1967 – Der legendäre „Summer of Love“

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1967 – Der legendäre „Summer of Love“

Beitrag von Wallenstein am Mi Apr 08, 2015 1:03 pm

In meinem Bericht über den Hippie Trail berichtete ich über die Reiseroute vieler Aussteiger in den sechziger Jahren, die damals von Europa nach Indien fuhren. Dies war allerdings eine abgespeckte Version, daneben gab es auch noch einen Trail, der um die ganze Welt führte. Diese „Vollversion“ unternahm ich 1967/68. Die Fahrt ging von Indien nach Bangkok, dann runter nach Singapur, von dort durch die indonesische Inselwelt und von Bali mit einem sehr teuren Flieger nach Darwin im Norden Australiens. Auf dem fünften Kontinent arbeitete ich mehrere Monate, um die Reisekasse aufzufüllen. Es war schon Dezember 1967, als ich von Sydney nach San Franzisco flog, leider zu spät, denn der „Summer of Love“ hatte inzwischen einem ziemlich kalten Winter Platz gemacht, und das betraf nicht nur die Temperaturen, die in diesem Teil Kaliforniens dann auch alles andere als sommerlich warm sind. Auf der Haight-Ashbury trieben sich viele ausgeflippte Typen herum, die schlechte Drogen nahmen und nicht mehr so gut drauf waren. (Die Haight-Ashbury ist ein Distrikt in San Franzisco, benannt nach der Kreuzung von Haight Street und Ashbury Street.)

In dem „Summer of Love“ hatten viele Hippies ihre Ersparnisse aufgebraucht und bettelten jetzt in der Stadt auf ziemlich aggressive Weise die Passanten an. Nicht wenige von ihnen nahmen inzwischen harte Drogen und schreckten auch vor Diebstahl und Gewalt nicht länger zurück. Viele Blumenkinder waren nicht mehr  Anhänger von „Love and Peace“. Die harte Realität zwang sie zurück in den nüchternen Alltag. Die Stadt gefiel mir nicht und nach einigen Wochen fuhr ich weiter  nach Mexiko.

In den sechziger Jahren durchlebten die USA eine tiefgreifende mentale Krise. Während der Ära von Präsident Eisenhower, liebevoll „Ike“ genannt, war das Land, von dem die Taxifahrer mir ständig versicherten, es sei das Beste auf der Welt, geradezu in Selbstgefälligkeit erstickt. Die Schattenseiten des Wohlstandes, wie die fortdauernde Diskriminierung der Minderheiten, vor allem die der Schwarzen, der Latinos und der Indianer, die sich ausbreitende grassierende Armut, all dies wurde nicht zur Kenntnis genommen. Doch das Land hatte Probleme, die konnten keinem entgehen, der durch die ausgedehnten Slums der Großstädte fuhr und die zahlreichen Bettler in den Downtowns sah.

Ein junger Senator aus Massachusetts, J.F. Kennedy, trat 1961 an, um das Land aus seinen erstarrten Strukturen zu befreien, doch seine Ermordung durchkreuzte zunächst diese Pläne. Sein Nachfolger, L.B. Johnson, war guten Willens, besaß aber nicht das  Charisma seines getöteten Vorgängers. Seine Vision von der „Great Society“ und der proklamierte „Krieg gegen die Armut“ überzeugten nicht. Die Gettos der Farbigen explodierten, die Bürgerrechtsbewegung rief zum Widerstand auf, an den Universitäten rebelliertem die Studenten. Vor allem aber verstrickte sich der Präsident in den sinnlosen Krieg in Vietnam, in dem zeitweilig 500.000 Soldaten kämpften. Damals gab es in den USA eine allgemeine Wehrpflicht, jeder junge Mann musste ständig mit seiner Einberufung rechnen. Diese düstere Aussicht verschreckte auch den im Allgemeinen patriotischen Mittelstand. Zwar konnten sich deren Kinder vor dem Kriegsdienst oft auf die Universitäten flüchten und es kämpften vor allem die Armen und Unterprivilegierten in den Reisfeldern von Indochina, doch die Sinnlosigkeit dieses militärischen Abenteuers rief eine breite Antikriegsbewegung ins Leben.

