Die Fragilität moderner Gesellschaften

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Die Fragilität moderner Gesellschaften

Beitrag von Wallenstein am So Apr 26, 2015 12:44 pm

Am 17.Oktober 1969 brach in dem sonst eher friedlichen Kanada in der Stadt Montreal das Inferno aus. Der Grund: Die Polizei begann um 8.00 Uhr morgens mit einem Streik.

Um 11.20 wurde die erste Bank überfallen, Um zwölf Uhr mittags waren fast alle Geschäfte in der Innenstadt restlos ausgeplündert. Heckenschützen schossen auf Passanten, Plünderer überfielen Hotels und Restaurants, Frauen wurden auf offener Straße angegriffen und vergewaltigt. Am Abend  des Tages waren sechs Banken ausgeraubt, über hundert Geschäfte geplündert, zwölf Brände gelegt, vierzig Wagenladungen Schaufensterglas zerbrochen, Schäden in Höhe von drei Millionen an Privateigentum angerichtet. Eine Reihe junger Mädchen und Frauen wurde vergewaltigt, zahlreiche Personen verletzt. An den Plünderungen beteiligte sich die halbe Stadt: Jugendliche, massenweise Rentner, Hausfrauen.
Pinker, S. The Blank State, s.458 London 2002
Ich kann mich noch gut an die damaligen Berichte in den Zeitungen erinnern.

Was zeigt uns dies? Brechen die üblichen Ordnungsstrukturen zusammen, zerfällt unsere Gesellschaft. Das ist keine Frage von Wochen oder Monaten, sondern von Stunden. Wie eine Mumie, die plötzlich an die Luft kommt und augenblicklich zu Staub zerfällt.

Ähnliche Vorfälle wiederholten sich später. Als der Hurrikan Katrina New Orleans verwüstete, entstand dort vorübergehend ein rechtsfreier Raum und plündernde Banden zogen umher. Die Regierung musste Soldaten aus dem Irak dorthin verlegen, um wieder die Kontrolle zu gewinnen.

Es zeigte sich aber auch noch etwas anderes. An manchen Stellen organisierten sich die Bürger, ergriffen die Selbsthilfe unter Anleitung charismatischer Führer. Sie sorgten in ihrer Umgebung für Ordnung, bewaffneten sich, vertrieben die Banden, versuchten ihr Terrain wieder funktionsfähig zu machen.

Was würde passieren, wenn die staatliche Macht dauerhaft zusammenbricht? Die Menschen würden sich erneut organisieren in Gruppen unter Führung charismatischer Persönlichkeiten und ein Gebiet kontrollieren. Es würde zunächst viele solcher Gruppen geben, die teilweise kooperieren, manchmal sich bekämpfen. Sie wären teils diktatorisch, teilweise demokratisch aufgebaut.

Heutzutage sind zahlreiche Regionen nur durch staatliche Infrastrukturbauten lebensfähig. Städte an der Ostküste, wie New York, würden sonst vom Meer überschwemmt werden. Wüstenstaten brauchen Wasserversorgung. Bricht das alles zusammen, gäbe es gewaltige Massenbewegungen von Menschen, wahrscheinlich verbunden mit gewalttätigen Auseinandersetzungen. Am Ende würden vermutlich eine Reihe kleiner und mittlerer Staaten entstehen. Jedenfalls über einen längeren Zeitraum. Verschwinden würde die Menschheit nicht, sie organisiert sich neu, wahrscheinlich aber zunächst auf einem recht niedrigen Niveau und mit einer geringeren Bevölkerungszahl. Eine Devolution, wie beim Untergang des Römischen Imperiums.

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Re: Die Fragilität moderner Gesellschaften

Beitrag von Marek1964 am So Apr 26, 2015 12:51 pm

Das kannte ich gar nicht, das ist ja eine unglaubliche Geschichte aus Montréal. Wenn es machbar gewesen wäre, hätte ich alle Polizisten, die an diesem Streik beteiligt gewesen sind entlassen, aber vermutlich hatten die ja ein Streikrecht.

