Mein Aufenthalt auf Kreta

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Mein Aufenthalt auf Kreta

Beitrag von Ceres am So Jun 25, 2017 9:51 pm

Hier mal von mir einen kleinen Auszug aus meinem Buch "Im Reich des Minotauros",
meine Erlebnisse auf Kreta zur Zeit meiner Recherchen:

DAS DORF IN DEN BERGEN

Eine geraume Zeit ist vergangen, ehe ich wieder meine Insel bereisen kann. Tausend Gedanken gehen mir durch den Kopf, während der Flieger mich mit den vielen anderen Touristen zu meinem Ziel bringt. Schon jetzt vermisse ich Wolfgang, der in wenigen Wochen nachreisen wird. Zu meiner Freude zeigt er Verständnis, dass ich das reale Leben der Kreter kennen lernen möchte – nicht als Tourist und zu meinem Vergnügen. Nicht nur allein die Geschichte der Insel, sondern viel, viel mehr bewegt mich. Jene Menschen, die mir besondere Gastfreundschaft entgegenbringen, mir die Tür zu ihrer Welt öffnen, haben einen hohen Stellenwert eingenommen. All jene möchte ich mit den Schilderungen meiner Erlebnisse und Eindrücke sowie der Darstellung der berührenden Augenblicke aus der Ferne grüßen.

So oft ich auch Kreta bereiste und von den Geschehnissen des II. Weltkrieges auf der Insel von den Einheimischen erfuhr, fragte ich mich, wie es dazu gekommen war, bis ich meiner Unkenntnis entgegenwirkte und mich mit der deutschen Besatzung in Kreta auseinander gesetzt habe.
Den Ursprung allen Übels sehe ich darin, dass Italien im Jahre 1939 Albanien besetzt hatte und Griechenland den Krieg erklärte. Doch stießen die Italiener auf heftigen Widerstand und die griechischen Streitkräfte eroberten sogar Teile von Albanien.
Im April begann der Balkanfeldzug der deutschen Truppen. Die deutschen Verbände besetzten Jugoslawien, das infolge dessen kapitulieren musste. Auch das griechische Festland und die Inseln der Ägäis wurden von den Deutschen besetzt. Die griechische Armee auf dem Festland wurde in kurzer Zeit besiegt, denn die langsam eintreffende britische Verstärkung war zu schwach, um das Vordringen der Wehrmacht aufzuhalten.
Kreta wurde von britischen Truppen verteidigt und stellte eine Gefahr für die Achsenmächte dar, denn die Ziele des Balkanfeldzuges wären ohne eine Eroberung Kretas unmöglich gewesen. Auch spielten hierbei die rumänischen Erdölgebiete eine wesentliche Rolle. Sie lagen noch immer in der Reichweite alliierter Bomber. Die Royal Navy verfügte über Häfen für Operationen im östlichen Mittelmeer. So drohte ständig die Gefahr einer erneuten Invasion von Kreta aus.
Da die Royal Navy das Meer beherrschte, wurde von der Wehrmacht eine Luftlandung geplant. Sie sahen in der Aktion einen präzisen Schlag von Gebirgs- und Fallschirmjägern gegen den Widerstand der Kreter, die sich mit einfachen Mitteln, wie Knüppeln, Messern und anderen Schlagwaffen verteidigten. Zu Beginn des Balkankrieges wurden die neuen und schweren Waffen auf das Festland geschafft. Doch gelang es den Kretern, sich auch allmählich Waffen zu beschaffen und sich gegen die Fallschirmjäger zu verteidigen. Der erbitterte Widerstand gegen die Besatzung war entgegen den Deutschen Vermutungen viel zu stark.
Auch Hunderte von britischen Gefangenen, denen eine Flucht gelang, mischten sich unter die kretischen Partisanen. Die anhaltenden Aktionen der Partisanen zwangen die deutschen Besatzer ihre Truppen bis auf 50.000 Mann zu verstärken. Während des heftigen Widerstandes gegen die Deutschen ließ das Oberkommando u. a. verkünden:

Bei den Kämpfen auf Kreta sind deutsche Soldaten in tierischer Weise verwundet, verstümmelt und getötet worden, wie es nur im Verlaufe des Krieges während des Feldzuges gegen Polen vorgekommen ist. Für jeden deutschen Verwundeten oder Gefallenen zehn Kreter zu erschießen, Gehöfte und Dörfer niederzubrennen und in allen Orten Geiseln als „Sühne-Maßnahme“ zu nehmen!


Mit Hilfe britischer Agenten starteten die Kreter immer wieder ihre Guerilla-Aktionen und besiegten letztendlich die deutsche Wehrmacht, die im Jahr 1944 kapitulierte und aus Kreta abzog. Sie hinterließen niedergebrannte, entvölkerte Dörfer, zerbombte Städte mit ihren zerstörten Straßen. Tausende von Menschen wurden zu der Zeit der Besetzung exekutiert und etwa vierzig Ortschaften total zerstört. Fast fünftausend Griechen hatten den Tod schon in der ersten Woche gefunden.

Die deutschen Soldaten richteten Gräuel und Verwüstung an. All dem liegt die Entführung des deutschen Generals von Kreipe zugrunde, der als ein besonders grausamer Mann berüchtigt war. Er wurde aus Rache von kretischen Partisanen über die Berge nach Heraklion entführt und nach Ägypten verschifft. Das Unternehmen galt als der „Sabotageakt von Damasta“. Als die Deutschen den Kommandierenden auf Kreta verloren, und sie nicht von den dort verbliebenen Menschen herausfinden konnten, wo Kreipe geblieben war, wurden mehrere Dörfer, auch das Dorf Anogia als Racheakt bis auf die Grundmauern zerstört.

Gebrechliche alte Menschen, Kranke, Kinder, die mit ihrem Hab und Gut nicht rechtzeitig fliehen konnten, wurden dem Schicksal überlassen. Vor wahllosen Erschießungen schreckte die deutsche Besatzung nicht zurück.
Alle älteren Kreter scheinen diese furchtbaren Ereignisse nie vergessen zu können, egal, in welchem Teil der Insel sie auch leben. Viele von denen haben ihre Familienangehörigen verloren, die ermordet worden sind.

Was wird mich, eine Frau aus Deutschland, deren Vorfahren Trauer und Zerstörung gebracht haben, in das Dorf im Ida-Gebirge erwarten? Ich kann Zuneigung, wirkliche Gastfreundschaft, auch Ablehnung erfahren - wie sehr ist es mir bewusst!

Meine Reise nach Anogia, ein Ort in den Bergen am Psiloritis erfüllt mich anfangs mit Besorgnis. Was werde ich erleben, wem begegnen und welche Neuigkeiten erfahren?
Eine gute Bekannte ermutigte mich zu dieser Reise. Sie kennt das Dorf und hat viele Freunde dort gefunden. Irini und Andreas, diese beiden alten Menschen, die schon die Siebzig überschritten haben, sind liebevolle, warmherzige Menschen, schreibt sie mir in einer Mail. Beide werden mich ganz sicher freundlich empfangen, denn Augen und Herzen können mehr als Worte sprechen. Sie werden mich verstehen, auch wenn ich ihrer Sprache nicht mächtig bin. Wie wahr sollten sich ihre Worte erweisen!

