Warum beteten die Ägypter Tiere an?

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Warum beteten die Ägypter Tiere an?

Beitrag von Judas Phatre am Sa Mai 30, 2015 11:52 am

Antike Religion ist für uns zuerst einmal die griechische Götterwelt, die der Organisation einer Polis ähnelt: Hierarchie, Geschlechterrollen, Gewalt, Bündnisse, Mut, Fähigkeiten, menschliche und allzumenschliche Eigenschaften zeichnen diese Götter aus. Fast alle sind Menschen und so ist auch der Übergang zu sterblichen Menschen wie Herakles fließend. Adelsfamilien konnten behaupten, sie stammten von Göttern und Halbgöttern ab.
Die ägyptische Religion unterscheidet sich in vielen Aspekten davon. Zwar sind auch hier viele Götter von menschlicher Gestalt, männlich und weiblich, aber nichts ist wirklich fest oder eindeutig. Amun kann Mensch oder Widder oder Gans sein. Überhaupt fällt die Dominanz der tiergestaltigen Figuren auf. Daneben ist die weitgehende Gleichberechtigung von männlichen und weiblichen Gottheiten bemerkenswert.
Da ich glaube, dass die Götterwelt eines Volks deren Identität widerspiegelt, vermute ich grundsätzlich andere soziale und weltanschauliche Einstellungen dahinter. Allerdings gilt das natürlich in erster Linie für die Entstehungszeit dieser religiösen Vorstellungen.
In meinen Augen zeigt die Tiergestalt eines Gottes die Ehrfurcht vor diesem Tier. Diesen Respekt teilt das Alte Ägypten mit den vorkolumbianischen Hochkulturen Amerikas und vielen Völkern, die wir abfällig als "primitiv" einstufen. Er muss auf eine Zeit zurückgehen, in der man Tiere als gleichberechtigte Partner und Gegner angesehen hat, also das Paläo- und Mesolithikum. Dazu passt, dass die Jungsteinzeit in Ägypten ziemlich abrupt erst um etwa 5000 vChr. begann und damit Jahrtausende später als im Fruchtbaren Halbmond. Dazu kam, dass der Kontakt mit anderen neolithischen Kulturen spärlich gewesen sein dürfte. Das ägyptische Pantheon zeigt uns also eine Welt, in der das Tier nicht zum Sklaven und bloßen Gegenstand degradiert worden ist. Das ist sicher primitiv, doch verliert bei dieser Art der Betrachtung das Wort "primitiv" seine negative Note, klingt wie "ursprünglich".
Im Gegensatz dazu würde ich fordern, dass die ganz überwiegend anthropomorphe griechische Götterwelt das Ergebnis einer viel längeren Unterdrückung der Tiere im Nahen Osten war, woher Griechenland seine Kultur bezog. Dort war das Tier jahrtausendelang zum Objekt geworden und als Gottheit unwürdig. Ein eindrückliches Beispiel ist die jüdische Sicht, wo Gott den Menschen seinem eigenen Wesen nachbildet und der sich alles Getier untertan machen soll.
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Re: Warum beteten die Ägypter Tiere an?

Beitrag von Marek1964 am Sa Mai 30, 2015 12:24 pm

...und das goldene Kalb anzubeten war die grösste "Dummheit", die die Juden gemacht haben.


Interessant. Bei der ägyptischen Kultur sollte allerdings bedacht werden, dass sie sich über fast vier Jahrtausende zog. Da kann es auch so manche Veränderungen gegeben haben.


Bei den Griechen waren die Götter allerdings auch in der Lage, sich in Tiere umzuwandeln, wie etwa Zeus in einen Stier, als er Europa entführte oder Poseidon in eine Seeschlange, als er Laokoon erwürgte, weil dieser die Trojaner vor dem Pferd warnte. Wahr bleibt dabei - die Tiere waren dem Mensch untergeordnet.


In den altägyptischen Skulpturen kommt die Schlange auffällig oft vor; offensichtlich hatte man vor diesen Tier Respekt, dass den Menschen zu töten in der Lage war.


Dazu eigentlich meine Frage: waren die alten Ägypter Fleischesser?


