Der Arabische Frühling 2011 - Ursachen, Entwicklung, Rezeption und Folgen

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Der Arabische Frühling 2011 - Ursachen, Entwicklung, Rezeption und Folgen

Beitrag von Marek1964 am Mo Feb 29, 2016 9:49 pm

Diskussionsüberleitung von hier (lin)

Die Frage von unserem User @ichfragmal zum arabischen Frühling - hier einmal eine erste Quelle:

http://www.bpb.de/internationales/afrika/arabischer-fruehling/52389/einfuehrung?p=0

Ich hoffe, dass da weitere Wortmeldungen folgen.

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Re: Der Arabische Frühling 2011 - Ursachen, Entwicklung, Rezeption und Folgen

Beitrag von WDPG am Do Apr 28, 2016 8:12 am

Marek1964 schrieb:Diskussionsüberleitung von hier (lin)

Die Frage von unserem User @ichfragmal zum arabischen Frühling - hier einmal eine erste Quelle:

http://www.bpb.de/internationales/afrika/arabischer-fruehling/52389/einfuehrung?p=0

Ich hoffe, dass da weitere Wortmeldungen folgen.


Schon ein Wahnsinn, wenn man bedenkt wieviel Aufbruchsstimmung damals in der Luft lag, wir dachten damals, das dort wenns gut wird auch in absehbarer Zeit Demokratien ähnlich wie die in Europa kommen würden. Und wie sieht es jetzt ein paar Jahre später aus: In Tunesien ist der für die Wirtschaft so wichtige Tourismus zurückgegangen, auch wegen Terroranschlägen usw., ich persönlich kenne niemanden der in den letzten Jahren in dieses Land fahren wollte. Ägypten wirkt insgesamt etwas stabiler als die meisten Länder des Arabischen Frühlings, Demokratie in diesem Sinn gibt es dort aber keine - somit kann man eigentlich sagen das der Arabische Frühling gescheitert ist. In Libyen herrschen Uneinigkeit und Chaos, was sich auch auf Flüchtlingsströme und andere Länder in Afrika auswirkt. In Syrien wurde aus dem Protest, der anfangs Hoffnungsvoll war ein Bürgerkrieg. Und was auch mein Eindruck ist: Durch die Wegfall von manchen Mächten versuchen andere, genauer genommen die Türkei, der Iran und Saudi Arabien, vermehrt ihren Einfluss auszubauen.

Vorher herrschte ein Niederdrücken des Volks, heute Chaos, leider muss man sagen ist es nicht gelungen diese historische Chance zu nutzen, statt dessen geht es vielen Staaten in der Arabischen Welt heute deutlich schlechter als vor dem Arabischen Frühling, mit Auswirkungen auf die ganze Welt.

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Re: Der Arabische Frühling 2011 - Ursachen, Entwicklung, Rezeption und Folgen

Beitrag von Wallenstein am Fr Apr 29, 2016 10:20 am

Über das Ende des arabischen Frühlungs am Beispiel Ägypten hatte ich bereits irgendwo schon einmal etwas geschrieben. Ich weiß nicht mehr wo, aber ich wiederhole den Text noch einmal hier:

"Das Ende des arabischen Frühlings in Ägypten"

Bei meinen Besuchen in Ägypten hatte ich nie das Gefühl, das die Menschen dort, zumindest in den Städten, besonders fromm sind. In der islamischen Welt zählen sie auch schon seit alters her nicht gerade zu den Vorzeige-Moslems. In den Moscheen kann man sich als Ausländer ungehindert umschauen, der fünfmalige Gebetsruf von den Minaretten wird von den Leuten wenig beachtet, keiner betet oder unterbricht deswegen seine Arbeit. Das ist nicht in allen Ländern so. Und abgesehen von der kurzlebigen Präsidentschaft von Mursi hat sich der politische Islam in Ägypten auch nicht behaupten können.

Aber vielleicht ein paar nähere Ausführungen hierzu und eine Einschätzung des arabischen Frühlings 2011 in diesem Land.

