Uta Ranke-Heinemann: Wissenschaftliche Freiheit in der Theologie

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Uta Ranke-Heinemann: Wissenschaftliche Freiheit in der Theologie

Beitrag von Judas Phatre am Mi Jun 10, 2015 11:02 pm

Uta war ein kluges Mädchen, Jahrgangsbeste. Sie verbrachte die Kriegsjahre bei Rudolph Bultmann, einem der einflussreichsten Theologen. So studierte sie selbst Theologie, erst evangelische, dann nach ihrer Konversion katholische und erhielt eine theologische Professur, zuletzt in Essen. Ähnlich wie Bultmann sah sie in der unbefleckten Empfängnis und der Auferstehung des Herrn eine Symbolik und kein reales Geschehen. So eckte sie öfters an. Als sie 1987 in einem Interview sagte:
„Viele Juden sind umgebracht worden, weil sie nicht an die Jungfrauengeburt glauben konnten. Und ich kann das auch nicht"
wurde ihr vom Bischof die Lehrbefugnis entzogen. Interessanterweise ist Ratzinger mit einer ähnlichen Überzeugung (viel) später Papst geworden. Sie erhielt von der Uni Essen einen eigenen Lehstuhl unabhängig von der Theologie.
Ca. 10 Jahre später kam es zu einem ähnlich gelegenen Fall in der evangelischen Theologie: Gerd Lüdemann verlor in letzter Instanz vor dem Bundesverfassungsgericht: Es läge zwar eine Verletzung der Forschungsfreiheit vor, die sei aber hinzunehmen.
Diese Vorfälle zeigen, dass die Kirche in Deutschland eine eigentümliche politische Rolle spielt. Zwar beteiligt sie sich finanziell kaum an der Lehre, hat aber einen enormen Einfluss. Zusätzlich beweist diesr Fall, dass das kirchliche Dogma und die Forschungsfreiheit und damit die Vernunft, unvereinbar sind. Sollte dann aber nicht die Ausbildung und "Forschung" im Rahmen der Priesterausbildung finanziell und personell allein von der Kirche getragen werden?
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Re: Uta Ranke-Heinemann: Wissenschaftliche Freiheit in der Theologie

Beitrag von Gontscharow am Do Jun 11, 2015 12:47 am

Man kann diese Idee weiter spinnen :
Katholische Kindergärten oder Grundschulen sowie sonstige Bildungseinrichtungen
werden großteils vom Staat finanziert, zu einem sehr geringen Anteil von der katholischen Kirche. Wie es aktuell aussieht , weiß ich nicht, vor nicht allzu langer Zeit mußte eine Erzieherin katholischer Konfession sein, nicht geschieden etc. D.h. die katholische Kirche bestimmte sogar über das Privatleben ihrer Angestellten - falls sie denn Angestellte sein wollten.
Uta Ranke-Heinemann kenne ich nur aus diversen Talk-shows und Interviews, mir kam sie immer als Provokateurin vor. Erst evangelisch, dann zum Katholizismus konvertiert um sich dann über die Dogmen der katholischen Kirche lustig zu machen ( so kam es mir vor). Natürlich glaubt kein vernunftbegabter Mensch an eine Jungfrauengeburt - aber warum tritt man dann einem Verein bei, der absurderweise diese Ansicht vertritt, um dann einen erbitterten Kampf dagegen zu führen ?
Ich habe wenig Ahnung von dem Thema, lasse mich gerne belehren.
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Re: Uta Ranke-Heinemann: Wissenschaftliche Freiheit in der Theologie

Beitrag von Atzec am Do Jun 11, 2015 10:38 am

Ja, diese Würdigung Heinemanns würde ich so unterschreiben. Auch mir sind diese ganzen katholischen Kirchenreformbemüher latent suspekt. Wenn einem identitätsstiftende Aspekte des Katholizismus nicht gefallen, z.B. das Zölibat, dann kann man da doch austreten.

Auch im Einfluss der Kirchen auf die Besetzung von Lehrstühlen für Theologie sehe ich kein großes Problem. Das System ist nunmal so gewachsen, ferner gibt es anscheinend auch theologische Lehrstühle, die dem Zugriff der Kirche verwehrt bleiben. Dann ist doch eigentlich alles in Butter.

