100 Jahre russische Revolution

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100 Jahre russische Revolution

Beitrag von Marek1964 am So Okt 22, 2017 7:10 pm

Am 25. Oktober nach juilanischem Kalender brach die Oktoberrevolution aus - auch wenn sie eher den Charakter eines Staatsstreiches hatte, wie dieser Artikel beschreibt: https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/wochenende-gesellschaft/100-jahre-russische-revolution-als-lenin-seine-machtgier-ueber-das-volkswohl-stellte

Ein interessanter Artikel auf der homepage des Schweizer Fernsehens. Hauptthese: Lenins Machtgier hätte das grosse Leid gebracht.

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Polemik im SRF

Beitrag von Lux:-? am Mo Okt 23, 2017 2:20 am

Ich habe das von Dir Verlinkte mal gelesen, Marek;
das sieht ganz so aus, als ob hier im Nachhinein Geschichtskorrektur bzw wenigstens ebenfalls Legendenbildung betrieben werden soll. Lenin ist nicht aus dem Nichts gekommen, sondern war schon lange in der SDAPR tätig und hatte sich wissenschaftlich mit den Werken von Marx und Engels auseinandergesetzt und dabei die Weiterentwicklung des Kapitalismus seit deren Zeiten berücksichtigt. Im Gegensatz zu den Erstgenannten ging er davon aus, dass es auch in einem kapitalistisch eher unterentwickelten Land möglich sein müsste, eine sog proletarische Revolution vorzubereiten, denn die kann nur spontan nicht erfolgreich sein, wie die Lehren aus früheren bürgerlichen und der Pariser Commune zeig(t)en. Gleichzeitig war ihm auch klar, dass diese Revolution in Russland nur erfolgreich sein konnte, wenn die Wirtschaft schnell weiterentwickelt würde. Für das alles hatte er Vorschläge und Theorien ausgearbeitet, die heute weit mehr als 20 Buchbände füllen. Diese immense Arbeit auf reine Machtgier herunterzuschwafeln, wird seiner Person nicht gerecht. Genauso könnte man auch andere bedeutende Personen der Weltgeschichte auf irgendwelche schematischen Klischees herunterstutzen. Und von keinem anderen Diktator der Weltgeschichte (außer viell Napoleon, allerdings rein militärisch) ist ein derartiges Arbeitspensum bekannt. Auch von Stalin nicht, denn der ließ unter seinem Namen schreiben, um als M-E-L gleichranging zu erscheinen.
Ein Witz der Geschichte ist außerdem, dass ausgerechnet Stalin, gegen den Widerstand Lenins, ganz demokratisch zum Generalsekretär gewählt wurde, was einerseits beweist, wie wichtig Öffentlichkeitsarbeit ist, und andererseits, dass Wahlen auch die falschen Leute an die Macht bringen können (Orbán, Kaczynski, Trump, Kurz & Strache und jetzt den tschechischen Milliardär).
Die SDAPR war genauso wie die SPD in Flügel geteilt, nur andersherum, die Mehrheit (deshalb Bolschewiki) war sozialistisch, die Minderheit (deshalb Menschewiki) reformistisch orientiert. Diese Mehrheit hat sich erst später in KPdSU umbenannt, was gleichzeitig ihr Ziel, nicht ihren Zustand zum Ausdruck bringen sollte, denn die von Marx postulierte kommunistische Gesellschaftsformation ist mangels der erforderlichen materiellen Grundlagen (wobei die Erreichung der ideellen aus heutiger Sicht auch anzuzweifeln wäre) bis zum Ende der SU nicht erreicht worden (und auch in China bis heute nicht!). Es wird von bürgerlichen Schreiberlingen nur allzugern vergessen, dass die diesbzgl Marxschen Theorien nicht nur eine lange Vorgeschichte (Utopisten von der Antike an), sondern auch eine wissenschaftliche Grundlage haben. Nur wie der Sozialismus oder gar der Kommunismus aussehen soll, davon hatten Marx und Engels nur ungefähre Vorstellungen, während  Lenin diese strategisch und später taktisch am lebenden Objekt zu entwickeln suchte. Und wegen der nicht mit Marxschen Vorgaben übereinstimmenden industriellen Entwicklung und damit eines großen Proletariats (wie in Westeuropa und den USA) hatte er die NEP (Neue ökonomische Politik) eingeführt, die auch auf kapitalistische Entwicklung (unter Staatskontrolle, wie heute in der VR China) setzte, was auch zu russisch-sowjetischen Millionären schon in den 20ern führte. Das war Stalin suspekt, weshalb er diese Entwicklung nach Lenins Tod stoppte und außerdem alle zivilen und militärischen Konkurrenten, die als mögliche Kontrahenten seiner Macht infrage kamen (auch ausländische), beseitigte. Das war am unverdächtigsten und somit "elegantesten" im Rahmen von Kampagnen zu erledigen, woran sich auch Mao Zedong erinnerte und deshalb die sog Kulturrevolution initiierte, um seine Gegner zu beseitigen.
