Indonesien 1965: Erinnerung an ein Massaker

Neues Thema eröffnen   Eine Antwort erstellen

Vorheriges Thema anzeigen Nächstes Thema anzeigen Nach unten

Indonesien 1965: Erinnerung an ein Massaker

Beitrag von Wallenstein am Sa Jul 11, 2015 11:17 am

Im Jahre 1965 kam es in Indonesien zu einem blutigen Militärputsch, der vermutlich eine halbe Million bis eine Million Todesopfer im Gefolge hatte, eines der schlimmsten Massaker der neueren Geschichte, welches später in Asien nur noch von dem Blutbad der Roten Khmer in Kambodscha übertroffen wurde. Doch der Massenmord in Indonesien ist weitgehend in Vergessenheit geraten.

Nach einem blutigen Befreiungskampf unter Führung des späteren Präsidenten Sukarno hatte sich das Land von der holländischen Kolonialmacht befreit. Sukarno war ein nationalistischer Populist, der schon bald im Westen  Misstrauen und Unwillen hervorrief. Er wollte das Land wirtschaftlich voranbringen und enteignete westliche Firmen. In der berühmten Konferenz von Bandung 1955 unter seiner Führung versammelten sich die maßgeblichen Politiker aus Asien und Afrika und gründeten die Bewegung der Blockfreien. Sie definierten sich als „Dritte Welt“ und wollten einen unabhängigen Weg gehen zwischen Ost und West. Sie schrieben sich den Kampf gegen Neokolonialismus auf die Fahnen und forderten wirtschaftliche Unabhängigkeit.

Unter Sukarno wurde die indonesische Kommunistische Partei (PKI) mit 3,5 Millionen Anhängern zu einer der stärksten kommunistischen Parteien in Asien. Sie orientierte sich an Peking und in vielen Dörfern hatte sie bereits die Macht erobert. Während die Sowjets auf friedliche Koexistenz mit dem Westen setzten, wollten die Chinesen die Weltrevolution vorantreiben. Sie vertraten die Theorie von dem Kampf der Weltdörfer gegen die Weltstädte. Die Dritte Welt war demzufolge das Weltdorf, welches gegen die Weltstädte des Westens kämpfen sollte. Diese Theorie fand außerhalb Chinas nur wenige Anhänger, doch in Indonesien erwies sich der Führer der PKI, Aidit, als getreuer Gefolgsmann von Mao. Dies Land schien das ideale Experimentierfeld zu sein für die neue Theorie. Andererseits wurden die Kommunisten aber immer wieder von Peking ausgebremst, denn China legte auch großen Wert auf gute Beziehungen zu Sukarno, der zwar selbst kein Kommunist war, durch seine antiwestlichen Ausfälle jedoch ebenfalls ein guter Bundesgenosse zu sein schien.

In den sechziger Jahren geriet Sukarno immer mehr unter Druck. Die Kommunisten wurden ständig stärker, aber daneben stand das Militär, welches eindeutig prowestlich orientiert war. Es schien nur eine Zeitfrage zu sein, bis das Land entweder kommunistisch wurde oder die Militärs die Macht übernahmen. Bei den Wahlen konnte sich Sukarno zwar immer wieder durchsetzen, doch seine Position wurde zunehmend schwächer.
1965 kam es dann angeblich zu einem Putschversuch einiger mit der PKI sympathisierenden Offiziere, die ominöse, bisher nicht bekannte „Bewegung des dreißigsten Septembers“. Ob dies tatsächlich stimmt, ist bis heute unaufgeklärt. Jedenfalls übernahm daraufhin die Generalität die Macht und es kam dann zu dem blutigen Massaker. Es wurde deshalb so grauenhaft, weil sich an den Bluttaten viele Zivilisten beteiligten.

Die indonesische Gesellschaft basiert auf Großfamilien, Sippen, Clans, die fest zusammen halten. Zwischen ihnen gibt es Rivalitäten und Auseinandersetzungen, die oft weit in die Vergangenheit zurückreichen. In den sechziger Jahren wurden die Gegensätze zwischen ihnen zunehmend politisiert, es bildeten sich „rote Sippen“ und „schwarze Sippen“. Getreu dem Prinzip der Blutrache folgend, reichte es nicht aus, einzelne Menschen zu töten, nein, es musste die gesamte Sippe sterben. Also wurden  nun überall die „roten Sippen“ systematisch abgeschlachtet, damit niemand von ihnen übrig bleibt. Monatelang dauerten die Schlächtereien an.

International wurde das Massaker kaum zur Kenntnis genommen. Im Westen war man aber sichtlich erleichtert über den Putsch. Es wird vermutet, dass er mit Hilfe der USA durchgeführt wurde.

In der UDSSR interessierte man sich dafür nicht weiter, denn die PKI war mit dem Rivalen Peking verbündet gewesen. In Moskau fehlte es nicht an  Häme darüber, dass die Chinesen ihren wichtigsten Bündnispartner verloren hatten und die Theorie vom Kampf der Weltdörfer einen schweren Rückschlag erlitten hatte.

