Verbrechen nach Kriegsende, Rache oder Siegerjustiz

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Verbrechen nach Kriegsende, Rache oder Siegerjustiz

Beitrag von Nemeth am Fr März 13, 2015 11:02 am

So möchte ich an einige Gegebenheiten erinnern, die  zwar noch keine 100 Jahre zurückliegen.
es gibt aber noch einige, wenige Zeitzeugen, die mittel-oder unmittelbar davon betroffen
wurden.
Keinesfalls sollen Verbrechen, die während eines Krieges an der Zivilbevölkerung begangen
wurden  beschönigt, relativiert werden.
Doch hier gebe ich einige Anregungen zum Nachlesen, wie Befreier und Befreite mit denen
umgegangen sind, die sich ihnen ausgeliefert sahen.

1. Brünner Todesmarsch
2. Massaker von Aussig
3. Massaker von Glaserhau
4. Blutgericht von Lanskroun

Die juristische Aufarbeitung dieser Geschehen hat bisher nicht stattgefunden. Aufgrund des
"Amnestiegesetzes" Nr. 115 vom 8. Mai 1946 sind derlei bis zum 28.10. 1945
begangenen Taten  Straffrei.

Diese Informationen sind jedermann zugänglich  und haben ihren Ursprung
nicht von der Sudetendeutschen Landsmannschaft.
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Re: Verbrechen nach Kriegsende, Rache oder Siegerjustiz

Beitrag von Marek1964 am Fr März 13, 2015 1:02 pm

Nemeth schrieb:

Die juristische Aufarbeitung dieser Geschehen hat bisher nicht stattgefunden. Aufgrund des
"Amnestiegesetzes" Nr. 115 vom 8. Mai 1946 sind derlei bis zum 28.10. 1945
begangenen Taten  Straffrei.

Diese Informationen sind jedermann zugänglich  und haben ihren Ursprung
nicht von der Sudetendeutschen Landsmannschaft.

Den Ursprung nicht, aber es wird gerne ungenau und einseitig wiedergegeben und deshalb so im deutschsprachigen Raum rezipiert.

Dieses Amnestiegesetz war nicht dazu gedacht, willkürlich begangene Verbrechen an Unschuldigen zu amnestieren, sondern nur solche im Zuge des "Befreiungskampfes" und allenfalls Selbstjustiz an "Schuldigen" - also etwa SS- oder Wehrmachtsangehörigen und solchen, die in den nazi Terror verwickelt waren.

Durch den starken Einfluss der Kommunisten wurde es dann sehr weit ausgelegt und in der Praxis gab es oft schon gar keine Untersuchungen. Das empörte die nicht kommunistischen Parlamentarier und es wurden Untersuchungen eingeleitet. Die kommunistische Machtergreifung im Februar 1948 führte zum endgültigen Ende der Untersuchungen.

Immerhin gelang es einen Schuldigen - Karol Pazúr, zu verurteilen. Dass er unter den Kommunisten später freigelassen wurde und der gegen ihn ermittelnde Staatsanwalt umgekehrt von den Kommunisten in einem konstruierten Prozess verurteilt wurde, ist bezeichnend.

Hier die Quelle:

http://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Prerau

Ich werde sicher später noch detaillierter zu der Thematik schreiben.
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Re: Verbrechen nach Kriegsende, Rache oder Siegerjustiz

Beitrag von Nemeth am Fr März 13, 2015 2:04 pm

Zu dieser Problematik ist zu sagen, daß wir als Deutsche, egal welchen Alters für alles was in
unserem Namen verbrochen worden ist, geradestehen müssen.
Komme nicht einer von uns Deutschen, auf die Idee, Verbrechen, die an uns begangen wurden zu erwähnen.
Sofort kommt die Totschlagskeule--Nazis, Hitler, Haydrich usw.-- und nicht zu vergessen, die Sudetendeutsche
Landsmannschaft.
Ich spreche nicht von Verbrechen während des Krieges, sondern nach der Kapitulation 8. Mai 1945.
Als der gewendete Mob, die Protektoratspolizei und vieles anderes Gelichter auf die wehrlosen
Zivilisten losgelassen wurden. Rache, Rache, ja wofür ?
Vertreibung Unschuldiger, Beraubung und Deportation ?
Dieses zu relativieren oder gar zu beschönigen und als Heldentat hinzustellen, finde ich schon sehr be-
merkenswert.
Wenn die Vertreibung Unschuldiger ein Verbrechen war, so daft man doch mit Fug und Recht die
Drahtzieher als Verbrecher bezeichnen.