Während der britischen Kolonialzeit entstanden zwei verschiedene Unabhängigkeitsbewegungen:

1.) Die Nationalisten, bestehend aus Kaufleuten, Intellektuellen, also dem Mittelstand, und vor allem der unter britischem Befehl stehenden Armee, zusammengesetzt aus dem Kleinbürgertum. Die Offiziere kamen aus kleinen Verhältnissen, wie Nasser oder Sadat. Die Armee war die einzige Möglichkeit für den sozialen Aufstieg, wenn man nicht zur Oberschicht gehörte. Die Nationalisten wollten ihr Land befreien, orientierten sich sonst aber am Westen, dessen Technik und Wissenschaft sie übernehmen wollten. Das Ziel war ein säkularer, moderner Staat und vage Vorstellungen von Sozialismus, der für sie gleichbedeutend war mit Wohlstand für alle. Kein Interesse bestand hingegen an Demokratie oder Parlamentarismus. Die Militärs wollten alleine herrschen und orientierten sich an den Praktiken im Ostblock mit Einparteienherrschaft, Verbot von Oppositionsgruppen und Kontrolle der Medien.

2.) Die zweite Gruppe hingegen setzte auf eine Erneuerung des Islam, um dem Westen zu begegnen. Der im Pariser Exil lebende Gamal ed-Din-el-Afghani predigte die Rückkehr zu einem reinen Islam, der „Salafiya“. Später nannte man die Anhänger dieser Strömung Salafisten. Die Rückbesinnung auf die ursprüngliche Quelle des Islam und die vermeintlich glanzvolle arabische Vergangenheit sollte die Befreiung bringen. Solche Ideen zirkulierten in der El-Azhar-Universität in Kairo, fanden Rückhalt in der Geistlichkeit, die die Säkularisierung des Westens verdammte, weil eine Verwässerung der islamischen Ideen ihre Existenz überflüssig machen konnte, imponierten auch den ungebildeten Kleinbauern, die den Predigten aufmerksam lauschten. Ein religiöser Eiferer namens Hassan el-Banna gründete 1928 die Muslimbrüder und wetterte gegen die britischen Kolonialherren.

Somit gab es in Ägypten zwei konkurrierende Organisationen, die gegen den westlichen Kolonialismus kämpften: die weltlichen Nationalisten und die religiösen Muslimbrüder. In diesem Wettkampf hatten die Militärs bis heute immer die Nase vorn, die sich später wieder dem Westen näherten.

Nach der Unabhängigkeit verbot die Armee die unerwünschte Konkurrenz der Muslimbrüder als politische Partei, duldeten sie aber stillschweigend weiter als inoffizielle Organisation, da sie zu viele Sympathisanten hatten. Diese übernahmen nun karitative Aufgaben, wie z.B. den Betrieb von Krankenhäusern, Aufgaben, um die sich eigentlich der Staat zu kümmern hatte, aber nicht wahrnahm. In den vielen Geistlichen in den Dörfern hatten sie einen sicheren Anhang, denn ähnlich wie bei uns früher die Pastoren, sind diese nicht nur Seelsorger, sondern Anlaufstelle und Berater für die Bewohner in vielen alltäglichen Angelegenheiten.

Je mehr der „Arabische Sozialismus“ sich als bloße Propaganda erwies, desto mehr verlor er an Vertrauen und die Menschen setzten wieder auf althergebrachte Werte, denn die islamischen Organisationen waren die einzige bedeutsame Gegenkraft im Land.

Die Liberalisierung der Wirtschaft in den neunziger Jahren führte zur Entstehung einer steinreichen Oligarchie, schuf aber kaum Arbeitsplätze, da die Investitionen hauptsächlich im Finanzbereich erfolgten oder einen spekulativen Bauboom auslösten, der zur Erstellung zahlreicher, unverkäuflicher Luxuswohnungen führte.