Hatte man aber nicht Polizei- oder Armeeeinheiten von ausserhalb nehmen können?


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Re: Die Fragilität moderner Gesellschaften

Beitrag von Wallenstein am So Apr 26, 2015 12:57 pm

Marek1964 schrieb:Das kannte ich gar nicht, das ist ja eine unglaubliche Geschichte aus Montréal. Wenn es machbar gewesen wäre, hätte ich alle Polizisten, die an diesem Streik beteiligt gewesen sind entlassen, aber vermutlich hatten die ja ein Streikrecht.

Hatte man aber nicht Polizei- oder Armeeeinheiten von ausserhalb nehmen können?


Man hat nachher die Armee geholt, aber erst am Abend.

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Re: Die Fragilität moderner Gesellschaften

Beitrag von Marek1964 am So Apr 26, 2015 1:07 pm

Wallenstein schrieb:
Marek1964 schrieb:Das kannte ich gar nicht, das ist ja eine unglaubliche Geschichte aus Montréal. Wenn es machbar gewesen wäre, hätte ich alle Polizisten, die an diesem Streik beteiligt gewesen sind entlassen, aber vermutlich hatten die ja ein Streikrecht.

Hatte man aber nicht Polizei- oder Armeeeinheiten von ausserhalb nehmen können?


Man hat nachher die Armee geholt, aber erst am Abend.

Da hat allerdings die Politik gepennt, wenn denn der Streik schon vorher klar war. Fraglich allerdings, wie schnell eine ausreichene Einheit verfügbar sein sollte, aber mE hätten es auch damals nicht mehr als ein Paar Stunden sein dürfen. Wozu hat man Hubschrauber, Flugzeuge etc.

Ich kann mich aber an die Stromausfall in new York ende der 70er oder Anfangs der 80er erinnern, da kam es auch zu enormen Plünderungen.

Ich bin geneigt zu sagen, die Gesellschaft (auch damals schon) gewährleistet einen hohen Standard an Sicherheit im Vergleich zu früheren Zeiten, aber die Fragilität ist halt auch da. So wie der technische Fortschritt uns enormen Lebensstandard bietet, aber fallen wichtige Komponenten aus (strom, telefonnetz) sind wir hilflos. Wenigsten vorübergehend.
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Re: Die Fragilität moderner Gesellschaften

Beitrag von wfwbinder am So Apr 26, 2015 3:52 pm

Wallenstein schrieb:Am 17.Oktober 1969 brach in dem sonst eher friedlichen Kanada in der Stadt Montreal das Inferno aus. Der Grund: Die Polizei begann um 8.00 Uhr morgens mit einem Streik.

Um 11.20 wurde die erste Bank überfallen, Um zwölf Uhr mittags waren fast alle Geschäfte in der Innenstadt restlos ausgeplündert. Heckenschützen schossen auf Passanten, Plünderer überfielen Hotels und Restaurants, Frauen wurden auf offener Straße angegriffen und vergewaltigt. Am Abend  des Tages waren sechs Banken ausgeraubt, über hundert Geschäfte geplündert, zwölf Brände gelegt, vierzig Wagenladungen Schaufensterglas zerbrochen, Schäden in Höhe von drei Millionen an Privateigentum angerichtet. Eine Reihe junger Mädchen und Frauen wurde vergewaltigt, zahlreiche Personen verletzt. An den Plünderungen beteiligte sich die halbe Stadt: Jugendliche, massenweise Rentner, Hausfrauen.
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Ich kann mich noch gut an die damaligen Berichte in den Zeitungen erinnern.

Was zeigt uns dies? Brechen die üblichen Ordnungsstrukturen zusammen, zerfällt unsere Gesellschaft. Das ist keine Frage von Wochen oder Monaten, sondern von Stunden. Wie eine Mumie, die plötzlich an die Luft kommt und augenblicklich zu Staub zerfällt.


Ein wunderbares Beispiel dafür, warum bestimmten Personengruppen ein Streik untersagt sein muss. Polizisten, Feuerwehrleute, Krankenhausärzte usw. müssen eben immer einen Notdienst organisieren.
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