Die Kriegsschuldfrage von 1914 - ein Evergreen der Geschichtsinterpretation

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Rückendeckung Serbiens durch Russland womöglich ein Fehler

Beitrag von lukasdill02 am Mo Okt 03, 2016 8:45 pm

Wie ich sehe wurde die Kriegsschuldfrage hier schon sehr ausführlich diskutiert. Schade, dass in letzter Zeit nicht mehr so viel geschrieben wurde.

Hier führten sehr viele an, dass Deutschland wegen der Ausstellung des Blankochecks schuldig am Ausbruch des Krieges war (natürlich war die Ausstellung ein großer Fehler), aber könnte man dann nicht auch sagen, dass Russlands vollständige Rückendeckung Serbiens, die Serben auch dazu ermutigte den Österreichern gegenüber so selbstbewusst aufzutreten, wie sie es getan haben. Daraus würde dann folgen, dass Russland auch einen Krieg gegen Österreich-Ungarn und Deutschland, das Österreich-Ungarn ja den Rücken stärkte in Kauf genommen hat.

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Re: Die Kriegsschuldfrage von 1914 - ein Evergreen der Geschichtsinterpretation

Beitrag von Marek1964 am Sa Okt 08, 2016 11:11 pm

Die Kriegsschuldfrage ist eine Frage der Wertungen.

So ist es auch eine Frage, wie man die Mobilmachung Russlands wertet. Ich selbst bin sogar der Meinung, dass Russland da noch recht zurückhaltend reagierte - es war eine klare Geste, dass man seinen Verbündeten nicht würde im Stich lassen - nachdem Österreich Ungarn Serbien den Krieg erklärt hatte.

Es waren ja auch Vorstellungen der Engländer, noch eine Konferenz zu machen - so wurden früher Krisen gelöst. Eine Rücknahme der Kriegserklärung wäre zwar unwahrscheinlich, aber eine Beschränkung der Kriegsziele wäre für beide Seiten annehmbar gewesen. Aber die Falkem im Generlstab von Österreich-Ungarn waren klar für einen Krieg mit der Besiegung und Satellisierung Serbiens.

Serbien war ja so selbstbewusst nicht - es stimmte ja allen Forderungen des Ultimatums zu, bis auf den Punkt, dass österreichische Beamte in Serbien würden den Untersuchungen über Hintergründe des Attentats beiwohnen können - damals eine inakzeptable Forderung.

Mit dem Schlieffenplan wurden aber eigentlich die Entscheidungen vorweggenommen und man setzte sich selbst unter Zeitdruck inklusive der Verletzung der Neutralität von Belgiens, die unwillkürlich England in den Krieg ziehen würde. Diese Inflexibilität war eine unabdingbare Prämisse für diesen Krieg - die Westmächte konnten da gar nichts machen und Russland nur wenn es seinen Verbündeten auf den Balkan hätte fallen lassen. Das war aber nicht zumutbar, schon auch deshalb, weil in der Bosnienkrise 1909 Russland gegenüber Österreich-Ungarn nachgab. Auch vor diesem Hintergrund musste Wien klar sein, dass man in St. Petersburg nicht würde nachgeben können.

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Re: Die Kriegsschuldfrage von 1914 - ein Evergreen der Geschichtsinterpretation

Beitrag von Lohenstein am Do Okt 13, 2016 3:26 pm

Mir stellt sich die Kriegsschuldfrage als ein Totalversagen der Politik Österreich-Ungarns und im Deutschen Kaiserreich dar.
Hauptgrund des Kriegsausbruches war in diesen Ländern wohl die Kapitulation der Politik vor dem Militär.
Und man sollte zur Klärung dieser Frage durchaus versuchen, dies an Personen festzumachen.
Insbesondere in Österreich-Ungarn, von wo aus ja nun einmal die Kriegsmaschinerie in Gang gesetzt wurde.

Jahrelang war Generalstabschef Conrad von Hötzendorf ein Kriegstreiber erster Klasse. Insbesondere gegenüber Italien. Abgesehen davon war er aber, wie der Kriegsverlauf dann zeigte, militärisch ein Versager. Wie so viele der oberen Heerführer der Monarchie. Sie waren, wenn man so will, die ersten Kriegsverbrecher der jüngeren Geschichte!