Am Flughafen Nikos Kazansakis in Heraklion angelangt, strebe ich zwischen den vielen Touristen dem Ausgang zu. Ein Stimmengewirr in mehreren Sprachen begleitet mir lautes Rufen, Lachen, Winken, Ziehen und Schieben von Koffern.
Die Sonne brennt schon heiß am Morgen, als ich ins Freie trete. Aus Unkenntnis der Busabfahrtszeiten entschließe ich mich für ein Taxi. Der Fahrer, ein braungebrannter Mann im mittleren Alter und freundlichen Lächeln, begrüßt mich. Er strahlt Autorität aus. Er weiß sicher, was er will,
„Deutsch?“
„Ja“, antworte ich und freue mich, dass er – wenn auch im leicht gebrochenen Deutsch – zu mir spricht. Seine braunen Augen blicken mich offen und freundlich an, „Wohin, Madam?“
„Nach Anogia bitte“, antworte ich und frage ihn nach dem Fahrpreis. Wir einigen uns und rasch verstaut er mein Gepäck in dem Kofferraum seines Wagens. Wir verlassen das Flughafengelände, fahren an dem riesigen Parkplatz, auf dem eine Vielzahl von Autos parken, vorüber. Heimlich, mit einem Lächeln, schaue ich zu ihm, als er seinen Wagen sicher zwischen weiteren Fahrzeugen lenkt, an einem Bus vorüber fährt und noch ein Fahrzeug überholt. Dann erreichen wir die Küstenstraße, wo er in Richtung Rethimnon einbiegt.
„Haben Sie dort eine Unterkunft?“
„Ich werde schon etwas finden“, antworte ich zuversichtlich mit dem Gedanken an die Adresse, die mir meine Bekannte gegeben hat. „Bringen Sie mich nur zur Taverne an der Platia im Unterdorf, bitte“, antworte ich, während er die Küstenstraße verlässt.
Auf der breiten Straße in Gazi herrscht geschäftiges Treiben, als er dort einbiegt. Händler bieten ihre Ware auf diverse Aufbauten an, die belegt mit Obst und Gemüse sind. Wir fahren an einigen Bäckereien und Supermärkte vorüber. Die Sonne brennt schon am frühen Vormittag gnadenlos herab. Die wenigen Fächerpalmen und hohe Maulbeerbäume spenden kaum Schatten.
Leise Musik klingt aus dem Autoradio – die Klänge der Bouzouki, die mich sogleich erfüllen.
Wie sehr liebe ich die kretische Musik!
Dann schlängelt sich die Straße dem Gebirge hinauf, vorüber an unzähligen Olivenhainen, Weinhängen, die sich bis zu den Anhöhen erstrecken. Wir fahren an kleine Tavernen und Gästehäuser vorüber, zwischen Palmen, Aleppo-Kiefern und Tamarisken-Bäume, und gelangen auf eine Anhöhe, von dem sich ein fantastischer Rundblick öffnet. Hinter uns liegt das Häusermeer von Heraklion.
„Du reist allein. Kein Freund?“, er wendet sich mit einem spitzbübischen Lächeln leicht zu mir, als wir den Ort Tyllissos, ein etwas größerer Ort mit schattenspendenden Bäumen, durchfahren. Ich sehe alte Männer, die im Schatten einer hohen Platane vor einem Kafeneon sitzen. Wenige Fahrzeuge fahren an uns vorüber. Hier herrscht Beschaulichkeit und die Ruhe der Dorfbevölkerung im Gegensatz zu den Kretern in der Stadt. Ursprünglich ist der Kreter ein ruhiger ausgeglichener Typ und wird erst bei der Begegnung mit den Touristen und unter dem Einfluss des urbanen Lebens zu einem Aufgeregten.
„Ich bin verheiratet. Mein Mann folgt mir bald nach“, gebe ich zur Antwort und schaue zu ihm hinüber.
„Wie lange bist du verheiratet?“
„Fast zwanzig Jahre“.
„Und keinen Freund?“, wundert er sich.
„Nein“, entgegne ich bestimmt.
„Immer nur Kartoffeln essen – eine schwere Katastrophe“, neckt er mich. „Wie heißt du eigentlich? Mein Name ist Michael“.
Obwohl ich versuche, ernst zu bleiben, belustigen mich seine Worte und muss unwillkürlich schmunzeln. Dann nenne ich meinen Namen und füge hinzu: „Ich bin gern bereit, nur Kartoffeln zu essen und keinen Freund – außer meinem Wolfgang – zu haben“.
Er lacht.
Je näher wir meinem Ziel kommen, umso kahler, zerklüfteter werden die hohen Felsen. Unser Weg führt uns durch kleine Orte, höher in das Gebirge hinauf. Die Straße schlängelt sich kurvenreich zwischen schroffen Felsen und Abgründe. Kurz verstummt unser Gespräch bei dem Anblick der zahlreichen Bergziegen. Einige erklimmen das steile Felsgestein, halten inne und blicken zu uns herab, während die übrigen der Herde mitten auf der Fahrbahn liegen. Michael hupt kurz, nähert sich ihnen mit Vorsicht. Träge erheben sich nun die Tiere, schauen herüber, als wollen sie fragen: „Was wollt ihr von uns?“ und trotten schließlich zum Rand der Straße. Ich bewundere diese Geschöpfe mit ihrer Kraft, Stärke und ihrer Waghalsigkeit, sich den steilen Abhang zuzuwenden und gemächlich hinabzusteigen.
Als wir im Schritttempo an der übrig gebliebene Herde vorbei fahren, beobachte ich noch einige der Tiere im Rückspiegel, bis ich sie nicht mehr sehen kann.
Ich schaue in Schluchten hinab, die vom Grün der Sträucher und wenigen Bäumen bedeckt sind. Zwischen dem Grün befinden sich wenige Wanderpfade. Wieder passieren wir eine enge Kurve um einen rauen Felsen. Gleich neben der Straße, nicht mehr als eine Armlänge von mir entfernt ein Abgrund, der mir sehr tief scheint. Ein leichter Schauer überkommt mich.
„Ist hier auf diesen Engpässen je ein Fahrzeug in die Tiefe gestürzt?“ frage ich unvermittelt, denn diese verwinkelte Piste scheint mir sehr gefährlich, besonders für Fremde mit wenig Fahrpraxis.
„Nein, bisher noch nicht“, antwortet Michael.
Ich bin mir sicher, dass er mich unversehrt zu meinem Ziel bringen wird. Er ist Kreter und kennt schließlich seine Insel.
Während der Fahrt erfahre ich einiges aus seinem Leben. Mit seiner Familie lebt er in Heraklion und fährt sein Taxi schon seit dreißig Jahren. Sein Sohn ist tätig in einem Reisebüro. Seine Frau besorgt das Haus.
„In welchem Teil Deutschlands wohnst du?“ möchte er wissen. „Und was arbeitest du?“
„Im östlichen Teil. Ich beschäftige mich mit Büchern“, antworte ich.
„Dein Mann arbeitet?“
„In einer Feinkost-Firma“.
„Und du reist allein? Warum?“
„Weil er jetzt keinen Urlaub hat und ich mich mit der Geschichte Kretas beschäftige. Ich möchte gern Land und Leute kennen lernen“, antworte ich.
„Das ist gut. Wie lange wirst du bleiben?“
„Für einige Wochen. Mein Mann, der bald nachreist, werden dann nach Agia Pelagia gehen“. Dabei denke ich an meine Freunde dort, an den alten Georgios, an seine Frau Annastasia, und wie ich mit den beiden schwatzend Zwiebeln gebündelt habe, die Georgios zum Markt nach Heraklion neben weiteres Gemüse mitnehmen wollte. Gern möchte ich beide wieder sehen, auch die Menschen, die uns stets offenen Herzens empfangen.
Zu meiner Überraschung öffnet sich ein phantastischer Ausblick, bevor wir das Dorf Gonies erreichen. In der rauen Berglandschaft öffnet sich ein imposantes weites Tal, umgeben von zerklüfteten Felsen in der glasklaren Gebirgsluft. Der Anblick scheint mir wie aus einem Märchen. Kaum kann ich mich von dem Bild abwenden. Noch halte ich an die Ansicht fest, während die Straße in das Gebirge weiter hinauf führt. Wir erreichen den Ort, ein lang gezogenes schmuckes Bergdorf mit weißen getünchten Häusern mit blau gestrichenen Türen und Fensterläden, die terrassenförmig am Hang gebaut wurden. Eine Kreuzkuppelkirche mit zwei Glockentürmen ziert den Ort. Zahlreiche Blumen und Kräuter in hohen Vasen, Töpfen und Kübeln aus Ton befinden sich vor den Eingängen der Häuser, als hätte sich das Dorf heute besonders schön geschmückt. Wir fahren an einem Kafeneon am Ortsrand vorüber, und vor dem einige alte Männer unter einem hohen, schattenspendenden Maulbeerbaum hocken.
Hinter dem Dorf befinden sich dicht belaubte Weinberge mit ihren goldgelben Trauben. Sogar hier oben wird noch überall an den Hängen und in geschützten Mulden Wein angebaut.
Wir passieren zahlreiche Kurven. Das herrliche Tal fasziniert mich noch immer. Als wir Sisarcha erreichen, wird es von den Bergen verdeckt. Sisarcha ist ein recht kleiner Ort mit wenigen Häusern, Blumen, Bänken und mit einem winzigen Kafeneon.
„Jetzt sind wir fast an deinem Ziel“, meint er, als wir das letzte Stück der Straße fahren, die sich weiter dem Gebirge hinauf windet. „Es ist das letzte Dorf, bevor du zum Dach Kretas kommst“.
Mir ist bewusst, dass Michael den Psiloritis meint, ein imposantes Berg-Massiv, stolze 2456 Meter hoch. Im Juni können noch hier ausgedehnte Schneefelder vorhanden sein.
„Die Landschaft ist außergewöhnlich schön“.
Stolz bestätigt er es und offensichtlich erfreuen ihn meine Worte. Dann erreichen wir das Dorf. Das mit einer Waffe durchgeschossene Ortsschild, lässt mich staunen, obwohl mir bekannt ist, dass sich fast in jedem Haus eine Waffe befinden soll. Auch habe ich erfahren, dass viele Kreter häufig auf Orts- und Verkehrsschildern, auch bei besonderen Anlässen in die Luft schießen oder zu ihrem Vergnügen.

Wir erreichen die ersten Häuser von Anogia. Michael hält seinen Wagen an, schaut zu mir und sagt fast entschuldigend. „Ich bin schon lange nicht mehr hier gewesen und habe das Dorf nicht mehr so gut in Erinnerung. Ich muss jemanden fragen nach dem Unterdorf“.
Kurz entschlossen verlässt er das Fahrzeug, spricht mit einem alten Mann, der seine Vraka*) trägt. Seine Stirn ziert ein Sariki, das berühmte Fransentuch. Der Mann weist mit seiner Hand die Straße hinab, gestikuliert und spricht zu ihm. Michael nickt, erwidert etwas und wendet sich wieder dem Wagen zu. Rasch nimmt er Platz und startet ihn erneut. Die Straße ist eng. Mit Vorsicht lässt er ihn an den parkenden Autos vorbeirollen. Ich beobachte das gemächliche Treiben der Einwohner.
„Wir sind noch nicht da?“
„Das ist das Obere Dorf“, erwidert er. „Du möchtest zum Unteren Dorf, nicht wahr?“
„Ja“.
Wir erreichen eine von wenigen Bäumen überschatteten Taverne. Ich blicke zwischen den Bäumen auf die Häuser im unteren Teil des Dorfes, umgeben von den Bergen der Nida-Hochebene - wie Wächter, die mit ausgebreiteten Armen das Dorf beschützen.
Mein Blick wird von einem recht großen Würfel angezogen. Oben ist er gelb und unten herum rot. Ich stelle fest, dass es ein ganz normales Haus ist und entdecke ein Firmenschild: INTERNETCAFE.

*) Vraka: eine kretische Tracht, verbunden mit dem Sariki

Michael biegt in eine Straße ein, fährt an zwei und dreistöckige Wohnhäuser, Hotels, Kafeneons und Supermärkten vorüber. Durch das geöffnete Fenster begrüße ich den Fahrtwind wie ein Freund an diesem heißen Tag. Die Straße zieht sich dahin und scheint mir fast unendlich, bis wir eine Kurve passieren, wo sich auf der rechten Seite kein Haus befindet und einen Blick auf die Berge gewährt.
„Wirst du mal nach Heraklion kommen?“
„Ja, kann sein“.
„Wann?“ fragt er.
„Ganz sicher, wenn ich meinen Mann auf dem Flugplatz erwarte“, erwidere ich.
„Zwischendurch nicht?“
Ich hebe unentschlossen die Schulter.
„Du bist eine sympathische Frau. Falls du ein Taxi – und auch einen Freund brauchst, mit dem du einfach nur reden willst“, er neigt sich zu mir, „hier ist meine Karte. Du kannst mich immer erreichen, wenn du magst“.
„Danke sehr“, ich nehme sie entgegen. Er meint es sicher nett, doch denke ich nicht sein Angebot anzunehmen.
Ich fühle mich ein wenig befangen bei dem Gedanken daran, was mich hier im Dorf erwarten wird. Zugleich freue ich mich auch, nun am Ziel zu sein.
An den Häuserwänden hängen vielfältige Web- und Handarbeiten. Alte Weiblein in schwarzer Kleidung*) sitzen vor ihren Türen, mit ihren Häkel- und Stickarbeiten, die auf uns aufmerksam werden. Wir erreichen die Platia**) mit den hohen Platanen und Maulbeerbäumen. Einige Kafeneons sind um den Dorfplatz platziert. Hier ist das Zentrum, wo sich das Alltagsleben der Dorfbewohner abspielt, denke ich, als ich einige alte Männer in ihrer Vraka erblicke, die sich laut gestikulierend unterhalten, ihren Kaffee oder Raki trinken, Karten oder Tavli spielen.
Alles, was ich über die Einheimischen Kretas und besonders über die Geschichte Anogias gelesen habe, wird mir durch den Anblick der Männer bestätigt: Noch heute tragen die meisten ihre traditionelle kretische Tracht mit dem traditionellen Stirntuch, Stiefeln und schwarzen Hemden. Der Grund hierfür ist, dass Anogia seit jeher als Heimat der unbeugsamsten und freiheitsliebenden Kreter gilt. Das wird heute noch mit dieser Kleidung stolz zum Ausdruck gebracht. Nachdem Michael mein Gepäck aus dem Kofferraum genommen und mir einen guten Aufenthalt in Anogia gewünscht hat, stehe ich inmitten auf der Platia, blicke kurz dem Taxi nach und verharre für einige Sekunden.
Eine junge Frau kommt freundlich auf mich zu.

