Warum kein Kommunismus in den USA?

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Warum kein Kommunismus in den USA?

Beitrag von Wallenstein am So Mai 03, 2015 11:50 am

Ausgehend von dem Artikel über den Ersten Mai stellt sich die Frage, warum es in den USA nie eine bedeutende kommunistische Bewegung, ja nicht einmal eine sozialdemokratische Partei von Bedeutung gegeben hat. Dabei glaubten Marx und Engels, dass dies nur eine Zeitfrage sein würde. Der Gründer der Kommunistischen Partei Italiens, Gramsci, sprach hingegen von der absoluten Hegemonie der bürgerlichen Ideologie in diesem Land, in dem die Entfaltung des Privateigentums seine Vollendung erreichte.

Ausgehend von einer Reihe Artikel in Zeitschriften und meinen eigenen Eindrücken, die ich auf Reisen in den USA sammeln konnte, sind es wohl vor allem die folgenden Faktoren, die hierfür verantwortlich sind.

In den USA waren die männlichen weißen Arbeiter seit 1830 allen Staatsbürgern gleichgestellt. Sie mussten nicht gegen diskriminierende Wahlgesetze kämpfen, wie gegen das Zensuswahlrecht in England oder das Drei-Klassen-Wahlrecht in Preußen. Außerdem war das Land demokratisch aufgebaut und keine Monarchie, wie die meisten Staaten in Europa. Die Stimme des Arbeiters galt etwas, man hatte es hier nicht mit Pseudoparlamenten ohne Macht zu tun wie auf dem Alten Kontinent.

Der Lebensstandard war höher als in Europa. Die Knappheit an Arbeitskräften gab den Arbeitern eine große Verhandlungsmacht. Es war nicht notwendig, eine starke Partei aufzubauen. Die Arbeiter waren sehr mobil, sie wechselten häufig den Arbeitgeber und auch den Wohnort. Deshalb bildete sich kein fester Zusammenhalt in der Arbeiterschaft. Hinzu kam die ethnische Zersplitterung, sie erschwerte die Vereinigung.

Die Vorstellung vom amerikanischen Traum. Die meisten Arbeiter wollten nicht Arbeiter bleiben, sondern träumten von der Selbständigkeit als Farmer oder Händler. Es entwickelte sich keine proletarische Identität.

Die Gewerkschaften waren reine Lobbyisten. Sie wollten nur für ihre eigenen Mitglieder hohe Löhne durchsetzen und grenzten sich von anderen ab. Außerdem waren sie oft nach Ethnien organisiert. Allgemein gesellschaftspolitische Vorstellungen besaßen sie nicht. Auch ist nur ein sehr kleiner Teil der Amerikaner in Gewerkschaften organisiert.

Da die politischen Parteien keine feststehenden Organisationen sind wie in etwa in Deutschland, war es für die Arbeiter möglich, ihre Interessen in der Demokratischen Partei geltend zu machen, oft durchaus mit Erfolg.

Den Arbeitern geht es in den USA nur um eins: „To make more money!“ Gesellschaftspolitische oder gar sozialistische Ideen haben sie nicht.

Und natürlich der ausgesprochene Antikommunismus in den USA, verbunden mit dem Patriotismus, verhindert sozialistische Vorstellungen.


Wallenstein
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Re: Warum kein Kommunismus in den USA?

Beitrag von Klartext am So Mai 03, 2015 1:07 pm

Einmal mehr gutes Thema, interessante Analyse. Ich denke auch mit dir, dass der American Dream da entscheidend war, der die Kultur des Beneidens, nieder hielt. Das unternehmerische Denken, der Traum des Millionärs, der als Tellerwäscher begann, als das ist nicht das Gedankengut von jemandem, der findet, dass es die Lösung ist, einfach alles anderen Wegzunehmen.

Aber auch die anderen Faktoren halte ich für zutreffend.

Umso seltsamer musste man die McCarthy Aera einordnen. Diese Hysterie war unverständlich, wiewohl der Verrat von Spionen der Atombombe (wie hiessen die doch? Oppenheimer?), aber das war ja dann meist nicht politisch motiviert.

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Re: Warum kein Kommunismus in den USA?

Beitrag von Judas Phatre am So Jun 28, 2015 8:50 am

Ich bin auf meinem Tauchgang durch alte Themen auf diese Perle gestoßen:
Wallenstein schrieb:... stellt sich die Frage, warum es in den USA nie eine bedeutende kommunistische Bewegung, ja nicht einmal eine sozialdemokratische Partei von Bedeutung gegeben hat. Dabei glaubten Marx und Engels, dass dies nur eine Zeitfrage sein würde. Der Gründer der Kommunistischen Partei Italiens, Gramsci, sprach hingegen von der absoluten Hegemonie der bürgerlichen Ideologie in diesem Land, in dem die Entfaltung des Privateigentums seine Vollendung erreichte.
Sind die USA von einer Ideologie befallen? Ja! Bis zum 2. Weltkrieg waren sie wirklich ein Hort der Freiheit, natürlich auch des Egoismus, aber Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit spielten eine viel größere Rolle als in Europa. Das Engagement im Ersten, viel mehr aber im Zweiten Krieg beendete diese Haltung. Freiheit wurde gegen Antikommunismus ausgetauscht. Der Kapitalismus, der ja nur die natürliche Art der freien Wirtschaft ist, wurde zur Ideologie im Kampf gegen eine Ideologie. Sozialisten und Kommunisten sind immer noch Verräter. Das in einem Staat, der dringend den sozialen Ausgleich braucht. Immer wieder kommt es zu Aufständen der Besitzlosen, meistens Afroamerikaner (Beispiel LA-Riots von 1992). Die Staatsmacht mit Polizei und Gefängnissen wird zum Unterdrücker. Ich glaube, es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich wieder eine politische Strömung aus Gruppen wie "Occupy Wall Street" entwickelt, also aus der kulturtragenden Schicht. Sie muss aber außerparlamentarisch bleiben (s.u.).

