Religiöser Massenwahn – Die Flagellanten

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Religiöser Massenwahn – Die Flagellanten

Beitrag von Wallenstein am Mi Jun 01, 2016 2:05 pm

Ende 1347 landeten zwei genuesische Handelsschiffe, von der Krim kommend, in Messina auf Sizilien. Die Matrosen zeigten Symptome einer schweren Krankheit, ihre Körper waren von schwarzen Geschwüren bedeckt und sie hatten hohes Fieber. Wenige Tage später breitete sich diese Krankheit, welche heute als Pest, von den Zeitgenossen aber als der „Schwarze Tod“ oder als das „Große Sterben“ bezeichnet wurde, in der Stadt aus. Die Schiffe hatten einen tödlichen Erreger an Bord gehabt, den Bazillus Yersinia pestis, der erst im 19. Jahrhundert entdeckt wurde. Schon im nächsten Jahr breitete er sich entlang der mittelalterlichen Handelswege aus. Ende 1348 war ein Drittel der europäischen Bevölkerung tot.

Der Bazillus lebte in der schwarzen mittelalterlichen Wanderratte (Rattus rattus) und der braunen Wanderratte (Rattus norvegicus). Zur Übertragung benötigt er einen Zwischenwirt, den Rattenfloh. Der Bazillus lebt üblicherweise in einer ungefährlichen Konzentration im Rattenkörper. Beißt der Floh die Ratte, nimmt er den Bazillus auf, scheidet ihn aber wieder aus. Gelegentlich blockiert aber der Bazillus den Verdauungstrakt des Flohs, in dessen Vormagen breitet er sich nun explosionsartig aus. Wenn dann der Floh die Ratte beißt, bekommt diese eine tödliche Injektion und stirbt bald darauf. Der Floh springt auf die nächste Ratte über und das Spiel wiederholt sich, doch bald ist die ganze Population erloschen. Nun braucht er einen anderen Wirt und sucht den Menschen auf, der bis dahin nur zweite Wahl gewesen ist. Der Flohbiss verursacht die Beulenpost. Dringt der Bazillus bis zur Lunge vor, zerstört er sie und dies führt zur Lungenpest. Jetzt verbreitet sich der Erreger wie ein ganz gewöhnlicher Schupfen.

Das plötzliche Sterben führte zu einer begreiflichen Massenpanik. Von Deutschland ausgehend bildete sich spontan die Sekte der Flagellanten, die ihre nackten Oberkörper mit Lederpeitschen geißelten. Selbstgeißelungen gab es schon lange. Die Flagellanten sahen sich aber selbst als Erlöser, die durch die Wiederholung der Geißelung Christi an ihrem eigenen Körper für die Missetaten der Menschheit büßten.

In organisierten Gruppen von mehreren hundert Menschen zogen sie von Stadt zu Stadt, riefen Maria und Christus an, prophezeiten das Ende der Welt, sangen Klagelieder. Die Stadtbevölkerung grüßte sie mit Ehrfurcht und stimmte in das Wehklagen mit ein. Man tauchte Tücher in das Blut der Flagellanten und presste sie sich an die Stirn. Viele Menschen schlossen sich der Bewegung an, auch zahlreiche Ritter, Adlige, Nonnen, Mönche und Kinder. Bald wanderten die Flagellantenzüge unter prachtvollen Samtbannern in Purpur und Gold durchs Land.

Die Gruppen veranstalteten dreimal täglich Aufführungen auf dem Kirchplatz, sie wurden von einem Laienmeister geführt, dem sie Gehorsam schuldeten, sie durften sich nicht baden noch rasieren, ihre Kleider nicht wechseln, nicht in einem Bett schlafen und die Männer nicht mit Frauen sprechen. Diese folgten den Büßerzügen in getrennten Prozessionen am Schluss. Chronisten berichten von angeblichen Orgien, verbunden mit Auspeitschungen.