Die Problematik als Unbetroffener dazustellen ist doch etwas anders als wenn man selbst davon betroffen ist.
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Re: Verbrechen nach Kriegsende, Rache oder Siegerjustiz

Beitrag von Judas Phatre am Sa März 14, 2015 1:16 pm

Nemeth schrieb:... daß wir als Deutsche, egal welchen Alters  für alles was in
unserem Namen verbrochen worden ist, geradestehen müssen.
Das müssen wir nicht und können wir auch nicht.

Nemeth schrieb:
Komme nicht einer von uns Deutschen, auf die Idee, Verbrechen, die an uns begangen wurden zu erwähnen.
Natürlich ist das erlaubt. Meiner Meinung nach muss die Wahrheit sogar heraus, besonders nachdem die Beteiligten tot sind. Es darf nur nicht im Ramen von Revanchismus geschehen. Wir haben keine Forderungen. Das Ziel muss sein, zu erkennen, warum es geschah. Wir wollen aus der Geschichte lernen.
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Re: Verbrechen nach Kriegsende, Rache oder Siegerjustiz

Beitrag von Wallenstein am Sa März 14, 2015 2:01 pm

Nemeth:
Nemeth schrieb:
Komme nicht einer von uns Deutschen, auf die Idee, Verbrechen, die an uns begangen wurden zu erwähnen.

Du rennst hier doch offene Türen ein. Zumindest in der Bundesrepublik ist breit auch über die alliierten Verbrechen diskutiert worden, und das nicht nur von Revanchisten oder Heimatvertriebenen. Als ich zur Schule ging, in den fünfziger und sechziger Jahren, wurde darüber auch immer von den Lehrern berichtet. Insbesonders ging es um die Exzesse der Roten Armee, der Behandlung der Kriegsgefangenen in der UDSSR und anderen Ländern, den Bombenangriffen, den Vertreibungen nach 1945. Darüber wurde ausführlich berichtet und diskutiert. Das war vielleicht bei euch anders.

Und ich erinnere an die Rede von unserem Bundespräsidenten Weizsäcker vom 8. Mai 1985, zum Kriegsende, in der es unter anderem heißt:

„Es gab Unschuldige, die verfolgt wurden, und Schuldige, die entkamen. Die einen hatten das Glück, zu Hause in vertrauter Umgebung ein neues Leben aufbauen zu können….
Bei uns selbst wurde das Schwerste den Heimatvertriebenen abverlangt. Ihnen ist noch lange nach dem 8. Mai bitteres Leid und schweres Unrecht widerfahren….
Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Niemand wird um dieser Befreiung willen vergessen, welche schweren Leiden für viele Menschen mit dem 8. Mai erst begannen und danach folgten. Aber wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte. Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen.“

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/weizsaecker-rede-1985-8-mai-war-ein-tag-der-befreiung-a-354568.html

Diese Rede ist sehr ausgewogen und zeigt den Zusammenhang zwischen Krieg und den nachfolgenden Ereignissen sehr gut auf.

Und am 21. Januar 1997 haben die deutsche und die tschechische Regierung eine gemeinsame Erklärung abgegeben. Auch die tschechische Regierung gesteht hier ihre Schuld ein:

„Paragraph III:
Die tschechische Seite bedauert, dass durch die nach dem Kriegsende erfolgte Vertreibung sowie zwangsweise Aussiedlung der Sudetendeutschen aus der damaligen Tschechoslowakei, die Enteignung und Ausbürgerung unschuldigen Menschen viel Leid und Unrecht zugefügt wurde, und dies auch angesichts des kollektiven Charakters der Schuldzuweisung. Sie bedauert insbesondere die Exzesse, die im Widerspruch zu elementaren humanitären Grundsätzen und auch den damals geltenden rechtlichen Normen gestanden haben, und bedauert darüber hinaus, dass es aufgrund des Gesetzes Nr. 115 vom 8. Mai 1946 ermöglicht wurde, diese Exzesse als nicht widerrechtlich anzusehen, und dass infolge dessen diese Taten nicht bestraft wurden.

