Fremde Kulturen – fremde Werte

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Fremde Kulturen – fremde Werte

Beitrag von Wallenstein am So Apr 24, 2016 12:29 pm

Die westliche Kultur ist ein Normengefüge, welches sich seit dem 16. Jahrhundert allmählich herausbildete. Ursache hierfür ist die kapitalistische Entwicklung in einigen Teilen Westeuropas, die aus rückständigen feudalen Strukturen moderne Industriegesellschaften schuf. Dies ging einher mit den Veränderungen der politischen Institutionen, neuen Moralvorstellungen und Ideen. Durch die Aufklärung entstand die Vorstellung subjektiver Rechte, Naturrechte, auch Menschenrechte genannt, die der Staat nicht verändern darf. Gleichzeitig setzten sich demokratische Strukturen allmählich durch. Diese Entwicklung ist in der Welt ein Sonderfall, der woanders nicht stattfand, sie erfasste auch nur einen Teil Europas (nicht zum Beispiel den Osten, was Russland deutlich zeigt), konnte sich aber auch in einigen Kolonien wie den USA ebenfalls durchsetzen. Der Veränderungsprozess dauerte Jahrhunderte, es brauchte Revolutionen und Kriege, eine völlige Veränderung der Sozialstrukturen, bevor er überhaupt Erfolg hatte.

In anderen Teilen der Welt herrschten weiterhin traditionelle Werte aus vorindustriellen Zeiten, auch wenn es Ansätze der westlichen Kultur überall gab, aber nicht als Ensemble wie in Europa. In der konfuzianischen Welt zum Beispiel, wie in China gibt es keine Tradition der Menschenrechte oder der Demokratie. Die einzige Rechtsquelle ist hier der Staat, der für die „Große Harmonie“ zu sorgen hat und dem man sich unterordnen muss. Die Vorstellung eines Naturrechtes, welches der einzelne Mensch besitzt,  ist hier völlig unbekannt.

Die Kommunisten konnten an diese Tradition anknüpfen. Wird von uns jetzt die Verletzung von Menschenrechten angeprangert, ist dies dort oft nicht nur für die Herrschenden schwer nachvollziehbar, sondern auch für die Masse der einfachen Bürger, die so etwas nicht kennt. Werte wie soziale Harmonie, kollektives Wohlergehen und Loyalität gegenüber Autoritäten stehen im Vordergrund, auch in nichtkommunistischen ostasiatischen Ländern. Westliche Werte werden als Ausdruck von Egoismus und unsozialem Denken abgelehnt. Allerdings, Amarty Sen hat in seiner Kritik an Samuel Huntington mit Recht davor gewarnt, Kulturen als Gefängnis zu betrachten, aus dem es kein Entkommen gibt. Zumindest bei den Intellektuellen in Ostasien werden seit einiger Zeit auch westliche Werte populär.

Allerdings, es scheint schwierig zu sein, sich aus der originären Kultur zu lösen. So hat die liberale Partei in Japan, die seit 2012 wieder regiert, den Wahlkampf geführt mit der Forderung, den Paragraph 97 in der japanischen Verfassung von 1947 zu streichen, der allen Personen die Würde und die Menschenrechte garantiert. Er wurde als Diktat der Sieger und als  nicht der japanischen Tradition entsprechend, bezeichnet.

Auch in Russland sind westliche Werte nie richtig angekommen. Solschenizyn kritisierte die westlichen Demokratien und forderte sehr zur Freude von Putin ein autoritäres Regime für sein Land. Diese antiwestliche Haltung hat in Russland eine lange Tradition und war bereits im Zarenreich weit verbreitet.

Der größte Teil der Welt hat den Westen allerdings nur als Eroberer und Kolonialmacht erlebt. Das westliche Normengefüge wurde auf die okkupierten Länder nicht übertragen, die Einheimischen galten als Menschen zweiter Klasse, die wenig oder gar keine Rechte hatten. Schon aus diesem Grund ist vielen Bewohnern der „Dritten Welt“ die westliche Demokratie suspekt, die sie nur als Ausbeutungsinstitution erlebt haben. Diktatoren haben es deshalb oft einfach, ihre brutale Herrschaft zu legitimieren, indem sie vorkoloniale Werte neu beleben und sich vom Westen abgrenzen.

Auch islamische Länder erlebten den Westen als Kolonialmacht. Der Modernisierungsanstoß, der von ihnen ausging, war nur kurz und hat die Gesellschaften nur partiell verändert. Er hat aber die Gesellschaftsstrukturen und die Eliten durcheinander gewirbelt, ohne aber etwas neues Tragfähiges an ihre Stelle zu setzen. Die Versuche, einen arabischen Sozialismus oder Kapitalismus zu schaffen, sind weitgehend gescheitert. So ist es nicht verwunderlich, das traditionelle Werte und antiwestliche Ressentiments seit den achtziger Jahren an Bedeutung gewinnen.

Wallenstein
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