Vor diesem Hintergrund ist auch die Bewegung der Hippies zu verstehen. Ein großer Teil der amerikanischen Mittelstandsjugend brach aus dem „vollklimatisierten Alptraum“, wie es Henry Miller einmal genannt hatte, aus, um neue Wege zu suchen, eine Welt zu schaffen ohne Krieg und nur erfüllt von Liebe. Der traditionelle „American way of life“, immer größer, immer weiter, immer noch mehr Konsum, das überzeugte nicht mehr. Sie stiegen einfach aus und kündigten der Gesellschaft ihre Gefolgschaft auf. Sie vertraten eine verworrene Ideologie, eine Mischung aus Zen-Buddhismus, Siegmund Freud und Thoreau. Sie lasen die Werke ihrer Vorgänger-Generation, den Beatniks aus den fünfziger Jahren, Jack Kerouac und Ginsberg. Eine echte, tragfähige Ideologie besaßen sie nicht. Außerdem, sie blieben weiterhin durch tausend Fäden mit der bürgerlichen Gesellschaft verbunden, denn auch sie benötigten Geld in einer Welt, in der alles auf Warenproduktion beruht. Da sie den größten Teil ihrer Zeit mit Nichtstun verbrachten, brauchten sie eine ständig sprudelnde Geldquelle im Hintergrund.

So kehrten die meisten nach einiger Zeit in das normale Leben zurück. Einige mauserten sich zu Geschäftsleuten, in dem sie Kleidung und andere Accessoires  der Hippies herstellten, oder, düsterer, sie dealten mit Rauschgift. Die Hippie Bewegung wurde vom Big Business entdeckt, die ihre Kultur vollständig kommerzialisierten. Vor allem die Musikbranche profitierte davon, denn die  Songs mit ihrem neuen Lebensgefühl begeisterten die ganze Welt. Aus dieser Zeit stammen auch einige der 27er, Musiker, die schon mit 27 Jahren starben, oft an Drogen wie Jim Morrison, Janis Joplin  oder Jimi Hendrix.

Von Kalifornien aus schwappte diese neue Welle noch einmal auch auf die Ostküste über und feierte im Sommer 1969 in dem legendären Festival in Woodstock   einen grandiosen Höhepunkt. Aber dann kam das jähe Ende. Die Rolling Stones gaben Ende 1969 ein kostenloses Oper Air Fest in Altamont in der Nähe von San Francisco. Es endete in einem Inferno. Viele hatten schlechte Drogen genommen, die Hells Angels, als Ordnungstruppe engagiert, terrorisieren die Besucher. Noch während die Stones spielten, ermordeten sie vor den Augen von Mick Jagger einen Zuschauer. Dies wurde in dem Dokumentarfilm „Gimme Shelter“ (Beschütze mich) festgehalten.

Einige Hippies gründeten Wohngemeinschaften. Aus einer von ihnen ging die berüchtigte Manson-Family hervor, die  1969 auf der Farm von dem Regisseur Roman Polanski ein Blutbad anrichtete.
Der Traum der Hippies von einer besseren Welt war endgültig ausgeträumt.

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Re: 1967 – Der legendäre „Summer of Love“

