Der böhmische Dreyfus - Leopold Hilsner - angeblicher jüdischer Ritualmord - Masaryk Verteidiger

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Der böhmische Dreyfus - Leopold Hilsner - angeblicher jüdischer Ritualmord - Masaryk Verteidiger

Beitrag von Marek1964 am Mo März 16, 2015 11:27 pm

Ich vergleiche die französiche Dreyfus (man beachte nur ein "s") Affäre mit der österreichisch/böhmisch/tschechischen Dreyfus Affäre, die sogenannte "Hilsneriada". Hier wurde ein jüdischer Taglöhner, Leopold Hilsner, verdächtigt, eine tschechische Magd und Jungfrau Namens Aněžka (Agnes) Hrůzová ermordet zu haben, und zwar nach dem angeblichen jüdischem Ritualmord. Man muss erwähnen: Hilsner war nicht nur Jude, aber auch Deutscher.

Der Prozess war hanebüchen, unglaubwürdige Zeugenaussagen, aber er wurde zum Tode verurteilt. Kaiser Franz Joseph begnadigte ihn aber, angeblich auf Druck von London und Paris.

Wer sich hier aber für ihn eingesetzt hatte: Tomáš G. Masaryk, zwei Jahrzehnte später erster tschechoslowakischer Präsident und Volksheld. Zu dem Zeitpunkt war er allerdings für die allermeisten Tschechen ein Verräter, der einen deutschen Juden in Schutz nahm, der eine tschechische Jungfrau ermordet hatte (es gab zu diesem Thema auch Volkslieder).

Warum schreibe ich das alles? Weil ich einfach als Tscheche leider sagen muss, dass Masaryk bei der Verteidigung von Hilsner so ziemlich allein da stand. Im Vergleich zu Frankreich, wo ja immerhin die Hälfte der Nation sich für Dreyfus eingesetzt hatte. Und die Grenze zwischen den Parteien verlief zwischen den Familien, quer durch die ganze Gesellschaft (siehe Karikatur unten).

In Prag wurde aber Masaryk selbst von seinen Studenten als "Deutschenfreund" ausgepfiffen (er war Uniprofessor). So gesehen muss man kompromisslos sagen: Die tschechische Gesellschaft war noch lange nicht so weit wie die französische, wo immerhin die Hälfte der Gesellschaft auf der Seite des Rechts und der Wahrheit war. Masaryk war einer von den "very few", der die Werte der hussitischen Reformation "die Wahrheit siegt" hochgehalten hat. Am Ende hat er gesiegt, aber es war hart und er war nahezu alleine.

In Frankreich waren die Dreyfusards immerhin die Hälfte der Gesellschaft. Hier dazu die Karikatur:

http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Caran-d-ache-dreyfus-supper.jpg

Der Text zum ersten Bild: Ein Familientreffen. Also, vor allem, heute abend wird nicht über Dreyfus gesprochen.

Der Text zum zweiten Bild: Man hat über Dreyfus gesprochen...


Hier eine zeitgenössische Karikatur einer tschechischen Zeitung, die Dreyfus und Hilsner ebenso Zola und Masaryk in einen Topf wirft... und damit, aus heutiger Sicht, ungewollte Selbstironie betreibt.

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Karikatura_z_doby_hilsneri%C3%A1dy.JPG

Hier dann noch weiter Links zum Fall Hilsner:

http://www.jta.org/1928/01/12/archive/leopold-hilsner-tragic-figure-in-ritual-murder-accusation-case-dies
http://www.hagalil.com/czech/juedische-geschichte/hilsner/leopold-hilsner.htm

http://de.wikipedia.org/wiki/Leopold_Hilsner

Dein Beitrag deutet aber meiner Interpretation nach eine weitere richtige Richtung an: Die Spaltung der französischen Gesellschaft ging auch nach dem glücklichen Ausgang der Dreyfus Affäre weiter, wenn wir so wollen bis 1944, vielleicht auch noch weiter, das kann ich jetzt nicht wirklich beurteilen. Aber es war eine Sternstunde französischer Geschichte.
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Re: Der böhmische Dreyfus - Leopold Hilsner - angeblicher jüdischer Ritualmord - Masaryk Verteidiger

Beitrag von Skeptik am Fr Jan 06, 2017 5:47 pm

Marek, das dürfte dich interessieren:

Der tschechoslowakische Präsident Tomas Masaryk könnte ein Sohn von Kaiser Franz Josef sein.
Masaryks Mutter, Theresia Kropaczek, arbeitete auf dem Schloss in Hodonin als Köchin. Dort könnte laut der These Franz Joseph die 1813 geborene Kropaczek kennengelernt haben. Sie war damals rund 17 Jahre älter als der Kaiser.
Sie wurde schwanger und wurde mit dem zehn Jahre jüngeren Kutscher Josef Masarik verheiratet. Sie stammte aus einer wohlhabenden Bauersfamilie, während ihr Mann ein armer Kerl war, der weder lesen noch schreiben konnte.
Es soll ein Tagebuch des Franz Josef geben in dem sich eine verräterische Notiz findet: "Kropaczek erl." - Der Name der jungen Frau war Theresia Kropaczek und ist die Mutter von Tomas Masaryk.

http://orf.at/stories/2372965/2372970/

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Re: Der böhmische Dreyfus - Leopold Hilsner - angeblicher jüdischer Ritualmord - Masaryk Verteidiger

Beitrag von Marek1964 am Fr Jan 06, 2017 6:34 pm

Danke, Skeptik, ja, die Spekulationen sind schon alt, bereits zur Hilsner Affäre hatte man das Gerücht gestreut, sein Vater sei Jude. Anlass zur Spekulation gab die Tatsache, dass seine Mutter von höherem sozialen Rang und älter als sein Vater war - und sie im zweiten Monat Schwangerschaft geheiratet hat. Nur, wenn der echte Vater der Kaiser war, warum heiratete sie dann einen jüngeren Mann von niedererem Stand? Die naheliegendste Erklärung ist diejenige, dass da halt ein gemeinsames Abenteuer die beiden zu dieser Heirat zwang, da waren sie nicht die ersten und auch nicht die letzten.

Als weitere Indizien wird gewertet, dass Masaryk einige Probleme hatte und dann trotzdem immer wieder auf die Beine kam, so flog er von der Schule in Brünn und konnte dann aber in Wien weiterstudieren. Das könnte ein Hinweis auf eine gewisse Protektion sein. Könnte.

Aber alles nur Spekulation und einige Leute wollen sich und ihre Publikationen wohl so interessant machen.

In der tschechischen Zeitung lidové noviny schreibt man: Ist es nicht letztlich egal, wenn er einen anderen leiblichen Vater hatte? Er war ein grossartiger Mensch und das allein zählt.

Dem kann ich mich nur anschliessen - und für seinen gerechten Kampf für Leopold Hilsner hatte er von niemandem Protektion bekommen - es sei denn man werte dessen Begnadigung durch Kaiser Franz-Joseph auch noch als Indiz dafür...

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