*) wird im allg. von älteren Frauen getragen, die den Ansprüchen am Leben und Partner in sexueller Hinsicht entsagen, auch wird Schwarz als Witwenkleidung angelegt.
**) Dorfplatz, z.Zt. der deutschen Besatzung Hinrichtungsplatz

„Kalimära“, grüße ich. „Können Sie mir bitte helfen?“ spreche ich sie in Englisch an.
Sie versteht. „Sie sind eben angekommen, wie ich bemerke. Suchen Sie eine Unterkunft?“, erwidert sie. „Ich kann Ihnen helfen, wenn Sie möchten“. Sie berührt sanft meinen Arm. Ihre braunen Augen ruhen in den meinen.
„Das ist sehr freundlich. Danke sehr. Doch vorerst suche ich eine Frau, die Irini heißt“. Ohne Umschweife ziehe ich den Notizblock hervor, indem ich den Namen und einige Sätze zur Begrüßung für Irini mit griechischen Worten notiert hatte.
„Sie wohnt nicht weit von hier. Warten Sie. Jemand wird Sie hinführen. Das Gepäck kann hier stehen bleiben. Kein Problem. Kommen Sie“. Ich folge ihr in die Taverne, schiebe mein Gepäck zur Wand hinüber, öffne es rasch und entnehme dem das Geschenk für Irini und Andreas. Dann folge ich der jungen Frau. Vor einem Mann in dunklen Hosen und kariertem Hemd, den ich knapp über dreißig Jahre schätze, bleibt sie stehen. „Er wird Sie zu ihr führen“
„Vielen Dank“.
„Kein Problem“. Sie wendet sich um.
„Sei gegrüßt“ sagt der Mann, nickt mir freundlich zu. Ich folge ihm durch die schmale Gasse mit den vielen Auslagen von Webarbeiten auf Stühlen und diversen Handarbeiten. Bald werde ich vor Irini stehen. Wie wird sie mich empfangen? Wird sie meine mühsam zusammengerafften griechischen Sätze verstehen? Mein Geschenk sie erfreuen? Viele Gedanken gehen mir durch den Kopf. Ich bemühe mich, meine Erregung zu verbergen, was mir kaum gelingt.
Dann sehe ich sie, die alte Frau in schwarzer Kleidung auf einem Stuhl unter einem hohen Maulbeerbaum auf einem Plastikstuhl sitzen. Sie schaut uns mit Erwartung und Neugier entgegen. Der Mann spricht einige Worte zu ihr. Sie hört aufmerksam zu, blickt mich und ihn schweigend und aufmerksam an. Ich bemühe mich meine Hand, die den aufgeschlagenen Notizblock hält, ruhig zu halten. Meine Stimme bebt leicht bei dem Versuch, die Sätze mühsam in Griechisch hervorzubringen:

„Mein Name ist Monika. Ich komme aus Deutschland. Viele liebe Grüße von Marga möchte ich Ihnen ausrichten. Sie erinnern sich an Marga? Sie haben ein Foto von Ihr und Tochter? Ich möchte Ihnen ein Geschenk machen und hoffe, es wird Sie erfreuen?“

Ich muss wohl die Worte nicht richtig ausgesprochen haben. Fragend schaut sie den Mann neben mir an, der das Heft hilfreich aus meiner Hand nimmt, sich die Sätze anschaut – und versteht. Mit leiser Stimme spricht er zu ihr und sie scheint nun zu verstehen. Irinis Gesicht erhellt sich mit einem warmen Lächeln. Sie nimmt das Päckchen aus meinen Händen und ich höre ein herzliches „efcharisto poli“(danke sehr). Ich sehe ihren rechten Unterarm, der von einem Gipsverband umhüllt ist. Ihre Hände streichen über das mit Blumen bedruckte Papier. Sie öffnet es und scheint freudig überrascht, als sie auf die Tücher aus weichem Frottee schaut. Dann schaut sie auf, nimmt meine beiden Hände mütterlich in die ihren und spricht in ihrer Sprache zu mir. In ihrer Stimme schwingt menschliche Wärme, als sie meinen Namen sagt. Irini legt ihre Hand auf mein Haar, den ich in ihrem Schoß lege. Gleich in den ersten Minuten erfahre ich eine außergewöhnliche Vertrautheit, die in mir ein Gefühl von Geborgenheit auslöst. Ich fühle ihre warme Hand, die liebevoll über mein Haar streicht, als sei ich ihr Kind, das wieder nach langer Zeit heimgekehrt ist und hier in ihren Armen einen Ruhepol findet. Ich glaube ihre Worte und Gesten zu verstehen, dass ich wohl ein guter Mensch sei. Ich bin zu sehr erregt, dass ich nicht weiß, ob ich in diesem Augenblick lachen oder weinen muss. Ich spüre, wie sehr sie mich willkommen heißt, mich, die fremde deutsche Frau - mehr, als ich je vermutet habe. Ich stelle mir vor, wie weit viele Kreter hier in den Bergen ihr Herz öffnen, sofern sie den Fremden mögen. Noch ahne ich nicht, welche Art von Erlebnissen hier in diesem Dorf auf mich warten. Aber diesen für mich bewegende Augenblick der ersten Begegnung mit Irini werde ich wohl nie mehr vergessen.

Der Mann wünscht mir einen guten Aufenthalt und schöne Stunden hier in Anogia. Er spricht mit ernstem Gesicht und leiser Stimme noch einige Worte zu Irini. Dann wendet er sich zum Gehen. Irini nickt ihm zu. Hat ihn diese Szene mit Irini und mir auch berührt, dass er sich diskret zurückzieht?

Ich schaue ihn nach und dann in Irinis braunen Augen. Mit einer Geste zeigt sie auf mich. „Deine Augen - sie sind blau“, verstehe ich, während sie mich liebevoll anschaut.
„Deine sind braun“, sage ich.
Ich fühle, wie wir beide uns betrachten. Wir möchten mehr voneinander erfahren, entdecken. Irini ist, trotz ihres hohen Alters, stolz und schön. Ich berühre sanft ihr faltiges Gesicht und das zurück gekämmte ergraute Haar, das am Hinterkopf zu einem Knoten zusammen geschlungen ist.
„Kaffee Monika?“ fragt sie mich und rückt ihre Brille zurecht.
„Ja, gern, danke sehr“, antworte ich leise, fast flüsternd.
Während sie sich erhebt und zu einer geöffneten Tür zustrebt, die mit einer Gardine verhängt ist, erhebe ich auch mich. Ich sehe, wie sie den Vorhang zur Seite hebt und in ihrem Haus geht.
Ich gehe die kurze Gasse hinab, strebe der Taverne zu, um mein Gepäck zu holen. Ich trage die Reisetasche die Gasse hinauf, lasse sie dicht neben dem Stamm des Maulbeerbaumes nieder und setze mich auf die Bank.

