Über den Umgang mit Denkmälern

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Über den Umgang mit Denkmälern

Beitrag von Rübezahl am So Jul 12, 2015 4:15 pm

Hiermit möchte ich den Umgang mit historisch gesehen bedenklichen Denkmälern zur Diskussion stellen. Soll man Denkmäler, die Nationalsozialismus, Faschismus oder kommunistische Diktaturen verherrlichen, abreißen, oder ist es besser, sie zu „historisieren“, das heißt den Kontext zu erklären und sich eventuell sogar davon zu distanzieren, oder soll man gar nichts machen?
Als Beispiel möchte ich das faschistische „Siegesdenkmal“ in Bozen (Südtirol) anführen, das am 12. Juli 1928 eingeweiht worden ist. Das faschistische Regime wollte mit dem Denkmal, dessen Säulen faschistische Liktorenbündel darstellen und das auch sonst voller faschistischer Symbolik ist, den Faschismus glorifizieren, den angeblichen Sieg im Ersten Weltkrieg verherrlichen und die „besiegten“ Südtiroler demütigen. „Von hier aus haben wir den anderen (gemeint sind die „barbarischen“ Südtiroler) Sprache, Gesetz und Kultur beigebracht“, steht auf dem Denkmal. Das ist in krassem Gegensatz zu den Fakten: Laut Volkszählung von 1911 waren 42 Prozent der Italiener Analphabeten, aber nur 3,5 Prozent der Tiroler. Die Südtiroler haben jahrelang den Abbruch des als demütigend empfundenen Denkmals gefordert, das unter staatlichem Schutz steht. Nach langem Tauziehen haben sich italienischer Staat und Südtiroler Landesregierung auf einen Kompromiss geeinigt: Der italienische Staat hat für 2,5 Millionen Euro das Denkmal restauriert, an dem weiterhin vor allem von faschistischen Parteien an Gedenktagen des Regimes Blumen und Kränze niederlegt und Fahnen gehisst werden. Das Land Südtirol durfte im Kellergeschosse des faschistischen Denkmales ein Dokumentationszentrum einrichten, in dem die Geschichte des Denkmales  erläutert und in vorsichtiger Form, ohne den Faschisten allzu sehr auf die Zehen zu treten, Kritik an der faschistischen Ideologie geübt wird. Somit ist ein Zweinutzungs-Denkmal entstanden, das sowohl die Huldigung des Faschismus als auch die Kritik daran irgendwie unter einen Hut zu bringen versucht.
Meine Frage ist nun: Hat so ein Eiertanz einen Sinn? Wäre es besser gewesen, das faschistische Denkmal abzureißen oder dem natürlichen Verfall zu überlassen, der dank schlechter Bauausführung ohne die aufwändige Restaurierung schon bald eingetreten wäre? Sind Denkmäler harmloser Stein, der nur an eine geschichtliche Epoche erinnert, oder sind sie Identifikationspunkte für politisch bedenkliche Parteien, die dort ihre martialischen Zeremonien veranstalten können? Wie wird das in der Bundesrepublik Deutschland gesehen?

Rübezahl

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Re: Über den Umgang mit Denkmälern

Beitrag von ArnoldB. am So Jul 12, 2015 9:13 pm

Ich glaube nicht, dass Denkmäler heute noch eine solche Bedeutung haben wie in den Hochzeiten des Nationalismus. Sie sind aber ohne Frage historische Zeugnisse der Vergangenheit, die bestimmte Ereignisse, Weltanschauungen oder Propaganda zum Inhalt haben. Heute muss man den meisten Menschen erklären, welche historische Bedeutung die überkommenen ebenso wie die aktuellen Denkmäler besitzen, weil man bei der Mehrheit der Menschen nur noch eine rudimentäre Kenntnis von Geschichte vorfindet. Insofern ist die Lösung, ein Denkmal nicht nur zu erhalten, sondern mit einem Dokumentationszentrum oder zumindest einer Erläuterungstafel zu versehen, allein schon unter Bildungsgesichtspunkten sehr sinnvoll.

Was Denkmäler aus faschistischer Zeit angeht: man kann nicht verhindern, dass dumme Menschen sie für ihre Zwecke missbrauchen. Diese Zeugen der Vergangenheit deswegen zu vernichten, also sich aus der historischen Erinnerung wenigstens zum Teil herauszustehlen, wäre ein Verbrechen gegen die Geschichte!