Und daraus resultierend stellt sich eine weitere Frage: war der alte Kaiser in Wien schon so senil, dass er nicht mehr überblickte, welche Gefahr da am Vorabend der Kriegserklärung heraufdämmerte? Oder wollte er doch einfach den Krieg?

Und wer war direkt dafür verantwortlich, dass den Serben ein Ultimatum gestellt wurde, dass von Anfang an darauf abzielte, dass es abgelehnt werden würde.

Man muss sich weiter zwangsläufig auch die Frage stellen, spätestens Ende 1914, warum niemand der handelnden Personen in Österreich und Deutschland erkannte oder besser erkennen wollte, dass dieser Krieg nicht zu gewinnen war.

Zu behaupten, der alte Kaiser in Wien, gleich wie der Kaiser in Berlin, seien über den wahren Kriegsverlauf getäuscht worden, ist nur der Versuch, diese beiden Kriegstreiber irgendwie reinzuwaschen.

Und zu guter Letzt: wieso war auch Kaiser Karl nicht in der Lage oder willens, den bereits absehbaren Untergang seines Reiches vielleicht durch einen Separatfrieden aufzuhalten?

Wenn ich denn zusammenfassen will, dann hätten sowohl in Deutschland aber vor allem auch in Österreich-Ungarn diese militärischen Kriegstreiber zur Verantwortung gezogen gehört.
Daraus ableitend sehe ich persönlich die Hauptschuld am Ausbruch des ersten Weltkrieges bei Österreich und in Folge bei Deutschland.
Ich persönlich glaube nicht, dass Frankreich, Italien, Großbritannien oder auch Russland jemals einen Krieg vom Zaun gebrochen hätten.

Conclusio: es fehlte in Österreich ein Kaiser der noch in der Lage gewesen wäre, über seinen Schönbrunner Schreibtisch hinaus zu denken und, es fehlte vor allem in Deutschland ein Politiker vom Format Bismarcks.


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Re: Die Kriegsschuldfrage von 1914 - ein Evergreen der Geschichtsinterpretation

Beitrag von Marek1964 am Do Okt 13, 2016 11:22 pm

Herzlich willkommen Lohenstein,

Ja, kurz und nüchtern analysierst Du die Sitaution vor dem Ersten Weltkrieg. Und eben richtig, all den vielen seltsamen Historikern, die immer mal wieder die klare Schuld der Mittelmächte zerreden wollen. Für mich einer der beachtlichsten Leistungen in der Rezeptionsgeschichte, dass es dies zu zerreden verstanden, zuletzt Christopher Clark, der vermutlich aus Marketinggründen (Ankurbelung des Verkaufs seines Buches in Deutschland).

Dabei ist klar: Die unumkehrbaren Schritte haben die Mittelmächte gemacht - das unannehmbare Ultimantum an Serbien mit der unglaublich kurzen Frist von 48 Stunden, die Kriegserklärung an Russland (eine Mobilmachung der Russen ist aber keine Kriegserklärung), der Überfall Deutschlands von Belgien und die Kriegserklärung an Frankreich.

Viele Militärs waren damals inkompetent- das zieht sich aber wie ein roter Faden durch die ganze Geschichte des Ersten Weltkriegs, auch auf aliierter Seite mit den vielen sinnlosen Offensiven mit dem unglaublichen Blutzoll und geringem bis nichtigen Geländegewinn.

Nur wenige sahen einen langen, die ganze Gesellschaft auszehrenden Krieg voraus. Nachdem man der Bevölkerung einen so auszehrenden Krieg zugemutet hatte, wollte man halt erst recht nicht aufhören - die Opfer durften doch nicht umsonst gewesen sein.

