn fast niemand besitzt Geld.
Das Dorf wird an das Stromnetz angeschlossen, alle freuen sich, bis die ersten Stromrechnungen kommen. Es gibt nun auch fließend Wasser, ein riesiger Fortschritt, denn die einzige Quelle ist weit entfernt und es brauchte viel Zeit, um es zu besorgen. Doch das fließende Wasser ist, anders als das Quellwasser, nicht mehr kostenlos.

Mit einem Bus kann man nun die nächste Stadt erreichen und eine Schule besuchen. Aber auch die kostet Geld, ebenfalls das Krankenhaus, dass es dort gibt.

Die Menschen müssen ihr Leben umändern, sie können nicht mehr nur für sich produzieren, sie benötigen vor allem jetzt  Geld. Also bauen sie Produkte an oder züchten Vieh für den Markt. Sie geraten schnell in die Abhängigkeit von Händlern oder Geldverleihern. Nicht alle schaffen den Übergang in die neue Zeit.

Die jungen Leute ziehen irgendwann, anders als früher, in die Stadt. Die Alten und die, die es nicht können, bleiben zurück. Ihre Verwandtschaft in dem Dorf erwartet, dass sie dort Geld verdienen und damit die zurückgebliebenen versorgen. Doch viele halten sich in der Stadt nur mühselig über Wasser und können kaum sich selber ernähren. Hat jemand doch Erfolg, dann zieht der gesamte Clan in die Stadt und erwartet, jetzt versorgt zu werden. Ein einziger muss genug verdienen, um die ganze Sippe zu versorgen. Ist dieser Beamter, wird er fast zwangsläufig korrupt, denn ein einziges  Gehalt reicht nicht für einen ganzen Clan.

Manchmal legen Sippen ihr ganzes Geld zusammen, um einen von ihnen eine Reise nach Europa zu ermöglichen. Dort soll er dann arbeiten und die Verwandtschaft in Afrika ernähren. Das klappt selten. Der Weg nach Europa ist schwierig, er geht durch die Wüste und dort warten zahlreiche Halsabschneider und räuberische Banden, von denen sie ausgeraubt werden. Eine solche Reise dauert oft Jahre, unterbrochen durch Gefängsnisaufenthalte und Sklavenarbeit für Beduinenstämme. Nicht selten enden sie auch tödlich. Und wer es doch schaffen sollte, hat auch in Europa wenige Chancen.

Die Entwicklung bringt viele Vorteile, aber auch viele Nachteile. Man kann dies nicht immer eindeutig entscheiden.

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Re: Geschichte der Entwicklungshilfe - alles vergebens?

Beitrag von Marek1964 am Di März 07, 2017 8:33 am

Ja, Dein letztes Beispiel aus Afrika ist bezeichnend, wie zweischneidig Massnahmen sein können, die kein ganzheitliches Konzept verfolgen - doch ganzheitlich "richtige" Konzepte sind schwierig, gerade auch in korrupten Gesellschaften.


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Re: Geschichte der Entwicklungshilfe - alles vergebens?

Beitrag von Skeptik am Di März 07, 2017 10:44 am

Es kommt immer und überall darauf an, was der Einzelne aus seinem Leben macht. Dazu kommt der immer andere kulturelle Hintergrund aus dem er kommt und der ihn in gewisser Weise steuert.

Ich kenne eine Familie hier aus Ghana. Vater Mutter und zwei Buben (3 und 11 Jahre). Erst sechs Jahre Italien. Dann seit sechs Jahren hier. Die Jungs wachsen hier auf und ich hoffe, die Eltern begreifen die Chance und lernen auch Deutsch von ihren Kindern. Das ist noch ausgesprochen mühsam. Mit Internet haben sie Kontakt zu ihrer Heimat, sehen Sendungen in ihrer Heimatsprache und telefonieren mit Skype. Sie leben in einer kleinen Zweizimmerwohnung mit integrierter Küche. Auch hier sind die Ansprüche aus der Heimat gewaltig. Da muß immer mal wieder ein Container gepackt und auf den Weg gebracht werden. Beide Eltern haben Putzjobs und noch einen anderen nebenbei.
Ich versuche z.B. für ihn 300 Euro vom Finanzamt zurückzubekommen. Alleine auf sich gestellt wäre er nie darauf gekommen und wäre bei seinen Sprachkenntnissen auch nicht zum Ziel gekommen.
Die Ärmsten sind wirklich arm dran.

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Re: Geschichte der Entwicklungshilfe - alles vergebens?

Beitrag von Wallenstein am Di März 07, 2017 11:36 am

Entwicklungshilfe nützt natürlich auch den Geberländern. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) hatte dies in den sechziger Jahren auch deutlich formuliert: “ Entwicklungshilfe ist, wenn man andere Länder in die Lage versetzt, bei uns zu kaufen.“

Heute würde man es sicher anders ausdrücken, aber im Prinzip ist dies durchaus richtig. Ein Land, welches sich entwickelt und reicher wird, kann viel mehr Produkte kaufen, als ein armes, unterentwickeltes Land. Entwicklungshilfe ist nicht Altruismus, sondern soll natürlich auch den Geberländern nützen, was meines Erachtens auch nicht verwerflich ist.

Vielfach ist Entwicklungshilfe an Projekte gebunden. Eine deutsche Firma bekommt von der Regierung den Auftrag und das Geld, um vor Ort ein Projekt durchzuführen. Hier ist Entwicklungshilfe zu einem großen Teil Hilfe für die eigene Wirtschaft, also ein Art Konjunkturprogramm. Auch das ist nicht tragisch, wenn es richtig funktioniert. Baut man aber irgendwo eine hochmoderne Klinik mit den neuesten medizinischen Geräten ist dies allerdings meist nicht sinnvoll. Häufig fehlt das Personal, gehen Geräte kaputt, kann man sie nicht reparieren, Ersatzteile sind teuer und müssen importiert werden, doch oft fehlen dem Land die Devisen. Nach einiger Zeit verrottet die Klinik.

Ein Projekt ist nur sinnvoll, wenn es von dem Land ohne weitere Zusatzkosten oder ständiger Abhängigkeit von dem Geberland alleine betrieben werden kann.

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