Gedichtinterpretation - Kurt Tucholsky 1928 - zehn Jahre deutsche "Revolution"

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Gedichtinterpretation - Kurt Tucholsky 1928 - zehn Jahre deutsche "Revolution"

Beitrag von Moschusochse am Sa Dez 19, 2015 7:26 pm

Ich bitte um Interpretationshilfe bei folgendem Gedicht:

http://www.textlog.de/tucholsky-jahre-revolution.html

Beschreibt Tucholský die damalige Situation nicht gar zu negativ? Oder vielleicht sogar prophetisch (noch vor der Krise von 1929)

Was ist mit "Wir bemühen uns, das Geschäft streng im Sinne
seines Begründers zu führen.!"

und was mit den Richtern, die noch strenger sein sollten als zu Zeiten des Kaisers?
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Re: Gedichtinterpretation - Kurt Tucholsky 1928 - zehn Jahre deutsche "Revolution"

Beitrag von Marek1964 am So Dez 20, 2015 10:49 pm

Kurt Tucholsky war ein Demokrat, der der Weimarer Republik vorwarf, nicht energisch genug gegen die rechte Gewalt vorgegangen zu sein. Er kritisierte auch die Zersplitterung der Linken und sah auch die Gefahr des Nationalsozialismus.

Werde später evtl. noch mehr schreiben.

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Die Novemberrevolution von 1918 – eine gelungene Revolution?

Beitrag von Moschusochse am Mi Dez 14, 2016 3:12 pm

Will mal diesen Thread wiederbeleben. Konnte man eigentlich die Revolution von 1918 als gelungen bezeichnen? Nach welchen Kriterien wäre eine Einordnung sinnvoll?
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Re: Gedichtinterpretation - Kurt Tucholsky 1928 - zehn Jahre deutsche "Revolution"

Beitrag von Marek1964 am Mi Dez 14, 2016 9:57 pm

Also gelungen ist sie sicher, da sie die fürchterliche Regierung der kaiserlichen Kamarilla beendete. Auslöser der Revolution war ja der an Dämlichkeit nicht zu überbietende Befehl an die Flotte auszulaufen - als eigentlich alle nur noch auf den Frieden warteten.

Ansonsten wäre höchstwahrscheinlich ein friedlicherer Verlauf zu erwarten gewesen. Ob sie gelungen ist? Welche Kriterien eignen sich, für eine "gelungene" Revolution? Nun, sie war erfolgreich, da der Adel endgültig abtrat, ein Ergebnis, das übrigens in der Rezpetion kaum betont wird - und das doch recht unblutig. Wurden in der französischen und russischen Revolution die adligen massakriert, gingen sie in Deutschland freiwillig von dannen. Das meinte wahrscheinlich Tucholsky mit dem "Ausverkauf".

Man kann sicher positiv vermelden, dass die Republik ausgerufen wurde. Die Weimarer Republik entstand also aus der Revolution und hielt immerhin insgesamt 14 Jahre - allerdings waren die fünf ersten von der Hyperinflation und die letzten drei einhalb von der Wirtschaftskrise geprägt. Ob man diese allerdings ihren Kern in der Novemberrevolution sehen kann, ist zumindest diskutabel. Jedenfalls war die Entwicklung sicher reparabel. Aber irgendwo wird der Misserfolg der Weimarer Republik auch der Novemberrevolution angelastet.

Der Novemberrevolution und vor allem Ebert und seinen Sozialdemokraten wird das Bündnis mit der Reichswehr und er Niederschlagung des Spartakistenaufstands vorgeworfen. Damit sollte die Linke in ihrer ganzen Weimarer Zeit gespalten bleiben.

Es wäre allerdings fraglich, ob es nicht auch so zur Niederschlagung gekommen, wenn sich die Sozialdemokraten auf die Seite der Spartakisten geschlagen hätten. Schwer zu sagen.

Tucholsky war natürlich enttäuscht, weil er sich weitergehende gesellschaftliche Reformen gewünscht hat. Grosse, einflussreiche Teile, gerade die Justiz, aber auch die Wirtschaft, blieben der Weimarer Republik feindlich, hatten aber Einfluss. Und bereiteten den Nazis den Weg vor.

Als Antwort, ob die Novemberrevolution gelungen war, würde ich ein eindeutiges "Jein" vorschlagen Very Happy

Wobei man sagen muss, ein Jein ist für eine Revolution schon ein Kompliment. Die russische Revolution war eine Katastrophe für die Menschheit, nicht nur in Russland, sondern später in China.