Paragraph IV
Beide Seiten stimmen darin überein, dass das begangene Unrecht der Vergangenheit angehört und werden daher ihre Beziehungen auf die Zukunft ausrichten. Gerade deshalb, weil sie sich der tragischen Kapitel ihrer Geschichte bewusst bleiben, sind sie entschlossen, in der Gestaltung ihrer Beziehungen weiterhin der Verständigung und dem gegenseitigen Einvernehmen Vorrang einzuräumen, wobei jede Seite ihrer Rechtsordnung verpflichtet bleibt und respektiert, dass die andere Seite eine andere Rechtsauffassung hat. Beide Seiten erklären deshalb, dass sie ihre Beziehungen nicht mit aus der Vergangenheit herrührenden politischen und rechtlichen Fragen belasten werden.“

http://www.bundestag.de/kulturundgeschichte/geschichte/gastredner/havel/havel2/244732

Es macht wirklich keinen Sinn, diese sattsam bekannten Dinge ständig wieder neu hervorzusuchen.

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Re: Verbrechen nach Kriegsende, Rache oder Siegerjustiz

Beitrag von Waldi am Sa März 14, 2015 4:24 pm

Komischerweise soll der Deutsche die Klappe halten, was von alliierter Seite dem deutschen Volke auch noch nach `45 angetan wurde. Von der Zeit in den Dreißigern will ich gar nicht erst reden.

Juden usw., prangern in regelmäßigen Abständen die Verbrechen der Deutschen an.
Kann dieses Volk nicht ab, denn es geht mir tierisch auf die Klöten, tagaus, tagein die selbe Laier zu hören.

Wenn dem so sein soll, wie von Dir geschrieben, dann muß für Alle kriegsteilnehmden Nationen auch hier entgültig ein Schlußstrich gezogen werden und nicht wie eine Gebetsmühle die Verbrechen der Deutschen an deren Landsleute immer und immer wieder auf dem Taplet serviert zu werden.






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Re: Verbrechen nach Kriegsende, Rache oder Siegerjustiz

Beitrag von Judas Phatre am Sa März 14, 2015 4:31 pm

Waldi schrieb:....dann muß für Alle kriegsteilnehmden Nationen auch hier entgültig ein Schlußstrich gezogen werden und nicht wie eine Gebetsmühle die Verbrechen der Deutschen an deren Landsleute immer und immer wieder auf dem Taplet serviert zu werden.
Die Fehler, die gemacht wurden, müssen im Bewusstsein bleiben. Nur der Bezug zu Menschen, die dafür nichts können, ist unvernünftig. Im Grunde ist doch das alliierte Flächenbombardement von Wohngebieten, die Massenmorde der Deutschen und Österreicher (und ...), die Vertreibungen durch Tschechen und Polen unser gemeinsames Erbe.Keiner von uns (hoffe ich) kann etwas dafür. Unsere Aufgabe ist es nur, das aufzuarbeiten, die Gründe zu verstehen, damit es in Zukunft besser läuft.
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Re: Verbrechen nach Kriegsende, Rache oder Siegerjustiz

Beitrag von Waldi am Sa März 14, 2015 5:05 pm

Alles gut und schön.

Fehler sollen auch im Bewußtsein bleiben, nur eben nicht laufend auf`s Butterbrot geschmiert bekommen.
Sehe noch kommen, daß, mit den Juden angefangen, nun noch die Moslems ein großes "Mitspracherecht" in Deutschland bekommen - Koptuchurteil,....

Von der jüngeren Generation haben die wenigsten einen Bezug zu dieser Geschichte, was ich teils auch verstehen kann.
Unser Augenmerk ist nach vorne zu richten!

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Re: Verbrechen nach Kriegsende, Rache oder Siegerjustiz

Beitrag von Nemeth am Sa März 14, 2015 6:02 pm

Es kann keiner von uns (so hoffe ich ) dafür.