Unter Nasser und seinen Nachfolgern erlebte das Land einen gewaltigen sozialen Umbruch. Lebten in Kairo 1945 nur eine Million Menschen, so sind es heute in der Metropolregion vermutlich 20 Millionen, eingepfercht in einem riesigen Moloch. Ägypten verstädtert zusehends, ein Drittel der Bewohner sind unter dreißig Jahren, oft gut ausgebildet, aber zumeist arbeitslos und ohne berufliche Chance. Als der Aufstand in Tunesien bekannt wurde, zogen im Januar 2011 hunderttausende von jungen Menschen zum Tahrir-Platz mit der Parole „Es reicht“. Zu unerträglich war die Korruption, die Arroganz der Herrschenden, die trostlose wirtschaftliche Lage, die politische Repression geworden.

In dieser frühen Phase der Revolution spielte der Islam überhaupt keine Rolle, die Muslimbrüder beteiligten sich nicht an dem Aufstand. Die jungen Leute forderten Demokratie, Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Parlamentarismus. Man hat dies oft als „Facebook-Revolution“ bezeichnet, weil die Demonstranten sich über die modernen Medien verständigten. Das hatte den Vorteil, dass man schnell riesige Massen zu Kundgebungen aufrufen konnte, hatte aber den Nachteil, dass es sich hier eigentlich nur um „Flashmobs“ handelte. Aus diesen Meetings entstanden keine festen Organisationen, keine Parteien, keine strukturierten Organisationen, keine charismatischen Führer, keine richtige Ideologie. Es kam nur zu kurzfristigen Zufallsbegegnungen, alles blieb anonym und spontan.

Die Armee mischte sich zunächst nicht ein. Der Zorn der Demonstranten richtete sich nicht gegen das Militär, sondern gegen den Mubarak-Clan. Den wollten viele Generäle auch loswerden, denn Mubarak plante, seinen Sohn als Nachfolger zu ernennen und eine Dynastie zu gründen. Das hätte anderen die Karriere verbaut, also waren sie bereit, den Diktator opfern.

Anfänglich hatten fast alle Ägypter die Revolution begrüßt, doch sie brachte zunächst keine greifbaren Ergebnisse. Stattdessen führte sie zum Kollaps der Wirtschaft. Und noch bedrohlicher: Die Wut der Demonstranten richtete sich gegen die Polizei. Die Wachen wurden niedergebrannt und die Polizei löste sich auf. Kairo hatte nun keine Ordnungshüter mehr. Doch eine Stadt ohne Polizei ist nicht regierbar. Anarchie, Chaos, Gewalt und Verbrechen konnten sich jetzt ungehindert ausbreiten, nichts stellte sich dem entgegen. Die Menschen hatten Angst, bewaffneten sich mit Knüppeln und Äxten, um den marodierenden Banden etwas entgegen zu setzen. Es drohte der völlige Zusammenbruch der gesellschaftlichen Strukturen.

Das drohende Chaos verlangte nach Ordnung und einer eisernen Hand. Aus Angst suchten die Ägypter jetzt ihr Heil bei den Muslimbrüdern und wählten deren Partei. Es rächte sich nun, dass die Tahrir-Demonstranten sich auf Flashmobs beschränkt hatten und keine Organisationen besaßen. Sie verschwanden aus dem politischen Spektrum.

Die Muslim-Brüder unter Mursi vertraten einen moderaten Islam, daneben gab es aber auch die Salafisten als radikalen Flügel. Doch auch Mursi wirtschaftete schnell ab. Er besaß überhaupt kein tragfähiges Programm. Zu offensichtlich wurde zudem, dass die Gruppe um den Präsidenten nur danach trachtete, sich möglichst schnell zu bereichern und als neue Oligarchie das Land zu beherrschen. Der fruchtlose Streit um islamische Gesetze lähmte Ägypten und polarisierte die Gesellschaft. Zudem besserte sich nicht die wirtschaftliche Lage und das Land versank immer weiter im Chaos. Der Präsident isolierte sich zusehends und selbst die Salafisten wendeten sich gegen ihn.

In dieser Situation putschte im Sommer 2013 wieder das Militär, unterstützt von großen Teilen der unzufriedenen Bevölkerung, auch von den ehemaligen Tahrir-Demonstranten und sogar den Salafisten.

