Die Heidenverfolgung im christlichen Rom

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Die Heidenverfolgung im christlichen Rom

Beitrag von Wallenstein am Mi Jun 01, 2016 11:05 am

Im römischen Imperium konkurrierten zahlreiche religiöse Gruppierungen um Anhänger. Dies wurde möglich, da sich im Kaiserreich eine kosmopolitische Bevölkerung herausbildete, vor allem, nachdem 212 n.Chr. alle Freien das Bürgerrecht erhielten und der Gegensatz zwischen den Provinzialen und den eigentlichen Römern an Bedeutung verloren hatte. Seitdem breiteten sich ehemalige Stammesreligionen und provinziale Kulte über die ursprünglichen Grenzen hinaus weiter aus. Der Mithras-Kult, der Isis-Kult, die Manichäer, zahlreiche Mysterienkulte und auch die Christen warben um Mitglieder. Die römischen Kaiser waren tolerant, nur die Christen wurden von Zeit zu Zeit verfolgt, wenn sie die staatliche Autorität herausforderten.

Das tolerante Miteinander der Religionen änderte sich aber, als im 4. Jahrhundert die Christen immer mehr an Bedeutung gewannen und dann das Christentum sogar Staatsreligion wurde. Nun begann die Kirche mit Hilfe des Staates systematisch das Heidentum zu vernichten, alle ihre Tempel zu zerstören und häufig mit Kirchen zu überbauen, das Schrifttum zu liquidieren, die Heiden blutig zu verfolgen und notfalls zwangsweise zu bekehren. Das Zerstörungswerk war so erfolgreich, das heute so gut wie gar keine heidnischen Tempel mehr vorhanden sind und auch die Kenntnis um  die früheren Kulte fast völlig verschwunden ist.

Das Toleranzedikt des Galerius 311 beendete die Christenverfolgungen und das Mailänder Edikt von Konstantin dem Große 313 stellte alle Religionen auf die gleiche Stufe. Konstantin wurde erst am Lebensende selber Christ, vorher huldigte er auch noch anderen Göttern, vor allem dem Sonnengott Solus invictus, aber er ließ schon eine Reihe heidnischer Tempel schließen und enteignen. (Die Kirche behauptete später (800 n. Chr.), Konstantin hätte das heidnische Eigentum den Christen geschenkt, „Konstantinische Schenkung“. Sie legitimierte damit auch das Recht, die Kaiser bestimmen zu können bei der Krönung von Karl dem Großen).

Man schätzt die Zahl der Christen damals im Reich um 313 auf 10-15% der Bevölkerung, vor allem in den Städten. Im Osten in den Megastädten des Altertums gab es vermutlich mehr.

Die Christen hatten im  Imperium eine Parallelgesellschaft aufgebaut mit eigenen Gemeinden, eigener Verwaltung und eigener Gerichtsbarkeit. Sie verfügten zusehends über Vermögen durch Schenkungen reicher Bürger. Das Bischofsamt, ursprünglich ein Ehrenamt, für das man von der Gemeinde gewählt werden musste, wurde zusehends lukrativ und wurde von vornehmen Bürgern mit Bildung als Karrierechance benutzt. Mit dem zunehmenden Verfall des Imperiums verloren die staatlichen Institutionen an Bedeutung. Die kirchliche Bürokratie sprang hier ein und übernahm die imperialen Einrichtungen. Nach  dem Tode Konstantins nutzten die Bischöfe vielerorts ihre Macht dazu, um das Heidentum zu bekämpfen und mobilisierten den städtischen Mob. „Die Zerstörung der Tempel erfolgte allerdings meistens nicht durch Organe der kaiserlichen Regierung, sondern durch die christliche Bevölkerung“. (K.Vogt, Kaiser Julian und das Judentum)

Chronisten berichten, dass überall die Christen die heidnischen Tempel zerstören, ausplündern und die Priester erschlagen. Bekannt ist der Fall der großen Philosophin des Neuplatonismus, Hypatia. Der Patriarch von Alexandria, Kyrill, hatte schon lange eine Hetzkampagne gegen sie geführt. 416 überfiel sie der christliche Mob und zerfleischte sie mit Glasscherben.

Unter Kaiser Theodosius II (408-450) wurde das Christentum mit brachialer Gewalt durchgesetzt. 416 ließ er alle Nichtchristen aus den staatlichen Ämtern entfernen, 418 alles antichristliches Schrifttum verbrennen, 423 bedrohte er die Teilnahme an Opfern mit Verbannung und Gütereinziehung, 435 und 438 belegte er die Ausübung heidnischer Kulte mit der Todesstrafe. In dem Codex Teodosianus 438 heißt es: „Wir befehlen, dass alle Tempel, sofern es noch unversehrte gibt, auf Geheiß der Regierungspersonen abzubrechen sind, und dass diese Plätze gereinigt werden müssen durch Aufrichtung des Zeichens der verehrungswürdigen christlichen Religion.“

Spätere Kaiser verboten die olympischen Spiele und schlossen die Philosophenschule in Athen.  Der antiintellektuelle Amoklauf richtete sich gegen die gesamte griechisch-römische Philosophie, die überall bekämpft und verboten wurde. Europa fiel zurück in ein primitives geistiges Stadium, es begann das unwissende Mittelalter. Erst viele Jahrhunderte später kamen die Errungenschaften der Antike wieder zum Vorschein.

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Re: Die Heidenverfolgung im christlichen Rom

Beitrag von Skeptik am Mi Jun 01, 2016 5:58 pm

http://aphgcaen.free.fr/conferences/moderan.htm

Einiges daraus:

Wie groß war wohl die Bedeutung der Christen am Beginn des 4. Jahrhunderts nach den Verfolgungen des Diokletian um 303? Daniélou nimmt eine fortschreitende Evangelisation an, die zu großen Teilen die Eliten erreichte. Lane Fox nimmt eine Zahl von 4-5% der Bevölkerung an. Also eine kleine Minorität. Besonders verbreitet war das Christentum in Nordafrika. Dort kommt man auf 10 bis 20% der Bevölkerung.

- Kaiser Konstantin hatte alle 1800 Bischöfe der damaligen christlichen Kirche (etwa 1000 im griechischen und 800 im lateinischen Sprachraum) brieflich zur Teilnahme am Konzil 325 in Nicea aufgefordert und übernahm die Reisespesen der etwa 300 Bischöfe, die die Einladung annahmen.

- Verteilung der Bischöfe in den diversen Gebieten: 98 bis 102 Bischöfe in Kleinasien, 75 Bischöfe in Syrien/Palestina, 70 bis 100 Bischöfe in Ägypten, 200 bis 250 Bischöfe in Nordafrika. Demgegenüber krass in der Unterzahl: 25 Bischöfe in Italien, 30 Bischöfe in Gallien, 20 Bischöfe in Spanien, 3 bis 6 Bischöfe in der Bretagne.

- Der Bischof von Rom glänzte übrigens auf dem Konzil durch Abwesenheit. Ein großer Teil der Bischöfe waren Arianer. Nach mehreren Monaten Zank und Streit um die Stellung Christi zu Gott drohte der Kaiser den Störrischen. Drei blieben eisern und Bischof Arius wurde exkommuniziert.

Konstantin sah das alles politisch und war als ehemaliger Offizier sicher nicht willens und in der Lage den komplizierten theologischen Zank und Streit zu bewerten. Er dekretierte das nizaeische Glaubensbekenntnis, blieb bis an sein Ende auch anderen Göttern gewogen, ließ sich zur Sicherheit kurz vor seinem Tod 337 noch taufen und wurde nach arianischem Ritus beerdigt.

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