Und trotzdem habe ich als Betroffener eine Meinung dazu.
Diese stimmt nicht immer mit dem überein. was allgemein
gewünscht wird.
(Das Schicksal der Erlebnisgeneration unterscheidet sich von dem
was in Lehrbüchern steht oder was an Diplomatentischen aus-
gehandelt wird )
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Re: Verbrechen nach Kriegsende, Rache oder Siegerjustiz

Beitrag von Waldi am Sa März 14, 2015 7:46 pm

Lehrbücher/Schulbücher werden so geschrieben, daß den Schülern übermittelt wird, was der Deutsche doch für eine Bestie war usw.
Warum, weshalb und wieso es zum WKI/WKII gekommen ist ...., wäre auch einmal außerhalb normalen Geschichtsbüchern sehr interessant zu erfahren, mit allen Hintergründen ....

Als Geschichtsbuch sollte dieser Band an den Schulen zur "Standartgeschichtsbibel" eingeführt werden:

Gerd Schultze-Rhonhof - Der Krieg, der viele Väter hatte

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Re: Verbrechen nach Kriegsende, Rache oder Siegerjustiz

Beitrag von Judas Phatre am Sa März 14, 2015 11:28 pm

Waldi schrieb:Lehrbücher/Schulbücher werden so geschrieben, daß den Schülern übermittelt wird, was der Deutsche doch für eine Bestie war usw.
Warum, weshalb und wieso es zum WKI/WKII gekommen ist ...., wäre auch einmal außerhalb normalen Geschichtsbüchern sehr interessant zu erfahren, mit allen Hintergründen ....
Es ist wichtig zu sehen, dass jede Nation in Europa unter bestimmten Bedingungen ähnlich gehandelt hat oder hätte. Egoismus und falsch verstandener Nationalismus bringen Staaten noch heute dazu, ähnlich zu handeln. Russland in der Ukraine oder GB und USA im Irak sind Beispiele dafür, dass es eine Menge aufzuarbeiten gibt.
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Re: Verbrechen nach Kriegsende, Rache oder Siegerjustiz

Beitrag von wfwbinder am Fr Jul 31, 2015 5:31 pm

Die Verbrechen der Befreier. Amerikas dunkle Geheimnisse im zweiten Weltkrieg.

https://www.youtube.com/watch?v=Oz8UHgy6bfk

Ein sehr gut recherchierter Bericht über Verbrechen der US-Soldaten nach der Invasion in der Normandie und nach Ende des zweiten Weltkrieges.

So wurden auch FRauen im befreiten Frankreich, also in einem verbündeten Land, vergewaltigt.

Es geht auch um Verbrechen an Kriegsgefangenen.
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Re: Verbrechen nach Kriegsende, Rache oder Siegerjustiz

Beitrag von Waldi am Fr Jul 31, 2015 6:02 pm

Servus Walter,

danke für den Hinweis!

Wen es interessiert:
Franz W. Seidler, Deutsche Opfer - Alliierte Täter 1945

James Bacque, Der geplante Tod - Deutsche Kriegsgefangene in amerik. und franz. Lagern 1945-1946
" , Verschwiegene Schuld - die alliierte Besazungspolitik in DEutschland nach 1945 - Rheinwiesen....

Gerd Sudholt, Ungesühnt - anglo-amerik. Kriegsverbrechen 1939-45

und und und

GW

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Re: Verbrechen nach Kriegsende, Rache oder Siegerjustiz

Beitrag von Nemeth am Fr Jul 31, 2015 7:53 pm

Heute vor 70 Jahren

http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/europa/vor-70-jahren-fand-das-massaker-von-aussig-statt-13716067.html

Dies ist ein Artikel aus der FAZ, die nicht im Verdacht steht mit der Sudetendeutschen Landsmannschaft
auf einer Linie zu sein.
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Re: Verbrechen nach Kriegsende, Rache oder Siegerjustiz

Beitrag von Rübezahl am Fr Jul 31, 2015 9:20 pm

Als Geschichtsbuch sollte dieser Band an den Schulen zur "Standartgeschichtsbibel" eingeführt werden:

Gerd Schultze-Rhonhof - Der Krieg, der viele Väter hatte


Diesem Wunsch kann ich mich nicht anschließen. Schulze-Rhonhof hat zwar eine gewaltige Arbeit geleistet, aber er vermischt geschickt Wahrheiten mit Hypothesen und lässt Tatsachen, die nicht in sein Bild passen, einfach weg. Das Ergebnis lautet dann so, dass der arme Hitler praktisch zum Krieg gezwungen werden. So kann man es auch nicht machen. Schulze-Rhonhof stellt sich damit in eine Reihe (bzw. als Antipode) mit den Geschichtsklitterern, die alle Schuld ausschließlich bei Deutschland sehen, und schadet damit einer ernsthaften Aufarbeitung der Geschichte.