Es ist so, als hätte jemand in Ägypten die Reset-Taste gedrückt und alles wieder auf null gesetzt. Die Muslim-Brüder wurden vernichtet und mehrere tausend von ihnen ermordet. Auch die liberale Opposition ließen die Generäle zerschlagen. Der neue Diktator Abdel Fattah el-Sisi regiert unumschränkt wie einst Nasser. Ähnlich wie sein Vorgänger betreibt er einen unglaublichen Personenkult. Politik und Gesellschaft wurden eingefroren. Auf den arabischen Frühling folgte ein arabischer Winter.

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Re: Der Arabische Frühling 2011 - Ursachen, Entwicklung, Rezeption und Folgen

Beitrag von marylinjackson am Mo Mai 02, 2016 2:11 pm

Hi Marek,
vereinfacht ausgedrückt:

Die Forderungen nach Demokratie wurden 2011 nieder gedrückt, jetzt herrscht Chaos.

Ist also unsere Vorstellung von Demokratie, die die fortschrittlichen Kräfte in der Arabischen Welt wohl im Sinn hatten, nur für uns "maßgeschneidert"?
Liegt es an deren anderen Wertvorstellungen wie Ehre und Stolz? Wir halten dagegen den Artikel 1 des GG hoch. Der aber auch besagt. dass sogar die Würde eines Mörders unantastbar ist.
Impulsive Ausbrüche sind bei den Deutschen gar nicht beliebt.  Selbst unsere Beerdigungszeremonie  beschränkt sich auf stillschweigende Trauer. Klageweiber mit ihrem Geschrei hörte ich noch nie bei einem christlichen Begräbnis.
Trotzdem heizen wir die Kampfszene im Ausland an, statt sie zu beruhigen, bezeichnen die oppositionellen Kämpfer für Demokratie als Aktivisten, während diese im eigenen Land von den Mächtigen als Terroristen bekämpft werden.

Abschließend:

"Es ist immer gut, mit eines fremden Mannes Ar sch durchs Fegefeuer fahren"

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Re: Der Arabische Frühling 2011 - Ursachen, Entwicklung, Rezeption und Folgen

Beitrag von van Kessel am Di Mai 03, 2016 12:05 am

hi marylinjackson,
Ist also unsere Vorstellung von Demokratie, die die fortschrittlichen Kräfte in der Arabischen Welt wohl im Sinn hatten, nur für uns "maßgeschneidert"?
dann müssten wir uns (und wer ist das?) fragen, was wir als Demokratie verstehen? Und weiter, was unsere gewählten Volksvertreter als Demokratie vestehen? Nun hast du mit dem apostrophierten maßgeschneidert, eigentlich schon die Antwort gegeben.
Liegt es an deren anderen Wertvorstellungen wie Ehre und Stolz? Wir halten dagegen den Artikel 1 des GG hoch. Der aber auch besagt. dass sogar die Würde eines Mörders unantastbar ist.
dass unser Grundrecht ein Ausdruck der Demokratie ist, ist eine Annahme von dir. Andere Demokratien haben andere Grundrechte (wie z.B. das Recht auf Todesstrafe). Andere Demokratien haben andere 'Werkzeuge' wie z.B. die Franzosen oder Briten welche ein Präsidalsystem btw. ein anderes Wahlrecht als die Deutschen haben. Ich denke, die arabische Revolution war eher der Versuch, die Errungenschaften des Westens (nicht unbedingt die der Demokratie) zu erreichen. Man sollte auch nie den Zündfunken aus dem Auge verlieren, welcher diese 'Revolution' auslöste: die Selbstverbrennung eines tunesischen Gemüsehändlers, die wirtschaftlichen Verhältnisse in Tunesien betreffend.
Impulsive Ausbrüche sind bei den Deutschen gar nicht beliebt.  Selbst unsere Beerdigungszeremonie  beschränkt sich auf stillschweigende Trauer. Klageweiber mit ihrem Geschrei hörte ich noch nie bei einem christlichen Begräbnis.
Toooor! Toooor! das Spiel ist aus, Deutschland ist Weltmeister!! Very Happy Die Trauerbewältigung in unterschiedlichen Ethnien kann kein Gradmesser sein (ebenso wie z.B.das sich voll-laufen lassen beim Oktoberfest o.ä).
Trotzdem heizen wir die Kampfszene im Ausland an, statt sie zu beruhigen, bezeichnen die oppositionellen Kämpfer für Demokratie als Aktivisten, während diese im eigenen Land von den Mächtigen als Terroristen bekämpft werden.
das Selbstbewusstsein der Deutschen ist nicht sehr ausgeprägt. So stehen in der Türkei noch immer deutsche Soldaten mit ihren Patriot-Raketen herum, um diesen Staat vor dem bösen Assad zu schützen, welcher vielleicht ein Granätchen gen Türkei senden könnte. In Mali sind sie auf Wunsch der Franzosen, welche ihre Uranlager in Niger in Gefahr sehen. In Afghanistan haben sie den Rückzug vergessen, obwohl dieser Krieg von vornherein sinnlos war. Das hätte die Erfahrung der Briten und Russen warnen müssen (aber die Deutschen wissen halt alles besser). Vor Libanons Küste versuchen sie Waffenlieferungen abzufangen, weil die Israelis dies möchten. Am Horn von Afrika sind sie auf Wunsch der deutschen Reeder und der deutschen Export-Wirtschaft unterwegs, um die Transportwege zu schützen. In den baltischen Staaten sind sie auf Wunsch der Amerikaner, welche sich mit den Russen um die Weltherrschaft kloppen.
Vielleicht habe ich den einen oder anderen Einsatz vergessen, aber in keinem Fall dient die Bundeswehr den deutschen Interessen einer Selbstverteidigung.