Beitrag von Judas Phatre am Mi Apr 08, 2015 7:48 pm

Wallenstein schrieb:
...Ein großer Teil der amerikanischen Mittelstandsjugend brach aus dem „vollklimatisierten Alptraum“, wie es Henry Miller einmal genannt hatte, aus, um neue Wege zu suchen, eine Welt zu schaffen ohne Krieg und nur erfüllt von Liebe. Der traditionelle „American way of life“, immer größer, immer weiter, immer noch mehr Konsum, das überzeugte nicht mehr. Sie stiegen einfach aus und kündigten der Gesellschaft ihre Gefolgschaft auf. Sie vertraten eine verworrene Ideologie, eine Mischung aus Zen-Buddhismus, Siegmund Freud und Thoreau.
Bitte keine Abwertung, denn diese "verworrene Ideologie" ist uralt und muss meiner bescheidenen Meinung nach das Ziel der menschlichen Gesellschaft sein. Schon das Wort "Ideologie" ist falsch, denn dieses Wort bezeichnet eine vorgefasste Lehre. Das, was hinter diesen Lehren steht - sei es Spartakusaufstand, frühes Christentum, Französische Revolution oder russischer Kommunismus - ist doch immer dasselbe: Eine gerechte Gesellschaft, die ohne Gewalt auskommt. Kein menschlich erdachtes Konstrukt hat das erreicht oder kann das erreichen. Die Regeln müssen ständig adaptiert werden.
Wallenstein schrieb:
Der Traum der Hippies von einer besseren Welt war endgültig ausgeträumt.
Das ist er nicht. Die Bewegungen des 20. Jh. haben tiefe Spuren in unserer Gesellschaft hinterlassen. Dazu zähle ich die besten und erfolgreichsten: Die Unabhängigkeitsbewegungen in Südafrika und Indien, dann die Emanzipation der Schwarzen, der Frauen, der Homosexuellen und auch die Friedens- und Anarchiebewegungen. Europäische Gemeinschaft und Vereinte Nationen, in Grenzen auch die USA, betreiben eine Politik, die in erster Linie die Menschen aneinder annähern und Kriege verhindern soll. Das ist auch ein Erfolg der Hippiebewegung. Die Fehler dieser Bewegung gehören dazu, sind aber nicht das Wesentliche.
Nicht nur in "Hair" mutet Jesus von Nazareth wie ein Hippie an:
"Wenn ihr euch nicht der ganzen Welt enthaltet, werdet ihr die Herrschaft nicht erreichen, wenn ihr nicht die Woche zum Sabbat macht, werdet ihr den Vater nicht sehen." (Thomasevangelium 27)
Im Thomasevangelium entwirft Jesus die Umrisse einer "Hippie"-Gesellschaft, die zumindest in kleinem Format über Jahrhunderte funktioniert hat. Sie fußt auf einer Revolution von innen und sieht eine Gesellschaft vor, die wie eine Familie funktioniert: Der Egoismus des Einzelnen wird durch die Liebe zu den anderen kontrolliert.
Quasi eine Reinkarnation dieses Jesus war M.K.Gandhi. Seine "Experimente mit der Wahrheit" sind unbedingt lesenswert.
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Re: 1967 – Der legendäre „Summer of Love“

Beitrag von Gontscharow am Do Apr 09, 2015 10:33 am

Wallensteins "Augenzeugenbericht" und seine heutige Einschätzung der Hippies habe
ich interessiert gelesen. Da ich im "summer of love" erst drei Jahre alt war, kann ich mich
nicht wirklich selbst daraan erinnern, habe aber Erinnerung an die Jugendmode der 70er Jahre,
die Freunde meines 8 Jahre älteren Bruders und er kleideten sich in diesem Stil.

Ich finde die Hippies auch sympathisch, Judas Phatre. Aber das Projekt der europäischen Einigung bzw. ihre bisherigen Erfolge auf die Hippies zurückzuführen, finde ich nun doch ein wenig zu wohlwollend dieser Jugendkultur gegenüber Very Happy .Sie ist eher in der Generation unserer Eltern und Großeltern entstanden, die die Verwüstungen des II. Weltkrieges erleben mußten und wollten, daß so etwas nie wieder geschieht....koste es , was es wolle. Franz Josef Strauß - garantiert ein Anti-Hippie ( LOL) hat einmal auf die Frage, ob die Kosten der europäischen Vereinigung den deutschen Steuerzahler nicht über Gebühr belasten würden, geantwortet : "Was meinen Sie denn, was der Krieg gekostet hat ? ".Dagegen sind die Kosten für die EU sicherlich ein Schnäppchen.
Was die Emanzipationsbewegungen der Minderheiten betrifft, so kann ich am besten von der der Homosexuellen berichten, weil ich ihr selbst angehöre. Auch den bisherigen Erfolg unserer Bemühungen um ein Ende der Ausgrenzung würde ich nicht auf die Hippies zurückführen. Zugegeben allerdings, daß ich als Jugendlicher mich eher gegenüber einem Hippie als einem Konservativen als schwul geoutet hätte, weil ich von ihm mehr Verständnis aufgrund seiner eigenen Lebenseinstellung vermutet hätte. Demenstprechende Erfahrungen habe ich auch gemacht,
würde aber nicht generalisieren. Ich habe als Teenager auch äußerst feindselige Linke ( Hippies rechne ich jetzt mal zur Linken) und verständisvolle Rechte kennen gelernt. "Geheuer" war das Thema Homosexualität beiden Richtungen vor 30 Jahren ganz und gar nicht und sie hätten es lieber weiter totgeschwiegen.
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Re: 1967 – Der legendäre „Summer of Love“