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Re: Verbrechen nach Kriegsende, Rache oder Siegerjustiz

Beitrag von Orianne am So Aug 02, 2015 12:39 pm

Lese ich den Titel des Threads so muss ich sagen, dass eine gewisse Rache bzw. Siegerjustiz schon bestanden hatte.
Auf der einen Seite wollte man in den Nürnberger Prozessen den Angeklagten einen relativ fairen Prozess machen, auf der
anderen Seite liess man doch viele kleine Helfer, wie z.B. den "Auschwitz-Buchhalter" mehrmals laufen. Ohne diese Leute hätte
der Holocaust nie in dem Mass funktionieren können.

Ich verweise hier auf eine Interview der mehrmals verurteilten Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck, einer Frau, die es nie begreifen wird.

_________________


Grant stood by me when I was crazy, and I stood by him when he was drunk, and now we stand by each other.

General William Tecumseh Sherman
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Re: Verbrechen nach Kriegsende, Rache oder Siegerjustiz

Beitrag von Marek1964 am Do Feb 11, 2016 10:53 pm

Nemeth schrieb:Heute vor 70 Jahren

http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/europa/vor-70-jahren-fand-das-massaker-von-aussig-statt-13716067.html

Dies ist ein Artikel aus der FAZ, die nicht im Verdacht steht mit der  Sudetendeutschen Landsmannschaft
auf einer Linie zu sein.

Die FAZ ingesamt sicher nicht, aber den Autor kenne ich und sehe ihn als problematisch an.

Der Artikel des Autors, der in der Vergangenheit auch schon mal die Racheakte der Tschechen an den Deutschen in Böhmen und Mähren mit dem Holocaust verglich – eine völlig unhaltbare Behauptung - ist schon vom Titel her tendenziös.

Da wird von dem gesprochen was „Tschechen und Sudetendeutsche bis heute trennt“  - das ist reisserisch. Vor allem muss heute gefragt werden, wer überhaupt heute noch Sudetendeutsche sind. Seit 70 Jahren leben diese in Deutschland und von dene, respektive deren Nachfahren, fühlen sich die wenigsten noch als Sudetendeutsche, ohnehin nur ein Kunstbegriff von Deutschen, die Vorfahren in Böhmen und Mähren haben oder dort geboren worden sind. Es ist nur noch eine kleine Schar Leute. Da muss gesagt werden, dass diese kaum als Volksgruppe betrachtet werden und eigentlich auch fast niemanden mehr repräsentieren.

Weiter geht der Artikel darauf ein, dass die Polnischen Kirchenvertreter zwar schon 1965 „vergaben und um Vergebung baten“, das aber von der tschechischen katholischen Kirche erst 25 Jahre später (1990) der Fall war – und übersieht dabei, das Evangelische Christen um Přemysl Pitter schon 1958 die Tutzinger Erklärung unterzeichnet hatten  http://mujweb.cz/mathesius/139n.shtml#ToC107. Ohnehin ist die Frage, welchen Wert eine solche Aussage hat – ausser zu sagen, wie schlecht die Tschechen sind.

Dann begeht er einen ganz krassen Fehler : "In den Beziehungen zwischen der Tschechischen Republik und Deutschland vergingen weitere 17 Jahre bis zur „Deutsch-Tschechischen Erklärung“. Allein das lässt die Frage im Raum, inwieweit der Autor tatsächlich über die ganze Geschichte der Aufarbeitung seit 1990 im Bilde ist.

http://www.bundestag.de/kulturundgeschichte/geschichte/gastredner/havel/havel2/244732

Hier scheint ihn die Fähigkeit zum Rechnen verlassen zu haben – die Erklärung kam 1997 zu Stande – also sieben Jahre danach. Dass es nicht schneller ging, daran hatte die Deutsche Seite ihren Anteil. Es waren aber auch objektiv Recherchearbeiten der gemeinsamen Historikerkommission von Nöten.