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Re: Uta Ranke-Heinemann: Wissenschaftliche Freiheit in der Theologie

Beitrag von Judas Phatre am Do Jun 11, 2015 1:06 pm

Atzec schrieb:J
Auch im Einfluss der Kirchen auf die Besetzung von Lehrstühlen für Theologie sehe ich kein großes Problem. Das System ist nunmal so gewachsen, ferner gibt es anscheinend auch theologische Lehrstühle, die dem Zugriff der Kirche verwehrt bleiben. Dann ist doch eigentlich alles in Butter.
Frau Ranke ist eine Christin mit abweichenden Meinungen und da sie Wissenschaftlerin ist/war, gilt hier die Wissenschaftsfreiheit. Sie und Lüdemann sind beide aus der Lehre in ihrem Fach ausgekoppelt worden. Das heißt, die Kirchen beider Konfessionen kochen ihr Süppchen und lassen sich das vom Staat finanzieren. Das finde ich nicht in Ordnung.
Gontscharows Vergleich mit den Kindergärten passt hervorragend hierher. Hier sichert sich die Kirche die ideologische Beeinflussung von Vorschulkindern ohne auch nur angemessen dafür bezahlen zu müssen. Ich kann davon ein Liedchen singen. Am Niederrhein konnten meine Kinder keinen Platz in einem erreichbaren Kindergarten bekommen, weil nur getaufte Kinder genommen wurden, wenn noch Plätze übrig waren lieber Moslems als Konfessionsfreie.
Ich empfinde die strenge Teilung zwischen Staat und Kirche in Frankreich in manchen Dingen übertrieben, im Grundsatz aber richtig.
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Re: Uta Ranke-Heinemann: Wissenschaftliche Freiheit in der Theologie

Beitrag von Atzec am Do Jun 11, 2015 8:57 pm

DAs ist halt fraglich, ob man hier mit "Wissenschaftsfreiheit" argumentieren kann und sollte... Ich könnte mir auch durchaus vorstellen, zu bestreiten, dass es sich bei "Theologie" überhaupt um eine Wissenschaft handelt... :-) Ansonsten gelten für Kirchen ja auch arbeitsrechtliche Sonderregelungen, die ihnen als sog. Tendenzbetrieben einen selektiveren Umgang mit Mitarbeitern erlaubt...

Ich habe auch keine wirklich konkrete Vorstellung, wie konkret der kirchliche Einfluss sich bei der Bestellung von theologischen Lehrstühlen niederschlägt und auswirkt. Offensichtlich haben die einen entsprechenden Einfluss.
Ansonsten ist aber die theologische Forschung und Lehre ja traditionell konfessionell ausgerichtet, da macht es eben auch Sinn, wenn die Kirchen darauf beharren, dass eben ihre Lehre an den Unis zentraler gegenstand ist.
Weiter scheint es ja auch so zu sein, dass es daneben auch noch für ketzerische Positionen theologische Lehrstühle gibt.

Klar, in dem Maße, in dem konfessionell ausgerichtete Religiösität weiter an gesellschaftlichem Boden verliert, kann man auch an solch alten Zöpfen wackeln.

Allerdings ist eine ideologische Beeinflussung der Kinder ja kein Selbstläufer. Die Eltern können ja ohne weiteres auf konfessionsfreien Ethikunterricht beharren.

Solange es ansonsten noch Kirchensteuerzahler in namhafter Anzahl gibt, würde ich auch nicht auf diese billige Ökonomisierungsbetrachtung setzen.

Als Atheist fühle ich mich jetzt eigentlich auch nicht wirklich berufen, hier den großen Kirchenverteidiger zu geben, aber ich sehe auch keinen echten Problemleidensdruck, um aktuell groß etwas an dem theologischen Lehrstuhlsystem zu ändern.

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Re: Uta Ranke-Heinemann: Wissenschaftliche Freiheit in der Theologie