Zuletzt von Marek1964 am Sa Mai 30, 2015 1:23 pm bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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Re: Warum beteten die Ägypter Tiere an?

Beitrag von Gontscharow am Sa Mai 30, 2015 12:29 pm

"Ehrfurcht vor dem Tier" ist etwas, das unserer Zeit seit langem verloren gegangen ist.
Das ist sehr bedauernswert und führt zu Exzessen in der rein ökonomischen Verwertung
von Tieren, denen dadurch abgesprochen wird, beseelte Lebewesen zu sein.
Ich bin nicht religiös, mir liegt es fern, irgendjemanden oder -etwas anzubeten, aber wenn
schon, warum dann nicht ( wieder) Tiere ?
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Re: Warum beteten die Ägypter Tiere an?

Beitrag von Judas Phatre am Sa Mai 30, 2015 1:12 pm

Gontscharow schrieb:"Ehrfurcht vor dem Tier" ist etwas, das unserer Zeit seit langem verloren gegangen ist.
Das ist sehr bedauernswert und führt zu Exzessen in der rein ökonomischen Verwertung
von Tieren, denen dadurch abgesprochen wird, beseelte Lebewesen zu sein.
Ich bin nicht religiös, mir liegt es fern, irgendjemanden oder -etwas anzubeten, aber wenn
schon, warum dann nicht ( wieder) Tiere ?
Das "Anbeten" ist nicht mehr zeitgemäß und ich glaube, war es auch im Anfang nicht. Das Wunderbare ist der Kreislauf, den man dahinter erkennen kann: Über 10000 Jahre hat sich das Tier in unserem Bewusstsein zu dem entwickelt, was man heute in den Tötungsbuchten unserer Schlachthäuser bewundern kann (prägt einen für's Leben). Aber heute steigt das Tier wieder im Ansehen: Einmal als Haustier, aber dann auch als ein massiv bedrohter Teil unserer Umwelt und Entstehungsgeschichte. Wir nähern uns irgendwie wieder der Sicht unserer Ururur....ureltern.
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Re: Warum beteten die Ägypter Tiere an?

Beitrag von Judas Phatre am Sa Mai 30, 2015 1:19 pm

Marek1964 schrieb:
Dazu eigentlich meine Frage: waren die alten Ägypter Fleischesser?
Oh ja, wenn es welches gab. Die Arbeiter in Deir elMedineh (Arbeitersiedlung für das Tal der Könige im Neuen Reich [ca 1500-1000 vChr]) hatten bei Festlichkeiten Anrecht auf Fleisch, vor allem Rindfleisch und Gans. Proteine kamen aber in erster Linie vom Fischverzehr. Fisch war viel billiger und Deir elMedineh hatte seine eigenen Fischer am Nil.
Religion ist etwas sehr Konservatives. Sie ändert sich grundsätzlich nur, wenn sich die Umstände revolutionär ändern (Eroberungen, Umsiedlungen, Mission). Da die Eroberungen Ägyptens aber nur die Regierung, bis zu Alexander aber nie die Kultur betraf, blieb die Religion sehr stabil.
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Re: Warum beteten die Ägypter Tiere an?

Beitrag von Ceres am Do Mai 26, 2016 7:32 pm

Im antiken Griechenland hatten Gottheiten eine menschliche Gestalt - ganz zum Gegensatz zum antiken Ägypten, die über die unterschiedlichsten Götter in Tiergestalt bzw. menschlichen Körper mit Tierkopf, verfügten und anbeteten. Das kam daher, das die Völker in Ober- und Unterägyten, auch die verschieden Stämme aus anderen Gebieten, die ihre eigenen Götter mit brachten. All diese hatten sich miteinander vereint. Somit ist es m. E. zu erklären, warum die Ägypter eine Menge unterschiedliche Götter verehrten (so um die 200 Gottheiten!). Es gab in der antiken Welt der Ägypter Gottheiten, die ihnen wichtig waren und sie am meisten anbeteten. Darunter auch Gottheiten, die ihnen zweitrangig erschienen: auch die ihnen nicht so wichtig waren. Doch hatte man mit den "minderen" Göttern keine Probleme.

