Auf dem Hippie trail

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Auf dem Hippie trail

Beitrag von Wallenstein am Sa März 28, 2015 2:00 pm

In den sechziger Jahren zog es junge Leute wie mich, ich bin Jahrgang 1944, in die weite Ferne. Mit viel Zeit, aber wenig Geld, war dies ohne weiteres möglich. Es gab verschiedene Wege in exotische Länder zu fahren. Ich bevorzugte folgende Route:
Im Frühjahr sammelte man sich in München im Englischen Garten, aß billige Hähnchen in der Leopoldstraße und feierte jede Nacht am Wedekind - Brunnen. Dann per Autostopp nach Paris,  ich blieb mehrere Wochen im Quartier Latin, dann weiter nach Südfrankreich. Dort anschließend nach Spanien und von Barcelona mit der Fähre nach Ibiza. In der weißen, arabisch wirkenden Stadt entwickelte sich damals eine regelrechte Hippie-Kultur, die später von den Pauschaltouristen verdrängt wurde. Auf der Nachbarinsel Formentera wohnten wir in kleinen Häusern, die die Einheimischen vermieteten. Nach einigen Wochen ging es weiter nach Süd Spanien und von Algeciras mit dem Schiff nach Tanger in Marokko. Dort lernte man erstmals den Orient kennen, eine völlig andere Welt, weiße Häuser mit Flachdächern, ein verwinkeltes Gewirr aus Gassen, verschleierte Frauen, Gebetsrufe von den Minaretten. Die Menschen waren freundlich, wenn auch ein wenig aufdringlich.

Mit der Eisenbahn dann in zur Endstation Marrakesch, eine Stadt wie aus Tausendundeiner Nacht. Wir wohnten in billigen Hotels in der Nähe von dem weltberühmten Platz Djemaa el Fna, auf dem pausenlos Gaukler, Akrobaten, Schlangenbeschwörer und Händler aktiv waren. In den Hotels wurde überall Haschisch geraucht, kein Mensch kümmerte sich um Verbote.
Im Sommer trampte ich dann zurück  über Spanien nach Italien bis nach Brindisi und nahm dort die Fähre nach Griechenland. Auf Kreta und anderen Inseln ließ es sich wunderbar und billig leben. Auch Mykonos war damals noch ein Geheimtipp, es gab kaum Touristen.

Die Weiterfahrt in die Türkei war immer mühselig, die Verbindungen schlecht, die Kontrollen endlos. In Istanbul gab es den sogenannten „Pudding Shop“ in der Nähe der Blauen Moschee. Hier trafen sich alle, die nach Asien weiter wollten. Ich wählte den Zug nach Teheran, er dauerte dreieinhalb Tage und war außerordentlich strapaziös, doch er kostete nur 30,- DM und fuhr durch eine einmalig schöne Landschaft. In der Ferne sah ich den Berg Ararat.

Die moderne Stadt Teheran gefiel den Reisenden nicht, die einzige Unterkunft, Amir Kabir, eine Art Jugendherberge, war ständig überfüllt und der Geheimdienst des Schahs schnüffelte dort herum und kontrollierte ständig Pässe und Gepäck. Also weiter mit dem Bus an das Kaspische Meer und dann nach Afghanistan. Persien war nur Durchgangstation, dort wollte keiner bleiben.

An der afghanischen Grenze dauerten die Kontrollen einen ganzen Tag, dann ging es endlich mit dem Bus nach Herat, eine Stadt wie im finstersten Mittelalter, kaum Autos, Frauen mit Burkas, alles extrem primitiv. Die Hippies verließen selten die Hotels, meistens lagen sie mit Haschisch vollgedröhnt in den Aufenthaltsräumen auf den Teppichen herum, schon morgens völlig dicht.

24 Stunden dauerte der Bus nach Kabul, eine ziemlich hässliche, gesichtslose Stadt. In der Chicken Street wimmelte es von jungen Ausländern, Haschisch wurde überall offen verkauft, die Rock Cafés waren Tag und Nacht geöffnet, überall dröhnende Rockmusik aus dem Westen, das Essen und Trinken war hervorragend. Die Preise ein Witz, alles nur Pfennigbeträge für uns. Für 100,- DM konnte man in Kabul leben wie Gott in Frankreich.

Hatte man von der Hauptstadt die Nase voll, besuchte man das Bamyan Tal mit den Buddha Statuen oder die wunderschönen Seen von Band-e-Amir. Auch hier gab es jede Menge Hotels, voll von Hippies.

Dann ging es weiter über den Khaiber-Pass nach Pakistan, ein Land, in dem sich auch keiner gerne aufhielt und dann ging es  endlich ins gelobte Land, nach Indien. Auch hier war es unglaublich billig. Inzwischen war es Herbst geworden und ich fuhr mit der Eisenbahn und weiter mit Bussen nach Nepal in die Hauptstadt Katmandu, ein wunderschöner Ort im Himalaya Gebirge. Wenn der Monsun im August endet, kann man die Berge in voller Pracht sehen. In Katmandu gab es Geschäfte, in denen Haschisch und Opium verkauft wurde, das war damals dort ganz legal. Deshalb war die Stadt voll von jungen Leuten aus Europa und den USA.