Bei den Tschechen war die Ablehnung des Krieges klar - man sah darin fremde Interessen, wie man sagte. Die Interessen der alldeutschen Gesinnung, die gebieteten, "ein für allemal mit den Serben aufzuräumen" waren den Tschechen natürlich gar nicht sympathisch. Eher war man der Ansicht, dass Österreich eigentlich schon in Bosnien nichts zu suchen hatte.

Deutschland wiederum trieb seine Machtpolitik, die, da schreibst Du richtig, der Gleichgewichtspolitik von Bismarck zuwiderlief.

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Re: Die Kriegsschuldfrage von 1914 - ein Evergreen der Geschichtsinterpretation

Beitrag von Skeptik am Fr Okt 14, 2016 10:45 am

Schuld hat damals niemand bei sich gesehen. Das waren immer die anderen. Man war doch recht stolz auf seine Generäle, Offiziere und Soldaten. Und das hat noch angehalten. Wie sonst soll man verstehen, daß schon nach 20 Jahren wieder alles zu den Waffen drängte.

Ich fand eine kurze Mitteilung in der Historie der Jubiläumsschrift einer Kirche von 1926:
Zum 3. März 1916: Ein begeisternder Soldatenempfang fand in der Zionskirche statt. Beim Eintritt der Prediger in Uniform (ca. 70) in die geschmückte Kirche erhebt sich die Gemeinde und singt: "Deutschland, Deutschland über alles."

Den Menschen ist nicht zu helfen. Sie haben einfach nichts begriffen.

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Re: Die Kriegsschuldfrage von 1914 - ein Evergreen der Geschichtsinterpretation

Beitrag von Marek1964 am Fr Okt 14, 2016 11:49 pm

Naja, also ich glaube die USPD hatte doch schon die Schuld der Reichsregierung von 1914 untersucht oder darauf hingewiesen, oder?

Aber es ist nicht so einfach zu sagen, Menschen hätten nichts begriffen. Gerade das Zerreden der Kriegsschuld der Mittelmächte hatte später das Appeasement - und damit Hitlers ungehinderte Expansion zur Folge.

Nein, manchmal muss man eben zu den Waffen greifen. So einfach ist das nicht.

Wenn gelten könnte, "stellt Euch vor, es ist Krieg und keiner geht hin", und das aber weltweit, wäre das toll. Aber das ist illusorisch.

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Re: Die Kriegsschuldfrage von 1914 - ein Evergreen der Geschichtsinterpretation

Beitrag von Delta_01 am So Okt 16, 2016 1:58 pm

Marek1964 schrieb:(...)

Wenn gelten könnte, "stellt Euch vor, es ist Krieg und keiner geht hin", und das aber weltweit, wäre das toll. Aber das ist illusorisch.

"... dann kommt der Krieg zu euch / Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt / Und läßt andere kämpfen für seine Sache / Der muß sich vorsehen; denn / Wer den Kampf nicht geteilt hat / Der wird teilen die Niederlage. / Nicht einmal den Kampf vermeidet / Wer den Kampf vermeiden will; denn / Es wird kämpfen für die Sache des Feinds / Wer für seine eigene Sache nicht gekämpft hat."

Das war der damalige Zeitgeist.
Aus ihrer Sicht haben die Mittelmächte damals keine Fehler gemacht. Warum? Im Zeitalter des Imperialismus haben sich vor allem Engländer und Franzosen über die ganze Welt ausgebreitet und nahezu alle wichtigen Handels- und Rohstoffrouten unter ihre Kontrolle gebracht. Man wollte selbst auch ein Stück von Kuchen, alleine um zu Überleben. Deutschland und Österreich haben nicht so viele Rohstoffe um mit der ganzen Welt mithalten zu können. Das ist der wirtschaftliche Aspekt.