Soviel ich weis (kann jetzt auch danebenliegen) gilt in Ägypten ATUM als Urgott aller Götter. Er hatte aus sich selbst erschaffen. Er gebar sogar einen Sohn und eine Tochter - Schu und Tefnut. Aus seinen Freudentränen schuf er die Menschen.
Daraufhin folgten eine Vielzahl von Göttern. Viele ähnelten sich, die dann einen Doppelnamen bekamen, wie z. B. Re-Horus oder Amun-Re.

Die wichtigsten Götter in der Antike waren:

Anubis, Osiris, Isis, Horus, Seth und Maat - und noch viele mehr...

Es wurden auch Gottheiten unterschieden:
- als Staatsgötter,
- Stadtgötter und
- persönliche Schutzgötter

Doch während der Regierungszeit des Pharao Echnaton wurden alle Götter verbannt, verboten - und nur eine Gottheit sollte dominant sein: RE-ATON
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Re: Warum beteten die Ägypter Tiere an?

Beitrag von Wallenstein am Fr Mai 27, 2016 10:51 am

Ich vermute, dass die ägyptischen Götter ursprünglich aus Totem entstanden sind. Viele afrikanische Stämme (aber auch sonst weltweit), haben eine besondere Beziehung zu einem bestimmten Tier. Sie glauben teilweise, dass sie von diesem abstammen oder in einem speziellen Verhältnis zu ihm stehen. Die vielen Stammesgruppen, aus denen ursprünglich die Ägypter bestanden, hatten eigene Totem. Nach der Vereinigung entstand ein ägyptisches Pantheon, in dem sie in der einen oder anderen Form wieder auftauchten.

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Re: Warum beteten die Ägypter Tiere an?

Beitrag von Ceres am Fr Mai 27, 2016 12:57 pm

Der Ausdruck "Totem" leitet sich aus der Ojibwe-Sprache ab und kommt normalerweise aus Südosten Kanadas. Das bezog sich im wesentlichen auf Pflanzen, Berge, Flüsse - aber auch auf Tieren.
Nun weis ich aber nicht genau, ob die Ägypter diesen Ausdruck gebraucht haben oder ob sie zu jener Zeit die alten Ägypter überhaupt schon Kontakt zu den Indianerstämmen gehabt haben?
Ich denke mir eher, dass die Ägypter und die zugewanderten Stämme ihre eigene Bezeichnungen für ihre Götter gehabt haben.


Zuletzt von Ceres am Fr Mai 27, 2016 1:32 pm bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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Re: Warum beteten die Ägypter Tiere an?

Beitrag von Wallenstein am Fr Mai 27, 2016 1:29 pm

Totem ist ein Begriff aus der Ethnologie für Symbole oder Gruppenabzeichen, denen eine mythisch-verwandtschaftliche Verbindung zwischen einem Menschen bzw. einer Gruppe und einer bestimmten Naturerscheinung gemeinsam ist.

Das Wort hat man ursprünglich von den Indianern übernommen, benutzt ihn in der Wissenschaft aber seitdem als übergeordneten Begriff. Es ist gleichgültig, welche Wörter die Ägypter dafür benutzt haben, es geht um den Inhalt.

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Re: Warum beteten die Ägypter Tiere an?

Beitrag von Ceres am Fr Mai 27, 2016 1:46 pm

In Grunde haste ja recht, Wallenstein. Aber ich bin von den antiken Ägyten ausgegangen und meinte, das dieser Oberbegriff zu der Zeit noch nicht von ihnen und hinzu kommenden Völkern verwendet wurde...
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Re: Warum beteten die Ägypter Tiere an?

Beitrag von Wallenstein am Fr Mai 27, 2016 3:10 pm

Ceres schrieb:In Grunde haste ja recht, Wallenstein. Aber ich bin von den antiken Ägyten ausgegangen und meinte, das dieser Oberbegriff zu der Zeit noch nicht von ihnen und hinzu kommenden Völkern verwendet wurde...

Nein, das ist klar. Wie die das genannt haben, ist aber auch nicht bedeutsam. Es handelt sich aber um den gleichen Vorgang.

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Re: Warum beteten die Ägypter Tiere an?

Beitrag von Ceres am Fr Mai 27, 2016 3:59 pm

Danke Wallenstein Smile
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