Religionsgeschichtliche Herkunft der ´Maria´

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Religionsgeschichtliche Herkunft der ´Maria´

Beitrag von Tammuz am Mi Jun 15, 2016 8:36 pm

Ich möchte diesen Thread der Frage der Herkunft der Marienfigur widmen. Folgendes behandelt nur einige der vielen Aspekte dieses Themas..

++++

Gute Zeugen für die Herkunft der Marienverehrung aus polytheistischen Kulten sind altchristliche Kirchenväter wie Epiphanius und Anastasius, die der Marienverehrung, gerade weil diese einen ´heidnischen´ Hintergrund hatte, heftigen Widerstand entgegensetzten, freilich erfolglos, denn das Bedürfnis im Volk nach einem Ersatz für die verbotenen Göttinnen war zu stark, um von klerikaler Seite ignoriert werden zu können. Kirchenvater Kyrill von Alexandria gelang es gegen alle Widerstände auf dem Konzil von Ephesus 431, das Dogma der Gottesmutterschaft Maria zu etablieren.

Bei dem Namen ´Isis´ handelt es sich um die gräzisierte Version des original ägyptischen Namens ´Aset´.

Es folgen einige Argumente für die Isomorphie von Maria und Isis.

Der Marienkult erfuhr seine erste intensive Ausprägung in der koptischen Gemeinde in Ägypten, also im unmittelbaren Wirkungsbereich des ägyptischen Isiskultes. Der schon genannte einflussreiche Marienverehrer Kyrill, der als Patriarch von Alexandria äußerst brutal gegen den Isiskult vorgegangen sein soll (bei dem er sich aber bediente, indem er einige Charakteristika der Isis auf Maria übertrug, z.B. den Titel ´Gottesgebärerin´), ist der koptischen Kirche zuzurechnen. Das früheste Gebet an die ´Gottesgebärerin´(theotokos), entstanden um 300, ist koptisch und lautet:

Unter den Schutz deiner vielfachen Barmherzigkeit, fliehen wir, Gottesgebärerin. Verachte nicht unsere Bitten, wenn wir in Not sind, sondern errette uns aus allen Gefahren, du allein Gebenedeite.

Die ersten Darstellungen der milchspendenden Maria mit Kind (den Isis-Horus-Darstellungen nachempfunden, siehe unten) waren koptischen Ursprungs. Vermutlich ist auch das ´Ave Maria´ in Ägypten entstanden.

Der Isistempel von Philae wurde im 6. Jh. der Maria geweiht. In Italien wurden Tempel der Isis, der Juno, der Minerva und der Diana ebenfalls in Maria-Kirchen umfunktioniert. Eine von ihnen heißt sogar "Santa Maria sopra Minerva" = über (dem Tempel) der Minerva. Der zypriotische Aphrodite-Tempel wurde gleichfalls in eine Marienkirche umgewandelt, in dem Maria bis heute (!) aber mit dem Namen Aphrodites, "Panhagia Aphroditessa", verehrt wird. Die Feier der Geburt des Jesus fällt auf das Geburtsfest des Horus, des Sohnes der Isis (Wintersonnenwende). Statuen der Isis und des Horus wurden zu Maria-und-Jesus-Figuren umgedeutet. Die Isis-Epitheta "Himmelskönigin", "Liebreiche Mutter", "Schmerzensmutter", "Mutter Gottes" und "Gottesgebärerin" gingen auf Maria über, die beiden letztgenannten durch Beschluss des Konzils von Ephesus im Jahr 431.

Auch der Aspekt der Königsmutterschaft ist eine unübersehbare Gemeinsamkeit von Isis und Maria.

´Isis´ (eigentlich ´Aset´) ist mit ´Thronsitz´ zu übersetzen. In frühen Darstellungen trägt sie einen Thron über ihrem Haupt. Als Mutter des Horus, mit dem sich jeder Pharao identifizierte, war sie automatisch auch die Mutter des Königs. Vor diesem Hintergrund war das Sitzen des Pharao auf dem Thron als Sitzen auf dem Schoß seiner göttlichen Mutter zu verstehen.

Was Jesus betrifft, gilt er im christlichen Denken als ´König der Welt´. Das zeigt nicht nur sein Titel ´Christus´ = ´der Gesalbte´, was, vermittelt über das jüdische Messias-Konzept, mit dem Salbungsritual der israelitischen Könige zusammenhängt, sondern ergibt sich auch aus diversen Titulierungen an Stellen des NT, z.B.:

(Lukas 19,38)
... und sprachen: Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!

(1 Tim 6,15-16)
Welche uns zeigen wird zu seiner Zeit der Selige und allein Gewaltige, der König aller Könige und Herr aller Herren, der allein Unsterblichkeit hat, der da wohnt in einem Licht, zu dem niemand kommen kann, den kein Mensch gesehen hat noch sehen kann. Dem sei Ehre und ewige Macht! Amen.

Die Transformation des Isiskultes in den Marienkult ist anhand der Ikonographie der beiden Figuren ebenfalls deutlich erkennbar. Ich habe unten entsprechende Darstellungen angehängt, darunter drei Mariendarstellungen (mit den Muttermilch-Strahlen), die heute parodistisch wirken, im Mittelalter aber ernstgenommen wurden.

Die Isomorphie von Isis und Maria ergibt sich hier vor allem aus ihrer mütterlichen Funktion gegenüber den göttlichen Söhnen, denen sie in vielen Darstellungen die Brust reichen. Entscheidend für die Isomorphie ist nicht nur die äußerliche Handlung des Säugens, sondern auch dessen religiöse Bedeutung, die im Fall der Maria aber erst im Mittelalter mit Isis gleichzieht.