Der strategischen Beweggründe waren ähnlich:
Man wollte einen schnellen Sieg erreichen. Frankreich wurde immer noch als der zweifache Verlierer des Kriege 1870/71 gesehen und Englands Macht gründete sich vor allem auf die mächtige Flotte. Die Belgier und die Niederlande waren vernachlässigbar, da die Mutterländer in Europa nicht besonders groß waren. Den Engländern versuchte man über eine massive Flottenaufrüstung beizukommen.
Im Nachhinein betrachtet wurden alle Seiten sträflich unterschätzt, der Widerstandswillen der Franzosen, Belgier und Niederländer genauso wie die schnelle Rekrutierung von Soldaten im englischen Mutterland. Weil man einen langen Zweifrontenkrieg mit Russland vermeiden wollte, riskierten die deutschen den Einmarsch in Belgien und der Niederlande. Auch musste man einen langen Krieg vermeiden, da z.B. die engländer über ihre Vorherrschaft der Meere immer neue Mittel erhielten um den Krieg fortzuführen.

Als die Pläne nicht funktionierten und man das realisierte, war es bereits zu spät. Russland war zwar geschlagen, aber die Industrieen von England und Frankreich würden langfristig nicht mehr aufzuhalten sein. Man schaffte es zwar, die Lage in Europa einigermaßen in der Balance zu halten (zu einem horrendem Preis, der Grabenkrieg fraß Menschen und Material) aber der Kriegseintritt der USA wendete dann das Blatt endgültig. Auch in den Kolonien war man langfristig unterlegen, da die Gebiete von feindlichen Kolonien eingeschlossen waren.

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Re: Die Kriegsschuldfrage von 1914 - ein Evergreen der Geschichtsinterpretation

Beitrag von Marek1964 am Mi Okt 19, 2016 6:59 pm

Delta_01 schrieb:
Marek1964 schrieb:(...)

Wenn gelten könnte, "stellt Euch vor, es ist Krieg und keiner geht hin", und das aber weltweit, wäre das toll. Aber das ist illusorisch.

"... dann kommt der Krieg zu euch / Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt / Und läßt andere kämpfen für seine Sache / Der muß sich vorsehen; denn / Wer den Kampf nicht geteilt hat / Der wird teilen die Niederlage. / Nicht einmal den Kampf vermeidet / Wer den Kampf vermeiden will; denn / Es wird kämpfen für die Sache des Feinds / Wer für seine eigene Sache nicht gekämpft hat."

Stimmt aber. Wenn Du angegriffen wirst, musst Du Dich verteidigen. Man hat ja auch deshalb den Krieg als Verteidigungskrieg in Deutschland verkauft worden . "mitten im Frieden überfällt uns der Feind" - dabei war nur Russland am mobilisieren - und es war klar dass das noch dauern würde. Zeit genug, Österreich zur Mässigung aufzufordern.

Delta_01 schrieb:Das war der damalige Zeitgeist.
Aus ihrer Sicht haben die Mittelmächte damals keine Fehler gemacht. Warum? Im Zeitalter des Imperialismus haben sich vor allem Engländer und Franzosen über die ganze Welt ausgebreitet und nahezu alle wichtigen Handels- und Rohstoffrouten unter ihre Kontrolle gebracht. Man wollte selbst auch ein Stück von Kuchen, alleine um zu Überleben. Deutschland und Österreich haben nicht so viele Rohstoffe um mit der ganzen Welt mithalten zu können. Das ist der wirtschaftliche Aspekt.

Wirtschaftlich war Deutschland - auch weil es fast keine Kolonien hatte- das stärkste Land. Die Kolonien waren unter dem Strich ein Draufzahlgeschäft, vor allem, weil man ja nicht nach (nur) wirtschaftlichen Standpunkten die Imperien bildete, sondern nach machtpolitische, Prestigemässigen etc.

Delta_01 schrieb:Der strategischen Beweggründe waren ähnlich:
Man wollte einen schnellen Sieg erreichen. Frankreich wurde immer noch als der zweifache Verlierer des Kriege 1870/71 gesehen und Englands Macht gründete sich vor allem auf die mächtige Flotte. Die Belgier und die Niederlande waren vernachlässigbar, da die Mutterländer in Europa nicht besonders groß waren. Den Engländern versuchte man über eine massive Flottenaufrüstung beizukommen.
Im Nachhinein betrachtet wurden alle Seiten sträflich unterschätzt, der Widerstandswillen der Franzosen, Belgier und Niederländer genauso wie die schnelle Rekrutierung von Soldaten im englischen Mutterland. Weil man einen langen Zweifrontenkrieg mit Russland vermeiden wollte, riskierten die deutschen den Einmarsch in Belgien und der Niederlande. Auch musste man einen langen Krieg vermeiden, da z.B. die engländer über ihre Vorherrschaft der Meere immer neue Mittel erhielten um den Krieg fortzuführen.