Die Flagellanten wurden von der Obrigkeit als Gefahr angesehen. Sie setzten sich über die öffentliche Ordnung hinweg, besetzten Kirchen und vertrieben die Pfarrer. Sie behaupteten, selber magische Kräfte, von Gott verliehen, zu besitzen. Die Bewegung, die durch selbst auferlegte Qualen die Welt erlösen wollte, wurde vom Machthunger infiziert und wollte die Kirche übernehmen.
Man überlegte, wie die Flagellanten zu vernichten wären. Doch die Selbstquäler hatten inzwischen ein passenderes Ziel gefunden. In jeder Stadt, in die sie einzogen, stürmten sie unverzüglich in die Judenviertel, um die „Brunnenvergifter“ zu vernichten, gefolgt von dem grölenden, städtischen Mob. Die Judenfeindschaft hatte nicht nur religiöse Gründe, viele waren bei den Juden verschuldet. Tötete man sie, war man auch seine Schulden los. Eine bequeme Möglichkeit, wieder schuldenfrei zu werden. In Freiburg, Augsburg, Nürnberg, München, Königsberg, Regensburg und anderen Städten wurden die Juden massenweise abgeschlachtet, in Mainz wurde die gesamte Gemeinde von 6.000 Juden umgebracht, von den dreitausend Einwohnern in Erfurt überlebt niemand.

Inzwischen hatten aber die Kirche und die Obrigkeit beschlossen, die Flagellanten zu unterdrücken. Papst Klemens VI forderte ihre Auflösung, König Philipp VI stellte die Selbstgeißelung unter Todesstrafe, die Landesherren verfolgten nun überall die Sekte als „Meister der Irrlehre“, man nahm sie gefangen, hängte sie auf oder köpfte sie. Die Büßerzüge lösten sich auf und verschwanden genauso schnell wieder, wie sie gekommen waren.

Inzwischen hatte sich auch die Pest wieder aus Europa zurückgezogen, doch sie sollte bald zurückkehren und wieder neue, kuriose religiöse Bewegungen zum Leben verhelfen.



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Re: Religiöser Massenwahn – Die Flagellanten

Beitrag von Marek1964 am Mi Jun 01, 2016 11:20 pm

Hochinteressanter Aspekt. Bisher hatte ich fixiert, dass die Ratte die Pest überträgt - aber so war es also komplexer.

Die Menschen waren damals bis auf wenige Analphabeten und die Pest war eine Heimsuchung und niemand hatte eine Chance, damit fertig zu werden. Sie also als Strafe Gottes zu sehen, ist ja ein Zug den es auch immer mal wieder gegeben hat.

Weiss man eigentlich, warum die Pest dann wieder verschwand? War es, dass die überlebenden ihr Immunsystem angepasst hatten, oder nur diejenigen überlebten, die immun waren?

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Re: Religiöser Massenwahn – Die Flagellanten

Beitrag von Wallenstein am Do Jun 02, 2016 8:57 am

Marek1964 schrieb:

Weiss man eigentlich, warum die Pest dann wieder verschwand? War es, dass die überlebenden ihr Immunsystem angepasst hatten, oder nur diejenigen überlebten, die immun waren?

Das wird vermutet. Aber eigentlich weiß man es nicht wirklich.

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Re: Religiöser Massenwahn – Die Flagellanten

Beitrag von Ceres am Fr Jun 03, 2016 2:13 pm

Da hier von der Pest die Rede ist, möchte ich hierzu was schreiben.
Ich weis, das Thema ist sehr komplex und nähme ein ganzes Studienfach in Anspruch.
In meinem kleinen Text ist vieles ausgelassen, worüber ich mich aber in einigen Punkten im klaren bin.

Schon seit langer Zeit sind sich Historiker oder Geschichtsschreiber nicht einig in diesem Bereich der Seuchenbeschreibung. Selbst der antike Historiker Thukydides konnte sich nicht entscheiden, ob es sich um den Pesterreger yersinia pestis handelte; auch einige Historiker sind sich heutzutage auch nicht so sicher zwischen der Pestseuche der Spätantike, des frühen Mittelalters oder die Pest des 16. Jahrhunderts (Cohn).

Es wird die Pest der Philister (I. Buch Samuels 5-6) erwähnt, die sich zwischen 1100 - 100 v. Chr. ereignete.
Selbst die Beulenpest haben viele Epidemien begleitet. Im Mittelpunkt standen Ratten und Mäuse, die jahrhundertelang als Symbole des Bösen galten...

