Ritualmordlegenden

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Ritualmordlegenden

Beitrag von Rübezahl am Do Mai 28, 2015 11:51 pm

Seit dem 13. Jahrhundert sind in Europa zahlreiche Ritualmordlegenden entstanden. Eine der ersten war wohl 1255 die des Hugo von Lincoln, einer der letzten 1911 die des Andrej von Kiew. Juden haben angeblich christliche Kinder vor allem in der Osterzeit getötet, um ihr Blut für rituelle Zwecke, angeblich für die Zubereitung des Matze-Brotes zu verwenden. Hintergrund der Legenden war meist die Absicht, sich den Besitz der beschuldigten Juden anzueignen. Unter Folter gaben sie auf die festgelegten Fragen meist die erwarteten Antworten, so dass sich die Legenden zu Überzeugungen festigten.
Aus dem alten Tirol sind drei Ritualmordlegenden bekannt: Ursula von Lienz, Simon von Trient und Anderl von Rinn. Besonders gut dokumentiert ist der Fall des Simon von Trient, da die Gerichtsakten vollständig erhalten sind. 1475 kam der Franziskanermönch Bernardino da Feltre nach Trient und verbreitete von der Kanzel Greuelmärchen über die Juden. Der fromme Pater war als einer der Begründer der kirchlichen Leihanstalten (Montes Pietatis) daran interessiert, die Konkurrenz der Juden im Kreditgeschäft auszuschalten. Unterstützt wurde er vom Trientner Bischof Johannes Hinderbach, der bei den Juden stark verschuldet war. Als der zweijährige Simon von einem Juden, der den Fund pflichtgemäß meldete, zu Ostern tot aufgefunden wurde, verhaftete man alle Juden von Trient und folterte sie, bis sie gestanden. Die Männer wurden alle hingerichtet, Frauen und Kinder zwangsgetauft. Simon (auch "Simonino di Trento" oder "Simmerle von Trient" genannt) wurde zu einem verehrten Märtyrer. Bischof Hinderbach ließ vom Buchdrucker Albert Kunne die Propagandaschift "Historie von Simon von Trient" drucken, die zur Verbreitung des Kultes beitrug und gewissermaßen als Anleitung für die Erfindung ähnlicher Legenden diente. Noch Jahrhunderte später hat auch der italienische Ministerpräsident Alcide Degasperi (1881-1954), ein überzeugte Antisemit, den Simonino sehr verehrt. Im 17. Jahrhundert entstand nach dem Vorbild des Simon von Trient die Legende vom Anderl von Rinn. Erfunden wurde sie vom Arzt und Priester Hyppolitus Guarinoni, der aus Trient stammte und in Hall in Nordtirol lebte. Aufgrund von Nachforschungen habe er in Erfahrung gebracht, dass im Jahr 1462 der siebenjährige Andreas in Rinn bei Hall von durchziehenden Juden getötet worden sei, erklärte Guarinoni im Jahr 1619, wobei er die Simon-Legende aus seiner Heimatstadt einfach als Kopie nach Nordtirol verlegte. Der Anderl-Kult verbreitete sich in ganz Tirol und soll heute noch heimliche Anhänger haben. Die katholische Kirche beendete den Simon-Kult erst im Jahr 1965, den Anderl-Kult gar erst im Jahr 1985 (!).
Es gab übrigens geistige und personelle Verbindungen zwischen der auf Ritualmordlegenden aufbauenden Judenverfolgung und der Hexenverfolgung. Ankläger im Ritualmordprozess in Trient war der Dominikanermönch Heinrich Kramer, der mit seinem "Hexenhammer" 1486 eine Anleitung für die Hexenverfolgungen geliefert hat.

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Re: Ritualmordlegenden

Beitrag von Marek1964 am Mo Jun 01, 2015 11:13 pm

Mich würde es wundern, was wirklich dran ist. Wurden diese Ritualmorde tatsächlich rein erfunden oder hatte es irgendwo einen Kern? Ich glaube natürlich an ersteres, und das nicht aus politischer Korrektheit.

In Böhmen gab es ja auch den Fall des jüdischen Taglöhners Leopold Hilsner, den ich hier thematisiert habe:

http://geschichte-forum.forums.ag/t280-der-bohmische-dreyfus-leopold-hilsner-angeblicher-judischer-ritualmord-masaryk-verteidiger
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Re: Ritualmordlegenden

Beitrag von Judas Phatre am Di Jun 02, 2015 7:35 pm

Die Juden waren unter den ersten, die ihren Gegnern Ritualmord vorwarfen:
"Er verunreinigte auch das Topheth im Tal der Kinder Hinnom, daß niemand seinen Sohn oder seine Tochter dem Moloch durchs Feuer ließ gehen." (2 Kön 23,10 über König Josia)
Andererseits verbietet der Tanach Menschenopfer bei Todesstrafe (3 Mos 20,2–5).
Aber schon die Griechen warfen im 1. Jh vChr. den Juden Kinderopfer vor. Bekannter ist die Geschichte bei Flavius Josephus, nach der Apion erzählt haben soll, dass die Priester im Tempel einen Griechen mästeten, um ihn zu essen. (Contra Apionem, 94).
Danach wird es still um jüdische Ritualmorde und eine ganz andere Geschichte geht um:
Das Säuglingsopfer von Christen, verbunden mit Menschenfresserei und Sexorgien. Ein Vorwurf der Römer gegen die neue Religion. Besonders drastisch wird etwas ähnliches anderen Christen im 4. Jh vorgehalten - von einem Christen! Epiphanius von Salamis behauptet, dass die Nikolaiten, eine gnostische Sekte, so verführen.
Diese Geschichte geht also schon einiges länger.
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Re: Ritualmordlegenden

Beitrag von Marek1964 am Di Jun 02, 2015 8:01 pm

Hm. Interessante Beispiele. Anderswo würdest Du dafür rote Bommel kriegen lol!

Ich glaube aber, dass das wenn nicht immer dann meist Propaganda ist. Man will den Gegner zum Tier machen. Deshalb streut man solche Gerüchte.

Die moderne Form davon sehe ich in vielen Ehescheidungsprozessen, wo der eine Partner dem anderen Partner vorwirft, die Kinder sexuell zu missbrauchen. Schätzungen zufolge ist das in etwa 99% der Fälle falsch.

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Re: Ritualmordlegenden

Beitrag von Judas Phatre am Di Jun 02, 2015 10:20 pm

Marek1964 schrieb:Hm. Interessante Beispiele. Anderswo würdest Du dafür rote Bommel kriegen lol!

Ich glaube aber, dass das wenn nicht immer dann meist Propaganda ist. Man will den Gegner zum Tier machen. Deshalb streut man solche Gerüchte.
Ohne jetzt mit Macht den Fokus auf das Christentum ziehen zu wollen, ist die Tatsache, dass sich Christen untereinander so etwas untergeschoben haben, bemerkenswert. Dazu vielleicht noch eine sehr alte Stelle bei Justin dem Märtyrer:
"Ob sie aber auch jene Schandtaten verübten, nämlich das Umstürzen des Leuchters, zügellose Ausschweifungen und das Verzehren von Menschenfleisch, wissen wir nicht;" (Justin 1 Apol 26)
Das sagt er über die Anhänger des Simon aus Samarien, einem Gegenspieler des Petrus. Das klingt nicht wie eine Verurteilung der Vorurteile. Untereinander kannten die keinen Spaß.
Es gibt sogar renommierte Wissenschaftler, die glauben, dass in dieser Geschichte ein wahrer Kern steckt: Benko, S, Pagan Rome and the Early Christians. Bloomington 1984
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