Die Niederlande blieben im ganzen ersten Weltkrieg neutral und wurden verschont. Ansonsten stimmt es - der Generalstab unterschätzte so ziemlich alles, was wichtig war - den Widerstand der Belgier, den Widerstand der Franzosen und das raschere Eingreifen der Briten. Ebenso unterschätzte man den Widerstandswillen der Serben und auch die Russen waren schneller da als erwartet.

Delta_01 schrieb:Als die Pläne nicht funktionierten und man das realisierte, war es bereits zu spät. Russland war zwar geschlagen, aber die Industrieen von England und Frankreich würden langfristig nicht mehr aufzuhalten sein. Man schaffte es zwar, die Lage in Europa einigermaßen in der Balance zu halten (zu einem horrendem Preis, der Grabenkrieg fraß Menschen und Material) aber der Kriegseintritt der USA wendete dann das Blatt endgültig. Auch in den Kolonien war man langfristig unterlegen, da die Gebiete von feindlichen Kolonien eingeschlossen waren.

Es wäre eine interessante Frage, ob die Alliierten gesiegt hätten, wenn Amerika nicht eingegriffen hätte. Russland ist ja in erster Linie zusammengebrochen, die Bevölkerung sah keinen Sinn in einem Krieg für Serbien. Das war dann im Zweiten Weltkrieg anders.

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Re: Die Kriegsschuldfrage von 1914 - ein Evergreen der Geschichtsinterpretation

Beitrag von Delta_01 am Fr Okt 21, 2016 11:55 am

Marek1964 schrieb:
Stimmt aber. Wenn Du angegriffen wirst, musst Du Dich verteidigen. Man hat ja auch deshalb den Krieg als Verteidigungskrieg in Deutschland verkauft worden . "mitten im Frieden überfällt uns der Feind" - dabei war nur Russland am mobilisieren - und es war klar dass das noch dauern würde. Zeit genug, Österreich zur Mässigung aufzufordern.

Die Bündnisse der Parteien waren aber von vornherein klar. So waren fast alle Mächte untereinander verbündet und es war klar, das eine Aktion einen komplexen Prozess in Gang bringen würde. Hier haben alle beteiligten Mächte mindestens fahrlässig gehandelt. Darum konnten die Mittelmächte auch so argumentieren, das sie eben umzingelt sind und bedroht werden.

Marek1964 schrieb:
Wirtschaftlich war Deutschland - auch weil es fast keine Kolonien hatte- das stärkste Land. Die Kolonien waren unter dem Strich ein Draufzahlgeschäft, vor allem, weil man ja nicht nach (nur) wirtschaftlichen Standpunkten die Imperien bildete, sondern nach machtpolitische, Prestigemässigen etc.
Wirtschaftlich gesehen, ja. Aber gerade in den Kolonien gab es eben auch wichtige Rohstoffe, die für den Krieg notwendig waren und das schlägt immer zu Buche. Von der Hinsicht ist die Wirtschaftliche Macht eher zweitrangig. Gerade für Britannien galt ja: Im Mutterland gab es die verarbeitende Industrie aber die Kolonien lieferten die Rohstoffe (Eisen, Gummi, Kohle, später auch Erdöl) und durch die Hegemonie konnten die Briten das auch umsetzen, es gab nur einmal einen Engpass (ich glaube das war 1915/ 16) und dann nicht mehr. Für Frankreich war das ähnlich. Deutschland/ Österreich haben gerade in den späten Kriegsjahren Probleme mit dem Nachschub gehabt, weil sie industrieel nicht mehr mithalten konnten.