Die samtene Revolution von 1989 war gelungen, aber hatte aufgrund der Fehler in der folgenden Wirtschaftspolitik Kohls die Liquidation der DDR Industrie zu folge. Gelungen? Jein.

In beiden Fällen kann man sagen - Politiker verstehen zu wenig von Wirtschaft.

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Re: Gedichtinterpretation - Kurt Tucholsky 1928 - zehn Jahre deutsche "Revolution"

Beitrag von Wallenstein am Do Dez 15, 2016 11:28 am

Die Novemberrevolution stellt eine wichtige Zäsur in der deutschen Geschichte dar, spielt aber im Bewußtsein der Deutschen kaum eine Rolle. Die Linken erklärten sie für unvollendet, die bürgerliche Mitte konnte sich nie mit ihr anfreunden und die Rechten verurteilten sie. Die aus ihr hervorgegangene, weitgehend ungeliebte Republik, die sich schon damals ständig für ihr eigenes Dasein entschuldigen musste, wurde von den Nationalsozialisten abgelöst. Somit gilt vielen sowohl die Revolution als auch die erste Republik als gescheitert.

Nach Meinung vieler westlicher Historiker endete die Revolution mit einem faulen Kompromiss. Der Staat wurde oberflächlich demokratisiert. Aus Furcht vor einer bolschewistischen Revolution verbündete sich die SPD mit den alten Eliten und hoffte auf deren Loyalität. Die erwies sich aber als trügerisch und die traditionellen Machtgruppen zeigten keine Dankbarkeit. Am Ende setzten sie lieber auf den Nationalsozialismus.

siehe Heinrich August Winkler: Deutschland vor Hitler. In: Walter Pehle (Hrsg.): Der historische Ort des Nationalsozialismus. Annäherungen. Fischer TB, Frankfurt am Main 1990, Seite 14 ff

In der DDR fand sich bald eine eigenen Interpretation. Nach einem Beschluss der 2. Tagung des Zentralkomitees der SED am 18./19.9.1958 wurden Thesen verabschiedet, die die Novemberrevolution von 1918 als eine bürgerlich-demokratische bezeichneten, die in gewissem Umfang mit proletarischen Mitteln und Methoden durchgeführt worden sei. Damit nähern sie sich der Argumentation des ungeliebten Trotzki, der einst feststellte:

“Die Novemberrevolution in Deutschland war der Beginn einer proletarischen Revolution; da sie jedoch gleich zu Beginn von der kleinbürgerlichen Führung gebremst wurde, konnte sie nur weniges von dem, was die Revolution des Bürgertums an ungelösten Problemen übriggelassen hatte, erledigen. Wie soll man nun die Novemberrevolution nennen: eine bürgerliche oder eine proletarische Revolution? Das eine wie das andere wäre falsch.” (Trotzki, Schriften über Deutschland, Band II, Frankfurt 1983, S. 332)

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Re: Gedichtinterpretation - Kurt Tucholsky 1928 - zehn Jahre deutsche "Revolution"

Beitrag von Marek1964 am Do Dez 15, 2016 9:48 pm

Ja, dieses seltsame Bündnis zwischen Reichswehr und Sozialdemokraten war ein Geburtsfehler, wie gerne auch geschrieben wird. Andererseits wäre ja ein sozialistisches Deutschland auch nicht gerade toll gewesen, auch wenn das heute von Historikern als unreal gesehen wird, so habe ich es jedenfalls auf wiki so verstanden.

Den grössten Fehler sah ich darin, dass man die Niederlage von 1918 inklusive der Verantwortung für den Krieg und die vielen Fehler, die die deutsche Politik und vor allem die Eliten rechts gemacht hatten, aufgearbeitet hatte. Stattdessen grassierte die Dolchstosslegende und das Gelästere über Versailles.

Ein Hindenburg hätte niemals Reichspräsident werden dürfen.

Ich sehe das Aufkommen Hitlers mehr durch die Wirtschaftskrise bedingt, als durch die unvolkommene Revolution von 1918, aber alles hängt halt mit allem zusammen, wie es so schön heisst.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es ja auch eine Reihe alter Eliten in verschiedensten Positionen - trotzdem konnte sich die Gesellschaft demokratisieren. Klar die Situation war eine andere - die Niederlage war total und indiskutabel, es gab aber keine Revolution sondern Besatzung, keine Hyperinflation sondern Währungsreform und die kommunistische Bedrohung sehr viel näher und realer.

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