Tulpenfieber

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Tulpenfieber

Beitrag von ralfgrabuschnig am So Sep 03, 2017 5:36 pm

Hallo allerseits,

bin gerade am Überlegen, nach gefühlten Jahren mal wieder ins Kino zu gehen. Bin an sich ja kein großer Filmfan, habe aber beim Einlesen für einen Artikel zum Tulpenfieber von 1637 (verzeiht die Eigenwerbung) bemerkt, dass da ja gerade ein Film mit Christoph Waltz dazu im Kino läuft. Hat den schon jemand gesehen? Wie ist da die Meinung?
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Re: Tulpenfieber

Beitrag von peter o. am Mo Sep 04, 2017 7:30 pm

Hallo !
Habe zwar den Film nicht gesehen, jedoch interessiert mich dieses Thema und es fallen mir dazu zwei Dinge auf:
- Es ist ein tolles Beispiel dafür, wie Emotionen Menschen dazu verleiten können, völlig unvernünftig zu handeln. Wie heftig Gier wirken und was sie bewirken kann. Hier muss der Historiker ( auch ) Psychologe sein.
- Vielleicht hast Du damit auch eine Ausnahme von der Regel für Deine Aussage präsentiert, es wäre falsch, dass Geschichte sich wiederhole. Ich sehe jedenfalls Parallelen zwischen Amsterdam 1637 und New York 1929 . . .

peter o.

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Re: Tulpenfieber

Beitrag von Wallenstein am Mi Sep 06, 2017 2:48 pm

Mit der Tulpenkrise habe ich mich auch noch nicht beschäftigt und ich kenne auch den Film nicht.  Ich kann aber einige allgemeine  Angaben über Finanzkrisen machen. Seit der Herausbildung der kapitalistischen Marktwirtschaft im 16. Jahrhundert, zunächst in England und Holland, mit Vorläufern in Norditalien und Süddeutschland, entstehen in unregelmäßigen Abständen immer wieder Spekulationsblasen. Schon 1720 kam es zum Südseeschwindel, als die Aktien einer britischen Handelsgesellschaft maßlos überbewertet waren, um dann jäh abzustürzen.

Finanzblasen sind eine typische Begleiterscheinung des Marktgeschehens. Die Voraussetzungen dafür sind, neben einem freizügigen Markt, die Existenz von Waren (z.B. Produkte, Dienstleistungen, Wertpapiere, Immobilien oder wie hier eben Tulpen) und das Vorhandensein einer ausreichenden Geldmenge (hinreichende Liquidität). Eine Finanzblase bildet sich immer dann, wenn der Preis eines oder mehrerer Produkte weit über dem eigentlichen Wert der Ware(n) liegt und ein Spekulationspreis entsteht. Die Differenz zwischen dem Spekulationspreis und dem eigentlichen Wert des Produktes bildet den Spekulationsgewinn. Um diesen Spekulationsgewinn zu realisieren und ihn ständig zu wiederholen, werden erhebliche Kapitalmengen in Bewegung gebracht. Unter Spekulation versteht man die Ausnutzung von Preisunterschieden zu verschiedenen Zeitpunkten, um einen Gewinn zu erzielen. Solange der Einkaufspreis unter dem Verkaufspreis liegt und der Spekulationsgewinn höher ist als der übliche Marktzins, geht die Spekulation weiter. Wird dieses Limit erreicht, wendet sich die Spekulation einem anderen Objekt. Das sich daraus gelegentlich  eine Blase bildet, hat als Voraussetzung, dass die zahlungskräftige Nachfrage fast unbegrenzt ist, während das Angebot unelastisch ist.

Die Frage ist natürlich, was der wirkliche Wert einer Ware ist. Die klassische Theorie geht davon aus, dass sich durch Angebot und Nachfrage ein Gleichgewichtspreis herausbildet, bei dem alle Verkäufer und Käufer zufrieden sind.  Steigt die Nachfrage nun stark an, ohne dass das Angebot daraufhin wächst, kommt es zu Preiserhöhungen. Das führt zunächst nur zu Preiserhöhungen und es bildet sich ein neuer Gleichgewichtspreis auf einem höheren Niveau. Damit verbundene Spekulationen sind in einer Marktwirtschaft ein normaler Vorgang, aber längst nicht jede Spekulation führt zu einer Blase.