So kommt man doch unweigerlich zu der Idee, dass es mit unserer Demokratie nicht soweit her sein kann (als Exportschlager), wenn diese Volksherrschaft eigentlich von Regierungen durchgeführt wird, welche das Volk nicht benötigen, sondern nur der Erfüllungsgehilfe von Lobbyisten und Verbänden ist.

Vielleicht sollten wir versuchen, die Demokratie selbst zurück zu bekommen, bevor wir unsere Spielart anderen aufs Auge drücken möchten. Wenn Gabriel in Saudi-Arabien den Scheichs Leo's verkauft, ist dies kein Ausdruck von Demokratietransfer, sondern von skrupellosem Waffengeschäft um Interessen zu bedienen.

Die Arabellionen sind gescheitert, bis btw. auf Tunesien, von wo sie ausging. Alle anderen sind in Blut und Metzeleien gescheitert (auch - wie im Falle Libyens-) durch die sinnlosen Destabilisationen des 'Westens'. Staaten mit Rohstoffen müssen heuer sehr vorsichtig sein, damit die 'Grossen' dieses Planeten sich nicht dieser bemächtigen (mit Krieg, Destabilisierung, Korruption usw.). Leider hat der Maghreb oder der Nahe Osten davon reichlich. In Ägypten wenden die modernen Pharaos noch immer die Jahrtausend alten Instrumente an.


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Re: Der Arabische Frühling 2011 - Ursachen, Entwicklung, Rezeption und Folgen

Beitrag von Wallenstein am Di Mai 03, 2016 9:48 am

Wenn Diktaturen zusammenbrechen, dann werden all die Widersprüche frei, die bisher brutal unterdrückt worden waren. Es gibt nicht die nur die „vielen Guten“ und die „wenigen Bösen“ an der Spitze. Tatsächlich prallen verschiedene Bevölkerungsschichten aufeinander und verstricken sich in blutige Konflikte. Das ist auch ein Grund dafür, dass Revolutionen häufig zunächst in neuen Diktaturen enden und die Sieger in diesem Kampf ihrerseits anschließend eine repressive Herrschaft ausüben, um ihr Regime zu sichern. Oder sie scheitern komplett und die alten Mächte sind weiterhin am Ruder, wie z.B. 1848 und 1918  bei uns. Das ist bei der Arabellion nicht anders gewesen als früher in Europa.

(So war es in England mit der Herrschaft von Cromwell und der nachfolgenden zeitweiligen Restauration. In Frankreich erleben wir die Jakobiner und dann später Napoleon. Und, was weniger bekannt ist, auch in den USA waren nicht wenige gegen die Unabhängigkeit und kämpften mit den Engländern. Es kam anschließend zu deren Massenflucht nach Kanada und zur Beschlagnahmung ihrer Besitztümer.)

