Völkerwanderung - ein veralteter Begriff?

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Völkerwanderung - ein veralteter Begriff?

Beitrag von Moschusochse am Mi Okt 28, 2015 10:51 pm

Heute habe ich gelesen, dass die Völkerwanderung ein veralteter Begriff ist. Ist das so? Wenn ja,warum?
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Re: Völkerwanderung - ein veralteter Begriff?

Beitrag von Apollo13 am Fr Okt 30, 2015 1:24 pm

Man müsste fragen, um welche Völkerwanderung es sich handelt. Ich vermute, es geht um den Zeitraum 5. bis 7. Jh. Dies ist ein archäologisch und vor allem urkundlich schlecht belegter Zeitraum. Für den geografischen Bereich Mittelelbe-Saale-Gebiet hat Fr. Sigrid Duschek (Thüringer Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie) in ihrem Buch Ur- und Frühgeschichte Thüringens in etwa folgendes geschrieben: "Slawen erreichen das Elbe-Saale-Gebiet - Als Ursache für das Auswandern der Slawen aus ihren ursprünglichen Wohnsitzen gilt das vordringen der Reiternomaden der Awaren, aus dem asiatischen Osten nach Westen. Sie lösten eine Völkerbewegung der Slawen in ehemalig römisch-byzantinisches Territorium aus, aber auch in jene Gebiete im Norden, die durch Abwanderung germanischer Stämme schwächer besiedelt waren, wie zwischen Oder, Elbe und Saale."

Das Abwandern von Teilen germanischer Bevölkerung kann möglicherweise auf klimatische Ungunst und damit Mißernten zurück geführt werden. Auch die Bewegung der Awaren ist möglicherweise auf klimatische Ursachen gegründet.

"Nordausbreitung der Slawen - Teile slawischer Stämme verlagerten im Laufe des 6. Jh. allmählich ihre Wohnsitze nach Westen. Sie kamen, wie Vergleiche mit Keramik zeigen, aus dem Südosten, nämlich aus dem mittleren Donauraum, über Slowakei, Mähren, und Böhmen und ließen sich im mittelelbe-Saale-Gebiet sowie östlich und westlich der Saale nieder.
Sorben breiten sich in Thüringen aus - archäologische Funde vermitteln die Erkenntnis, dass östlich und westlich der Saale - hier neben der thüringisch-fränkischen Besiedlung - im 8. und 9. Jh. erstmals slawische Keramikfunde auftreten, vor allem westlich der Ilm. Sie weisen im Formenvergleich sehr enge Beziehungen zum mittleren Donaugebiet auf und werden als Funde vom Rüssener Typ bezeichnet, ihre Träger sind dem Stamm der Sorben zuzuweisen. Im 9. und 10. Jh. verdichten sich die archäologischen Belege slawischer Siedler, besonders im Gebiet östlich, aber auch westlich der Saale bis ins Flussgebiet der Gera. Aus dieser Zeitliegen fundestellen mit slawischer Keramik, gelegentlich aber auch Gräber-felder, vor. Erst seit dem 10. Jh. reichen slawische Fundstellen, vor allem Gräberfelder, bis in das Vorgelände des Thüringer Waldes und des Erzgebirges...Die archäologischen Belege reichen bis ins 12. Jh." [Dusek, I., 2000, S. 182-183]
Ich habe hier ausführlich zitiert, um die Slawenproblematik gleich mit anzusprechen. Die Slawen benötigen ca. 400 Jahre vom Ankommen bis zur Ausbreitung. Mir erscheint dieser Zeitraum überdehnt, vermutlich der Chronologieproblematik geschuldet, aus der H. Illig - wie an anderer Stelle angesprochen - seine Thesen entwickelt hat. Ich werde darauf zurück kommen.
Aus meiner Sicht ist der Begriff Völkerwanderung nicht überholt, sollte aber spezifischer verwendet werden.

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Re: Völkerwanderung - ein veralteter Begriff?

Beitrag von Falk v. K. am Fr Okt 30, 2015 3:35 pm

Im Norden machte ein anderes germanisches Volk von sich reden: die Angelsachsen. Auf ihre Spuren stießen Archäologen im Nydam-Moor in Dänemark.

Abertausende Lanzen, Schwerter und Schilde wurden um 360 im Moor versenkt. Heute weiß man, sie waren Dankesopfer der Angelsachsen für ihren Kriegsgott Odin. Eine interessante Entdeckung machte der Archäologe Michael Gebühr: Was bisher für Korrosion gehalten wurde, sind in Wahrheit Spuren mörderischer Kämpfe. An einer Lanze war die Spitze umgebogen - an einer Schneide fand er Scharten tödlicher Hiebe. Indizien für eine äußerst kriegerische Zeit Mitte des 4. Jahrhunderts.

Der Waffenfund im Nydam-Moor ist der größte und bedeutendste der Völkerwanderungszeit. Um die Kriegsgötter gnädig zu stimmen, versenkten die Angelsachsen ihre wertvolle Beute im Moor, zusammen mit einem Kriegsboot. Denn sie waren nicht nur raue Krieger, sondern auch geübte Seefahrer. Eines ihrer Schiffe ist in Schleswig zu sehen. 1860 wurde es im Nydam-Moor entdeckt. Der Poller mit dem germanischen Götzengesicht wurde erst 140 Jahre später gefunden.