Damit es dazu kommt, müssen die
a.) Spekulanten ihren Kapitaleinsatz erheblich erhöhen und
b.) möglichst viele Konkurrenten an der Spekulation beteiligen

Das passiert meistens dann, wenn Personen auftreten, die an dem Produkt selber kein Interesse haben, sondern lediglich an dem Spekulationsgewinn. Diese Leute operieren mit Geld, welches ihnen selber nicht gehört, der eigene Kapitalanteil ist zumeist gering.  Aber je größer die Kapitalmenge ist, desto mehr kann man verdienen. Dann macht es nichts, wenn man Zinsen für das geliehene Geld zahlen muss. Die Verschuldung macht deutlich, dass den Banken eine Schlüsselrolle zukommt sowie  den vielen gutgläubigen Personen, die ihr Geld verleihen.  Die Spekulanten besorgen sich große Geldmengen. Auf diese Weise strömt unaufhörlich neues Geld in die Blase und vergrößert sie fortwährend.

Da man offensichtlich mühelos Geld mit Spekulation verdienen kann, versuchen es nun auch viele Anleger mit kleinem Einkommen und geringer Bonität. Makler sammeln das Geld dieser Leute ein und versprechen ihnen hohe Renditen. Das funktioniert meistens aber nur, indem die Finanziers zusätzlich noch Kredite bei den Banken aufnehmen. Als Sicherheit bieten sie denen die Einlagen ihrer Kunden. Ein riskantes Geschäft, denn wenn der Deal nicht klappte, verlieren die Einleger alles. Viele der Kleinanleger besitzen aber das Geld gar nicht, welches sie den Maklern geben. Sie haben es sich selber geliehen. Kommt es zum Crash, können sie aufgrund ihrer schlechten Bonität das Geld nicht  zurückzuzahlen. Zurück bleiben zahlreiche Schuldner und viele faule Kredite.

Ökonomisch gesehen ist hier folgendes geschehen: Die Makler nehmen Kredite auf und bieten als Sicherheit die Schulden ihrer Anleger. Schulden garantiert durch andere Schulden. Die Blase schwimmt auf einem gewaltigen Schuldenberg, jeder wettet auf höhere Renditen. Banken kaufen und verkaufen keine Wetten auf den höheren Preis einer Ware, sondern sie kaufen und verkaufen Wetten auf den künftigen Preis einer Wette. Es bildet sich eine Ökonomie im Wolkenkuckucksheim, die jeden Bezug zur Realität verliert. Leider macht sich die dann früher oder später doch bemerkbar und der Hype bricht zusammen. Solange es nur einige, wenige reiche Finanziers betrifft, dann mag es noch angehen. Sind aber viele Menschen involviert wie 1929, dann kommt es zum Zusammenbruch. In der Subprimekrise und der folgenden Finanzkrise 2007/2008 hat der Staat die insolventen Banken gerettet, um eine Katastrophe zu verhindern. Man hatte aus dem Jahre 1929 gelernt. Damals war der Staat erst 1931 aktiv geworden, um die Banken zu retten. Da war es aber viel zu spät.

Solche Hypes und Crash sind selten. Der Mathematiker Bachlier schrieb 1900 eine Dissertation mit dem Titel: Theorie der Spekulation. Er fand heraus, dass Schwankungen auf dem Aktienmarkt einem sogenannten Random Walk gehorchen. Die Größe aufeinanderfolgender Kursschwankungen folgt einer Glockenkurve und Mittelwert und Standardabweichung können aus den Börsendaten geschätzt werden. Diese sogenannte Normalverteilung von Gauß sollte aus dem Schulunterricht jedem noch bekannt sein. Aus ihr kann man die Häufigkeiten eines Ereignisses ablesen. Aus ihr geht hervor, dass starke Schwankungen sehr selten sind. Der Bereich mit den Extremwerten ist sehr klein und zeigt sich an den beiden Rändern der Kurve, wo diese über eine kurze Strecke fast parallel zur Abszisse verläuft.  Dieser Bereich ist so klein, das man ihn fast vernachlässigen kann. Leider zeigt die Entwicklung, dass sowohl Hypes als auch ein Crash doch öfters auftreten, wenn auch viel seltener als Otto Normalverbraucher glaubt.

Warum sich eine normale Spekulation plötzlich zu einem Hype oder zu einem Crash entwickelt, das lässt sich nicht vorhersagen. Das erinnert ein wenig an die Chaostheorie, die besagt, dass kleine Veränderungen in den Anfangsbedingungen plötzlich gewaltige Veränderungen hervorrufen, dass so etwas aber nicht vorhersehbar ist.

Trotzdem, keiner sollte sich dadurch abschrecken lassen. Ich habe auch immer nebenher mit Aktien spekuliert und langfristig immer mehr gewonnen als verloren. Es lohnt sich auf jeden Fall.

Dass es irgendwann einen neuen Crash geben wird, da sind sich alle Ökonomen einig. Doch wie wir aus der Entwicklung in den letzten Jahrhunderten gesehen haben, geht es danach auch weiter, manchmal sogar besser als vorher.