Wenn die Oktoberrevolution nur ein Putsch und keine Revolution war, was war dann die bürgerliche Februarrevolution? Das klingt so, als ob nur das Bürgertum berechtigt und fähig wäre "echte" Revolutionen durchzuführen. Diese waren aber in der Vergangenheit stets gescheitert oder hatten im Endeffekt, auch wenn sie kleinbürgerlich wie in Frankreich begannen, letztlich immer nur der Großbourgeoisie zu kaum beschränkter Macht verholfen. In Russland wurde der Zar von der Heeresführung im Bunde mit anderen, auch großbürgerlichen Kreisen zur Abdankung gezwungen. Diese übernahmen dann die Macht und setzten den Krieg gegen den Willen der Soldaten und Arbeiter, die damals schon Räte (Sowjets) gebildet hatten, fort. Das wollte Lenin verhindern, diese Kreise entmachten, Frieden im Westen erreichen (deshalb Brest-Litowsk) und mit dem dringend erforderlichen industriellen Aus- und Aufbau des Landes beginnen, der sich dank des weißgardistischen Widerstands und westlicher (auch polnischer!) sowie fernöstlicher und US-Interventionen noch um Jahre verzögerte. Ohne das alles wäre Russland auf Grund seiner Unterentwicklung in der Folge wohl zum Spielball ausländischer Mächte geworden, wie man es bis dato schon mehrfach erlebt hatte (vgl Spanien & Portugal).
Neben der SDAPR gab es (auch nach der Oktoberrevolution) noch eine andere sozialistisch orientierte Partei, die sog Sozialrevolutionäre, die erst aufgelöst und verboten wurde, als einer ihrer Anhänger ein Attentat auf Lenin verübte, an dessen Spätfolgen er dann auch starb, was Stalin die Alleinherrschaft ermöglichte. So etwas kann also auch die Folge pseudolinker und linksradikaler emotionaler Wirrköpfigkeit sein, die sich heutzutage von einer Kinderkrankheit (Lenin) zu einer ernsten Gefahr für den gesellschaftlichen Fortschritt entwickelt hat, auch als zersetzende Waffe der Gegenseite (Beispiel: die quasi auf H.M.Broders irrwitzige Ideen zurückgehenden Antideutschen - vgl Wikipedia - und deren mainstream-geprägter Einfluss auf linke Medien und Kreise bis hin zum Parteivorstand der LINKEn).
Dass nun das heutige, durchaus auch als propagandistisch zu klassifizierende Bild vom Kommunismus nun genau von Diktatoren wie Stalin und Mao bestimmt wird (und auch Lenin da eingereiht werden soll), ist ebenfalls ein Treppenwitz der Geschichte (wenn man ganz still ist, kann man die Götter lachen hören, Zitat nach dem US-Film Der Untergang des Römischen Reiches). Während der verlinkte Artikel noch von hitzigen Diskussionen vor, während und nach der Revolution (unter Lenin) berichtet, war es damit unter Stalin mangels qualifizierter und mutiger Diskutanten vorbei. Wenn etwas Neues geschaffen werden soll, bieten sich scheinbar viele Wege zum Ziel an. Letztlich werden aber nur sehr wenige erfolgreich sein können. Ebenso erlauben solche Umbruchzeiten, besonders skrupellosen und machtgierigen Abenteurern und Karrieristen leichter, Einfluss und damit Macht zu gewinnen (auch 1989/90 in DDR und Osteuropa; die tatsächlichen Widerständler und Reformer haben längst verloren). Genau wie ein die Risiken von Investitionen und offenen Konkurrenzkämpfen scheuender Topmanager von heute, hat Stalin die Risiken einer Wegsuche gescheut und einen Weg verordnet, der seiner Macht nicht gefährlich werden konnte. Er hat folglich ein politisches Monopol errichtet, durchaus vglbar wirtschaftlichen Monopolen von heute, die zunehmend auch die Demokratie aushebelnde politische Macht gewinnen (oder auch sie schon seit Jahrzehnten weitgehend besitzen wie bspw in den USA). In diesem Zusammenhang ist auch interessant, dass die einst im Westen so populäre Konvergenztheorie (Annäherung von Realsozialismus und Kapitalismus durch technisch-gesellschaftliche Entwicklung) mangels Ersterem heute ebenso vergessen scheint wie Dritter-Weg-Theorien (zB von einem US-Präsidentenberater in den 70/80ern). Damit sind die Weichen hin zu einer Fehlentwicklung