Wieder in Irinis Gesellschaft, trinke ich von dem Kaffee. Sie zeigt mir mit Gesten und Worten einige besonders schöne Handarbeiten. Eine Frau im mittleren Alter gesellt sich zu uns. Sie spricht zu Irini, die auf mich zeigt. Ich verstehe meinen Namen. „Kalimera“, begrüße ich die hochgewachsene Frau mit krausem dunklen Haar und braunen Augen, die mich freundlich, doch mit Neugier anblicken. Sicher hat sie erfahren, dass Besuch da ist.
„Sie sprechen englisch?“, versuche ich mein Glück.
“Ja, aber nicht fließend”, erwidert sie zu meiner Freude. Wir kommen ins Gespräch „Deutschland?“
„Ja“, bestätige ich.
„Wie lange möchten Sie bleiben?“, fragt sie.
„Für einige Wochen“, antworte ich und frage sie kurz entschlossen, ob sie für mich eine Unterkunft weiß, die nicht weit von Irinis Haus entfernt ist.
„Können Sie mir bitte helfen?“
Nichts sehnlicher wünsche ich mir in diesem Augenblick, als in Irinis Nähe eine Unterkunft zu finden und nicht im oberen Dorf mit Hilfe der jungen Frau aus der Taverne.
„Warte… Telefon…”, kurz spricht sie zu Irini, die der Frau zunickt. Die Frau wendet sich um, geht ins Haus und kommt alsbald wieder zurück.
„Ich kann helfen”, sagt sie freundlich. „Es wird ein Mädchen kommen und dich zu einer Unterkunft führen“.
Mit großer Freude bedanke ich mich.
Die Frau nickt mir freundlich zu, wendet sich zu Irini und beide unterhalten sich in Griechisch. Ich kann dem Gespräch nicht folgen und blicke die schmale Gasse hinunter. Ich entdecke ein Mädchen im hellen Kleid, welches die Gasse hinaufkommt und vor mir stehen bleibt. Sie ist klein, zierlich mit pechschwarzem, kurzgeschnittenen Haar und dunklen Augen. Ihr Gesicht ist schmal und schön. Sie ist sicher nicht älter als zehn Jahre. Sie winkt mir mit ernstem Gesicht zu. Beide Frauen geben mir zu verstehen, dass ich mit dem Mädchen ohne mein Gepäck gehen soll, und dass ich es später noch immer holen könne. Ich bedanke mich und folge dem Mädchen.
Wir gehen die Gasse hinab. Sie wendet sich öfters zu mir um und winkt mit einladender Geste. „Ella“, sagt sie mit zarter Stimme, dass nichts anderes bedeutet, als „Komm“.
In diesem Augenblick, als ich neben dem Mädchen hergehe, bin ich stolz auf mich. Meine Reise, die ich geplant habe, habe ich in Angriff genommen. Jetzt bin ich hier. Das ist die erste Etappe, die ich ganz allein gemeistert habe.
Dann stehe ich vor einem fast hageren Mann im mittleren Alter in Jeans und schwarzen Hemd in die Taverne, ein nicht sehr großer Raum, gegenüber. Die wenigen Tische sind mit schneeweißen Tüchern bedeckt. Unmerklich sehe ich mich um und entdecke einige gerahmte Fotos. Der Wirt begrüßt mich mit den Worten: „Kalos Orisate“ (Herzlich willkommen). Sein dünner Haarkranz ist grau wie sein kleiner Oberlippenbart. Ich spreche in Englisch zu ihm. Zu meinem Glück spricht auch er Englisch.
„Mein Name ist Jannis“, sagt er.
Auch ich nenne meinen Namen und reiche ihm zur Begrüßung die Hand.
Er wendet sich um. „Meine Frau Evangelista, kurz Eva“.
Eva kommt aus der Küche auf mich zu und steht mit einem freundlichen „Kalimära“, vor mir. Sie ist schlank mit halb langem schwarz gelocktem Haar. Beide scheinen mir sehr sympathisch. Ich freue mich sehr, von den beiden freundlich empfangen zu werden. Jannis nimmt Papier und Stift, notiert die Zeit meiner Anwesenheit und nennt einen Preis für das Zimmer. Da mir der Preis recht günstig scheint, bin ich sofort einverstanden.
Ich schaue auf und bin erstaunt. Jannis folgt meinen Blick und bemerkt mit einem Schmunzeln, dass ich das Gewehr an der Wand bestaune.
„Überrascht?“
„Ja“, gebe ich zu.
„Es ist nicht ungewöhnlich“, meint er freimütig. „Fast in jedem Haus finden sich hier Waffen“.
„Mein Gepäck ist noch bei Irini. Ich muss es noch holen“, lenke ich ein.
„Keine Sorge“, entgegnet Jannis und gibt mir zu verstehen, dass sein ältester Sohn Jorgos es von dort holen wird.
Wieder bedanke ich mich erfreut.
Eva führt mich den hellen Treppenaufgang hinauf, öffnet mit herzlichem Gebaren eine der wenigen Türen und bittet mich hinein.
„Gut Monika?“
„Ein sehr schönes Zimmer“, antworte ich froh, berühre leicht ihren Arm und bedanke mich abermals.
Sie legt ihren Arm um meine Schulter, während wir uns bekannt machen. Noch ein wenig unterhalten wir uns und sie bittet mich, falls ich etwas benötige, mich etwas bekümmert. Wenn ich Fragen habe, hungrig oder durstig wäre, könne ich mich unbesorgt an sie oder Jannis wenden. „Fühle dich wie zu Hause“, fügt sie hinzu. Ich bedanke mich für ihr freundliches Entgegenkommen. Dann gibt sie mir auch Tipps für Sehenswürdigkeiten und Wanderungen zu den nächsten Dörfern. Obwohl Eva eine Frau mittleren Jahrgangs ist, hat sie noch den strahlenden Blick eines jungen Mädchens.

Nachdem Eva das Zimmer verlassen und mir noch einmal zugewinkt hat, sitze ich für einige Augenblicke auf dem Bett, meine Reisetasche zwischen den Beinen, die mir der Sohn geholt hat.
Ich blicke mich um in dem hellen, sauberen Zimmer und fühle mich wohl und geborgen. Zwischen zwei Betten befindet sich ein kleines Nachtschränkchen. Dem gegenüber eine niedrige Anrichte, darüber an der Wand ein Spiegel im hölzernen Rahmen. Ich erhebe mich, öffne den Schrank und beginne meine Reisetasche auszupacken. Ich hänge meine Kleidung auf die Bügel, staple meine Wäsche hinein und trete dann hinaus auf den Balkon. Ich habe einen herrlichen Blick auf wenige Häuser und die Berge. Die Sonne wärmt mir Gesicht und Schultern. Ich beschließe, das Dorf zu entdecken und das Skoulas Museum zu besuchen.

Nach einer Dusche, die mich in der Hitze des Tages erfrischt hat, ziehe ich neue Kleidung an. Ich gehe auf dem Flur hinaus, mit einigen dunkelroten Rosen, die ich aus der Heimat mitgebracht habe. Diese werde an den Denkmalen der Partisanen niederlegen und den Opfern des II. Weltkrieges meine Ehre erweisen.

Die Treppe liegt im Dunkel, so dass ich das Licht einschalte. Ich gehe die Treppe hinab und trete auf die Straße.
„Alles gut, Monika?“ fragt Eva freundlich.
„Ja, vielen Dank“, antworte ich fröhlich.

Ich spaziere durch schmale, sonnen-überflutete Gassen, an einem winzigen Souvenirladen vorüber und stelle erstaunt fest, alle Häuser tragen keine Hausnummern. Für wenige Augenblicke bleibe ich nachdenklich stehen und schaue eine sehr enge Gasse hinab. Noch immer frage ich mich, warum die Häuser des Dorfes hier nicht nummeriert sind. Wie sich der Postservice und weitere Dienstleistungen hier auf dieser Weise zurechtfinden mag? Es ist mir ein Rätsel. Der Ort ist nicht gerade klein mit seinem Ober- und Unterdorf und rund 3.000 Einwohnern.

Meine erste Rose lege ich vor dem Denkmal des Partisanen aus Bronze, der auf einem Hocker sitzt. Ich schaue in seinem ernsten Gesicht mit dem strengen Blick. Entschlossen packt die Hand des Helden das Gewehr zwischen den mit Stiefeln bekleideten Beinen. Es befindet sich unmittelbar vor dem Geburtshaus des berühmten Lyraspielers Nikos Xilouris.
Wie mutig müssen die Partisanen gewesen sein! Wie viel Blut ist wohl geflossen… Eisern verteidigten sie einst ihr geliebtes Dorf. Menschen flüchteten aus dem Flammenmeer. Die Bewohner, die nicht fliehen konnten, wurden von der deutschen Wehrmacht ermordet…
Der Gedanke an die Vergangenheit stimmt mich traurig.
Für einige Sekunden bleibe ich stehen und spüre, dass ich von einigen Männern beobachtet werde, die vor einem Kafeneon sitzen. Ich grüße sie freundlich und setze meinen Weg fort. Ich treffe auf alte schwarzgekleidete Weiblein mit ihren Handarbeiten und nähere mich fast schüchtern einer Frau, die eine Häkelarbeit mit filigranem Muster in ihren Händen hält. Es ist ein kleines Kunstwerk, das ich offen bestaune. Das Weiblein gibt mir durch Gesten zu verstehen, dass sie an einem Schultertuch arbeitet und legt die Arbeit in meine Hände. Ich lasse behutsam das halbfertige Tuch durch meine Finger gleiten und bewundere das zarte Muster. Ich sage es auch, dass mir das Tuch sehr gefällt. „Orea“, (sehr schön), sage ich. Ein Lächeln erhellt ihr schmales, zerfurchtes Gesicht. Sie spricht zu mir in ihrer Sprache. Ich verstehe, dass sie mir ihre kleinen Kunstwerke zum Kauf anbietet. Doch gebe ich ihr freundlich zu verstehen, dass ich heute erst angekommen bin und ich noch nichts kaufen möchte. Als ich meinen Weg fortsetze, bieten mir noch Frauen mit einladender Geste ihre Ware zum Kauf an – gehäkelte Taschen, bestickte Tücher und Wäsche. Eine Weberin bittet mich in ihr Haus und ich darf ihr während der Arbeit an einem schmalen Wandteppich über die Schulter zusehen. Den kleinen Teppich webt sie mit roter, blauer und weißer Wolle. Er ist erst zur Hälfte fertig. Einige Fransen hängen vom Webstuhl herab. Noch eine Weile schaue ich der Frau bei ihrer Arbeit zu. Sie sieht auf mit freundlichem Gesicht.
Weitere Frauen in der Gasse legen mir ihre Waren in meine Hände, und ich fühle die Zartheit der Stoffe und die Deckchen aus seidigen Häkelgarn. Trotz meiner freundlichen Einwände bitten sie mich neben sie zu setzen und mit ihnen einen Kaffee zu trinken. Ich schmecke das süßliche, heiße und starke Getränk – der berühmte griechische Kaffee, wo das Pulver mit dem Wasser aufgekocht und in kleinen braunen Tässchen serviert wird.
Kaum spricht jemand von ihnen deutsch oder englisch. Ich freue mich über ihre netten Gesten und Gebärden des willkommen, trotz Sprachschwierigkeiten, die wir zu überbrücken versuchen – und die enden mit einem freundlichen Kopfnicken, Händedruck und herzlichem Lachen. Sie beeindrucken mich – nein, viel mehr… Ich bin bewegt.
So laufe ich weiter durch die bunte Gasse, an der Kirche und an der Platia vorüber. Ich entdecke erfreut ein öffentliches Münztelefon an der gelb getünchten Wand. Rasch ziehe ich die Telefonkarte hervor, die von der letzten Reise übrig geblieben ist und wähle die Vorwahl nach Deutschland und heimatliche Nummer. Ich habe Glück und höre Wolfgangs Stimme, die ein wenig müde klingt. Er erzählt einiges von seiner Arbeit im Betrieb und dass er gerade dabei ist, etwas zu essen. „Bist du gut angekommen? Geht es dir gut?“, fragt er. Ich erzähle ihm wie ich die Bergwelt durchquert habe und zu dem Dorf gelangt bin. Das ich herzlich von Irini empfangen wurde und bei Jannis und Eva eine Unterkunft gefunden habe. Ich habe so viel zu erzählen, doch ein abrupter Ton trennt uns unwiderruflich nach wenigen Minuten.
Ich bedaure, dass ich keine Münze hineinwerfen kann. Es ist ein Kartentelefon.
Ich werde mir sobald einige Karten kaufen, so dass ich wieder nach Deutschland telefonieren kann, beschließe ich.
Dann wende ich mich um, lege wieder eine Rose zu Füßen eines weiteren Denkmales von Elefterios Veniselos, des einstigen Präsidenten. Warum sollte ich ihn nicht mit einbeziehen und auch hier eine Rose niederlegen? Er hatte sich zu seiner Zeit für eine Eisenbahnlinie eingesetzt, aber nicht durchsetzen können, weil ihm das Geld für das Projekt ausgegangen war…
Ich wende mich ab und gelange zu dem Ende der Gasse. Ein einzelnes größeres Haus mit breiten Fenstern und einer verglasten hohen Eingangstür sehe ich auf einem Hang. Das Spiel einer Lyra dringt bis zu mir. Wie gebannt stehe ich für einige Sekunden im Sonnenlicht und folge dem Spiel.