MfG
Arnold

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Re: Über den Umgang mit Denkmälern

Beitrag von Walzbruder am Mo Jul 13, 2015 2:37 am

Rübezahl schrieb:
Meine Frage ist nun: Hat so ein Eiertanz einen Sinn? Wäre es besser gewesen, das faschistische Denkmal abzureißen oder dem natürlichen Verfall zu überlassen, der dank schlechter Bauausführung ohne die aufwändige Restaurierung schon bald eingetreten wäre? Sind Denkmäler harmloser Stein, der nur an eine geschichtliche Epoche erinnert, oder sind sie Identifikationspunkte für politisch bedenkliche Parteien, die dort ihre martialischen Zeremonien veranstalten können? Wie wird das in der Bundesrepublik Deutschland gesehen?

Wenn das Denkmal irgendwo in der Pampa stünde würde kein Hahn danach krähe. Lockt es aber zahlende Pilger an, dann wird es eben erhalten. Geld stinkt nicht. Im Keller kann dann als Feigenblatt die Geschichte besichtigt werden. Erinnert mich an ein Metapher: Die Rechte zum Schwur erhoben, während zwei Finger der Linken hinterm Rücken nach unten zeigen. Das ist ganz einfach Doppelmoral! Dem Gelde geschuldet.
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Re: Über den Umgang mit Denkmälern

Beitrag von Rübezahl am Mo Jul 13, 2015 8:10 am

Hier geht es nicht um Geld, sondern nur um Ideologie. Das Bozner "Siegesdenkmal" mit seiner faschistischen Symbolik ist Identifikationspunkt für viele bekennende und noch mehr heimliche Faschisten, ohne jeden damit verbundenen Kommerz. Die Frage ist, ob es einen Sinn hat, dieses Symbol zu zerstören, ob es möglich und sinnvoll ist, den Symbolgehalt eines Denkmals zu ändern, ohne faschistische Symbole wie Liktorenbeile oder Hakenkreuze zu entfernen, oder ob man das Ganze lieber ignoriert.
Nicht nur um Ideologie, sondern auch um viel Geld geht es hingegen bei einer ähnlichen Einrichtung, der Mussolini-Grabstätte in Predappio. Dorthin pilgern auch viele deutsche Nazis, in den Devotionalienläden gibt es alles zu kaufen, was das Herz von Faschisten und Nazis erfreut, Hitlerbüsten, Hakenkreuzfahnen, SS-Gürtel usw. Das ist ein Riesengeschäft, so dass selbst der sozialistische Bürgermeister von Predappio nichts dagegen hat. Mit dem Bau eines Mausoleums für den faschistischen Kriegsverbrecher Marschall Graziani hat man in Filline bei Rom versucht, sich in den profitablen Nostalgie-Tourismus einzuklinken.

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Re: Über den Umgang mit Denkmälern

Beitrag von Gontscharow am Di Jul 14, 2015 12:00 am

Über dieses Denkmal in Bozen haben ich schon einiges gehört. Ich war auch einmal da,
war aber noch so jung, daß mich diese Dinge nicht interessierten und deshalb hatte ich
das Denkmal weder wahrgenommen noch besichtigt.
Ich würde es weiterhin stehen lassen - als Zeitzeuge, durch die großmäulige Inschrift
im Kontrast zum realem italienischem Heldentum und Kriegsausgang demaskiert sich die faschistische Ideologie selbst.Ebenso der italienische Nationalismus, so wie jeder andere Nationalismus auf der Welt.
Die klugen und gescheiten Zeitgenossen werden das immer verstehen, die Unbelehrbaren
werden aber leider auch nicht aussterben - eben auch nicht durch die Montage solcher Denkmäler.

Dennoch bin ich nicht generell für die Erhaltung solcher Dinge, ich möchte kein Lenindenkmal und
keine Stalinallee, und natürlich auch keinen Adolf- Hitler Platz ( gibt es in Deutschland ja auch nicht).
Das ein oder andere realsozialistische oder Nazibaudenkmal halte ich aber für erhaltenswert, allein
schon um den nachfolgenden Generationen ein anschauliches Bild bieten zu können.
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Re: Über den Umgang mit Denkmälern