Beitrag von Gontscharow am Do Apr 09, 2015 10:36 am

Ich stimme dir,J.P., allerdings voll und ganz in der Aussage zu, daß immer das Bestreben
nach einer gerechteren Gesellschaft hinter diesen Bewegungen steckt.
Und man soll dieses Bestreben immer unterstützen und gutheißen !
( auch wenn man vom Leben ernüchtert und eines Besseren belehrt wurde,
an dem Ideal sollte man zumindest weiter festhalten, ansonsten sähe es wohl
noch finsterer auf Erden aus).
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Re: 1967 – Der legendäre „Summer of Love“

Beitrag von SarahF am Do Apr 09, 2015 12:25 pm

Ich habe Judas so verstanden, dass er meint, man soll die Motivation und Ideen
nicht gering schätzen, die die Menschen seit Jahrtausenden dazu veranlassen,
sich für eine gerechtere Gesellschaftsordnung einzusetzen.Schon Jesus verwies die
Philister des Tempels. Und die Hippies siehst du auf dieser Linie, Judas Phatre ?
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Re: 1967 – Der legendäre „Summer of Love“

Beitrag von Wallenstein am Do Apr 09, 2015 1:09 pm

Sorry, mit einem Rundumschlag vom Thomas-Evangelium bis Gandhi und dem russischen Kommunismus kann ich nicht viel anfangen. Ideen für eine bessere Gesellschaft gab es zu allen Zeiten, das ist nicht neu, wobei allerdings keineswegs sicher ist, ob die Realisierung solcher Vorstellungen tatsächlich dann auch zu einer Verbesserung führt, aber das ist ein anderes Kapitel.

Bleiben wir beim Thema: Die Ideologie, oder von mir aus die Vorstellungen der Hippies waren so wenig durchdacht, das sie sich nicht durchsetzen ließen. Deshalb hat sich die Bewegung auch schnell wieder aufgelöst. Warum sie sich meiner Meinung nach auch nicht umsetzen ließen, wäre ebenfalls ein neues Thema. Einige Gründe habe ich genannt.

Das schließt nicht aus, dass manche ihrer Ideen später von der Frauenbewegung, den Homosexuellen und auch noch anderen Gruppen in den USA aufgenommen wurden. Allerdings haben diese Bewegungen ihre Wurzeln vor allem in der Studentenbewegung und in der Bürgerrechtsbewegung und weniger bei den Hippies, denn diese liefen nebeneinander her, auch wenn es natürlich Berührungspunkte gab.

Sehe ich mir die heutige amerikanische Gesellschaft an, hat sich leider viel zu wenig geändert. In den siebziger und achtziger Jahren kam es erst unter Nixon und dann vor allem unter Reagan zu einem gewaltigen Rollback in vielen Bereichen. Ein konservativer Geist wehte durch das Land als Reaktion auf die Unruhen der sechziger Jahre und versuchte, die Uhr wieder zurückzustellen und das hält teilweise noch heute an.