Marek1964 schrieb:
Die Niederlande blieben im ganzen ersten Weltkrieg neutral und wurden verschont. Ansonsten stimmt es - der Generalstab unterschätzte so ziemlich alles, was wichtig war - den Widerstand der Belgier, den Widerstand der Franzosen und das raschere Eingreifen der Briten. Ebenso unterschätzte man den Widerstandswillen der Serben und auch die Russen waren schneller da als erwartet.
Stimmt, es war zwar vorgesehen, die Niederlande einzubeziehen aber dann wieder fallengelassen. Hab ich mit dem 2ten Krieg verwechselt. cat

Marek1964 schrieb:
Es wäre eine interessante Frage, ob die Alliierten gesiegt hätten, wenn Amerika nicht eingegriffen hätte. Russland ist ja in erster Linie zusammengebrochen, die Bevölkerung sah keinen Sinn in einem Krieg für Serbien. Das war dann im Zweiten Weltkrieg anders.
Persönliche Meinung:
Ja, die Alliierten hätten gesiegt. Alleine wegen der Übermacht wohl nicht, aber man hat zumindest erkannt das man Bewegung in den Krieg bringen musste. Das war mMn der entscheidende Unterschied zum deutschen Generalstab, der vollkommen versäumte geeignete Taktiken zu entwerfen. Man hatte auf alliierter Seite auch den Vorteil, das die neuen Waffen (Panzer) geradezu dafür geschaffen waren, um Bewegung in die festgefahrene Situation zu bringen. Die amerikaner waren dafür nur das I-Tüpfelchen.

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Re: Die Kriegsschuldfrage von 1914 - ein Evergreen der Geschichtsinterpretation

Beitrag von Titus Feuerfuchs am So Feb 19, 2017 4:38 am

ArnoldBentheim schrieb:
Rübezahl schrieb:Das europäische Gleichgewicht ist nicht so sehr durch den französisch-deutschen Krieg 1870/71 (begonnen hat ja Frankreich) gestört worden, sondern vor allem durch den Krieg von Preußen und Italien gegen den von Österreich geführten Deutschen Bund 1866. Das war die Voraussetzung für die Entstehung eines preußisch dominierten deutschen Nationalstaates.

Ich glaube nicht, dass die Kriege 1866 und 1870/71 sowie die deutsche Nationalstaatsgründung das europäische Gleichgewicht gestört haben. Italien hatte sich wenige Jahre zuvor schon als Nationalstaat konstitutiert, ohne dass Europa aus dem Gleichgewicht geraten war. Mit dem deutschen Kaiserreich gab es eine neue europäische Großmacht, die aber ebenfalls in das "europäische Konzert" eingepasst wurde bzw. sich einpasste. Außer Frankreich fühlte sich keine europäische Macht von Bismarcks Deutschland bedroht. Es war die verfehlte und unbesonnene Politik des wilhelminischen Deutschland, die das europäische Mächtegleichgewicht aus dem "Gleichgewicht" brachte.

Das ist nicht ganz korrekt.
Durch die (stark verspätete) Reichseinigung war mit den Deutschen Kaiserreichein neuer Player auf die Weltbühne gehüpft, mit dem niemand gerechnet hatte und der nicht in das bestehende Mächtegleichgewicht hineinpasste.
Das Reich war nicht einer unter vielen sondern ein Hegemon am europäischen Festland. Mit einer stark prosperierenden Wirtschaft, welche ander Staaten am Weltmarkt unter Druck brachte.
Bismarck schaffte es duch ein ausgeklügeltes Bündnissystem das Reich zu integrieren.
Als sich das Reich anschickte, unter Wilhelm II seinen Einfluss auch auf See und in Überseegebiete auszudehnen, fühlten sich vor allem die Briten pikiert. Mit einem neuen Hegemon am Festland konnten sie leben, aber auf See wollten sie Hegemon bleiben.
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Re: Die Kriegsschuldfrage von 1914 - ein Evergreen der Geschichtsinterpretation

Beitrag von Titus Feuerfuchs am So Feb 19, 2017 4:43 am

Um die Frage des Threads zu beantworten: Der Hauptschuldige ist für mich klar Österreich-Ungarn, das mit seinem dilettantischen Herumlavieren bei der Julikrise aus einem kleinen Glutnest einen Flächenbrand auslöste.