In den nächsten Jahrzehnten beherrschten die Militärs das Land. Nach schweren Unruhen 1998 kehrte Indonesien zur Demokratie zurück. Neue Präsidentin wurde später eine Tochter von Sukarno, der selbst 1970 verstarb.

Wallenstein
Gründungsmitglied
Gründungsmitglied

Anzahl der Beiträge : 849
Anmeldedatum : 03.02.15

Benutzerprofil anzeigen

Nach oben Nach unten

Re: Indonesien 1965: Erinnerung an ein Massaker

Beitrag von Gontscharow am So Jul 12, 2015 12:05 pm

Mit dem Abstand von 50 Jahren und eingedenk der Erfahrungen in anderen Ländern
kann ich mich der Aussage Wallensteins, daß es , wäre es nicht zu einem Militätputsch gekommen, die Kommunisten an die Macht gekommen wären. Dann hätten wahrscheinlich die " roten Sippen " ihre Gegner massakriert.
In der dritten Welt war/ist es für den Lebensstandard der Bevölkerung nicht von allzu großer Bedeutung, ob die Führung sich sozialistisch nannte oder nicht, er war in den prowestlichen Ländern genau so miserabel wie in den sozialistischen Ländern. Eine Ausnahme war Kuba, wo dank hoher Subventionen durch die Sowjetunion, der Lebensstandard, das Niveau der Ausbildung und der Gesundheitsfürsorge deutlich angehoben werden konnte und somit vielen insbesondere lateinamerikanischen Ländern
als Vorbild für den sozialistischen Weg dienen sollte.In sehr viel bescheidenerem Umfang hatte die Sowjetunion auch ihren späteren anderen Verbündeten in der III. Welt geholfen,
etwa Äthiopien, Mocambique oder Vietnam. Aber natürlich waren die Ressourcen der Sowjetunon beschränkt, deshalb konnte schon den Äthiopiern und Vietnamesen nicht das Füllhorn der Wohltaten ausgeschüttet werden, so wie die Kubaner es jahrzehntelang genossen. Ein zahlenmäßig so riesiges Volk wie das indonesische hätte nicht all zu sehr auf sowjetische Hilfe bauen können.
Ob es für Indonesien mittelfristig "besser" war, daß das Militär putschte ? Dazu fallen mir einfach zu viele Argumente contra ein, als daß ich die Frage guten Gewissens mit "Ja" beantworten könnte. Eine rote Diktatur wäre allerdings auch nicht besser gewesen.


avatar
Gontscharow
Gründungsmitglied
Gründungsmitglied

Anzahl der Beiträge : 898
Anmeldedatum : 18.01.15

Benutzerprofil anzeigen

Nach oben Nach unten

Re: Indonesien 1965: Erinnerung an ein Massaker

Beitrag von Marek1964 am Do Okt 15, 2015 10:13 pm

Hier ein Artikel in der Basler Zeitung zum in diesem Thread thematisiserten Massaker in Indonesien 1965: http://bazonline.ch/ausland/asien-und-ozeanien/Die-qualvolle-Stille-ueber-Indonesiens-Massengraebern/story/30319564

Und hier ein Artikel aus der ZEIT von 1967

Während die Debatte um die Zahl der Opfer – Schätzungen zwischen vierhunderttausend und einer Million – schon akademischen Charakter annimmt, ist Hughes berechtigterweise sehr kritisch gegenüber der „Wir-oder-sie“-Rechtfertigung der Armee. Er weist darauf hin, daß es keinen kommunistischen Aufstand im Lande gab und daß sich die Anhänger der Partei durchweg widerstandslos und oft wie Schafe zu den Exekutionsplätzen führen ließen. Hughes meint, der damals gesäte Haß werde noch zukünftige Generationen entzweien.

Es hat Betrachter der indonesischen Ereignisse immer verwundern müssen, warum die Armee fortwährend von einem kommunistischen Umsturzversuch sprach, jedoch die Gefangennahme Aidits in Mitteljava im November 1965 nicht ausnutzte, um ihn vor Gericht und sein Schuldgeständnis vor die Nation zu bringen. Sie hätte nichts zu befürchten gehabt, denn sie war inzwischen im Besitz sämtlicher Kommunikationsmittel und hatte den Alleinvertretungsanspruch auf die Wahrheit gepachtet. Hughes gibt uns schlüssige Antwort: Die Armee konnte Aidit nicht nach Djakarta bringen, weil Sukarno ihn dort geschützt hätte. Um der Legendenbildung zuvorzukommen, exekutierte sie ihn am unbekannten Ort. Wie es sich zeigt, hat die bolivianische Armee die indonesische Lektion sehr gut verstanden.

http://www.zeit.de/1967/44/groesstes-massaker-seit-hitlers-tagen

Und hier noch ein 8Seitiger Aufsatz von Andreas Ufen vom Hamburger GIGA Institut: https://www.giga-hamburg.de/de/publication/vergangenheitspolitik-in-indonesien-die-massaker-von-1965-1966


Wallenstein, was hälst Du von diesen Artikeln und dem Aufsatz von Andreas Ufen? Was ist mit der "indonesischen Lektion" gemeint, die die "boliviansche Armee sehr gut verstanden" hat?

