Die griechische Militärdiktatur 1967 - 1974

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Die griechische Militärdiktatur 1967 - 1974

Beitrag von Wallenstein am Mi Jul 01, 2015 1:21 pm

Angesichts der jetzigen Situation in Griechenland ist vielleicht ein kleiner Rückblick in die jüngere Geschichte des Landes  nicht uninteressant. Das Land war (und ist?) eher ein Staat der Dritten Welt, sowohl wirtschaftlich als auch politisch. Ökonomische Unterentwicklung,  Bürgerkriege, extreme politische Polarisierung und eine Militärdiktatur kennzeichneten die Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg. Armut und Rückständigkeit sind selten ein guter Nährboden für Demokratie und politische Stabilität.

Von 1967 bis 1974 regierte eine Militärdiktatur das Land. Ich war in der Zeit zweimal dort gewesen und an den Grenzübergängen bemerkte ich sofort, das inzwischen in dem Land ein neuer Wind wehte im Gegensatz zu meinen Besuchen Anfang der sechziger Jahre.

In der Wartehalle sah ich ein großes Bild von dem starken Mann der Militärs, Papadopoulos, ein älterer Herr mit Stirnglatze. 1974 würde man ihn zu lebenslanger Haft verurteilen und 1999 verstarb er im Gefängnis. Daneben prangte ein großes Plakat mit dem Logo der Militärs, ein schwarz gemalter Soldat, der aussah wie aus einem Scherenschnitt, dahinter der goldene Vogel Phönix mit weit geöffneten Schwingen, vor ihm ein loderndes Feuer, Phönix aus der Asche. Und darunter stand zu lesen: 21.April 1967, der Tag des Putsches und ein Slogan:
"Christus ist auferstanden, Hellas ist auferstanden!"

Die Junta betrieb einen bizarren Hellenen Kult, doch ihr Vorbild waren nicht die antiken Griechen, sondern anscheinend das ländliche Griechenland des 19. Jahrhunderts. Die Plakate zeigten Bauern in putzigen Trachten sowie schwarzgekleidete, vermummte Frauen mit schwarzen Kopftüchern. Dies erinnerte mehr an die türkische Vergangenheit des Landes als an das Altertum, denn auf den antiken Abbildungen sah man die Menschen immer halbnackt und oftmals in eindeutigen, sexuellen Posen. Davon wollten die Generäle nichts wissen, sie orientierten sich an der griechischen Kirche, die auch Staatskirche war und ist.

„Griechenland den griechischen Christen“, las ich auf einem Schild in englischer Sprache. Zu der Antike gehörte ja auch die Demokratie, aber davon wollten die neuen Herrscher ebenfalls nichts wissen.

Die Putschisten betrachteten sich als Retter der Nation. Sie wollten Schluss machen mit Vetternwirtschaft und Korruption, doch auch sie versanken schnell im griechischen Sumpf.

Von 1946 bis 1949 tobte in dem Land ein mörderischer Krieg zwischen den Kommunisten und der konservativen Regierung, die ihn mit amerikanischer Hilfe schließlich gewann. Seitdem beherrschten rund zweihundert Familien das Land,  aus denen die wichtigsten Industriellen, Reeder, Offiziere und Beamten stammten. Sie lebten vom Handel, von der Ausplünderung des Staates und von amerikanischer Wirtschaftshilfe, die Griechenland in eine wichtige Militärbasis verwandelten. Die Familien Karamanlis und Papandreou hatten eine Art Abonnement auf die höchsten Staatsämter inne. Die Parteien basieren vorwiegend auf einem Klientelsystem. Sie scharen Personen um sich herum, bilden Wahlbündnisse, um an die Macht zu kommen und anschließend ihren Anhängern günstige Positionen im Staat und in der Wirtschaft zu verschaffen. Die politischen Gebilde sind ein sozialer Organismus, in dem die Familie und Verwandtschaft ein zentrales Bezugsfeld sind Die Politiker verschaffen ihrer Klientel Kredite, Ausbildungen, Jobs. Sie sind für alles zuständig, das sogenannte „Rusfeti“ System, der politische Handel.