Dann beschreibt er den Gegensatz auch in der tschechischen Politik angesichts dieser Frage: Einige sind bereit, ein gewisses Mass an Schuld einzugestehen, andere betonen, dass die  Racheakte wie den Bevölkerungstransfer als Folge der Politik der Nazis zu sehen sind. In der Tat, diesen Gegensatz gibt es, er ist aber verständlich.

Dann kommt er zum Massaker von Aussig (Ústí nad Labem) zur Rede von Beneš, in der er von der Liquidation der Deutschen Frage gesprochen hat. Dazu gibt es zu sagen, dass hier schon das Problem der Übersetzung auftaucht. „Vylikvidovat“ auf tschechisch hat nicht dieselbe Bedeutung wie „liquidieren“ auf Deutsch. Es heisst lediglich, dass das Problem gelöst werden muss – und damit war der Transfer der Deutschen Bevölkerung gemeint, keinesfalls sollte das dem Morden freien Lauf lassen.

In Aussig waren an den Ausschreitungen vor allem die Revolutionären Garden beteiligt. Diese wurden in der Tat vor allem aus Kommunisten, aber auch aus allerhand üblen Gesellen zusammengestellt. Die tschechische Bevölkerung nannte sie „rabovací gardy“ - plündernde und marodierende Garden“.

Man kann natürlich Beneš vorwerfen, dass er nicht entschlossener dagegen eingegriffen hat. Dazu gibt es einiges zu sagen. Zuerst muss man sagen, dass der Mann schon nicht mehr bei Kräften war – 1948 sollte er sterben. Dann waren die Revolutionären Garden dem Verteidigungsminister Svoboda unterstellt, einem Kommunisten. Dieser hatte die Ostfront als General der dortigen tschechoslowakischen Armee mitgemacht. Die Gräuel, die die Deutschen dort hinterlassen haben, haben ihn sicher nicht zu Milde gegenüber der ehemaligen Herrenrasse, die die Tschechen teils germanisieren, teils nach Osten deportieren und natürlich auch umbringen wollte.

Gewalttaten an Deutschen zu verhindern oder gar zu bestrafen, das war aber nun mal nirgendwo in Europa in den ersten Monaten nach dem Kriegsende die Priorität – angesichts der Wochenschauberichten mit den Leichenbergen, den Gräueltaten während der Okkupationszeit, der permanenten Angst, mitsamt seiner Familie erschossen zu werden, wie dann vor allem den bis zuletzt fanatisch betriebenen Kampf der Nazis (die letzten Schüsse von SS Männern in Prag fielen am 13. Mai 1945) liessen die Gewalt explodieren. Der Hass war enorm.

Die von Sudetendeutschen gerne betonte Tatsache, dass die alles nach dem Kriegsende geschah, soll suggerieren, dass man schon im Frieden diese Racheakte  verübt hat und wie feige dies doch ist. Es ist aber eine völlige Illusion, zu meinen, ein Krieg gehe zu Ende und plötzlich kehrt auf der ganzen Welt Frieden auf Erden und allen  Menschen ein Wohlgefallen ein. Ein Krieg führt immer zur Verrohung der Sitten, die war schon nach dem Ersten Weltkrieg auch in Deutschland der Fall, mit der Revolution und den vielen politischen Morden, vor allem der Rechten.

Der Zweite Weltkrieg war aber noch mal  um mindestens eine Dimension reicher, nämlich um diejenige der Versklavung, Deportation und Ausrottung der Völker, um Morde an ganzen Familien von Widerstandskämpfern oder auch nur falsch Denunzierten. Und dazu wäre es im Falle eines Endsiegs der Nazis zweifellos gekommen.

Ein weiterer Aspekt ist wichtig. Von den meisten Menschen der gegen die Nazis kämpfenden und von ihnen unterdrückten Nationen wurde die Deutschen als homogene Einheit gesehen, bei der alle sich willig in die Kriegsmaschinerie fügten, auch die Kinder, die gerade im Protektorat Böhmen und Mähren gerne als Denunzianten und Spitzel funktionierten. Es war sicher auch ein Teil einer totalitären Maschinerie, aber man darf nicht übersehen, dass viel zu viele sich mit Begeisterung dieser  Maschinerie zur Verfügung stellten und der Idee, eine Herrenrasse zu sein, sehr wohl Gefallen fanden.