Der Patriotismus, von den Hippies einst verpönt, hat wieder einen gewaltigen Aufschwung genommen und bestimmt das Land in einem Ausmaß, wie es in den sechziger Jahren nicht der Fall war. Und die USA haben wieder neue Kriege geführt, die diesmal auf viel weniger Widerstand bei der Bevölkerung stoßen als der Vietnamkrieg, was sicherlich damit zu tun hat, das es nun eine Berufsarmee gibt und die Mittelstandsjugend jetzt nicht mehr mit einer Einberufung rechnen muss. Der Großteil der Einwohner ist von den Kriegen deshalb nicht mehr direkt berührt, weshalb es auch keine nennenswerte Antikriegsbewegung gibt.

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Re: 1967 – Der legendäre „Summer of Love“

Beitrag von Judas Phatre am Do Apr 09, 2015 2:30 pm

Wallenstein schrieb:Sorry, mit einem Rundumschlag vom Thomas-Evangelium bis Gandhi und dem russischen Kommunismus kann ich nicht viel anfangen.
Wenn wir über Geschichte diskutieren, ist es wichtig, in speziellen historischen Ereignissen allgemeine Vorgänge zu erkennen. Deshalb spinne ich gern viele Fäden durch die Jahrhunderte. Wenn ich mich auch hier und da irre, lohnt es sich doch darüber zu diskutieren:
Warum passt der Jesus des Thomasevangelium nicht hierher?
Warum soll die Gewaltlosigkeit der Hippies nicht auf ihn, auf L. Tolstoj, M.K. Gandhi und M.L. King zurückgehen? Wenn Du von einer "Ideologie" sprichst, dann muss sie Wurzeln haben. Für mich sind dies die nächstliegenden. Was spricht dagegen und welche Wurzeln vermutest Du?
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Re: 1967 – Der legendäre „Summer of Love“

Beitrag von Judas Phatre am Do Apr 09, 2015 2:38 pm

SarahF schrieb:Ich habe Judas so verstanden, dass er meint, man soll die Motivation und Ideen
nicht gering schätzen, die die Menschen seit Jahrtausenden dazu veranlassen,
sich für eine gerechtere Gesellschaftsordnung einzusetzen.Schon Jesus verwies die
Philister des Tempels. Und die Hippies siehst du auf dieser Linie, Judas Phatre ?
Die "Ideologie", die ich hinter der Hippiebewegung vermute, ist die Anarchie, der Versuch, in einer großen Gemeinschaft so zu leben wie in einer Familie: Können und Wissen führt die Gemeinschaft. Habgier und Egoismus wird durch Liebe kontrolliert. Die meisten meinen, das wäre Unsinn und nicht zu realisieren, weil es wirklich immer schiefgegangen ist. Aber jeder lebt in solch einer Gemeinschaft, eben nur mit Verwandten und Bekannten.

Anmerkung:
Die Vertreibung der Händler aus dem Tempel ist m.E. eine Erfindung der Autoren des Neuen Testaments. Jesus war ein Gegner des ausgrenzenden Judentums und aus diesem Grund ideologischer Gegner der Sadduzäer.
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Re: 1967 – Der legendäre „Summer of Love“

Beitrag von Wallenstein am Do Apr 09, 2015 3:29 pm

Den Satz aus dem Thomas-Evangelium verstehe ich nicht. Und die Ideologie der Hippies war Patch-Work, von allem etwas, ich erwähnte bereits Buddha, Thoreau, dazu Hermann Hesse, usw. und sofort. Vor allem ging es aber um Drogen, Bewusstseinserweiterung, vielleicht könnte man Timothy Leary erwähnen. Na ja, und Frieden, das ja wollen ja nun viele. Sie wollten nicht zum Militär, denn es war Krieg in Vietnam. Untereinander waren sie allerdings gar nicht so friedlich, denn als das Geld knapp wurde, ging es um die Existenz und da hatten sie wenig Skrupel, klauten, betrogen und prügelten sich auch. Und in den Hippie Kommunen gab es oft Streit und sie wurden teilweise autoritär geführt. Es gab hier selbsternannte Propheten, indische Gurus, die nur Geld machen wollten usw. George Manson war natürlich ein Extremfall, der hielt sich für Jesus und den Teufel gleichzeitig. Mit seinen Bluttaten wollte er den Krieg der Rassen provozieren.

