Genese des Monotheismus

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Genese des Monotheismus

Beitrag von Tammuz am Mo Apr 25, 2016 4:31 pm

Ich möchte die Entstehung des Monotheismus zur Diskussion stellen und als Ausgangsbasis einen Überblick über die Entwicklung und Hintergründe der monotheistischen Jahwe-Idee zu geben, bei dem ich mich auf die Meinung vieler Assyriologen stütze, dass vor allem die assyrische Bedrohung als Katalysator, ja sogar als Initiator des israelitischen Monotheismus fungierte, vor allem durch die als Modell für einen allmächtigen Gott dienenden Gestalten des sich allmächtig gerierenden assyrischen Königs und dessen Gottes Assur, der ideologisch als göttlicher Garant der königlichen Allmacht figurierte.

Die Herausbildung des jüdischen Monotheismus steht im engsten Zusammenhang mit der politischen Situation Israels zwischen dem 8. und dem 6. Jahrhundert BCE (before common era). Im 8. Jahrhundert, zweihundert Jahre vor der Exilierung seiner Oberschicht nach Babylon, stand Israel unter massivem politischen Druck seitens der mächtigen Assyrer, deren grausame Kriegsführung alles übergipfelte, was im ohnehin grausamen Alten Orient bis dahin bekannt und üblich war. Die assyrischen Großkönige sahen sich als irdische Stellvertreter ihres Staatsgottes Assur, in dessen Auftrag sie Kriege führten, Gesetze erließen und Verträge mit unterworfenen Vasallenstaaten schlossen. Ihre imperiale Ideologie - die Expansion des assyrischen Reichs im Auftrag des Gottes Assur - war ein Erbe der akkadischen Ideologie des Sargon von Akkad (23. Jh. BCE), der sich als ´Herrscher über die vier Weltgegenden´ bezeichnen konnte, also den Anspruch erhob, (fast) die gesamte bekannte Welt zu beherrschen. Das assyrische Reich war ab dem 12. Jh. BCE noch wesentlich umfangreicher als das schon längst vergangene akkadische, der Machtanspruch und -hunger der assyrischen Könige noch größer. Ich zitiere aus den Annalen des Königs Sanherib (um 700 BCE):

Sanherib, der große König, der mächtige König, der König der ganzen Welt (...), der erste unter den Königen, der große König, der diejenigen verschluckt, die sich ihm nicht unterwerfen, der die Frevelhaften mit dem Blitz erschlägt - Assur hat mir (= Sanherib) ein Königtum über alle, die in Palästen wohnen, überreicht (...), er hat die Macht meiner Waffen vergrößert (...), mächtige Könige fürchten sich vor meinem Ansturm.

Hier erscheint der Gott Assur als höchste göttliche Instanz überhaupt, er verleiht seinem irdischen Stellvertreter (dem König) die Macht, über alle anderen Könige (und, implizit, über deren jeweilige Götter) sich hinwegzusetzen. Der Staatsgott Assur ist also im Begriff, sich an die Spitze eines ´internationalen´ Pantheons zu setzen und zum allmächtigen Gott aufzuschwingen.

Manche Forscher, vor allem der bekannte Assyriologe Simo Parpola, sehen im Gott Assur einen proto-monotheistischen Gott im Sinne des sog. inklusiven Monotheismus (= alle fremden Götter sind nur Organe eines einzigen Gottes). Auch der neubabylonische Gott Marduk hat, einigen Gelehrten zufolge, das Gepräge eines ´inklusiv monotheistischen´ Gottes. Die Idee des Monotheismus lag also, eng verknüpft mit der Weltreichsideologie des assyrischen und neubabylonischen Reiches, bereits in der Luft, als israelitische Jahwe-Monolatristen um neue Konzepte rangen.

Ein wichtiger Protagonist der israelitischen Jahwe-allein-Bewegung in der 2. Hälfte des 8. Jh. BCE, Jesaja, übertrug den globalpolitischen Anspruch des assyrischen Gottes auf den Staatsgott des von Assyrien massiv bedrängten Juda, Jahwe. Zu diesem Zeitpunkt war Judas Religion im ganzen noch polytheistisch, es bestand aber bei einer sich berufen fühlenden Minderheit, zu der Jesaja zählte, ein starker Hang zur Monolatrie (Alleinverehrung) des Jahwe. Gänzlich von der traditionellen Vorstellung abweichend, dass ein Gott nur so stark ist wie das Reich, dem er vorsteht, schreibt Jesaja Jahwe das Vermögen zu, die assyrischen Heerscharen zu lenken:

(Jes 5,26)

Ein Panier pflanzt er (= Jahwe) auf für ein Volk aus der Ferne (= die Assyrer) und pfeift es herbei von den Enden der Erde. Und siehe, in Eilmärschen kommt es heran.

Gemeint ist damit der Angriff der Assyrer auf das israelitische Nord- und Südreich. In einer für das israelitische Denken fortan typischen Dialektik, die dem Widerspruch zwischen Judas politischer Ohnmacht und extremer Jahwe-Verehrung entsprang, wurden die assyrischen Attacken nicht mehr dem feindlichen Gott Assur zugeschrieben, sondern dem eigenen Gott Jahwe. Als Motiv galt dessen Zorn auf das eigene Volk, das sich - in den Augen der Jahwe-Monolatristen - durch die Anbetung anderer Götter als Jahwe versündigt habe und bestraft gehört. Nur mit diesem dialektischen Kniff konnte die Jahwe-Monolatrie ´glaubwürdig´ aufrechterhalten werden.

Deuterojesaja treibt das monotheistische Denken in der Phase des babylonischen Exils (Mitte des 6. Jh. BCE) dann auf die Spitze:

(Jes 45,21)

Es ist kein Gott außer mir! Einen rechtwaltenden und rettenden Gott gibt es nicht neben mir.

Ähnlich wie Jesaja zu Zeiten der assyrischen Übermacht stellt Deuterojesaja in Zeiten der babylonischen und persischen Übermacht Jahwe als Dirigenten der Weltgeschichte hin; diesmal hat Kyros (= Kores), der persische König und Eroberer Babylons, wo die exilierten Israeliten festsaßen, als Handlanger (sogar ´Gesalbter´) des Jahwe gedient, nunmehr als Befreier, nicht als Bestrafer:

(Jes 45,1)

So spricht der HERR zu seinem Gesalbten, dem Kores, den ich bei seiner rechten Hand ergreife, dass ich die Heiden vor ihm unterwerfe und den Königen das Schwert abgürte, auf dass vor ihm die Türen geöffnet werden und die Tore nicht verschlossen bleiben...

Der jüdische Monotheismus entstand also aus dem Bedürfnis, die politische Ohnmacht Israels auf der Ebene religiöser Phantasie in eine nationenübergreifende Allmacht des Jahwe umzubiegen. Die traditionelle polytheistische Struktur Staatsgott - König - Volk wurde in die Struktur Allgott Jahwe - Volk Israel transformiert. Jahwe herrscht über die ganze Welt, sein erwähltes Volk aber sind die Juden.

Tammuz

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