_________________
An unsere stillen Mitleser: werdet aktiv. Stellt Fragen, eröffnet Threads. Es gibt keine dummen Fragen, nur dumme Antworten. Belebt alte Threads - Geschichte veraltet nie. Ein Forum lebt nur, wenn viele mitmachen. Hier wird niemand niedergemacht.
avatar
Marek1964
Admin

Anzahl der Beiträge : 1884
Anmeldedatum : 18.01.15

Benutzerprofil anzeigen

Nach oben Nach unten

Re: Indonesien 1965: Erinnerung an ein Massaker

Beitrag von Wallenstein am Fr Okt 16, 2015 10:14 am

Mir ist nicht klar, was er damit meint. Denkt er an die Exekution von Che? Che wurde trotzdem zur Legende, anders als Aidit, den heute so gut keiner kennt.

Wallenstein
Gründungsmitglied
Gründungsmitglied

Anzahl der Beiträge : 849
Anmeldedatum : 03.02.15

Benutzerprofil anzeigen

Nach oben Nach unten

Re: Indonesien 1965: Erinnerung an ein Massaker

Beitrag von Marek1964 am Fr Okt 16, 2015 12:55 pm

Ich habe das jetzt nachgelesen - der Artikel stammt von nur einem Monat nach der Ermordung von Che Guevara - man konnte noch nicht ahnen, dass er zur Legende werden würde. Der Autor meint ja, durch die Ermordung Aidits hätte man die Legendenbildung verhindert. die nach seiner Vermutung bei einem Prozess in Djakarta entstanden wäre.

Wie wir heute wissen, wurde Che tatsächlich zur Legende, von Aidit redet kaum einer. Schwer zu sagen, warum, vielleicht war gerade die Zeit zwei Jahre später reifer? Benno Ohnesorg starb im Juni, der Vietnamkrieg war am Eskalieren, da kam eine solche Figur gerade recht.

Kann es sein dass der Indonesienputsch und das folgende Massaker einfach auch deshalb nicht beachtet wurde, weil es nicht so recht in das Ost-West Schema passte? Oder war es eher daran, dass Indonesien irgendwie schon die Peripherie ist, wo selbst die damaligen kommunistischen Grossmächte China und die Sowjetunion keine starken Interessen hatten?

_________________
An unsere stillen Mitleser: werdet aktiv. Stellt Fragen, eröffnet Threads. Es gibt keine dummen Fragen, nur dumme Antworten. Belebt alte Threads - Geschichte veraltet nie. Ein Forum lebt nur, wenn viele mitmachen. Hier wird niemand niedergemacht.
avatar
Marek1964
Admin

Anzahl der Beiträge : 1884
Anmeldedatum : 18.01.15

Benutzerprofil anzeigen

Nach oben Nach unten

Re: Indonesien 1965: Erinnerung an ein Massaker

Beitrag von Wallenstein am Fr Okt 16, 2015 1:55 pm

Marek1964 schrieb:

Kann es sein dass der Indonesienputsch und das folgende Massaker einfach auch deshalb nicht beachtet wurde, weil es nicht so recht in das Ost-West Schema passte? Oder war es eher daran, dass Indonesien irgendwie schon die Peripherie ist, wo selbst die damaligen kommunistischen Grossmächte China und die Sowjetunion keine starken Interessen hatten?

Wahrscheinlich trifft beides zu. Im Westen hatte man kein Interesse daran, ein Massaker, begangen von prowestlichen Militärs an Kommunisten, groß zu publizieren. Und im Osten erreichte damals der Konflikt zwischen Moskau und Peking einen Höhepunkt. Die indonesische KP war prochinesisch eingestellt. Deshalb wurde das Massaker auch im Osten nicht weiter beachtet, lediglich in Peking. Doch der chinesische Einfluss war damals nicht sehr groß.
Solange Sukarno regierte, stand er durchaus im Fokus der Weltöffentlichkeit. Doch nach dem Putsch verschwand das Land aus den Schlagzeilen. Moskau und Washington waren vermutlich beide froh darüber, das sich das indonesische Problem „gelöst“ hatte.


Wallenstein
Gründungsmitglied
Gründungsmitglied

Anzahl der Beiträge : 849
Anmeldedatum : 03.02.15

Benutzerprofil anzeigen

Nach oben Nach unten

Re: Indonesien 1965: Erinnerung an ein Massaker

Beitrag von Gesponserte Inhalte


Gesponserte Inhalte


Nach oben Nach unten

Vorheriges Thema anzeigen Nächstes Thema anzeigen Nach oben

- Ähnliche Themen

 
Befugnisse in diesem Forum
Sie können in diesem Forum antworten