DAS BEWEGENDE LYRASPIEL

Wie ein Magnet zieht es mich zu dem Haus. Ich klopfe zaghaft an die hohe verglaste Tür. Das Spiel der Lyra verstummt augenblicklich. Eine männliche, raue, doch sympathische Stimme bittet mich herein. Leise öffne ich die Tür – und stehe nun vor Jorgos, dem Besitzer des Museums Skoulas. Bekleidet mit seiner Vraka sitzt er auf einem Stuhl. Er ist ein älterer, hagerer unrasierter Mann mit grauem Haar und üppigem Oberlippenbart. Seine braunen Augen schauen mich aufmerksam an. Er legt seine Lyra und den Bogen beiseite, steht auf, kommt auf mich zu und ich begrüße ihn mit einem Kuss auf beide Wangen. Mit einladender Geste weist er auf das Innere des Raumes. Die Ölbilder „Die Landung der Deutschen“ und „Zerstörung von Anogia“ – sind eine bemerkenswerte Malerei, die mich augenblicklich berührt.
„Krieg. Wieso mussten so viele Menschen von deutscher Hand sterben“, bringe ich fast flüsternd hervor.
Er nickt mir ernst zu, als habe er meine wenigen Worte verstanden.

Die Gemälde zeigen den Feuersturm über Anogia, Menschen, von deutschen Soldaten erschossen. Eine Frau liegt weinend und flehend am Boden mit erhobener Hand, als bitte sie um Gnade. Flugzeuge, Bomben, die abgeworfen werden. Bewegende Bilder, die sicher ihre Eindrücke bei vielen Besuchern hinterlassen werden. Die zahlreichen dekorativen Skulpturen, gefertigt aus Holz der Zypresse, die sein Vater als Hirte in den Bergen geschnitzt hatte, wie ich erfahren habe, sind beeindruckend.
Hinter mir beginnt Jorgos mit seinem Spiel, ein Lied aus den Mantinades – für mich ein ergreifender Moment. Sein faltiges Gesicht, gezeichnet vom Wind und Wetter, schaut zu mir auf. Jorgos spielt mit ernstem Gesicht. Er unterstreicht mit Gesten seine Worte. Ich setze mich fast geräuschlos auf einem alten, schon wackligen Stuhl, dem eine Lehne fehlt, vor ihm und lausche aufmerksam und mit Ehrfurcht sein Spiel.
„O panagia mou, Anogiani… wo warst du zu jener Stunde, als sie Feuer gelegt haben in unseren geliebten, berühmten Anogia. Ihr sollt darum trauern. Ihr sollt darüber betrübt sein...“
Das Lied klingt wie eine Tragödie und bewegt mich so sehr, dass ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten kann. Ich bedecke mein Gesicht mit beiden Händen, während ich den Kopf senke. Ich bin befangen von der ganzen Szenerie.
Als ich wieder zu ihm aufsehe, bemerke ich, dass er sich bemüht, mir diese einstigen Geschehnisse noch verständlicher zu machen. Er unterbricht sein Spiel, breitet die Arme aus und wendet sich mir zu mit Worten, die ich sinngemäß wiedergebe:

Deutsche kamen mit ihren Flugzeugen, warfen Bomben und das Dorf war gehüllt in einem Flammenmeer. Alte, gebrechliche Menschen sind verbrannt in ihren Häusern, Einwohner, die nicht mehr flüchten konnten, wurden ermordet.

Dann entlockt er seiner Lyra abermals diesen traurigen Klang. Ich schau zu ihm auf mit tränen-verschleierten Blick. Fast schmerzlich spüre ich, das Jorgos Spiel und sein Gesang aus tiefster Seele kommt. Er spielt mit völliger Hingabe. In seinen Augen spiegelt sich ein sonderbarer Glanz, vermischt mit Trauer, auch Stolz. Er hält inne, schaut mich wieder an, breitet seine Arme aus und spricht zu mir. Ich verstehe.

Schau her, ich will dir zeigen und dir erzählen über diese bittere Zeit in unserem Dorf. Verschließe nicht deinen Blick, du musst verstehen... Ich öffne dir eine Tür zu unserer Welt, du sollst es wissen, wie wir Kreter unter dem deutschen Joch gelitten haben! Ich sehe, wie es dich berührt, doch schau her, schau dich um in dem Raum, obwohl dein Herz jetzt schwer ist. Du verstehst, ich sehe es in deinen Augen und blicke in dein Herz.

Ich sitze ihm gegenüber. Jorgos legt Lyra und Bogen beiseite und zeigt auf eine kleine Vitrine aus Glas, in die alte, schon vergilbte Zeitungsartikel gezeigt werden. Ein Bild stellt seinen Vater, Alkibides Skoulas dar, den er verblüffend ähnlich sieht. Ich erfahre, dass Alkibides 1902 geboren wurde und einst Schafhirte auf der Nida-Hochebene war, wo er oft den ganzen Sommer verbrachte und nebenbei aus Olivenholz, Wurzeln oder Steine diese fantasievolle Gebilde schuf.
Jorgos weist mit seiner Hand auf die Figuren.
Als die Deutschen kamen – so habe ich erfahren - floh seine Familie in die Berge und verbargen sich dort in der Nähe von Arkadi, während Alkibides als Partisan seine Heimat verteidigte. Nach Kriegsende kehrte die Familie wieder nach Anogia zurück und der Vater betrieb ein Kafeneon. Erst spät, mit fast siebzig Jahren, begann der Vater zu zeichnen, vorerst Bleistiftzeichnungen, dann malte er seine Bilder mit den gleichen Ölfarben, die er für den Anstrich seines Hauses, Türen und Fenster verwendete.
Er zeigt mir ein Heft mit Bleistiftzeichnungen, die das Leben eines Hirten veranschaulichen. Ich betrachte sie mit großem Interesse.
Im hohen Alter von neunzig Jahren verstarb Akribides, und Jorgos, einer von sechs Söhnen und drei Töchtern setzt seine Tradition nun fort, indem er das kleine Museum führt. Jeden Gast heißt er selbst herzlich willkommen. Er erhebt sich, steht vor mir und blickt mich an. Jorgos – der stolze Kreter und freundlicher Mann. Er, der auf geschichtsträchtigen Pfaden wandelt und sich mit der virtuosen Beherrschung der Lyra in die Herzen der Zuhörer schleicht.

Noch immer bewegt, lege ich einige Münzen als kleine Spende für sein Museum in das Körbchen auf dem Tisch. „Efcharisto poli“, bedankt er sich. Dann verlasse ich ihn, gehe zum Ende des Dorfes, wo sich kein Haus mehr befindet, und lasse mich auf einem Stein fallen. Die gesamte Szenerie hat mich so aufgewühlt, dass ich weinen muss. Um ganz sicher zu sein, dass niemand meine Tränen sieht, wende ich mein Gesicht vom Dorf ab. Ich schäme mich ihrer nicht, doch wie sollen mich die Bäuerinnen verstehen? Da kommt eine Fremde – noch dazu eine Deutsche – gerade in das Dorf und weint. Hat sie etwa jemanden zu beklagen?
Noch immer berührt von den Bildern, die Bleistiftzeichnungen und vor allem Jorgos mit dem Spiel auf seiner Lyra habe ich noch seine Stimme im Ohr, seine Worte, die zu mir sprachen.

Ende Teil I.
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Re: Mein Aufenthalt auf Kreta

Beitrag von Zeev Baranowski am So Jun 25, 2017 11:00 pm

Schalom Ceres,
eine wirklich sehr aufschlussreiche Schilderung!
Zumal ich selbst "zig- Male" in den letzten fast 50 Jahren auf Kreta weilte!
Vorwiegend per Auto-Fähre zwischen Italien - Griechenland - Kreta - Zypern - ISRAEL !!!
(denn ich bin "Nichtflieger")
Manchmal verbrachte ich auch ein paar Tage in dem dortigen kretischen "Paradies".
Auf jeden Fall hat es mir in Kreta sehr, sehr, sehr gut gefallen !!!

Eines konnte ich allerdings nicht bestätigen, dass die Kreter >faule Säcke sind< und nur
>schwelgerisch leben<, so wie es das heiden-christliche sog. "Neue Testament" darstellt.
Die Kreter habe ich wirklich nur als liebe, hilfsbereite und wirklich total freundliche Menschen kennengelernt.
Natürlich sind mir auch andererseits die hellenistischen Sagen und Mythen sehr geläufig.
Deshalb freue ich mich weitere Teile davon zu lesen!

Und ich denke, dass mir dein Beitrag bzw. Auszug aus deinem Buch "Im Reich des Minotauros" sehr hilfreich sein wird.

_שלום אבא
Schalom ABA
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Re: Mein Aufenthalt auf Kreta

Beitrag von Gontscharow am Mo Jun 26, 2017 11:09 am

Danke für die interessanten Schilderungen.
Ich habe von Bekannten, die auf Kreta waren, auch nur Gutes über die Insel gehört.
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Re: Mein Aufenthalt auf Kreta

Beitrag von Ceres am Mo Jun 26, 2017 11:48 am

Zeev Baranowski schrieb:Schalom Ceres,
eine wirklich sehr aufschlussreiche Schilderung!
Zumal ich selbst "zig- Male" in den letzten fast 50 Jahren auf Kreta weilte!
Vorwiegend per Auto-Fähre zwischen Italien - Griechenland - Kreta - Zypern - ISRAEL !!!
(denn ich bin "Nichtflieger")
Manchmal verbrachte ich auch ein paar Tage in dem dortigen kretischen "Paradies".
Auf jeden Fall hat es mir in Kreta sehr, sehr, sehr gut gefallen !!!