Einen besonderen Beitrag lieferten die kriegslüsternen Militärs in Deutschland, Österreich und Russland, welche die drei schwachen Monarchen zum Krieg hetzten. Was für diese drei aber natürlich kein Freispruch sein kann.

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Re: Die Kriegsschuldfrage von 1914 - ein Evergreen der Geschichtsinterpretation

Beitrag von Marek1964 am So Feb 19, 2017 8:37 am

Titus Feuerfuchs schrieb:Als sich das Reich anschickte, unter Wilhelm II seinen Einfluss auch auf See und in Überseegebiete auszudehnen, fühlten sich vor allem die Briten pikiert. Mit einem neuen Hegemon am Festland konnten sie leben, aber auf See wollten sie Hegemon bleiben.

Das hat sicher was. Aber die Briten hatten ihren "two keel standard": Man wollte soviele Schiffe, wie die beiden nächsten Nationen zusammen, also konkret D und F. Das war aber meiner Einschätzung nach nur eine Rivalität - wäre sicher kein Kriegsgrund.

Ansonsten war die Grundstrategie der Briten war ja immer, immer in Gegnerschaft zur stärksten Macht auf den Kontinent zu treten, und deren schwächere Rivalen zu stützen, um ein Gleichgewicht zu erhalten, ebenso die Neutralität Belgiens. Eine Stärkung der Position Österreichs auf dem Balkan um Russland vom Bosporus fernzuhalten wäre mit den Briten sicher machbar gewesen, eine Totalannexion Serbiens wohl weniger.

Durch das Va banque Spiel Wiens und Berlins wäre aber das Gleichgewicht komplett weg und das war halt für die Briten nicht akzeptabel. In der totalen Risikostrategie dachte man in Berlin aber sowieso, die Briten würden keine Zeit haben, einzugreifen, weil man ja Belgien und Frankreich innert weniger Woche würde ausschalten können.

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Re: Die Kriegsschuldfrage von 1914 - ein Evergreen der Geschichtsinterpretation

Beitrag von Falk v. K. am So Feb 19, 2017 12:20 pm

Marek1964 schrieb:
Titus Feuerfuchs schrieb:


Durch das Va banque Spiel Wiens und Berlins wäre aber das Gleichgewicht komplett weg und das war halt für die Briten nicht akzeptabel. In der totalen Risikostrategie dachte man in Berlin aber sowieso, die Briten würden keine Zeit haben, einzugreifen, weil man ja Belgien und Frankreich innert weniger Woche würde ausschalten können.

Ich denke auch, dass diese Überheblichkeit auf deutscher Seite zu dem bekannten katastrophalen Lauf des Krieges beigetragen hat...
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Re: Die Kriegsschuldfrage von 1914 - ein Evergreen der Geschichtsinterpretation

Beitrag von Marek1964 am So Feb 19, 2017 12:33 pm

Falk v. K. schrieb:
Marek1964 schrieb:



Durch das Va banque Spiel Wiens und Berlins wäre aber das Gleichgewicht komplett weg und das war halt für die Briten nicht akzeptabel. In der totalen Risikostrategie dachte man in Berlin aber sowieso, die Briten würden keine Zeit haben, einzugreifen, weil man ja Belgien und Frankreich innert weniger Woche würde ausschalten können.

Ich denke auch, dass diese Überheblichkeit auf deutscher Seite zu dem bekannten katastrophalen Lauf des Krieges beigetragen hat...


Vor allem das absolute Fehlen eines Plan B - und als Plan A scheiterte - das war schon September oder Oktober 1914 klar - konnte man sich nie dazu durchringen, Friedensverhandlungen anzubieten - immer setzte man auf Karte Sieg. Bethmann Hollweg soll in der DIskussion vor dem uneingeschränkten U Boot Krieg 1917 gesagt haben, man habe sich von Beginn des Krieges an über- und die Gegner unterschätzt. Das ist in der Tat bei fast allen Entscheiden eine rote Linie.

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