1095 – Gott will es! Aufruf zum Kreuzzug

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1095 – Gott will es! Aufruf zum Kreuzzug

Beitrag von Wallenstein am So Mai 29, 2016 3:44 pm

Am Ende des elften Jahrhunderts wurde Europa nicht mehr von außen bedroht. Die Magyaren waren sesshaft geworden und hatten sich zum Christentum bekehrt, die Wikinger konsolidierten ihre Königreiche in Skandinavien, England, der Normandie und Süditalien und hatten sich gleichfalls dem Papst unterstellt.

Doch friedlicher war es nicht geworden, denn die vielen Feudalherren bekämpften sich unentwegt. Der Adel war eine landbesitzende Klasse, deren Beruf der Krieg war. Der Krieg ergab sich aus der ökonomischen Position des Adels, denn der Boden ist ein natürliches Monopol, er kann nicht unbegrenzt ausgedehnt bzw. vermehrt werden, sondern im Wesentlichen nur neu verteilt werden. Die unabdingbare Voraussetzung für die Herrschaftsausübung des Adels aber war der Besitz eines Territoriums, unabhängig davon, wer es bewohnte. Das Land als solches und nicht etwa die Sprache seiner Bewohner bestimmten die natürlichen Grenzen der Macht. Der Krieg war kein „Sport“ der Fürsten, sondern er war – unabhängig von der Verschiedenartigkeit individueller Neigungen und Charaktere- ihr Schicksal, eine ihnen zur Erhaltung ihrer Besitzungen und zur Verteidigung ihrer sozialen Position auferlegte Notwendigkeit.

Die ständigen Fehden waren eine Plage für die Menschen. Hunger und Elend zwangen auch Friedfertige auf die Suche nach Vieh und Getreide. Nur mit Gewalt, durch Raub, konnte man es erlangen.

Erben tat meistens nur der älteste Sohn. Alle anderen konnten nur wählen zwischen einem geistlichen Stand oder einem armseligen Leben als Gefolgsmann irgendeines Kriegsherren, um in einer der sinnlosen Fehden zu sterben, ohne Aussicht auf eigenes Land, ohne es  im Leben zu etwas zu bringen. Viele Adelssöhne fühlten sich nutzlos, eine „Generation der Hoffnungslosen“, die nach einer sinnvollen Betätigung suchte.

Ähnlich dachten viele Bauernsöhne. Die Bevölkerung hatte sich zwischen 850 und 1095 verdoppelt auf etwa 28 Millionen Menschen. Doch die Landwirtschaft hatte kaum Fortschritte zu verzeichnen. Die Dreifelderwirtschaft setzte sich nur langsam durch, Dünger war nahezu unbekannt. Überall gab es mehr Kinder als Arbeit, in den Dörfern lungerten jede Menge beschäftigungsloser Bauernsöhne herum, bereit, jedem zu folgen, der etwas anzubieten hatte.

Der mittelalterliche Christus, den die Kirche propagierte, hatte nichts zu tun mit dem Jesus der Bergpredigt, sondern er war der Christus, wie er in der Offenbarung des Johannes, der Apokalypse, beschrieben wird. Ein Kriegsherr, Anführer einer gewaltigen Streitmacht, bereit zum Kampf auf Leben und Tod. Wer ihm folgte, die Soldaten Christi, denen wurden alle Sünden vergeben und landeten im Paradies, oder, besser noch, bekamen schon zu Lebzeiten ein Stück Land. Dieses Stück Land wurde ihnen von Jesus verliehen, bzw. von Gottes Stellvertreter auf Erden, dem Papst. Die katholische Kirche hatte klugerweise ihre Religion der germanischen Heeresverfassung angeglichen und der daraus entstandenen Lehnsordnung im Mittelalter, ein System, das den Menschen verständlich und geläufig war. Schon im Krieg gegen die Mauren in Spanien bekam jeder Ritter ein Stück Land zum Lehen vom Papst, welches man zuvor den Arabern wegnehmen musste. Dieses System war auch auf andere Regionen übertragbar. Der deklassierte Adel und die nutzlosen Bauernbengel brauchten jetzt nur ein Ziel und jemanden, der sie mobilisierte. Dieser Mann war Papst Urban II.

Urban, mit bürgerlichem Namen Odo de Lagery, war der jüngere Sohn eines kleinen Landedelmanns in Nordfrankreich. Da er nichts erbte, wurde er Geistlicher.

Ab dem 10. Jahrhundert ging von dem Kloster Cluny eine mächtige Reformbewegung aus, um die völlig verwahrloste und weltlich korrumpierte Kirche zu reformieren. Diese Strömung, die zum wahren Christentum zurückführen sollte, fand großen Anhang im niederen Klerus und der einfachen Bevölkerung. Lagery lebte einige Jahre in Cluny und wurde zu einem konsequenten Vertreter dieser strenggläubigen Reformbewegung.