Die Idee von Menschenrechten und Demokratie ist in Westeuropa entstanden. Wir finden sie in der Französischen Revolution, in den amerikanischen Unabhängigkeitskriegen und in anderen europäischen Verfassungen. Wir finden sie auch in der UN-Erklärung von 1948. Ich meine, dass hier tatsächlich ein Basiskonzept entwickelt wurde, welches in der Aufklärung entstand. Auch die Idee der Demokratie, in welcher Form auch immer, hat weltweit Resonanz gefunden. Und wenn ich mir die Proklamationen des arabischen Frühlings ansehe, ging es auch genau hierum, um Menschenrechte und Demokratie.

Diese Vorstellungen haben sich auch in vielen Gebieten Europas sehr spät durchgesetzt. In anderen Teilen dieses Kontinents mit erheblicher Verzögerung. In Spanien, Portugal und Griechenland gab es lange Zeit Diktaturen und in Osteuropa einschließlich der DDR herrschten bis 1989 die Kommunisten. Auch in der Vorkriegszeit gab es in den meisten osteuropäischen Ländern weder Demokratie noch galten die Menschenrechte dort etwas, weder unter Horthy in Ungarn, Piłsudski  in Polen oderAntonescu in Rumänien.

Andere Kulturen haben zum Teil andere Wertvorstellungen.
http://geschichte-forum.forums.ag/t849-fremde-kulturen-fremde-werte#9105

Mit zunehmender Modernisierung wird sich dies aber möglichweise ändern. In Ländern wie Japan, Südkorea oder Nationalchina waren Demokratie und Menschenrechte ebenfalls früher vollständig unbekannt. Und im Vergleich zum Jahre 1970 gibt es heute wesentlich mehr Demokratien als damals. Auch wenn es sich häufig um „Demokraturen“ handelt. Deshalb glaube ich auch, dass sie sich in einer früheren oder späteren Zukunft auch in islamischen Ländern  durchsetzen werden. Alles ist möglich.

In meiner Jugend gab es überall in Lateinamerika Diktaturen und man glaubte dies werde immer so bleiben. Fast alle Länder haben sich aber inzwischen demokratisiert, auch wenn deren Systeme nicht unbedingt unseren Vorstellungen entsprechen. 1960 gehörte Südkorea zu den ärmsten Ländern der Welt und man glaubte, dies sei ein hoffnungsloser Fall. Jetzt gehört es zu den reichsten Ländern in Asien. Und von den kommunistischen Staaten glaubte man auch, sie würden noch lange existieren. Honecker meinte, dass die Mauer noch in 100 Jahren stehen würde. Und, hat er Recht gehabt? Ich habe sie jedenfalls schon lange nicht mehr gesehen.

Panta rhei! – Alles fließt (Heraklit)

Und noch einmal die Arabellion: Ausländische Mächte müssen sich überlegen, welche Partei sie in einem krisengeschüttelten Land unterstützen sollen. Der Westen wird die Gruppen protegieren, die kooperieren wollen. Sind sie auch noch demokratisch gewählt, umso besser. Letzteres ist aber nicht unbedingt erforderlich. In Ägypten war Mursi gewählt worden, doch der Westen unterstützt den derzeitigen Diktator. In Syrien allerdings gibt es nur „Bösewichte“, hier existieren überhaupt keine Kräfte, die mit uns  zusammen arbeiten wollen. Allenfalls die Kurden im Norden, aber sie bilden nur eine kleine Population und die Türkei ist gegen deren Unterstützung. In Libyen müssen wir hoffen, das sich der Herrscher in Tobruk gegen die Regierung in Tripolis durchsetzt. Oft muss man zwischen Pest und Cholera wählen. Die westlichen Staaten streben in ihrer Außenpolitik einen maximalen Nutzen an. Da ist man dann nicht wählerisch.