Wallenstein schrieb:
Den Arbeitern geht es in den USA nur um eins: „To make more money!“ Gesellschaftspolitische oder gar sozialistische Ideen haben sie nicht.
Das ist wohl kein Alleinstellungsmerkmal der USA.
Ein wichtiger Punkt fehlt: Das Wahlrecht. Das Mehrheitswahlrecht mit ausgeprägtem Show-Effekt, der unglaublich teuer ist. Allein die Kosten des Wahlkampfes machen die Demokratie der USA käuflich. Das ist nichts für Sozialisten. Auch die Tatsache, dass ein so enormer Teil der armen Bevölkerung schon einmal im Gefängnis war und dabei oft auf Dauer das Wahlrecht verloren hat, verdient der Erwähnung. Alle Illegalen sind ausgeschlossen, die ärmsten der Armen. Man muss sich registrieren lassen, auch das schreckt vor allem die unteren sozialen Schichten ab. Diese Dinge führen bei den Menschen, die hierzulande links (oder rechts) wählen würden, zur Resignation, das kann aber auch zur Ablehnung des Staates insgesamt führen. Eine riskante Entwicklung, die sich erschreckend wenig von Staaten wie Russland unterscheidet.
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Re: Warum kein Kommunismus in den USA?

Beitrag von Atzec am So Jun 28, 2015 11:16 am

Judas Phatre schrieb:Sind die USA von einer Ideologie befallen? Ja! Bis zum 2. Weltkrieg waren sie wirklich ein Hort der Freiheit, natürlich auch des Egoismus, aber Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit spielten eine viel größere Rolle als in Europa.

Freiheit gab es nur für die Weißen. Die wiederum wurden eben auch mit einem staatlich institutionlisierten und abgesegneten Rassismus in Form von Apartheidgesetzen "bei Laune" gehalten und kraft Hautfarbe zum Teil der "herrschenden Rasse". Die müssen also gar nicht für soziale gerechtigkeit kämpfen, sondern nur für den herrschaftlichen status quo verteidigen... :-)

Weiterhin ist die USA bis in das 20. Jahrhundert hinein eine Pioniergesellschaft, in der man tatsächlich sein eigener Glückes Schmied ist und durch bloße Besiedlung oder Entdeckungen von Rohstoffen aus dem Nichts zu großen Vermögen gelangen kann. Die soziale Schichtung ist demnach eben auch nicht so vordefiniert und festgefahren wie in den europäischen gesellschaften, in denen der kapitalismus aus der feudalen Ständegesellschaft erwächst...

Das noch als Ergänzung.

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Re: Warum kein Kommunismus in den USA?

Beitrag von Judas Phatre am So Jun 28, 2015 11:40 am

Atzec schrieb:
Freiheit gab es nur für die Weißen. Die wiederum wurden eben auch mit einem staatlich institutionlisierten und abgesegneten Rassismus in Form von Apartheidgesetzen "bei Laune" gehalten und kraft Hautfarbe zum Teil der "herrschenden Rasse".
Ja, das wollte ich mit dem Egoismus andeuten, dazu kommt noch die Unterdrückung der Uramerikaner und Quasiversklavung von chinesischen Arbeitern. Man darf aber nicht vergessen, dass es immer auch viele in den gebildeten Schichten gab, die diesen Egoismus bekämpften.
Atzec schrieb:
Weiterhin ist die USA bis in das 20. Jahrhundert hinein eine Pioniergesellschaft, in der man tatsächlich sein eigener Glückes Schmied ist und durch bloße Besiedlung oder Entdeckungen von Rohstoffen aus dem Nichts zu großen Vermögen gelangen kann. Die soziale Schichtung ist demnach eben auch nicht so vordefiniert und festgefahren wie in den europäischen Gesellschaften, in denen der Kapitalismus aus der feudalen Ständegesellschaft erwächst...
Schon, aber ist das nicht Geschichte? Ich kenne Amerika nur von meinen Besuchen in Montreal, Toronto und Detroit. Mir kam Detroit ganz anders vor als die kanadischen Städte. Schwarz hieß fast immer arm sein. Schwarz waren die Taxifahrer, Schwestern und Putzfrauen und -männer. Die Stadt wies eine Zwiebelschalenstruktur auf: Je weiter draußen desto reicher. Das von den lokalen Steuern bezahlte staatliche Schulsystem und die weitgehend private Finanzierung der Ausbildung zementiert das Klassensystem. Außer an Äußerlichkeiten habe ich wenig von einer Pioniergesellschaft kennengelernt.
Die USA sind in meinen Augen viel eher eine Klassengesellschaft als Europa.
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Re: Warum kein Kommunismus in den USA?

Beitrag von Atzec am So Jun 28, 2015 3:32 pm

Ja, der letzte Aspekt ist eher geschichtlich und bezieht sich auf das 19. und den Beginn des 20.jahrhunderts.

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