Man sollte die Hippie Bewegung jetzt auch nicht überwerten und mehr hineinlesen, als dort überhaupt vorhanden war. Es handelte sich um junge Leute aus der Mittelschicht, die unzufrieden waren mit ihren Familien, die nicht in den Krieg wollten, die auch das Leben der übrigen Gesellschaft in Frage stellten. Junge Leute, die kurzfristig einmal ausbrechen, um sich dann wieder einzugliedern. Ich gehörte zeitweilig auch dazu, aber später wurde ich erfolgreicher Geschäftsmann. Meine Hippie Freunde von damals sind jetzt Anwälte, Lehrer, Ärzte. In den USA verlief es ähnlich. Einer der Hippie Führer, ich glaube er hieß Jack Ruby oder so ähnlich, wurde später ein großer Spekulant an der Börse und wetterte gegen Aufstandsbewegungen in der Dritten Welt. Auch in Amerika sind fast alle ehemaligen Hippies schon vor langer Zeit in das bürgerliche Leben zurückgekehrt und nur gelegentlich, wenn sie sich mal wieder treffen, schwärmen sie von alten Zeiten.

Wenn man überhaupt welthistorische Betrachtungen anstellen will, dann kann man höchstens sagen, dass es immer wieder einmal Zeiten gibt, in denen sich die Jugend vorübergehend abnabelt von der Gesellschaft und eigene Wege geht. Dazu brauchen sie auch eine eigene Ideologie. Das kann Love and Peace sein oder die Boheme vor dem Ersten Weltkrieg, das kann aber auch Nationalismus sein oder Kommunismus oder andere Weltanschauungen. Mir fällt in Deutschland die Wandervogel Bewegung ein vor dem ersten Weltkrieg. Vielleicht war die so ähnlich.

Sie haben den Wunsch, die Welt zu verbessern, das wollen junge Leute oft. So lange sie nicht fragwürdigen Weltanschauungen folgen, ist das ja auch in Ordnung. Nicht alle gehen zur RAF, zu religiösen Sekten oder schließen sich ähnlichen Gruppen an. Glücklicherweise.
Sie stoßen sich aber die Hörner ab. Mein Bruder gehörte zu den „Jungen Wilden“, zu den Halbstarken in den fünfziger Jahren. Andere waren bei den Teddy Boys oder den Existentialisten. Das gibt sich alles wieder.


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Re: 1967 – Der legendäre „Summer of Love“

Beitrag von Judas Phatre am Do Apr 09, 2015 3:50 pm

Wallenstein schrieb:Den Satz aus dem Thomas-Evangelium verstehe ich nicht.
Jesus ruft dazu auf, nicht am Streben nach Geld, Macht und Sex teilzunehmen, sondern Ruhe zu finden. Die "Welt" (koptisch/griechisch KOSMOS) ist im Thomasevangelium im Gegensatz zum "Universum" (kopt. PTERF) negativ besetzt und bezeichnet auch im Christentum das "Weltliche". Der "Sabbat" war der Inbegriff der Ruhe für einen Juden (Jesus' Zielgruppe).
Ich sehe in diesem Zitat ein wichtiges gemeinsames Ziel mit den Hippies in ihrer Abgrenzung von der "heutigen" Gesellschaft.
Ich glaube auch, dass man der love&peace-Bewegung Unrecht tut, wenn man sie mit Punks, Rockern und Juppies in einen Topf wirft. Ihr Ziel war nicht (nur) die Identifikation in einer Gruppe in Abgrenzung zum Rest, sondern die Änderung der Gesellschaft als Ganzes, das "Zeitalter des Wassermanns". Das ist das Gemeinsame mit Jesus, Gandhi und dem Kommunismus. Die Fehler und Verbrechen von Einzelnen und Untergruppen sowie das Scheitern dieses Versuchs nehme ich zu Kenntnis, aber die Hauptidee leidet darunter nicht.
Die Aufgabe des Historikers ist letztendlich Richtiges und Falsches in der Vergangenheit zu trennen.
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Re: 1967 – Der legendäre „Summer of Love“

Beitrag von Wallenstein am Fr Apr 10, 2015 10:49 am

Für die Erklärung der Hippie Bewegung brauchen wir nicht das Thomas-Evangelium, sondern die Soziologen liefern uns hier einleuchtende  Begründungen.