Von 1955 bis 1963 regierte der extrem konservative Karamanlis mit Wahlfälschungen und Terrormilizen. Jeder Bürger brauchte ein „Gesinnungszeugnis“, um seine Loyalität zu beweisen. Sonst gab es weder Arbeitsplätze noch behördliche Dokumente. Sondergesetze erlaubten die willkürliche Verhaftung von angeblichen Kommunisten und ihre Verschleppung in Internierungslager.

Noch in den sechziger Jahren war die Hälfte der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft gebunden, doch die vielen Kleinbetriebe konnten nicht einmal das Land selbst versorgen. Staatlich garantierte Erzeugerpreise konservierten archaische Strukturen und verhinderten Innovationen. In den Städten breitete sich ein umfangreicher, tertiärer Sektor aus, bestehend aus ambulanten Kleinhändlern, Schuhputzern und Losverkäufern. Wie üblich in Entwicklungsländern wurde auch hier hart und sehr lange gearbeitet, doch aufgrund der niedrigen Arbeitsproduktivität machten sich die Ergebnisse bescheiden aus. Ein Losverkäufer mag jeden Tag 12 Stunden unterwegs sein, doch in dieser Zeit verkauft er kaum etwas. Dividiert man den Tageserlös durch die Zahl der Arbeitsstunden, so ergibt sich ein sehr geringer Betrag pro Stunde. Ähnlich düster sind die Bilanzen bei Schuhputzern, fliegenden Händlern, Ziegenhirten, Eseltreiber und was es sonst noch so geben mag. Ein großer Teil dieser Arbeiten ist volkswirtschaftlich gesehen weitgehend unproduktiv und wäre bei einer höheren Entwicklungsstufe überflüssig.

Industrie gab es damals nur wenig und wenn, waren es vorzugsweise amerikanische Betriebe. Die große Handelsflotte hatten die steinreichen Reeder weitgehend ausgeflaggt, um keine Steuern zu zahlen.

In den sechziger Jahren organisierte Papandreou eine Sammlungsbewegung aus Liberalen, Sozialisten und Kommunisten. Die Oberschicht und die Amerikaner befürchteten einen Linksruck und einen Ausbruch Griechenlands aus der NATO. Deshalb unterstützten sie die Militärs bei ihrem Putsch 1967.

Die Obristen überzogen das Land mit Terror, ermordeten Oppositionelle, verhafteten tausende und verschleppten sie auf KZ-Inseln, wo sie oftmals brutal gefoltert wurden. Die Junta versuchte  das Land ideologisch mit ihrem kuriosen Hellenenkult zu manipulieren, doch die Ergebnisse waren gleich null. In der Bevölkerung fanden sie so gut wie keinen Rückhalt.

1974 inszenierten sie einen dilettantischen Putsch auf Zypern, der die Türkei zum Eingreifen zwang und der zur Teilung der Insel führte. Das war offensichtlich nicht mit den Amerikanern abgesprochen, denn die wollten keinen Krieg zwischen zwei Nato Staaten haben. Sie ließen die Junta fallen, die daraufhin zurücktrat. Anschließend übernahm wieder der Konservative Karamanlis die Regierung, der später dann von dem rivalisierenden Clan der Papandreous abgelöst wurde. Business as usual.

Nach dem Ende der Diktatur trat Griechenlands aus der NATO aus, um einige Jahre später erneut Mitglied zu werden. Anfang der achtziger Jahre wurde das Land auch Mitglied der EG, hauptsächlich, um eine mögliche Entwicklung nach links zu verhindern.

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Re: Die griechische Militärdiktatur 1967 - 1974

Beitrag von Gontscharow am Do Jul 02, 2015 7:12 am

Wenn man Wallensteins Beitrag liest und dann das Griechenland vor dem Ausbruch der
Schuldenkrise mit dem Land der 70er Jahre vergleicht, sieht man einen drastischen
Anstieg des Lebensstandards der griechischen Bevölkerung. An und für sich eine erfreuliche
Entwicklung, wenn sie denn auf einer dynamischen Entwicklung der Wirtschaftsleistung
beruhen würde. Diese Entwicklung wurde aber - wie jetzt offensichtlich wird - zu einem nicht
geringen Teil auf Schulden aufgebaut. Wohlstand auf Pump sozusagen - auch das kann man ja
noch als einen "Kredit auf die Zukunft" rechtfertigen. Nicht aber, wenn, wie im griechischen Beispiel, die Schulden u.a. in dunkle Kanäle der griechischen Oligarchen versickern.
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Re: Die griechische Militärdiktatur 1967 - 1974

Beitrag von Atzec am Do Jul 02, 2015 6:59 pm

Dem Putsch der Militärs ist einer der berühmtesten Politthriller von Costa Gavras, "Z", gewidmet.