Beitrag von Judas Phatre am Do Jun 11, 2015 9:47 pm

Atzec schrieb: Ansonsten gelten für Kirchen ja auch arbeitsrechtliche Sonderregelungen, die ihnen als sog. Tendenzbetrieben einen selektiveren Umgang mit Mitarbeitern erlaubt...
Guter Punkt: Streikverbot in kirchlichen Häusern. Gibt es auch andere gesellschaftliche Gruppen, die solche Rechte besitzen?
Atzec schrieb:
Ich habe auch keine wirklich konkrete Vorstellung, wie konkret der kirchliche Einfluss sich bei der Bestellung von theologischen Lehrstühlen niederschlägt und auswirkt.
Das sogenannte "nihil obstat" wird von der katholischen Kirche eingeholt, bevor eine katholisch-theologische Professur besetzt wird, eine Art Vetorecht des heiligen Stuhls.
Atzec schrieb:
Ansonsten ist aber die theologische Forschung und Lehre ja traditionell konfessionell ausgerichtet, da macht es eben auch Sinn, wenn die Kirchen darauf beharren, dass eben ihre Lehre an den Unis zentraler gegenstand ist.
Das sehe ich auch so, ist dann m.E. aber nicht an staatlich finanzierten und nach freiheitlichen Regeln organisierten Universitäten anzusiedeln.
Atzec schrieb:
Weiter scheint es ja auch so zu sein, dass es daneben auch noch für ketzerische Positionen theologische Lehrstühle gibt.  
Es gibt einige wenige religionsgeschichtliche Lehrstühle, das geht in Ordnung.
Atzec schrieb:
Allerdings ist eine ideologische Beeinflussung der Kinder ja kein Selbstläufer. Die Eltern können ja ohne weiteres auf konfessionsfreien Ethikunterricht beharren.
Mein Beispiel bezog sich auf Kindergärten, die in der besagten Gegend fast vollständig in konfessioneller Hand sind und wo es keinen "Lehrplan" gibt.
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Re: Uta Ranke-Heinemann: Wissenschaftliche Freiheit in der Theologie

Beitrag von Atzec am Fr Jun 12, 2015 12:59 pm

Parteien und ihre Unternehmungen fallen wohl auch unter die Privilegierung als Tendenzbetrieb... :-)

Die staatliche Finanzierung des Theologiebetriebs sehe ich entspannter und langmütiger. Zum einen kann man auch noch viel dümmlicher Geld zum Fenster herauswerfen, zum anderen behält man über die Finanzierung aber auch immer einen Fuß in der Tür und den Kooperationspartner in einer Position, wo auch er an dieser Kooperation interessiert bleibt... :-)
Ja, aus der Vorschule habe ich wohl eine Grundschule gelesen...:-) Meine Tochter ist auch in einen katholischen KG gegangen und jetzt in ihrem Grundschulalter etwas unzufrieden mit mir, dass ich nicht an Gott glaube... :-)))
Beiläufig: Da fand ich sehr bemerkenswert, mit welcher Selbstverständlichkeit auch muslimische Eltern und Kinder gelegentlich aktiv die Kirchenbesuche mitgemacht haben. Etwas, das so gar nicht zum islamophoben Bild völliger muslemischer Intoleranz gegenüber Andersgläubigen passt.

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Re: Uta Ranke-Heinemann: Wissenschaftliche Freiheit in der Theologie

Beitrag von Judas Phatre am Fr Jun 12, 2015 4:31 pm

Atzec schrieb:
Beiläufig: Da fand ich sehr bemerkenswert, mit welcher Selbstverständlichkeit auch muslimische Eltern und Kinder gelegentlich aktiv die Kirchenbesuche mitgemacht haben. Etwas, das so gar nicht zum islamophoben Bild völliger muslemischer Intoleranz gegenüber Andersgläubigen passt.
Es ist unsere Aufgabe von beiden Seiten die Hürden abzubauen. Wenn die (ehemalige?) PEGIDA die Intoleranz der Moslems herausstreicht, hat das schon etwas von Selbstironie.
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Re: Uta Ranke-Heinemann: Wissenschaftliche Freiheit in der Theologie

Beitrag von Judas Phatre am So Jun 14, 2015 5:18 pm

Gontscharow schrieb:Natürlich glaubt kein vernunftbegabter Mensch an eine Jungfrauengeburt - aber warum tritt man dann einem Verein bei, der absurderweise diese Ansicht vertritt, um dann einen erbitterten Kampf dagegen zu führen ?
Ich vermute, sie war von Bultmann so begeistert, dass sie ihm nachahmen wollte. Für mich ist der Einstieg in solch eine Religion etwas Irrationales und damit Emotionales. Die evangelische Religion ist aber so etwas nicht Ganzes und nicht Halbes, Vernunft und Glauben gemischt. Ich kann mir vorstellen, dass URH den Halt einer festen Gemeinschaft gesucht hat. Das bieten Katholizismus und Islam in deutlich stärkerem Maße. Vielleicht kann uns Mulan mehr darüber sagen. Wenn ich ihn richtig verstanden habe, ist er ebenfalls als Erwachsener Moslem geworden.
Doch auf die Dauer kann die Religion das Denken nicht abstellen. Wir würden sagen: "Lass die doch ihren Blödsinn allein machen!" Sie aber versuchte, die Gemeinschaft, die ihr emotional nahe stand, rational zu verändern. Die spannende Frage ist, ob so etwas möglich ist.
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