Jede Gesellschaft besteht aus Strukturen und einem damit verbundenen Wertesystem. Kommt es zum sozialen Wandel, sollten sich auch die Werte verändern. Oftmals passiert dies aber nicht gleichzeitig, sondern überlebte Autoritären und deren Werte bleiben zunächst bestehen. Junge Leute registrieren dies als erstes und sind auch eher bereit, aktiv zu werden. Manchmal organisieren sie sich und entwickeln ein neues Wertesystem. Dies kann mit den neuen Strukturen übereinstimmen, tut dies aber oft nur zum Teil. Welche Werte die jungen Leute übernehmen oder neu entwickeln, ist abhängig von dem historischen Kontext.

Bei den Hippies war es „Love and Peace“ Das blieb nicht lange bestehen, in Deutschland war diese Bewegung ohnehin kaum präsent. In den siebziger Jahren beherrschten radikale Theorien die jungen Leute aus dem linken Spektrum, Maoisten, Anarchisten. Einige hatten Gesichtsmasken und Helme auf und riefen „Tod den Bullenschweinen“. Nichts mehr mit Peace. Aber natürlich waren das längst nicht alle. Subjektiv billige ich ihnen aber zu: Auch sie träumten von einer besseren Welt. Aber das glaubten auch Mao oder Pol Pot. Und als das mit den Linken nicht mehr hinhaute flüchteten sich Jugendliche in Nihilismus wie die Punks („No Future“) oder sie sagten: Schluss mit dem linken Geschwätz unserer Eltern, die immer nur „Anti, anti gegen irgendetwas sind“, sondern wir sind „Pro“ und wir verweigern nicht den Konsum wie die Hippies, sondern zeigen demonstrative unsere teuren Schals aus Kaschmir.

Die Hippies träumten übrigens nicht so sehr von einer besseren Welt, sondern wollten sich in erster Linie von dieser abkapseln und in einer Subkultur leben. Das macht sie vergleichbar mit Beatniks, Existentialisten, auch den Punks und was es sonst so alles gab. Den aktiven Kampf überließen sie den Bürgerrechtlern und den Studenten, sie selber taten fast nichts, außer ein faules Leben zu führen. Doch auch ein Hippie braucht Geld oder eine Krankenversicherung, deshalb hatte das keine Zukunft.

Also, kommt es zu einem sozialen Wandel, entstehen solche Gruppierungen. Einige werden politisch aktiv, andere nicht. Man mag ihre Ideen sympathisch finden oder nicht, das ist eine Frage der Ansicht. Mir waren die Hippies angenehm, die Linken dann aber nach kurzer Zeit nicht mehr. Ich lernte auch zwei Leute von der RAF zufällig kennen und seitdem bin ich sehr auf Abstand bedacht. Übrigens, auch ein Phänomen wie die Yuppies ist ja so erklärbar. Die waren in gewisser Weise auch politisch, in dem sie den Konservatismus unterstützten und auch diesen Leuten will ich nicht absprechen, das sie davon überzeugt sind, die Welt zu verbessern, da sie glauben, dass der individuelle Reichtum letztlich auch der Gesellschaft nutzen wird. Zumindest ist das das Credo des Neoliberalismus. Man muss diese Ansicht nicht teilen.

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Re: 1967 – Der legendäre „Summer of Love“