Übrigens : Impulsive Ausbrüche. Da fällt mir doch der rheinische Karneval ein. Und selbst bei uns Hanseaten, die ja nun wahrlich nicht gerade Frohnaturen sind, aber bei Fußballspielen ist hier die Hölle los. Das gilt auch für die vielen Open-Air Konzerte im Sommer. Sehr zu meinem Leidwesen, denn ich wohne dicht an Plätzen, wo sie stattfinden.

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Re: Der Arabische Frühling 2011 - Ursachen, Entwicklung, Rezeption und Folgen

Beitrag von marylinjackson am Di Mai 03, 2016 11:59 am

Hallo, van Kessel!
Mein Verständnis von Demokratie kurz gefasst: das Volk wählt in freien Wahlen die Parteien, die in ihren Programmen die Verfassungsmäßigkeit, den Schutz der Grundrechte sowie die Achtung der Menschenrechte proklamieren.

Ein Grundrecht auf Todesstrafe gibt es nicht, auch nicht in der UN-Menschenrechtserklärung,  dort werden die Menschenrechte der Herrschaft des Rechtes untergeordnet, sozusagen "geschützt". Wenn ich an den Nürnberger Prozess mit seinen Todesstrafen denke, so halte ich immer noch diese Strafe für schwerste Verbrechen als gerechtfertigt. Wenn die Führer der RAF später sich selber töteten (mit einer fiesen Methode), so fand ich es bedauerlich, dass sie so unserem humanistischen Gesetz "die Nase zeigten".
Die Wertvorstellungen in islamischen Ländern gehen sehr weit von unseren auseinander, sie differieren auch innerhalb dieser Länder.
Die extrovertierten Sympathiekundgebungen beim Fußball oder Pop-Konzerten sind Freudenskundgebungen, sie sind positiv befreiend belegt und international. Die Gefühle bei Wut, Trauer oder Ehrverletzung werden dagegen bei den mehr introvertierten Deutschen unterdrückt, sie schlucken den "Ärger" lieber runter und werden depressiv. So ist es.

Die deutschen Soldaten sind sehr selbstbewusst, erst gestern sah ich es in einer Doku über einen 12-Ender, der seinen Dienst pflichtbewusst in Afghanistan ableistet. Dass das den anderen Deutschen nicht so sehr gefällt, aus bekannten Gründen, die Du nennst, ist wohl eindeutig.

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Re: Der Arabische Frühling 2011 - Ursachen, Entwicklung, Rezeption und Folgen

Beitrag von marylinjackson am Di Mai 03, 2016 12:31 pm

Hallo, Wallenstein,
wenn Diktaturen auseinander brechen, dann nur deshalb, weil das Militär siegt.
Die Ausnahme war bekanntlich die DDR.
Die alten Herrschaft-Strukturen bleiben sehr oft, aber mit anderem Inhalt. Die Reeducation der Allierten bewies das.
Die Südkoreaner haben wie die Japaner ein anderes Verhältnis zur Gemeinschaft. Bei uns gibt es kaum öffentlich praktizierten Altruismus, alles ist auf Individualismus getrimmt, denn der gezüchtete Hedonismus ("Das bin ich mir wert") bringt hohe Gewinne.
Vielleicht sollten wir den Familiensinn als eine "Urform" der Stammesgesellschaft wieder beleben. Wie, das fällt mir schwer zu beschreiben. Zuviel wurde durch Vereinzelung und Globalisierung schon zerstört. Unsere Probleme bei der Altenpflege, in Deutschland von Fremden getätigt, wird woanders nur erstaunt zur Kenntnis genommen. Die Senioren haben zwar keine Renten dort, dennoch werden sie geschätzt und versorgt.
In China fahren die Senioren kostenlos mit den Verkehrsmitteln, statt Spielplätze gibt es Senioren-Plätze mit Trimm-Dich-Gerätschaften.
Eine Wertschätzung  und Präferenz einmal ganz anders...

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Re: Der Arabische Frühling 2011 - Ursachen, Entwicklung, Rezeption und Folgen

Beitrag von Marek1964 am Mi Mai 04, 2016 10:07 pm

Interessante Themen, aber die wären in einem eigenen Thread besser aufgehoben. Ich will mal einen eröffnen, aber Du kannst auch gerne weitere eröffnen, Marilyn.

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