Noch heute fragen sich die Forscher was hinter den Begriffen steht: Pestis oder Magna Mortalitus? Sind oder waren die beiden Begriffe nicht gleichzusetzen? (Meine Frage). Ich nehme aber an,  das sichere Antworten unmöglich sind, oder?

Kein Historiker oder Bakteriologe legt sich nicht fest, ob es sich bei einem Ausbruch der Pest um die Justinianische Pest, die im 6. Jh. oder den Schwarzen Tod (14. Jh.) Europa heimsuchte. Vieles wurde schon geschrieben über die nicht minder diagnostische Relativierung. Seuchenchroniken aus dem späten Mittelalter bis hin zur frühen Neuzeit wurde die Pest als die Geißel Gottes betrachtet. Hatte der Pestkranke Buße zu tun? War er auf dem Weg zur Hölle und wartete das Fegefeuer auf ihn? Hatte Gott Epidemien als Strafe oder als eine Prüfung über die Menschheit gebracht? So hatten sich die Menschen im Mittelalter und auch schon vordem gefragt, ob es Gottes Willen wirklich war; denn ein Pesttod bedeutete auch Schuld oder eine Verweigerung des Glaubens. Selbst der Geschichtsschreiber Orosios (5. Jh.) sah die Pest als Göttliche Bestrafung der Gottlosen...

Doch habe ich eine Frage zur Pest. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob die Epidemien aus China kommt, die dann nach Indien gelangte und sich durch die Seefahrer bis Europa durch Ratten/Flöhe verbreiteten?
Noch im frühen 17. Jh. suchte die Schwarze Pest viele Städte in Deutschland selbst heim.
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Re: Religiöser Massenwahn – Die Flagellanten

Beitrag von Wallenstein am Fr Jun 03, 2016 2:30 pm

Die Pest kam meines Wissens aus Asien. Es wird berichtet: „Im Jahre 1347 belagerten die Tartaren die Handels- und Hafenstadt Caffa. Als bei ihnen die Pest im Lager ausbrach, katapultierten sie die Leichen über die Mauern in die Stadt.“
Die Schiffe mit dem Erreger kamen aus Caffa auf der Krim.
http://deutschland-im-mittelalter.de/Krankheiten/Pest#verbreitung

Die Pest muss also vorher schon im asiatischen Raum gewütet haben. Ich weiß aber nicht, in welchen Regionen genau.

Man hat vor etwa einem Jahr in London Leichen von Pesttoten aus dem Jahre 1348 gefunden. Mediziner konnten eindeutig nachweisen, dass sie an dem Bazillus Yersinia pestis, also dem klassischen Erreger, gestorben waren.
Von früheren Epidemien weiß man dies nicht genau.

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Re: Religiöser Massenwahn – Die Flagellanten

Beitrag von Ceres am Fr Jun 03, 2016 5:55 pm

Erstmal vielen Dank für deinen Text, lieber Wallenstein.

Mein Mann und ich haben uns über das Thema unterhalten. Er meinte abschließend dazu, das die Pest aus Tibet kam.
Ich bin mir da nicht sicher... Könnte mein Mann recht haben? Das würde mich jetzt mal sehr interessieren.

Weiß das zufällig jemand ?
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Re: Religiöser Massenwahn – Die Flagellanten

Beitrag von Ceres am Fr Jun 03, 2016 7:56 pm

Ich muss mich korrigieren: Nicht Tibet, sondern Mongolei meinte mein Mann
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Re: Religiöser Massenwahn – Die Flagellanten

Beitrag von Klartext am Sa Jun 04, 2016 11:08 am

Es ist ein interessantes Thema – die Reaktion auf Pandemien in Form von erhöhter Religiosität ist nur in christlichen Umfeld zu beobachten – auch während der Spanischen Grippe 1918-20 wurde der Grund dafür in der Strafe der Menschheit gesehen:

In Saudi-Arabien herrscht in weiten Kreisen bis heute die Auffassung, Seuchen seien von Gott herabgesandt, um Menschen für ihre Sünden zu bestrafen. Vor allem religiöse Kreise verbreiteten diese Ansicht bei jedem Auftreten von Cholera, Pocken oder anderen epidemischen Krankheiten, neuerdings auch bei AIDS. Sie sahen und sehen hierin eine Möglichkeit, die Menschen zu einem gottgefälligen Leben anzuleiten. So heißt es in der Chronik eines Gelehrten: „Ein frommer Mann aus Midhnib im Qasim erzählte uns, dass er zu Beginn dieser Pest einen Traum hatte, in dem er sich außerhalb der Stadt wiederfand. Dort sah er zwei bewaffnete Männer auf weißen Pferden. Es ergriff ihn eine entsetzliche Furcht, die ihn so sehr überwältigte, dass er nicht fliehen konnte. Sie holten ihn ein, grüßten und beruhigten ihn, indem sie sagten, dass sie ihm nichts antun würden: ‘Wir haben es nicht auf Dich abgesehen. Wir und der, außer dem es keinen Gott gibt, wollen die Einwohner dieses Dorfes bestrafen, weil sie ihre Sünden nicht bereuen. Deshalb werden wir sie so bestrafen, wie Er die Leute von Sodom und Gomorrha bestraft hat.’“ 

Quelle: http://www.fu-berlin.de/presse/publikationen/fundiert/archiv/2002_01/02_01_steinberg/index.html


Ich werde ein Thema zur Spanischen Grippe eröffnen.

In diesem Artikel eine Übersicht zu den Seuchen in Europa:

http://www.focus.de/wissen/mensch/geschichte/tid-14097/geschichte-die-acht-groessten-seuchen-europas_aid_394252.html

Interessant dort der Hinweis, wie die hier besprochene Pest laut Kirche am besten bekämpft werden sollte: Fleissig die Messen besuchten und Wallfahrten machen - genau falsch, denn so steckten sich die Leute noch mehr an.

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Re: Religiöser Massenwahn – Die Flagellanten

Beitrag von Wallenstein am So Jun 05, 2016 3:02 pm

Falls Gott vorgehabt hatte, die Menschen durch die Pest zu läutern, dann hat er sein Ziel gründlich verfehlt. Ein Chronist schreibt: „Statt dessen vergaßen sie die Vergangenheit, als ob es sie niemals gegeben hätte und ergaben sich einem schamloseren und unordentlicheren Leben als je zuvor.“

Die Überlebenden gaben sich einer Orgie der Verschwendungssucht hin. Die Armen zogen in die Häuser der toten Reichen, schliefen in schönen Betten und aßen von Silbertellern. In den Städten, wo die Krankheit bis zu 4/5 der Menschen dahingerafft hatte, erbten die glücklichen Überlebenden alles und konfiszierten Häuser und mobiles Eigentum. Es entstand eine Gruppe von Neureichen aus den unteren Schichten, die rücksichtslos nach oben drängten.

Das 14. Jahrhundert war ein Jahrhundert des Unglücks. Nicht nur die Pest, auch die plötzliche Klimaveränderung, die Kleine Eiszeit, machte den Menschen zu schaffen. Gleichzeitig tobte unvermindert der hundertjährige Krieg zwischen England und Frankreich.

Der Adel hatte jetzt weniger Arbeitskräfte und die städtischen Märkte waren geschrumpft. Er versuchte die Bauern stärker auszubeuten, doch dagegen erhoben sie sich in Frankreich (die Grande Jacquerie 1358) und wenig später in England (die Lollarden).

Die Pest schwächte die Rolle der Kirche, die nichts gegen die Krankheit unternehmen konnte. Außerdem bereicherte sie sich schamlos, in dem sie die Grundstücke gestorbener Familien einzog.

Dagegen wetterte der Theologe John Wyclifs in England (1330-1384), der eine Enteignung der Kirche forderte sowie die strikte Trennung von Kirche und Staat. Seine Ideen wurden später von Hus und Luther aufgenommen und endeten in der Reformation. So hat die Pest längerfristig gesehen auch zur Kirchenspaltung beigetragen.


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