Noch interessanter als der 67er Putsch wäre der Bürgerkrieg nach dem Ende der deutschen Besatzung. Ohne amerikanische und britische Militärintervention wäre Griechenland wohl ganz demokratisch und friedlich zu einem Warschauer-Pakt-Staat mutiert. Eigentlich so eine Art Umkehrung von Ungarn 56 oder CSSR 68...

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Re: Die griechische Militärdiktatur 1967 - 1974

Beitrag von Wallenstein am Fr Jul 03, 2015 10:25 am

Wie stark die Kommunisten nach 1945 wirklich waren, wird man nie erfahren. Sie beherrschten größere Teile des Berglandes, waren aber in den Städten wenig präsent. Die Parlamentswahl vom 1.März 1946 boykottierten sie, deshalb siegten die Konservativen. Am 1.September 1946 stimmten die Griechen über die Wiedereinführung der Monarchie ab. Auch diese Wahl boykottierten die Kommunisten. Die Abstimmung endete mit dem Sieg des Königs.  Diese Wahlenthaltungen waren wohl nicht sehr klug.

Stalin unterstützte die Kommunisten nicht, da er Griechenland den Engländern versprochen hatte. Hilfe bekamen sie von Jugoslawien und Albanien. Nach dem Bruch Titos mit Stalin 1948 beendete Tito die Hilfe. Kurze Zeit später folgte Albanien. Die Kommunisten hatten nun keine Rückzugsgebiete mehr und konnten militärisch völlig zerschlagen werden. Zehntausende flüchteten nach Bulgarien, Polen, die CSSR und teilweise in die DDR. Es wurden auch viele Kinder in die Nachbarländer gebracht, teils freiwillig, teils wurden sie verschleppt. Über diese vielen Flüchtlinge wird in Griechenland nicht gerne geredet. Überhaupt ist der Bürgerkrieg dort ein ungeliebtes Thema. Über die Zahl der Toten gibt es keine konkreten Angaben. Man schätzt sie zwischen 50.000 bis 150.000.

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Re: Die griechische Militärdiktatur 1967 - 1974

Beitrag von Walzbruder am Mo Jul 13, 2015 3:34 am

Ich kenne diese Militärdiktatur persönlich nicht, dazu bin ich zu jung. Anlässlich einer Familienfeier wurde eine Platte des griechischen Komponisten Mikis Theodorakis gespielt und ich kam mit meinem Onkel ins Plaudern. Dabei erfuhr ich, dass dieser Komponist bei dieser Diktatur inhaftiert wurde. In der ostdeutschen Jugend entstand eine Kampagne gezeichnete Blumen in seine Gefängniszelle zu schicken. Als dieser dann frei kam, emigrierte er nicht nach Deutschland, sondern nach Frankreich.
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Re: Die griechische Militärdiktatur 1967 - 1974

Beitrag von Wallenstein am Mo Jul 13, 2015 9:54 am

Der Komponist Theodorakis wurde 1970 von der Junta freigelassen, vor allem durch die Bemühungen des französischen Politikers Servan-Schreiber, der ihn nach Frankreich holte und sich für dessen Asyl in dem Land einsetzte.

1972 trat Theodorakis aus der eurokommunistischen Partei Griechenlands (sogenannte KP-Inland) aus. 1974 kehrte er nach Griechenland zurück, sympathisierte dort zeitwillig mit der KKE, die sogenannte Kommunistische Partei Ausland, die sich an die Sowjetunion anlehnte. In den achtziger Jahren hat er sich aber von dieser Partei distanziert und wechselte zur liberal-konservativen Neo Dimokratia. Unter deren Regierung war er Anfang der neunziger Jahre Minister ohne Geschäftsbereich. Danach hat er sich aus der Politik zurückgezogen und widmet sich seitdem ganz seiner Musik.

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