Beitrag von Rübezahl am Di Jul 14, 2015 8:17 am

Auch ich finde architektonisch interessante Baudenkmäler, ganz gleich aus welcher Epoche, erhaltenswert, nicht aber Denkmäler, die eine menschenverachtende Ideologie verherrlichen und Identifikationspunkte für Anhänger dieser Ideologie sind. Wenn man ein Lenindenkmal ablehnt, müsste man ein Mussolinidenkmal ebenso ablehnen. In Bozen gibt es ja außer dem Denkmal zur Verherrlichung des Faschismus auch ein Denkmal zur Verherrlichung Mussolinis, das unter Denkmalschutz steht. Mit einer Breite von 36 Meter ist es das größte Relief in Europa. Rechte Vereinigungen halten davor gerne ihre Veranstaltungen ab. Mussolini ist auch weiterhin Ehrenbürger zahlreicher italienischer Städte, deren Gemeinderäte es ablehnen, dem Diktator diese "Ehre" abzuerkennen.
Es gibt außerdem in Italien drei Mussolinistraßen (in Orgosolo auf Sardinien, erst vor kurzem so benannt), in Borgoricco (Venetien) und in Villanova di Camposampiero bei Padua (Venetien). In Dorno (Lombardei) gibt es eine Hitler-Straße. Es ist zwar nur ein Privatweg, aber das Straßenschild ist offiziell. Außerdem ist beinahe die vollständige Liste faschistischer Kriegsverbrecher in Straßennamen verewigt, und darauf kann man, wenn man will, mit einer Flasche Hitler-Wein anstoßen, der in Italien sehr beliebt ist und auch von deutschen Nazis gerne als Souvenir mitgenommen wird.

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Re: Über den Umgang mit Denkmälern

Beitrag von Gontscharow am Di Jul 14, 2015 11:54 am

Ok, du hast mich überzeugt, Rübezahl - der Argumentation "Wenn man ein Lenindenkmal
ablehnt, kann man schlecht ein Mussolinidenkmal erhalten wollen" kann man nichts entgegen setzen.
Da der Konsens der italienischen Gesellschaft fehlt und die Uneinsichtigen scheinbar eine solch große Rolle spielen, daß man sie nicht düpieren mag, dürften ein paar Sprengladungen bei Nacht und Nebel helfen affraid
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Das Stalin Denkmal in Prag - kaum gebaut, schon gesprengt

Beitrag von Marek1964 am Di Jul 14, 2015 10:54 pm

Ein interessantes Schicksal erfuhr das Stalin Denkmal in Prag - auf der Letná, deutsch Sommerberg, eine sehr gut sichtbare Anhöhe über der Moldau, thronte das grösste Stalin Denkmal der Welt - und überdauerte nur gerade sieben Jahre. In dieser Zeit war sie die Dominante der Skyline der Stadt, mehr als der Veitsdom. Ich kann mich erinnern, dass wir im Schweizer Exil einen Familienfilm aus dieser Zeit schauten, und immer sagten. ah, da ist der Stalin. War schon zu dieser Zeit historisch

Denn das Denkmal erfuhr zuvor schon das Schicksal, das ihm Gontscharow (ich natürlich auch) wünschen würde  - die Sprengung - sage und schreibe zwei Tonnen Sprengstoff waren da nötig.

Im Volksmund nannte man das Denkmal "fronta na maso" - díe Schlange vor dem Fleischladen. Dabei hat das Wort "fronta" im tschechischen die Doppeldeutung mit der Front im Krieg oder im Klassenkampf. Stalin als erster, dann ArbeiterInnen, Ĺandwirte, Soldaten, Partisanen und weitere. Alle im Stahlmenschen Pathos gehauen, wie es auch die Nazis gekonnt hätten. Ironischerweise zeigte dieses Denkmal Stalin in Napoleon Pose: Hand im Mantel.

Ebenso ironisch ist, dass es von Václav Klaus, langjähriger Premier und Präsident der eigentlich demokratischen Tschechischen Republik, der durchaus auch autoritäre Neigungen hatte, diesen Ort für seinen Wahlkampf mit nutzte (mit einem überdimensionierten Plakat seines Konterfeis). Seine Gegner konnten leicht kontern: Der Persönlichkeitskult ist wieder da.

Seit bald zwei Jahrzehnten aber nutzen vor allem Skateborder die frei gewordene Fläche für ihren Sport. Der glatte Marmorboden, ist durch Baumängel zwischen den einzelnen Platten etwas uneben und damit für Skater herausfordernd. Auch die Marmornbänke, unzerstörbar, eignen sich für Übungen der Anhänger dieses amerikanischen, westlich-dekadenten Sports. Und dann ist es ein schöner Ort für Spaziergänger und Touristen - es gibt von dort einen herrlichen Blick auf die Stadt. Symbolisch ist auch der Metronom, der zwar nicht tickt, aber den Zahn der Zeit und der Geschichte gut wiedergibt (und sehr wenig Fläche beansprucht).

Wie im anderen Thread schon erwähnt, wurde das letzte Stalindenkmal in der Tschechoslowakei 1990 entfernt - aber nicht gesprengt, es verschwand im Depositarium des Museums für totalitäre Ideologien - es war allerdings wesentlich kleiner, in einer kleinen Stadt, die die Destalinisierung zuvor nicht so richtig erreicht hatte...

Hier weitere Infos:

https://de.wikipedia.org/wiki/Stalin-Denkmal_(Prag)
http://www.pragerzeitung.cz/index.php/prag-er-leben/15289-der-berg-auf-dem-stalin-explodierte

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