Beitrag von Judas Phatre am Fr Apr 10, 2015 12:03 pm

Wallenstein schrieb:Für die Erklärung der Hippie Bewegung brauchen wir nicht das Thomas-Evangelium, sondern die Soziologen liefern uns hier einleuchtende  Begründungen.
Jede Realität besteht aus klein und klein bis hinunter zum Schicksal des Einzelnen. Davon steht sehr viel in diesem thread. Man kann Bewegungen wie die der Hippies als ephemere Erscheinungen einer Gruppe ansehen und die Kiste wieder schließen. Dasselbe gilt für jede Erscheinung der Geschichte. Man tut dann so, als hätte das mit der Gegenwart und Zukunft nichts zu tun. Das ist das Gegenteil von der Aufgabe, die die Geschichtswissenschaft hat. Gandhi soll gesagt haben:
"Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt."
So wenig, wie unser Bewusstsein etwas Individuelles ist, so sehr sind wir das Produkt all' der Ereignisse unserer Vergangenheit. Allen diesen Ereignissen liegt der menschliche Körper und die Psyche zugrunde. Den Körper haben wir mittlerweile ganz gut verstanden, die Psyche bleibt ein großes Rätsel. Die Soziologie ist die Wissenschaft der Interaktion von menschlichen Psychen. Schwammiger geht es nicht, in meinen Augen kann sie kaum etwas erklären. Erst wenn wir erkennen, was die Aufstände, Ideologien und Revolutionen gemeinsam haben, können wir daraus etwas für unsere eigene Zukunft lernen. Indem wir die Gemeinsamkeiten in den geschichtlichen Ereignissen erkennen, erkennen wir unsere Psyche, uns selbst. Jesus hat die Selbsterkenntnis als die Lösung sozialer Probleme angesehen, es ist aber nicht seine Erfindung. Dasselbe vertritt das Dao De Jing und die frühe griechische Philosophie.
Die Hippieszene hat viele Facetten. Sie allein auf Verweigerung, Drogenkriminalität, gesellschaftliche Abgrenzung und Faulheit zu reduzieren, wird ihr nicht gerecht. Als ich in den 80ern studiert habe, gab es unter den Studenten noch starke Nachwirkungen dieser Szene. Gerade die Selbstfindung wurde durch diese Bewegung in der Gesellschaft etabliert. Ich sehe die Elternzeit, Teilzeitmodelle im Arbeitsleben und die Diskussion um burn-out, aber auch die Emanzipationsbewegungen als Erfolg dieser und verwandter Strömungen. Es ist die Suche nach dem, was wirklich wichtig ist.
Ich beschäftige mich sehr mit dem Thomasevangelium, deshalb nutze ich diese faszinierende Quelle oft. Wenn Du glaubst, dass meine Vergleiche und Parallelen falsch sind, begründe das und ziehe Dich nicht auf solche statements wie oben zurück.
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Re: 1967 – Der legendäre „Summer of Love“

Beitrag von Wallenstein am Fr Apr 10, 2015 12:39 pm

Pardon, alles Wesentlich wurde von mir gesagt und neue Argumente kommen von dir nicht, außer dass du Soziologie für Tacheles hälst. Diese Meinung kannst du haben und ganze Wissenschaftszweige damit für Unsinn erklären. Jeder kann natürlich denken was er will und da will ich auch nicht herein reden. Dann brauchen wir uns aber jetzt nicht weiter zu unterhalten und ich beende es nun.

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Re: 1967 – Der legendäre „Summer of Love“

Beitrag von Judas Phatre am Fr Apr 10, 2015 4:28 pm

Wallenstein schrieb:Dann brauchen wir uns aber jetzt nicht weiter zu unterhalten und ich beende es nun.
Schade, denn eigentlich wollte ich Dich noch etwas fragen:
Was war der Grund, dieses thread aufzumachen, was wolltest Du uns mitteilen? Und was hat Dich damals bewegt, mitzumachen?
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Re: 1967 – Der legendäre „Summer of Love“

Beitrag von ThomasAral am So Nov 08, 2015 3:01 pm

Man kann eben nicht nur von Luft und Liebe leben. Aber genauso sollte man auch nicht nur davon Leben, dass man anderen ihr Land wegnimmt und sie quasi versklavt oder im eigenen Land diskriminiert. Das eine ist zu sorglos, das andere zu egoistisch. Ach ja -- weil ich da noch kurz was von RAF gelesen hab: das hat mit Hippie Nachfolger nichts mehr zu tun. Das war eine ganz neue Bewegung, die man eigentlich nur als eine Hand voll kranker Gehirne bezeichnen kann.

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