Cluny hatte die Macht der Kirche und vor allem die des Papstes erheblich gestärkt. Die Päpste fühlten sich jetzt stark genug, um auch den nächsten Schritt zu tun, sie wollten jetzt auch die weltliche Herrschaft, auch der Kaiser und die Könige sollten dem Papst unterstellt werden. Nach seiner Wahl zum Papst Urban II 1088 belegte er den deutschen Kaiser Heinrich IV und den französischen König mit dem Kirchenbann. Der geplante Kreuzzug hatte dann offensichtlich das Ziel, den unruhigen, europäischen Adel aus Europa abzuziehen und gleichzeitig das neu eroberte Land dem Papst zu unterstellen, der dieses dann als Lehen vergibt. So wäre dessen Macht noch einmal erheblich vergrößert worden.

Im 11. Jahrhundert erreichte das mittelalterliche Klimaoptimum langsam seinen Höhepunkt, bis zum Beginn der Kleinen Eiszeit im 14. Jahrhundert war es wärmer als heute, damit aber auch traten bislang unbekannte Klima Anomalien auf. 1093 kam es plötzlich im Mai zu Schneefällen bis hinunter nach Lyon und vernichteten Teile der Aussaat, 1094 gab es zuerst eine lange Trockenperiode, dann begannen Ende Juni wochenlange Starkregen, die die Ernten vernichteten. 1095 regnete es von Mai bis Oktober überhaupt nicht.

Gleichzeitig beunruhigten Naturphänomene die Menschen. 1094 gab es im Herbst 10 Tage lang Meteoritenschwärme, die den Himmel erleuchteten. Im Januar 1095 erhellte ein gewaltiges Nordlicht Europa bis hinunter nach Spanien, dann erschien drei Wochen lang ein Komet am Himmel.

Die Leute glaubten an das Ende der Welt. Nach 1.000 Jahren sollte nach der Bibel der Antichrist auf die Erde kommen. Die Apokalypse, das bevorstehende Ende, war das Lieblingsthema der Kirche, um die Gläubigen einzuschüchtern.

Derweil hatte Byzanz andere Sorgen. 1071 hatten die Romäer bei Manzikert eine vernichtende Niederlage gegen vordringende Turkstämme erlitten, die jetzt ungehindert nach Anatolien einbrachen. Kaiser Alexios I ersuchte bei seinen Glaubensbrüdern um Hilfe, doch er dachte dabei lediglich an einzelne Ritter, die als Söldner in byzantinischen Einheiten unter dem kaiserlichen Befehl als Verstärkung kämpfen sollten. An die Kreuzfahrer Heere, die dann kamen, die nicht kontrollierbar waren und Land eroberten, das diese dann für sich beanspruchten, daran hatte er nicht gedacht und daran war er auch nicht interessiert.

Im März 1095 versammelte Urban II hunderte Kirchenfürsten in Piacenza zu einer großen Sitzung. Es ging um das Zölibat und die Käuflichkeit von Kirchenämtern. Hier erschien auch eine Delegation aus Konstantinopel und bat um Hilfe.

Anschließend hatte Urban wohl die Idee bekommen, dem europäischen Adel ein lohnendes Ziel anzugeben. Nur Hilfe für Konstantinopel, das war zu wenig, dafür konnte er niemand begeistern, nein, Jerusalem und das Heilige Grab, das waren Ziele, für die es sich zu kämpfen lohnte. Urban plante, diesen Feldzug, den er die „Große Reise“ nannte (die Bezeichnung Kreuzzug entsteht erst viel später) zu organisieren. Er ließ Prediger durch das Land ziehen und verkünden, dass er in dem Ort Clermont am 27. November 1095 eine bedeutende Ansprache halten werde. Es kamen über 3.000, mehr als erwartet. Vier verschiedene Chronisten zeichneten den Vorgang auf, zwei waren aber selber nicht dabei. Der Text wird erst viel später aus dem Gedächtnis  geschrieben, eine Originalversion gibt es nicht. Urban berichtet von den Schreckenstaten, die Muslime an christlichen Pilgern in Palästina begehen würden und fordert zum Kampf auf. Hier ein Ausschnitt aus der Rede:

„Jene, die leichtfertig einen persönlichen Krieg gegen die Gläubigen zu führen pflegen, mögen nun gegen die Ungläubigen in einen Krieg ziehen, der jetzt begonnen und siegreich zu Ende gebracht werden sollte. Jene, die lange Räuber gewesen sind, mögen nun zu Streitern Christi werden. Die, die einst gegen Brüder und Verwandte kämpften, mögen nun rechtmäßig gegen Barbaren kämpfen. Jene, die käuflich gewesen sind für einige Stücke Silbers, sollen nun ewigen Lohn empfangen. Jene, die sich selbst zum Nachteil von Körper und Seele erschöpft haben, sollen nun um doppelten Ruhm arbeiten. Zur einen Hand, fürwahr, werden die Traurigen und die Armen sein, zur anderen die Fröhlichen und die Wohlhabenden, hier die Feinde des Herrn, dort Seine Freunde.