Eines konnte ich allerdings nicht bestätigen, dass die Kreter >faule Säcke sind< und nur
>schwelgerisch leben<, so wie es das heiden-christliche sog. "Neue Testament" darstellt.
Die Kreter habe ich wirklich nur als liebe, hilfsbereite und wirklich total freundliche Menschen kennengelernt.
Natürlich sind mir auch andererseits die hellenistischen Sagen und Mythen sehr geläufig.
Deshalb freue ich mich weitere Teile davon zu lesen!

Und ich denke, dass mir dein Beitrag bzw. Auszug aus deinem Buch "Im Reich des Minotauros" sehr hilfreich sein wird.

_שלום אבא
Schalom ABA
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Zeev Baranowski

Ein freundliches Hallo,
Danke für deine lieben Worte, die mich sehr freuen. Ich liebe meine 2. Heimat (ist die Insel für uns geworden), und meine treuen, ehrlichen Freunde dort.
Mir ist so einiges bewußter geworden und habe auch einiges gelernt dort.
Falls mein Buch (bei Amazon als eBook) von Interesse sein sollte, dann kannst ja mal schauen:

https://www.amazon.de/Im-Reich-Minotaurus-Monika-Kersten-ebook/dp/B0088PMER6/ref=sr_1_3?s=books&ie=UTF8&qid=1498470332&sr=1-3&keywords=Im+Reich+des+Minotaurus

Dort kannst du auch meine Autorenseite sehen, aber nur wenn du magst!

Heute werde ich noch einen Teil hier posten.

@Gontscharow: auch dir vielen Dank ♥
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Re: Mein Aufenthalt auf Kreta

Beitrag von Ceres am Mo Jun 26, 2017 12:20 pm

Hier mal noch ein Kapitel aus meinem Buch "Im Reich des Minotaurus"

FENGARI (DER MOND) 

An diesem Nachmittag nehme ich meinen Mut zusammen, den ich besitze, um das Nikoforos eine Widmung in mein Album schreibt. Er ist über die Landesgrenzen hinaus ein berühmter Lyraspieler und gibt Konzerte im In- und Ausland. Gewöhnlich spielt und singt er Lieder aus den Mantinades. Nicht nur hier im Dorf ist er ein sehr angesehener Mann. Sein Spiel und Gesang berührt nicht nur mich. Auch weiß ich, dass seine Konzerte gefeiert und verehrt werden. Wenig weiß ich über den Künstler, nur das was ich von Marga hörte. Seine Frau lebt auf einer anderen griechischen Insel, doch die zwei Töchter hielten ihm die Treue hier im Dorf. Zu gern möchte ich ihn kennen lernen, zumal ich weiß, dass er sich zurzeit hier im Dorf aufhält. Doch ihn zu besuchen, dazu war ich bisher zu feige.

Ich halte das Album in meiner Hand. Die Hände werden feucht vor Erregung, je mehr ich mich dem Haus nähere. Wie wird er mich, die Fremde, empfangen? Mein Puls beginnt zu pochen. 
Noch zögernd schaue ich zu dem gelb getünchten Haus mit dem zierlichen Zaun davor. Vor den Fenstern und Türen befinden sich Blumen und Kräuter in Töpfen und Kübeln aus Ton. Das niedrige Haus bietet einen freundlichen Anblick. 

Wieder bleibe ich zögernd stehen, schaue auf die verglaste Eingangstür. Dann überwinde ich mich, trete näher und betätige entschlossen die Klingel.

Die Tür öffnet sich. Vor mir steht eine junge, zierliche Frau. Sie schaut mich erwartungsvoll mit ihren braunen Augen an. Eine weitere junge Frau nähert sich der Tür, und ich begreife, dass ich den beiden Töchtern des Künstlers gegenüber stehe. Ich begrüße sie, nenne meinen Namen und begründe meine Anwesenheit mit dem Wunsch um eine Unterschrift in meinem Album, da ich die Musik des Künstlers sehr verehre. Ich zeige ihnen das Album. Beide lächeln verständnisvoll, nennen ebenfalls ihre Namen und bitten mich mit freundlichen Worten herein. Zu meinem Glück sprechen sie beide ein gutes Englisch. Sicher sind es die beiden Töchter eines bekannten Künstlers dergleichen gewöhnt. Meine Erregung beginnt sich zu legen. 

Alle Türen stehen offen und gewähren mir einen kurzen Blick ins Wohnzimmer, zur Küche. Es ist stilvoll eingerichtet. Ich bin überrascht, wie geräumig es in diesem Haus ist, das von außen klein und niedrig wirkt. Hier bemerke ich wieder ein starkes Wohlstandsgefälle zwischen diesem und Irinis Haus.
Sie bitten mich zu setzen und erzählen mir, dass der Vater zur Taverne gegangen ist. Dort könnte ich ihn treffen. Ich bedanke mich erfreut. 
Als ich mich verabschiede, legen beide ihren Arm um mich, begleiten mich zur Tür. „Damit du unseren Vater auch findest zwischen all den Menschen, wird dich ein Mädchen begleiten“, Sie winken einem Mädchen zu und bitten sie, mich zu ihren Vater zu führen.
Noch einmal bedanke ich mich und folge dem Kind. 
In den Tavernen auf der Platia herrscht reges Treiben an dem frühen Abend. Fast jeder Stuhl ist besetzt von den Männern in ihren Vrakas und Sariki. Sie spielen Karten oder Tavli, unterhalten sich laut und ungehemmt. Die Wirte bringen Raki, Kaffee oder Bier zu den Tischen. Das Mädchen läuft zu einem Tisch – und nun sehe ich den Künstler zwischen den Leuten. Er ist spindeldürr, bekleidet mit einem schneeweißen Hemd und dunkler Hose. Das Weiß seines Hemdes lässt sein schmales Gesicht noch blasser erscheinen. Sein ergrautes Haar fällt dem Künstler bis auf seine Schulter. Er schaut mich mit seinen wasserhellen Augen fragend an. Ich bekämpfe meine innere Erregung, als ich ihm und die Männer begrüße. Ich bitte ihn mit meiner ganzen Freundlichkeit, mein Album zu signieren. Der Künstler lächelt entgegenkommend und spricht zu mir in Griechisch, was ich aber nicht ganz verstehe. Er bittet mich mit einer einladenden Geste, mich zu ihnen zu setzen. Er scheint ein sehr umgänglicher Mensch zu sein, ohne Spur von Überheblichkeit. „Ich mag sehr gern Ihre Musik“, sage ich in Englisch und halte ihm das Album entgegen. Der junge Mann neben ihm scheint meinen Worten zu verstehen. Er spricht zu ihm. Nikoforos nimmt es mit einem Lächeln, öffnet die Hülle – und in das erste Blatt setzt er seine fein geschwungenen Schriftzüge. Ohne Scheu zeige ich offen meine Freude über die Signierung und über seine freundliche, warmherzige Art. 
Dann stehe ich auf und bedanke mich. Er scheint mir zu widersprechen, hält meine Hand in der seinen fest, als ich mich verabschieden will, wendet sich zu seinen Nachbar und blickt wieder zu mir. „Nein, nein. Du musst nicht gehen… Möchtest du etwas mit uns trinken?“ beginnt der Bursche neben ihn zu übersetzen. 
„Gern, danke sehr“, antworte ich.
„Raki?“ fragt er. 
Ich stimme zu.
Der Musiker spricht zu ihm.
„Wie heißt du?“
„Monika“
„Woher weißt du von Nikoforos und seiner Musik?“
„Marga hat mir von Ihnen erzählt und durch sie habe ich Ihre Musik kennen gelernt“, wende ich mich an Nikoforos.
„Marga…“ Er lächelt wissend und nickt. „Marga… Margarita…“ 
Er schaut mich an, sagt etwas zu dem Burschen, der sich erneut an mich wendet:
„Du bist allein hier, ohne Mann?“
„Ich bin verheiratet. Mein Mann wird bald nachkommen. Dann gehen wir beide nach Agia Pelagia“.
Auf Nikoforos Gesicht zeigt sich ein warmes Lächeln. Dann richtet er eine Frage an mich, die mich völlig überrascht. Ich fühle mich außerstande, sie sofort zu beantworten. Ich verstehe das Wort „Volta“ Er zeigt auf mich und ihn.
Sollte ich sein Angebot annehmen? Wohin will er mich führen? Was bewegt ihn dazu, mich einzuladen? Nur weil ich ihn um die Signierung gebeten habe?
Er wird sich doch nicht ein Abenteuer mit mir versprechen? 
Nein, das glaube ich nun doch nicht. Eher vermute ich, dass sich eine nette Geste dahinter verbirgt. 
Aber was werden die Einheimischen des Dorfes von mir denken, wenn sie mich mit ihm sehen? 
Der Bursche richtet wiederholt die Frage an mich. „Er möchte dich mitnehmen zu seinen Freunden nach Heraklion“.
Was spricht dagegen, seine Freunde kennen zu lernen? Wer sind seine Freunde? Künstler wie er? Wäre das nicht für mich interessant? Vielleicht darf ich etwas erleben, was sonst dem Fremden verborgen bleibt? Vielleicht ein einmaliges Erlebnis, dass mir so schnell nicht mehr geboten wird? Hat mich seine Einladung nicht neugierig gemacht? 
Ich stimme zu und lasse mich überraschen…