gestellt, die die gesamte Menschheit die Existenz kosten kann, denn das Universum (speziell der Planet) verzeiht Fehler solcher Dimension nicht. War der sog. Kommunismus ein gescheitertes Experiment, was ist dann der Neoliberalismus (besser Neokonservativismus, weil eben nicht liberal; seine Vertreter in den USA deshalb Neocons genannt), der quasi seit Jahrzehnten ein weltweites Experiment an lebenden Volkswirtschaften durchführt, das bisher nur katastrophale Ergebnisse (für die Völker und den Planeten, nicht die Profite!) gezeitigt hat, aber trotzdem (Profitlobbyisten!) nicht abgebrochen wird? Was ist von einem v.Hayek, quasi Urvater menschenfeindlich-neokonservativer Ideologie und Vorbild für M.Friedman & seine Chicago-Boys, zu halten, der den blutigsten Diktator der chilenischen Geschichte hofierte, nur weil der seine unsäglichen Wirtschaftsideen umsetzen wollte (Folge: Millionen sind um ihre Altersversorgung und das Land um wirtschaftliche Stabilität, 100Tsde gleich ganz um ihr Leben gebracht worden).
In vielen Ländern Europas und der Welt (gerade auch in angelsächsischen) kann man Marxismus und speziell marxistische Wirtschaftstheorie und Politökonomie studieren, in deutschsprachigen kaum. Und wenn sie denn im wirtschaftswissenschaftlichen Studium erwähnt wird, dann idR abwertend. Gerade auch aus der Schweiz ist mir so etwas bekannt geworden. Dann braucht man sich auch nicht zu wundern, dass eine deutsch-schweizerische Wirtschaftswissenschaftlerin Pamphlete schreibt, die man als wirtschaftswissenschaftlicher "Mein Kampf" bezeichnen kann (Zitat aus Nutzer-/Diskussionsseiten der Wikipedia). Die Uni Zürich hat alle veröffentlicht, deutsche Universitäten (wohl deshalb) nur Teile davon.
Und wenn jemand wissen will, was mit Kommunistische Gesellschaftsformation gemeint ist, muss er sich nur die US-amerikanischen Kult-SciFi-Serien von Star Trek ansehen. Gene Roddenberrys Zukunftsvision für das 23.Jhd wurde später für das 24.Jhd weitergeführt und ausgebaut (bei der für das 22.Jhd ist das nicht so klar zu erkennen und die für unser 21. beinahe niederschmetternd!). Man beachte hier den gesellschaftlichen Hintergrund und die in Abstechern gezeigten Alternativen für das 22.-24.Jhd, ihren Anfang und ihr unrühmliches Ende, sowie den Spiegel, der der heutigen (irdischen) Gesellschaft in einigen Zeitreisefolgen und vor allem der Unterserie Deep Space Nine vorgehalten wird!
Man beachte auch die modernen wissenschaftlich begründeten Spekulationen zu außerirdischen Zivilisationen nebst Stephen Hawkings Warnung, die auf die eine oder andere Weise, auch auf Grund unserer eigenen Geschichte, berechtigt ist. Der Großteil dieser Zivilisationen mag sich ja selbst zerstören (in der darüber entscheidenden Pase befinden wir uns) oder zufällig durch planetare oder kosmische Ereignisse zerstört werden, aber die überlebenden werden, sofern sie dazu technisch in der Lage sind, kaum zulassen, dass sich eine auf Grund herrschender Ideologien (all-)gemeingefährliche Spezies in der Galaxis ausbreitet. Warten wir's ab...
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Re: 100 Jahre russische Revolution

Beitrag von ralfgrabuschnig am Mo Okt 23, 2017 5:21 pm

Bitte nicht persönlich nehmen, aber das war mir jetzt zu lange, lieber Lux:-? Wink

Daher nur eine kleine Werbung an der Stelle. Ich habe gerade an einer Blogparade für das Deutsche Historische Museum Berlin teilgenommen. Dort startete letzte Woche die neue Ausstellung "Umsturz" zur Oktoberrevolution, die mir sehr besuchenswert erscheint!

http://www.dhm.de/ausstellungen/1917-revolution.html
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Re: 100 Jahre russische Revolution

Beitrag von Moschusochse am Sa Nov 11, 2017 10:46 am

Hier bin ich auf ein interessantes Buch gestossen: https://www.amazon.de/Revolution-Russland-1917-J%C3%B6rg-Baberowski/dp/3937967273

Unten steht eine ziemlich umfassende Rezension von Jörg Baberowski, das vor allem die Grausamkeit der Revolution, und zwar schon vom Frühjahr 1917 an, betont.

Kennt jemand das Buch? Der Autor ist ja nicht ganz unumstritten, ich weiss aber nicht warum. Hat jemand mehr dazu?
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