Als weiteren Punkt erwähnt der Autor, dass sich die Sudetendeutschen vorstellen, Beneš solle nicht Namensgeber der Brücke in Aussig sein. Sie haben sich ihn schon zur Zeiten der tschechoslowakischen Republik, auch in Anlehnung an Hitler, zum Feindbild aufgebaut. Und sehen ihn als Hauptverantwortlichen der Racheakte. Manche bezeichnen ihn sogar als Kriegsverbrecher. Das ist masslos übertrieben.

Beneš war wohl für den Transfer der Deutschen in Böhmen und Mähren, aber in humaner Weise. Seine untergeordneten Minister, vor allem der Innen- sowie der Verteidigungsminister, beides Kommunisten, handelten aber selbständig, wobei selbst ihnen keine direkten Befehle zu Massakern nachgewiesen werden konnten. Aber die untergeordneten Stellen handelten selbst willkürlich. Ja, man kann sicher sagen, der Wille, sie zu stoppen, war sicher nicht in ausreichendem  Masse da, wiewohl es sehr schnell nach dem 8. Mai 1945 tschechische Stimmen gab, die der Lynchjustiz Einhalt gebieten  wollten.

Die Umbennenung von Örtlichkeiten von Beneš auf andere ist aber absurd, gerade wenn ich bedenke, dass es auch heute in Deutschland Strassen und Plätze gibt, die nach Hindenburg benannt werden, auch eine sehr problematische Persönlichkeit eines Militaristen, der einen Krieg geführt hat, in dem namentlich in Belgien  Kriegsverbrechen begangen wurden, die diejnigen in der Tschechoslowakei übertreffen. Dazu ist der Mann einer der Dolchstosslegendenerfinder und ernannte Hitler zum Reichskanzler. Anderes Beispiel: Man könnte auch von den Briten verlangen, Churchill zu entehren, weil er schliesslich auch die Bombardierung ziviler Ziele zu verantworten hatte.

Abschliessend muss gesagt sein, dass alle Toten, die auch im entferntesten den Racheakten   von tschechischer Seite zugerechnet werden können (also auch Tote in Folgen von Hunger, Krankheiten, Kälte und Selbstmorde), die von der Deutsch-Tschechischen Historikerkommissionn von 1997 festgelegt worden sind zwischen 15 000 und 30 000 betragen. Das ist soviel, wie es Ziviltote (also ohne Soldaten) an der Ostfront zwischen 1941 und 1944 auf sowjetischem Boden in ein bis zwei Tagen gab. Nur um die Dimensionen zu sehen. Im Verhältnis zu den Opfern des Nationalsozialismus in Tschechien betragen sie etwa 4-8%.

Die Penetranz, mit der sudetendeutsche Kreise lange Jahre mit diesen sicher zu verurteilenden Ereignissen operierte, um die Tschechen insgesamt zu diskreditieren, und sich dabei auch in Vergleiche mit dem Holocaust verstieg, ist etwas, was mich ärgert. Leider konnte sich recht wirksam die Rezeption in Deutschland und Österreich beeinflussen, und, was ich noch schlimmer finde, auch das Verhältnis zwischen der Bundesrepublik wirksam stören, was mich noch mehr ärgert und masste sich noch an, den EU-Eintritt Tschechiens verhindern zu wollen.

Dabei ist festzuhalten, dass die Sudetendeutsche Landsmannschaft ihre eigene, spezifisch sudetendeutsche Geschichte hinsichtlich ihrer Schuld nicht aufgearbeitet hat. Darunter auch das, dass zwischen 1848 und 1945 es hinreichend Deutsche in Böhmen und Mähren aber auch anderswo gab, die das Existenzrecht der tschechischen Nation insgesamt immer wieder negierte. Trauriger Höhpunkt war der Nationalsozialismus und der liess nun mal ebenfalls als traurigen Höhepunkt die Vertreibung und die Racheakte folgen.

Als weitergehende Literatur empfehle ich den Aufsatz von Jan Pauer, der vor allem auf die Entwicklung der deutsch-tschechischen Verhältnisse nach 1990 eingeht.

https://publishup.uni-potsdam.de/opus4-ubp/frontdoor/index/index/year/2006/docId/1055

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