Er geht neben mir die kleine Gasse hinunter. Seine Gestalt ist leicht gebeugt. Er wendet sich mir zu und ich verstehe, trotz weniger Worten und seine Gesten, ich möge bitte in meiner Unterkunft auf ihn warten. Er wird seinen Wagen holen und mit mir fahren… Für einige Sekunden bleibe ich stehen und sehe der kleinen Gestalt nach, die sich noch einmal kurz nach mir umsieht.
In meinem Zimmer angekommen, gehen mir viele Gedanken durch den Kopf. Ich muss mir eingestehen, dass mich seine Einladung doch recht verwirrt hat. Er macht ein vertrauens- erweckenden Eindruck. Also habe ich wohl nichts zu befürchten… Ich lächle vor mich hin. „Das wäre doch verrückt, Monika, sollte er sich ein Abenteuer mit dir versprechen…!“, murmele ich vor mich hin und schaue mein Spiegelbild an.
Ich öffne das Album, „Mit Liebe… Nikoforos Aerakis“, sehe ich seine Schriftzüge. 
Ich laufe zum Bad hinüber. Die kalte Dusche erfrischt mich. Dann wechsele ich meine Kleidung, prüfe mich im Spiegel und bin mit meiner Erscheinung zufrieden. 
Ich schaue über die Brüstung des Balkons. Noch immer kann ich es mir nicht vorstellen, dass er sein Vorhaben in die Tat umsetzen könnte. Doch hatte er sich noch einmal zu mir umgewendet – und das gilt als ein Versprechen der Kreter…
„Monika, du hast Besuch!“, höre ich Evas Stimme im Flur, als ich wieder im Zimmer stehe. Ich laufe zur Tür. „Ich komme“, antworte ich.
Er steht in freudiger Erwartung vor seinem dunklen Wagen. Es ist ein japanisches Fahrzeug der Oberklasse. Auf dem Gesicht des Künstlers liegt ein leichter rosa Schimmer. Ist es die Abendsonne, die in seinen Augen zu leuchten beginnt?
Während sein Wagen die Kurve passiert und das Obere Dorf durchfährt, spricht er zu mir. Ich ahne nur, dass er über die Einladung spricht. Ich verstehe „Volta, Car“ nur ganz wenige Worte scheint er in Englisch zu verstehen.
Doch während der Fahrt versuchen wir uns zu verständigen mit unserem Kauderwelsch, das wir mit Humor betrachten. Das Spiel der Lyra kommt aus dem Autoradio und vermischt sich mit weiteren Musikinstrumenten. Er zeigt auf sich, spricht in seiner Heimatsprache, vermischt mit wenigen englischen Brocken. Ich verstehe, dass es die Aufzeichnung eines Konzertes von ihm ist, das er vor kurzem in Athen gegeben hatte. Der Sender strahlt das Konzert als eine Wiederholung aus.

Ohne Eile lenkt er seinen Wagen um die teilweise recht engen Kurven. Dann breitet sich das große Tal in der Abendsonne vor uns aus. Der Anblick ist gewaltig! Nikoforos hält und sagt, wie schön es hier ist, so still und friedlich. So oft wie ich das Tal durchquerte, hat es mich jedes Mal fasziniert und das sage ich ihm auch. Wir verlassen das Fahrzeug. Er beugt sich zu einer Wildblume hinab, pflückt sie und gibt sie mir. Berührt von der Schönheit der Blume betrachte ich liebevoll den gelben Kelch und die zarten Blätter. Ich drehe sie zwischen meinen Fingern. Ich freue mich über das kleine Gewächs. Er meint, dass es viele schöne Blumen in der freien Natur der Insel gibt. Ich stehe am Rand der Straße und blicke zu dem malerischen Tal. Ich fühle den warmen Abendwind auf meinem Gesicht. Die Abendsonne zerfließt knapp über einem hohen Felsen, der durch die Ferne grau erscheint. Vereinzelte kleine Wölkchen wirken wie zerrupfte Zuckerwatte am Himmel.
Noch für Sekunden stehen wir nebeneinander und schauen in das Tal. Ich erzähle ihm, wie sehr naturverbunden ich bin. Sie gibt Frieden in der Seele des Menschen und öffnet den Geist. Ich spreche zu ihm mehr Englisch als in seiner Sprache. Er lächelt mir zu, als habe er verstanden.
Die wilde Blume halte ich noch immer in der Hand, als wir wieder zum Auto gehen. Noch immer erklingt das Konzert aus dem Autoradio und die Solopartie der Lyra, als er seinen Wagen langsam talwärts rollen lässt. Nikoforos entlockt seiner Lyra eine heitere Melodie. Wieder setzen weitere Musikinstrumente ein und vervollständigen das Ganze zu einer perfekten Harmonie. 

Wir fahren durch schon mir bekannte kleine Dörfer. Kurz vor Heraklion verlässt Nikoforos die Hauptstraße und lenkt seinen Wagen eine unbefestigte Anhöhe hinauf, die kurvenreich ist. Ich höre laute Stimmen. Ein Mann singt mit tiefer Stimme ein Lied und andere fallen in den Gesang ein. Dann verlassen wir das Fahrzeug und ich sehe eine Gruppe von Männern unterschiedlichen Alters, sicher fünfzehn Leute vor einer länglich gebauten Mitato. Sie sitzen an einem langen Tisch, der bedeckt ist mit gegrilltem Lamm auf riesigen Tellern, abgenagte Knochen auf Tellerrändern, Brot, Obst, bauchige Weinflaschen und Gläser. Auch eine helle Flasche mit dem durchsichtigen Raki. Sie unterbrechen ihren Gesang. Johlend begrüßen sie uns. Ich freue mich, dass sie auch mich offenherzig empfangen und bedanke mich mit „Efscharisto poli“. „Das ist Monika aus Germania“, stellt mich Nikoforos den Männern vor. 
Zwei Buben laufen einer Katze nach, die sich rasch unter dem Tisch verkriecht. Die Kinder lachen und scherzen. Die Männer bitten uns zu setzen und mit ihnen zu essen. 
„Kali orexi!“ (Guten Appetit). Ich schaue hinüber zu der schon erloschenen Feuerstelle auf dem nackten Boden, über der noch einen Rest Fleisch auf dem Spieß steckt. 
Ich befinde mich als einzige Frau unter den Männern hier auf dem Berg, vor uns das Häusermeer von Heraklion. Ein alter, bärtiger Mann fällt mir besonders auf. Er macht einen robusten Eindruck und erinnert mich an die Gestalt aus einem alten Piratenfilm. Er sitzt mir gegenüber mit seiner Vraka und Sariki. Sein Lachen und die Worte sind derb aber klingen herzlich. Er ist ein Hirte, der hier in den Bergen zu Hause ist, wie ich erfahre. Ein anderer Mann, auf dem ich unwillkürlich aufmerksam werde, erinnert mich an dem Schauspieler Richard Gere. Er hätte glatt ein Bruder von dem Schauspieler sein können! Der Mann lehnt sich in seinem Stuhl zurück und verfolgt schmunzelnd das Geschehen. Trotzdem wirkt er eher reserviert auf mich im Gegensatz zu den anderen Anwesenden.
Während des Essens nennen die Männer ihre Namen. Ein Mann mittleren Alters, der neben mir sitzt, greift nach einem Glas, schenkt mir Wein ein. Das Glas ist nicht gerade das Sauberste, aber was soll’s, denke ich. Zimperlich darf ich hier unter der rauen Männerwelt nicht sein! Auch ich hebe das Glas, „Jamaz!“, rufen sie fröhlich. Ich stoße mit ihnen an und trinke mit ihnen. Der Wein ist fruchtig und süß. 
Ich habe Glück. Manolis spricht ein gutes Deutsch. Wir kommen ins Gespräch. Er ist Hirte wie sein Vater. Sie besitzen eine umfangreiche Schafherde, die jeden Tag versorgt werden muss. Er übersetzt, als ich zu den Männern spreche, die über mich etwas erfahren möchten. Ich erzähle ihnen, dass ich Freunde in Anogia besuche, von Irini, die wie eine Mutter für mich ist, von den beiden Schwestern Aristea und Eleni, die mich immer offenen Herzens empfangen, von Wolfgang, der kommen wird und dass wir beide nach Agia Pelagia gehen. Dann beugt sich ein junger Mann zu mir. Er erzählt, dass er ein Lyraspieler ist und auch Konzerte gibt wie Nikoforos. Er zeigt auf weitere Männer mittleren Alters, die so wie er ein Musikinstrument spielen. So sitze ich fröhlich unter Hirten und Musikern, esse, trinke mit ihnen 
Sie fangen zu singen an, ein Lied aus den Mantinades. Ich höre aufmerksam zu:
DER ADLER UND DAS REBHUHN *)
„Ich wollte den Adler sehen,
wie er jagt, wenn er hungrig ist.
Er bückt sich und küsst seine Krallen,
küsst seine Beinchen.

Meine Krallen, meine Krällchen,
meine Krallenbeinchen,
tötet mir nicht das Rebhuhn,
das ihr gefangen habt!
Zieh ihm keine Feder aus,
unten am seinen Oberschenkel!
Rupft es nicht, zerstört nicht seine Schönheit!“

*) Zacharias Mathioudakis – Dieses uralte revolutionäre Lied symbolisiert den Wunsch der Kreter nach Freiheit. Es passt sehr gut zur kretischen Geschichte und kretische Landschaft.

Ich höre aufmerksam dem Gesang zu, bis die letzte Stimme eines Mannes leise ausklingt, der mir gegenüber sitzt. Ernst schaue ich ihn an. Ob er es mir angesehen hat, dass mich der Gesang beeindruckt? Er nickt mir mit einem Lächeln zu.

Der Abend wirft schon seine ersten Schatten. Die Lichter über dem Häusermeer lassen die Stadt in vielen Farben strahlen. Ich höre den Männern zu, die ihre Lieder singen. Dann lachen sie wieder und scherzen.
Ein kühler Wind streift mein Gesicht. Leicht beginne ich zu frösteln und denke, ich hätte mir eine leichte Jacke mitnehmen müssen. Ich hatte nicht vermutet, dass ich hier unter den Männern einige Stunden verbringen würde.