Wenn es kälter wurde, war es Zeit nach Goa in Südindien zu fahren, eine ehemalige portugiesische Kolonie mit endlosen weißen Stränden und Palmen. Der ideale Ort zum Überwintern. Wir wohnten in kleinen Hütten am Strand und fast jeden Abend fanden hier tolle Feten statt. Im Frühjahr konnte man dann die Rückreise nach Deutschland ins Auge fassen.

Solche langen Reisen kosteten damals fast nichts. Man konnte natürlich keine Ansprüche stellen.
Ja, ja lange ist es her. Heute wird so etwas wohl nicht mehr möglich sein.

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Re: Auf dem Hippie trail

Beitrag von SarahF am Sa März 28, 2015 2:10 pm

Doch, natürlich ist das heute auch noch möglich. Will ich zumindest schwer hoffen, denn ich möchte so was wie du es gemacht hast, auch mal machen. "Kein Geld" - das Problem ist allerdings geblieben.
Zusätzlich habe ich auch keine Zeit .... oder ich meine / mir wird eingeredet, keine Zeit zu haben.
Schnell mit spätestens 18 Abitur machen, dann eine Ausbildung/Studium im Schnellverfahren und nichts wie rein in den Beruf, ein paar Jahre arbeiten und dann eine Familie gründen und Kinder kriegen.So zumindest erwartet es die Gesellschaft von uns Jugendlichen. Herumbummeln zwischen Marokko und Indien ist da nicht (mehr) vorgesehen. Ich werde es aber trotzdem machen.
Schöne Schilderung übrigens, war wohl typisch für die Studenten der 60er Jahre ?
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Re: Auf dem Hippie trail

Beitrag von Wallenstein am Sa März 28, 2015 2:25 pm

SarahF schrieb:Doch, natürlich ist das heute auch noch möglich. Will ich zumindest schwer hoffen, denn ich möchte so was wie du es gemacht hast, auch mal machen. "Kein Geld" - das Problem ist allerdings geblieben.
Zusätzlich habe ich auch keine Zeit .... oder ich meine / mir wird eingeredet, keine Zeit zu haben.
Schnell mit spätestens 18 Abitur machen, dann eine Ausbildung/Studium im Schnellverfahren und nichts wie rein in den Beruf, ein paar Jahre arbeiten und dann eine Familie gründen und Kinder kriegen.So zumindest erwartet es die Gesellschaft von uns Jugendlichen. Herumbummeln zwischen Marokko und Indien ist da nicht (mehr) vorgesehen. Ich werde es aber trotzdem machen.
Schöne Schilderung übrigens, war wohl typisch für die Studenten der 60er Jahre ?

Ich kann nur hoffen, dass du das auch machen kannst. Denn wenn du dazu Lust hast, solltest du das unbedingt tun, denn sonst wirst du dich ewig ärgern. Später kann man es meistens nicht nachholen. Als ich später voll im Berufsleben stand, wäre das nicht mehr möglich gewesen.

Es war in den sechziger Jahren allerdings auch nicht typisch, für längere Zeit auszubrechen. In dem spießigen Klima der damaligen Bundesrepublik galt so etwas geradezu als unerhört. Dort hieß es auch: Schule, dann Arbeit, Familie und das übliche. Wer aus dieser Norm ausbrach, hatte es außerordentlich schwer, die große Masse der Bevölkerung hatte dafür überhaupt kein Verständnis. Glücklicherweise fanden sich dann aber genug junge Leute zusammen die auch die Schnauze voll hatten, alles vorgeschrieben zu bekommen. Das machte es leichter, dennoch wurde man dauernd scheel angesehen.

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Re: Auf dem Hippie trail

Beitrag von Gontscharow am So März 29, 2015 11:03 am

Das man scheel angesehen wurde, war ein Kontinuum, das kenne ich auch,
obwohl ich nicht mal solch lange Reisen in Länder, die auch für ihre Drogen berühmt sind,
gemacht habe Laughing .
Ich habe mir gerade überlegt, ob ich es heute bedaure, keine Weltreise gemact zu haben. Meine jüngste Nichte war so mutig und hat nach dem Abitur fast ein Jahr lang die Welt umrundet -
natürlich unschlagbar als Erfahrungsschatz.
Ich bin für mich zu dem Ergebnis gekommen, daß ich es nicht bereue.
Aber jeder junge Mensch, der es machen mächte, sollte sich ruhig so ein albes oder ganzes Jahr
Zeit dafür nehmen. Ich finde, "Weltreise" macht sich später auch gut im Lebenslauf Very Happy
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