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Re: Tulpenfieber

Beitrag von Marek1964 am Mi Sep 06, 2017 7:03 pm

Sehr schön dargestellt, Wallenstein. Ja, die Crashes können in gewisser Weise als reinigendes Gewitter betrachtet werden, aber George Soros nennt es auch "Abrissbirnen". Es ist immer eine Frage, wie die Zentralbanken reagieren. Es darf nicht die Liquidität abgewürgt werden. Das war 1929ff der Fall.

Dass Du durch Aktien Dein Vermögen vermehrt hast, hast Du ja auch schon beschrieben, es war eigentlich schon immer die langfristig richtige Anlage, wenn man gut diversifiziert hat, was bei Aktien einfacher ist als bei Immobilien.

Dass der Euro crashen wird, wurde hier auch schon diskutiert, aber das ist eigentlich ein Sonderfall, obschon es auch dafür historische Beispiele gibt, wie HW Sinn gerne erwähnt, die US Finanzen vor dem Sezessionskrieg, aber auch das Ende der lateinischen Münzunion.

Grundsätzlich führen Blasen zu Fehlallokationen, meist durch zu kurzfristiges Denken. Je länger sie gehen, desto drastischer dann die Konsequenzen.

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Re: Tulpenfieber

Beitrag von Wallenstein am Sa Sep 09, 2017 2:44 pm

Der Aktionär erhält seinen Gewinn dadurch, dass er andere arbeiten lässt, denn aus dem Nichts heraus entsteht auch hier kein Geld.
Die Wirtschaftstheorie würde sagen: Der Gewinn ist bei mir die Belohnung für Konsumverzicht. Ich hätte das Geld ja auch gleich ausgeben können. Da ich das nicht getan habe, wird dies mir nun vergoldet.

In Wirklichkeit entsteht er natürlich in erster Linie durch die Schufterei anderer Leute, unter anderem auch durch Broker, die kurz vor dem Herzinfarkt stehen und durch zahlreiche andere unerfreuliche Dinge, über die ich den Mantel des Schweigens breiten möchte.

(Der österreichische Ökonom Schumpeter bezeichnete einmal Krisen als schöpferische Zerstörung. Unrentable Betriebe verschwinden, neue Betriebe mit Innovationen setzen sich durch. Krisen seien wichtig für den Fortschritt. Das erinnert ein wenig an den Darwinismus, der ja auch die periodischen Massensterben in der Flora und Fauna als fortgesetzte Anpassung an die Umwelt sieht).

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Re: Tulpenfieber

Beitrag von ralfgrabuschnig am Mo Sep 11, 2017 5:47 pm

Danke für deine Ausführung Wallenstein. Eine wirklich gute und einfache Einführung in die Thematik. Auch der letzten Schlussfolgerung, dass es sich lohnt, in Aktien zu investieren, kann ich nur zustimmen.

Und Marek: sogar einen Eurocrash (an den ich ja nicht so recht glaube) kann man - solange der Atem lang genug ist - wegstecken. Wie du sagst, die Diversifizierung macht's und da muss man natürlich auch über eine Währung hinweg diversifizieren.
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Re: Tulpenfieber

Beitrag von Gontscharow am So Sep 17, 2017 5:46 pm

Ich bin seit eh und je Aktionär, würde aber nie behaupten, daß ich mich auskenne,
kann hier nur von meinen persönlichen Erfahrungen berichten.
Als Beispiel möchte ich die Aktien von Solarworld nehmen, die Tulpen des 21.jahrhunderts ;-)
Solarworldaktien haben in der Vergangenheit starke Kurssteigerungen erfahren. Nachdem die Politik Subventionen für die Nutzung der Solarenergie auflegte, stürzten sich die Spekulanten auf die Aktien, die im Wert explodierten. Wie Wallenstein es beschrieb, haben die Spekulanten kein Interesse am Unternehmen an sich sondern nur an Profitmaximierung.
Hätte man den richtigen Zeitpunkt zum Ein- und Ausstieg bei den Solarworldaktien gewählt, hätte man durchaus einen großen gewinn machen können. Nur leider kennt diesen Zeitpunkt niemand, weil niemand in die Zukunft blicken kann. Früher versuchten angebliche Magier die Zukunft aus dem Vogelflug oder den Eingeweiden toter Tiere zu "lesen", heute versuchen die Börsenexperten das Gleiche mittels gezackter Kurven und Linien auf "Charts" etc. Für mich der gleiche Humbug.
Inzwischen ist Solarworld bankrott, weil die Chinesen den Markt übernommen haben.
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