Ein Mann mittleren Alters in Stiefeln, dunkler Hose und schwarzen Hemd, steht auf, geht zu der Mitato und schaltet das Licht an. Da die Tür offen steht, kann ich sehen, wie er über der einfachen Kochstelle etwas in einem riesigen Topf rührt. Die nackte Glühbirne erhellt seine Gestalt.
Er ruft etwas und einige Männer schlendern zu ihm. Dann gibt es erneut etwas zu essen, Pasta mit Fleisch und Soße. Die Teller sind randvoll gefüllt, so dass kaum noch etwas hinzugefügt werden kann. 
„Kali Orexi!“ wünschen die Männer. Ich bedanke mich und beginne mit ihnen zu essen. Das einfache Gericht ist gut gewürzt und schmeckt ausgezeichnet. Ich genieße die Einfachheit und die herzliche Atmosphäre und freue mich, dass ich an diesem Abend Gast bei den Männern sein darf. Ich, der Xenos – die Fremde.
In der fröhlichen Gesellschaft vergeht die Zeit sehr schnell.
Tischmanieren existieren kaum. Wenn etwas nicht gegessen wird, lässt man es einfach unter dem Tisch fallen. Darum kümmern sich dann die Katzen…
Wein wird fröhlich herumgereicht, die Gläser gefüllt. Doch bevorzugt Nikoforos Kaffee, weil er noch fahren muss, wie er sagt.
Einige Männer verabschieden sich. Sie lachen, schwatzen und die Dunkelheit nimmt sie rasch auf. Nur ihre Stimmen dringen noch bis zu uns herüber.
„Wollen wir nicht auch bald wieder nach Anogia zurückfahren?“, frage ich Nikoforos mit leisem Tonfall nach einer geraumen Weile. 
„Siga… Siga…“, gibt er mir zur Antwort mit fast flüsternder Stimme.
Es ist schon mitten in der Nacht. Der Mond leuchtet groß, majestätisch. Ich schaue auf das Lichtermeer von Heraklion. Der kühle Wind lässt mich frösteln. Dann spüre ich, dass mir jemand besorgt eine Jacke über meine Schultern hängt. Ich wende mich um und bemerke den Mann, der neben mir gesessen hat. Ich bedanke mich und ziehe das Oberteil einer Vraka noch fester über meine Schultern. Er lächelt mir freundlich zu. „Du sollst hier bei uns nicht frieren“. 
Jetzt sitzen wir hier schon seit Stunden, geht es mir durch den Kopf. Ich werde müde und sehne mich nach meinem Bett. Doch kein Kreter scheint es mit der Zeit genau zu nehmen, sie scheinen die Ruhe weg zu haben. Nichts kann ihnen aus den gewohnten Trott bringen…Wieder wird mir bewusst, dass ich geduldig sein muss und zu lernen habe. 
„Wir werden noch in seiner Gesellschaft nach Heraklion in eine Bar fahren“, sagt mir Nikoforos und zeigt zu dem Mann, der Richard Gere ähnelt. „Es ist nicht weit, Monika“, verstehe ich.
„Ich bin ein wenig müde“, entgegne ich leise. 
„Wir werden auch nicht lange Zeit dort bleiben“. Er nickt zu Bekräftigung seiner Worte und zeigt mir die Minuten auf seiner Uhr am Handgelenk zur weiteren Verständigung. Ich lege das Oberteil von der Vraka ab. Dann verlassen wir den Ort des Chaos mit den vielen Tellern, auf denen sich noch die Essensreste türmen, Gläser und Flaschen auf dem Tisch. Nikoforos folgt dem vorfahrenden Wagen und wir erreichen die hell erleuchtete Straße der Hauptstadt. Grell blitzen Leuchtreklamen auf in den unterschiedlichen Farben und Größen. Leuchtbänder flammen an Häuserfassaden. Das bunte Licht spiegelt sich im Lack und Fenstern der Autos wider. 

Ich gewinne den Eindruck, Heraklion geht nie schlafen. Jetzt zu dieser Zeit erwacht auf eine andere Art das Leben als am Tage mit den vielen Touristen. Hier habe ich den Eindruck, nur unter betuchten Einheimischen zu sein. Es offenbart sich mir ein gewaltiger Unterschied zwischen dem sorglosen Leben der reichen Einheimischen und den armen Bauern in den Dörfern. In diesem Augenblick denke ich an die Menschen, die mir Freunde geworden sind in dem abgelegenen Dorf Anogia.
Aus den Bars klingt westliche Musik, auch kretische Klänge. Geräumig ist die elegante Bar, die wir betreten. Sie ist weiträumig mit vielen Tischen. Wir gehen zu einem freien Tisch, der sich unmittelbar an der niedrigen Absperrung zur Straße befindet. Ganz in meiner Nähe schaue ich auf eine riesige Leinwand, auf die lauthals ein Fußballspiel gezeigt wird.
Eine Kellnerin nähert sich und fragt höflich nach unseren Wünschen. Die beiden Männer wählen Kaffee. Nikoforos reicht mir die Getränkekarte und ich wähle einen Longdrink, der mir unbekannt ist, aber den ich gern probieren möchte.
Dann bemerke ich auf der Straßenseite einen riesigen Bildschirm und erkenne einige Szenen aus dem Film „Der 13. Krieger“. Ein blonder Knabe kommt zu dem Lager der barbarischen Wikinger, die sich als Söldner verdingen, und bittet um Hilfe. Der Stamm der Nordmänner wird vom Bösen heimgesucht. Der 13. Krieger dürfe aber nicht den Stamm der Nordmänner angehören. Die Wahl fällt auf den arabischen Edelmann Ahmed (Antonio Banderas). Der Film wird in griechischer Sprache mit englischen Untertiteln ausgestrahlt. Ich verfolge kurz diese Szene, während Nikoforos sich mit unseren Begleiter mit gedämpfter Stimme unterhält. 
Nach kurzer Zeit stellt die Kellnerin die Getränke auf dem Tisch mit einigen Knabbereien in kleinen Schalen aus Glas. 
Zu meiner Überraschung hat der Longdrink einen bitteren Nachgeschmack, der mir nicht schmecken will. Am liebsten hätte ich ihn stehen lassen, aber ich gebe mich tapfer und nehme einen weiteren Schluck, um nicht Nikoforos Gastfreundschaft zu verletzen. Ich sitze in dieser Bar mit den beiden Männern, ringsum laute Stimmen, Musik, die aus Lautsprechern dröhnen. Hinzu kommt das grelle Licht der Straße mit all seinen Farben und Leuchtbändern. Die Eindrücke halten mich wach. Ich schaue wieder hinüber zur anderen Straßenseite zu dem Film, der nun eine intensive Schlachtszene zwischen den Nordmännern und eine scheinbar unbezwingbare Horde von Kreaturen, die aus nebligen Mooren wie flammenden Drachen emporsteigen, zeigt.
Als Nikoforos um die Rechnung bittet, bin ich überrascht, wie hoch der Betrag für die wenigen Getränke ist! Nachdem verabschiedet sich unser Begleiter, reicht auch mir die Hand, bedankt sich bei Nikoforos und verlässt die Bar. Auch wir wenden uns dem Auto zu. In diesem Augenblick bin ich froh, den Trubel des nächtlichen Heraklion nun verlassen zu können. Ich blicke zu Nikoforos. Sein Gesicht wirkt noch schmaler, als es je schon ist im Schein der Straßenleuchten, die während der Fahrt über unsere Gesichter huschen. Leise Musik klingt aus dem Autoradio. Er sagt etwas. Ich verstehe, ob mir die Volta Freude bereitet hat. Ich bejahe es spontan und bedanke mich noch einmal. 

Heraklion liegt nun hinter uns. Nikoforos lenkt seinen Wagen langsam die Straße hinauf, die zurück in die Berge führt. Mich durchströmt ein Glücksgefühl als ich neben ihm sitze und in die Nacht schaue. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll – so sehr bin ich befangen. Diesen Nachmittag und den Abend mit Nikoforos erleben zu dürfen, hätte ich nicht zuvor erwartet. Ich fühle mich durch seine Gegenwart geehrt und durch seine Freundschaft ausgezeichnet. 
Die hohen Bäume und Felsen wirken wie stumme Riesen im hellen Mondschein. Langsam lenkt er sein Fahrzeug die Kurven hinauf. Dann vor Gonis öffnet sich das Tal im silbernen Mondlicht. Das nächtliche Bild des Tales wühlt meine Gefühle noch mehr auf, als das Erlebnis am Tage.
Nikoforos nimmt meine Hand, spricht mit mir. Ich verstehe aus seinen Gesten und Worten, dass der Mond, je näher wir dem Fels kommen, sich hinter ihn verbergen wird. Aber er wird wieder zu sehen sein, wenn wir den Fels umfahren.
Er hält nach der engen Kurve sein Fahrzeug an. Wir verlassen es und stehen am Rand der Straße wieder im hellen Mondlicht. Wir stehen hier in der Abgeschiedenheit inmitten der Natur. Kein Laut ist zu hören, nur ein milder Nachtwind streift mein Gesicht.
„Da sieh, Monika, wie schön es hier ist“, es ist mehr ein Ahnen, als Verstehen, was er sagt.
„Ja“, flüstere ich. 
Wir stehen uns gegenüber. 
Er nimmt meine Hände in die seinen. Ich spüre einen leichten Druck.
Noch denke ich an den Nachmittag, an das fröhliche Zusammensein mit den Männern, an die Lieder aus den Mantinades, die sie gesungen haben, an das üppige Essen und den Wein. Von der Höhe aus sehe ich noch in Gedanken das Lichtermeer von Heraklion, an den nächtlichen Besuch der Bar.
„Efcharisto poli“, bedanke ich mich noch einmal bei Nikoforos. Er steht dicht vor mir, er, ein
Prominenter Künstler aus Anogia. Er hält noch immer meine Hände in die Seinen.
Ich bemerke wie er mich anschaut und leicht an sich zieht. „Siehst du den
Mond so groß und schön?“, verstehe ich. 
In diesem Augenblick fällt mir ein kleiner Text aus den Mantinades ein und spreche ihn leise aus:

...all die Schönheit der Erde
hat Kreta bekommen.
Und deshalb 
ist auch
der kretische Mond viel schöner...

(mündlich überliefert)

„Monika. Kreta hat den schönsten Mond auf Erden“. 
Alles, was wir sprechen, geschieht mit Gesten und unser Kauderwelsch zwischen griechischen und mit wenigen englischen Worten.
Ich habe den Eindruck, dass er wohl ein gefühlsbetonter und romantischer Mensch sein muss. Wir stehen im silbernen Mondlicht und ich schaue zu ihm auf. Unsere Blicke begegnen sich. Er lächelt mir zu, warmherzig, freundlich.
„Ich danke dir für die schönen Stunden mit dir und deinen Freunden, Nikoforos“, sage ich leise.
„Es freut mich, dass dir der Abend gefallen hat“, verstehe ich.
Noch immer schaut er mich liebevoll an, zieht mich leicht noch näher zu sich.
Irgendwie verwirrt mich sein Blick. Ich lächle etwas verunsichert und wende mich wieder dem Auto zu.

Wieder fahren wir durch die vom Mond erhellte Landschaft, vorbei an die stummen Riesen von Felsen und Bäumen. Er nimmt meine Hand, sagt meinen Namen, Volta und Kala. Dann verstehe ich, dass ihn auch meine Nähe gefreut hat.
Nach langsamer Fahrt und noch den Mond betrachtend erreichen wir Anogia. Nikoforos hält seinen Wagen vor dem Haus meiner Unterkunft. Noch einmal bedanke ich mich für den schönen Abend und wünsche ihm „Kalo hypno“ (Gute Nacht) und in Filia (Freundschaft) gebe ich ihm zum Abschied einen Kuss auf beide Wangen.
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Ceres

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