   Nichts möge jene, die sich anschicken zu gehen, aufhalten. Sie sollen ihre Angelegenheiten regeln, Geld anhäufen, und wenn der Winter vorbei und der Frühling gekommen ist, die Reise unter der Führung des Herrn voll Eifers antreten.

Was soll ich noch hinzufügen? Auf der einen Seite wird, wenn Gott der Herr als Weltenrichter herniedersteigt, zittern der Elende stehen, auf der anderen Seite aber der wahrhaft Gläubige, Er, der mitgeholfen hat, die Feinde Christi zu züchtigen. Hier die Feinde Gottes, dort Seine Freunde. Ist einer unter euch, der ein Feind Gottes ist? Er trete vor. Es ist keiner unter euch, ich wusste es. So verpflichtet euch nun, ohne zu zögern!“


Diese Rede ist ein Musterbeispiel von Demagogie und wurde öfters analysiert. Offensichtlich wurde die Veranstaltung von vornherein sorgfältig geplant. Unter der Menge befanden sich viele Freunde des Papstes aus Cluny und begannen mit Sprechchören „Deus le volt!“ Es wurden Tuche gebracht, in Stücke geschnitten und als Kreuze an die Kleidung der Besucher angebracht. Die Massenhysterie sollte noch lange andauern. Dann betete die Menschenmenge und der Papst erteilte anschließend allen die Absolution.

Eigentlich sollte der Aufruf zum Krieg nur an den Adel gehen. Doch in den nächsten Wochen und Monaten verbreitete sich die Kunde von der Rede des Papstes überall in Europa. Eine Massenbewegung entstand, alle deklassierten Elemente, die nichts zu verlieren hatten, setzten sich plötzlich in Bewegung, es kam zum Kreuzzug des Volkes, auch „Kreuzzug der Armen“ genannt, eine Massenbewegung, die nicht zu kontrollieren war.

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Re: 1095 – Gott will es! Aufruf zum Kreuzzug

Beitrag von Skeptik am Mo Mai 30, 2016 4:15 pm

Wallenstein schrieb:
Eigentlich sollte der Aufruf zum Krieg nur an den Adel gehen. Doch in den nächsten Wochen und Monaten verbreitete sich die Kunde von der Rede des Papstes überall in Europa. Eine Massenbewegung entstand, alle deklassierten Elemente, die nichts zu verlieren hatten, setzten sich plötzlich in Bewegung, es kam zum Kreuzzug des Volkes, auch „Kreuzzug der Armen“ genannt, eine Massenbewegung, die nicht zu kontrollieren war.

Schon beim Verlassen des Schiffes und dem Betreten des Heiligen Landes erhielt man den Ablaß aller Sünden. Wem das noch nicht genügte konnte das immer noch an vioelen Orten verbessern: bei der Säule der Geißelung, an der Stelle wo der heilige Thomas die Wunden Christi berührte bis zum Grab des Lazarus usw. Immer gab es eine vollkommene Absolution. Es gab „Berufspilger“, sogar zunftmäßig organisiert, die für jeden unabkömmlichen Sünder die Pilgerfahrt nach Jerusalem unternahmen und eine schriftliche Absolution in die Heimat mitbrachten. Arnold Esch berichtet von einem Priester in Schwerin, der testamentarisch bestimmte, daß jemand auf seine Kosten die Pilgerfahrt unternehme. Der Testamentsvollstrecker bestimmte eine Person zu diesem Zweck. Der war nach Venedig gereist. Als er dort kein Schiff fand, kehrte er, nachdem er das Geld fast vollständig verbraucht hatte, nach Hause zurück. Es riß einiges ein: der Erzbischof von Canterbury verlangte das Verbot der Pilgerfahrt für Frauen. Dabei spielte nicht nur die Sorge um das Heil der Pilgerinnen selbst, sondern auch um das der mitreisenden männlichen Pilger eine Rolle. Er führte als Grund die bei diesen Pilgerreisen betriebene Unzucht und Prostitution an.
Kirchenväter versuchten zu bremsen. Gregor von Nyssa: „Ihr, die ihr den herrn fürchtet, lobt ihn an den Orten, wo ihr seid. Ein Ortswechsel bringt Euch Gott nicht näher.“ Und Thomas a Kempis wußte: „Qui multum peregrinatur, raro sanctificantur“ - die viel pilgern, werden selten heilig.

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