Die Entstehung des IS im Irak

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Die Entstehung des IS im Irak

Beitrag von Wallenstein am Di Okt 27, 2015 9:46 am

Der Irak ist eigentlich alles andere als ein religiöses Land. Die Revolution von 1958 schuf einen rein säkularen Staat. Die Baath-Partei war ursprünglich von einem Christen gegründet worden. Sie vertrat den Mittelstand, war ausgesprochen weltlich orientiert und gefiel sich in einem dubiosen „arabischen Sozialismus“. Die Opposition kam hautsächlich von den Kommunisten, die in der irakischen Bevölkerung früher stark verankert waren. Die KP des Irak regierte Ende der fünfziger Jahre zeitweilig in Mosul und beherrschte mit ihren Milizen den Norden des Irak, ungefähr die gleiche Region, die heute vom IS kontrolliert wird, bis sie von der Baath-Partei ausgeschaltet wurde.

Saddam Hussein hatte das Land mit Gewalt in die Moderne geprügelt. Bis zum Ausbruch der Golfkriege verfügte das Land über eine bemerkenswerte Infrastruktur und eine sich rasch entwickelnde industrielle Leistungsfähigkeit. An den Universitäten entstand eine große Schicht von aufgeklärten Intellektuellen und die Emanzipation der Frau war weit fortgeschritten. Die Schiiten, obwohl in der Mehrheit, ließen sich von der islamischen Revolution im Nachbarland Iran nicht anstecken. Die ethnischen und kulturellen Gegensätze zwischen Persern und Arabern sind viel größer als ihre religiösen Gemeinsamkeiten. Das Land hatte gute Aussichten, ein moderner, aufgeklärter Staat zu werden, wenn nicht der blutrünstige Despot den Irak in militärische Katastrophen getrieben hätte.

Der IS ist, soweit wir es in Erfahrung bringen können, eine Allianz aus hohen Funktionären der Baath-Partei und Islamisten. Diese unnatürliche Koalition aus ganz unterschiedlichen Gruppen, die sich früher erbittert bekämpft hatten, entstand nach 2003. Die Anführer saßen damals unter den Amerikanern gemeinsam im Gefängnis und kamen während der Haft in Kontakt miteinander. Die gemeinsam erlittene Haft verbindet sie miteinander. Dort entstand dieses merkwürdige Bündnis.

Durch die amerikanische Invasion 2003 brach der irakische Staat vollkommen zusammen. Weil die Menschen aber im Chaos nicht leben können, begannen sie sich neu zu organisieren. Ansatzpunkte für Gruppenbildungen werden durch soziale Merkmale bestimmt. Dazu zählen ethnische, religiöse, politische, aber auch andere Merkmale wie Reichtum, Prestige, sozialer Status. Oder aber auch: alte Seilschaften aus Militär, Verwaltung und Geheimdienst sowie frühere Kampfgemeinschaften. Weil die Amerikaner die Armee auflösten, waren 400.000 Männer auf einem Schlag arbeitslos geworden. Die meisten von ihnen junge, kampferfahrene Krieger, schwer bewaffnet, aber ohne Perspektiven, bereit, jedem zu folgen, der ihnen glaubhaft eine bessere Zukunft versprechen konnte.
Diese Gruppen wurden angeführt von charismatischen Personen, meistens ehemalige Offiziere, aber auch religiöse Prediger oder traditionellen Stammesführer.

Regionale Warlords ergriffen an vielen Orten die Macht, begannen ihre Gebiete zu arrondieren und zu homogenisieren, indem sie alle Opponenten und Personen, die andere soziale Merkmale hatten als die übrigen Gruppenmitglieder, aus ihren Bereich vertrieben. Die irakische Gesellschaft begann sich neu zu sortieren, sozial und regional nach sozialen Kriterien. Dies führte zu einem Krieg aller gegen alle.

Die Amerikaner waren in diesem Chaos völlig hilflos und erwiesen sich als unfähig, neue tragfähige Strukturen zu entwickeln. Sie mussten sich mit zahlreichen Gegnern herumschlagen, so z.B. mit der „Armee des Mahdi“ von dem fanatischen Schiitenführer Muqtada es-Sadr, der die Besatzer in arge Bedrängnis brachte. In dieser Zeit kamen auch erste Mitglieder von Al-Quida ins Land die sich mit regionalen Herrschern verbündeten, aus denen später der IS entstand.