Weiterlesen auf: http://www.zdf.de/terra-x/angelsachsen-in-england-5199508.html

Die Landschaft zwischen Flensburg, Schleswig und der Ostsee heißt noch heute "Angeln". Ich bin dort aufgewachsen...
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Re: Völkerwanderung - ein veralteter Begriff?

Beitrag von Kallisto23 am Sa Okt 31, 2015 1:26 am

Der Begriff Völkerwanderung ist an sich ein irreführender Terminus.
Jeder hat wohl zumindest in Schulbüchern diese Karten von Europa gesehen, auf denen Pfeile versehen mit Namen von Stämmen oder Ethnien deren Wanderungen verdeutlichen sollen.
Ich will in dem Zusammenhang überhaupt nicht bestreiten, dass sich in der fraglichen Zeit sehr viele Menschen auf den Weg gemacht haben, um Gebiete zu finden, die ihnen bessere Lebensumstände ermöglichen würden. Allerdings war es vor allem eins: eine sehr chaotische Zeit. Da zu erwarten, dass die einzelnen "Völker" diese Wanderungen von Anfang bis zum Ende gemeinsam und als in sich geschlossene Gruppe durchgestanden hätten, ist nicht logisch. Viel eher haben sich die Menschen an eine Gruppe oder einen Anführer gehalten von der/dem sie sich Vorteile erhofften. Entschied man sich dafür mit einem Anführer zu reisen, der sich selbst beispielsweise Gote nannte, nun dann war man eben auch Gote. Die ethnische Herkunft spielte keine so große Rolle in diesem Fall.
In neueren Publikationen findet man eher den Begriff "Zeit der sogenannten Völkerwanderung" um diesen Zeitraum zu umschreiben.

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Re: Völkerwanderung - ein veralteter Begriff?

Beitrag von Skeptik am Sa Okt 31, 2015 5:25 pm

Kallisto23 schrieb:Der Begriff Völkerwanderung ist an sich ein irreführender Terminus.

In neueren Publikationen findet man eher den Begriff "Zeit der sogenannten Völkerwanderung" um diesen Zeitraum zu umschreiben.

Wenn man sich in der Karte der Völkerwanderungen die Jahreszahlen anschaut, geht es meistens um lange Zeiträume und auch Strecken.

Angeln, und Sachsen scheinen relativ schnell in England angekommen zu sein.
Ein Ausreißer sind in jedem Fall die 18 Jahre der Hunnen nach Gallien:

https://de.wikipedia.org/wiki/Langobarden#/media/File:Karte_v%C3%B6lkerwanderung.jpg

Goten von Schweden 150-200 Richtung Schwarzes Meer (50 Jahre unterwegs)
Goten teilen sich 200-400 (nach 200 Jahren)
in Ostgoten Richtung Oströmisches Reich 250-280 und Richtung Italien 453-490 (ca. 240 Jahre unterwegs)
in Westgoten Richtung Griechenland 396 Italien 493-555 Südfrankreich 412 Spanien 415-507 (ca. 300 Jahre unterwegs)
Wandalen von Germanien Richtung Ungarn 330-405 Spanien 409-419 Nordafrika 429-534 (ca. 240 Jahre unterwegs)
Langobarden von Germanien 370 Richtung Ungarn und Italien 568-774 (ca. 200 Jahre unterwegs)
Hunnen von Sibirien Richtung Ungarn 433 und Gallien 451 (ca. 18 Jahre von Ungarn nach Gallien unterwegs)

Angeln von Dänemark nach England 450-1066 (ca. 50 Jahre unterwegs)
Sachsen von Nordgermanien nach England 450-1066 (ca. 50 Jahre unterwegs)

Schaut man sich die einzelnen „Völker“ an, hat man den Eindruck, daß die Forschung da noch sehr im Streit um die endgültige „Wahrheit“ liegt:

https://de.wikipedia.org/wiki/Goten

https://de.wikipedia.org/wiki/Ostgotenreich

https://de.wikipedia.org/wiki/Westgotenreich

https://de.wikipedia.org/wiki/Vandalen

https://de.wikipedia.org/wiki/Langobarden

https://de.wikipedia.org/wiki/Hunnen#Beginn_der_V.C3.B6lkerwanderung

https://de.wikipedia.org/wiki/Angelsachsen

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Re: Völkerwanderung - ein veralteter Begriff?

Beitrag von Kallisto23 am So Nov 01, 2015 6:36 am

Das ist es, was ich ausdrücken wollte: diese Zeiträume und Richtungen sind sehr stark vereinfacht. Es lernt sich so halt auch leichter gerade für Schüler. Den Weg einzelner Personen - oder auch Familien über Generationen hinweg - wird man vermutlich ohnehin schwer nachvollziehen können. Taucht eine Gruppe irgendwo auf erfährt eine ansässige Bevölkerung maximal wie diese sich selbst nennen. Welcher Herkunft die einzelnen Mitglieder der Gruppe tatsächlich sind wird kaum zu erfahren sein. Vermutlich war das zu der Zeit aber auch einfach nicht von Interesse.
Letztendlich bleibt: wir wissen viel zu wenig.

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