Die Sunniten machen zwar nur 20% der Bevölkerung aus, genossen aber unter Saddam besondere Privilegien, da sie den größten Teil des Personals in Verwaltung und Wirtschaft stellten. Der Zusammenbruch des Systems traf sie in besonderem Maße und zudem wurden sie von den Amerikanern kollektiv der Komplizenschaft mit Saddam Hussein verdächtigt. Schon gleich nach dem Einmarsch bildeten sich sunnitische Widerstandsnester wie in Faludscha und in den folgenden Jahren entstanden erste „Kalifate“.

Der Bürgerkrieg forderte zahlreiche Opfer, auch zunehmend unter den Amerikanern. Deren Strategie bestand in den ersten Jahren darin, regionale Warlords militärisch auszuschalten und sich anschließend wieder aus deren Gebiet zurückzuziehen, mit dem Ergebnis, das sich anschließend dort sofort wieder neue unabhängige Machtzentren bildeten.

Im Januar 2007 beschloss Bush jr. den Krieg militärisch zu beenden durch eine erhebliche Erhöhung der Zahl der Soldaten. Der Irak sollte systematisch zurückerobert und die besetzten Gebiete dauerhaft gehalten werden. Diese Strategie, das sagten die Generäle, würde längerfristig Erfolg zeigen, zuerst aber würde alles erheblich schlimmer werden. In den nächsten zwei Jahren gelang es den Amerikanern, große Gebiete unter gewaltigen Verlusten und nach mörderischen Kämpfen zu erobern. Doch sie stützten sich dabei auf kooperationswillige Kurden und Schiiten, die eigene egoistische Ziele dabei verfolgten. Deshalb erschien vor allem den Sunniten die USA als eine von vielen Kriegsparteien, anstatt eine Neutralität zu wahren. Der irakische schiitische Ministerpräsident Maliki (2006-2014) war in ihren Augen eine amerikanische Marionette. Sein repressiver Kurs verschärfte das innenpolitische Klima. Der mörderische Krieg kostete über 100.00 Menschen das Leben.

Immerhin, Ende 2008 hatten die USA eine gewisse Kontrolle über das Land gewonnen. Die „Kalifate“ allerdings agierten im Untergrund weiter und versuchten durch Terroranschläge das Land unregierbar zu machen. Aus einer dieser Widerstandszellen entwickelte sich der IS, zunächst nur ein Ableger von al-Quaida, machte er sich bald selbstständig. Im Norden des Landes gelang es ihm, einzelne Gebiete zu kontrollieren.

Anfang 2011 brach in Syrien der Bürgerkrieg aus. Das Regime von Assad konnte die räumlich recht großen, aber dünn besiedelten Areale im Osten nicht lange halten und in dieses Vakuum stieß nun der IS vor. 2014 proklamierte er einen eigenständigen Staat.

Ich wollte in diesem Beitrag nur die allgemeinen Voraussetzungen für die Gründung des IS darstellen. Nähere Einzelheiten finden sich bei:
https://de.wikipedia.org/wiki/Islamisch ... isation%29

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Re: Die Entstehung des IS im Irak

Beitrag von Klartext am Mi Okt 28, 2015 5:50 pm

Sehr interessanter Beitrag, Wallenstein. Man sieht leider wieder einmal, wie das Reinpfuschen der Amerikaner in einen Kulturkreis, von dem sie nichts verstehen, den Schuss nach hinten hinaus gehen lässt.

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Re: Die Entstehung des IS im Irak

Beitrag von Orianne am Do Okt 29, 2015 4:32 pm

Ich las einmal in einem Buch, dass der CIA in der Präsidentschaft von Jimmy Carter keinen einzigen Mann im Dienst hatte, der die arabische Sprache beherrschte. Ich glaube immer noch, dass es äusserst schwierig ist oder war Leute in solche Organisationen einzuschleusen, wenn nicht sogar unmöglich.

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Re: Die Entstehung des IS im Irak

Beitrag von ThomasAral am Mi Nov 04, 2015 12:48 am

Die USA hätte einfach den alten Saddam Hussein wursteln lassen. Was war denn noch schlimmer als was jetzt ist was der getan hat oder hätte. Selbst beim Ueberfall auf Kuwait war er ja schnell wieder draussen. Und dass Irak Atomraketen nach USA schickt war doch quatsch. Nichtmal nach Israel.

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