Was Isis betrifft, überträgt der Prozess des Säugens das göttlichen Wesen der Mutter auf das Kind, was der antiken Vorstellung der Wesensübertragung durch die Muttermilch entspricht (ähnlich wie im altägyptischen Denken der Vater durch den Zeugungsakt sein Wesen auf den Sohn überträgt). Die Pharaonen - die sich mit Horus identifizierten - stellte man sich in ihrer Kindheit als von Göttinnen genährt vor. Amenophis III. z.B. wird in einer Darstellung als von vier Göttinnen gesäugt dargestellt, während seine leibliche Mutter zuschaut. Im Totentempel der Pharaonin Hatschepsut spricht die Göttin Hathor, religionsgeschichtlich die Vorgängerin von Isis:

Ich bin deine Mutter (...) Ich habe dich gestillt, damit du die Rechte des Horus hast...

Analoges gilt - wenngleich mit einem Aufschub von mehreren Jahrhunderten und mit Verschiebung vom Jesuskind auf katholische Mystiker - für Maria. Im Beschluss des Konzils von Ephesus 431 wird noch ausdrücklich hervorgehoben, dass Maria zwar eine "Gottesgebärerin" sei, dass die Göttlichkeit ihres Sohnes aber nicht auf die Geburt aus ihrem Leib zurückgehe, sondern auf die Vaterschaft Gottes. Die Milch der Mutter diene einzig dazu, den menschlichen Leib des Jesus zu nähren. Damit wollte man sich von dem ägyptischen Konzept abgrenzen, welches die Göttlichkeit des Horus auf die Göttlichkeit der Mutter Isis zurückführt.

Einige antike Autoren, darunter auch der oder die Autoren des 1. Petrusbriefs, bekunden aber, wenn auch unabhängig von der Marienfigur, die Idee der Vermittlung des Göttlichen durch Muttermilch, wie in folgender Passage, wobei das Konzept der göttlichen Isis-Milch Pate gestanden haben muss:

(1 Petr 2,1-3)
Ablegend also alle Schlechtigkeit und allen Trug und Heucheleien und Neidereien und alle Verleumdungen, verlangt wie eben geborene Säuglinge die geistige, unverfälschte Milch,damit ihr durch sie wachst zum Heil (...)

Im Mittelalter, das den Marienkult auf seinen Höhepunkt führte, wurde durch die nunmehr himmlische Funktion der Marienbrust die Isomorphie zu Isis vervollständigt. Der Mystiker Bernhard de Clairvaux z.B. fühlte sich in Visionen durch das Saugen an den Brüsten Marias ins Göttliche erhoben. Die erotische Konnotation ist in dieser wie auch anderen Visionen der christlichen Mystiker des Mittelalters (auch Teresa de Avila) überdeutlich. Bei Mechthild von Magdeburg (1212-1294) heißt es sehr salopp:

Eia, darnach werden wir in unsäglicher
Lust schauen und erkennen die Milch und die Brüste,
die Jesus so oft geküsst ha
t.

In einer Darstellung wird Bernhard gezeigt, wie ihn ein Milchstrahl der Maria an der Stirn trifft (siehe einefüges Bild), ihn also ´geistig´ nährt statt leiblich. Das Potential der Marienmilch, den Empfänger mit dem Göttlichen zu verbinden, ähnelt sehr dem Potential der Isis-Milch, den Sohn mit göttlicher Kraft auszustatten.

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Re: Religionsgeschichtliche Herkunft der ´Maria´

Beitrag von Wallenstein am Do Jun 16, 2016 11:12 am

Damit dürfte hinreichend deutlich werden, dass der Marienkult aus dem Isiskult hervorging und ihn kopierte.

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Re: Religionsgeschichtliche Herkunft der ´Maria´

Beitrag von Nepomuk am Mo Jun 27, 2016 5:08 am

@Tammuz
Danke für den Bericht den du Akribisch Untersucht hast. Ist was zum Mitlernen.

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Re: Religionsgeschichtliche Herkunft der ´Maria´

Beitrag von Linuxaffiner am Mi Jul 13, 2016 11:19 am

Als der Donauraum in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten christianisiert wurde, gab es einige Fruchtbarkeitsgöttinen. Damit hatten die christlichen Missionare ernsthaft Probleme wenn sie diese Gottheiten abschaffen wollten. Und so wurde der Glaube an die Maria als Ersatz für die lokalen Gottheiten angesehen. Ohne den Marienglauben wäre die Christianisierung des Donauraum gescheitert. Das war einem Pragmatismus geschuldet.

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Re: Religionsgeschichtliche Herkunft der ´Maria´

Beitrag von Marek1964 am Mi Jul 13, 2016 9:21 pm

Herzlich willkommen hier, Linuxaffiner.

Ja, schon interessant, dass man auch Mutterkulte braucht - offenbar schon seit der Antike. Für mich als Reformierten (Hussite, Evangelischer) ist der Marienkult fremd, aber die Verehrung von "guten" Menschen, bei den Katholiken die Heiligen, das hat schon was, das kommt dem menschlichen Suchen nach Vorbildern entgegen.

Und schliesslich können Wallfahrtsorte Einnahmen gebrauchen... Very Happy

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Re: Religionsgeschichtliche Herkunft der ´Maria´

Beitrag von Linuxaffiner am Do Jul 14, 2016 11:43 am

Anmerkung zu Tammuz : religionsgeschichtliche Herkunft der Maria'

Ein hervorragender Artikel - Danke!

Die Vorstellungen der alten Ägypter über das Totenreich, finden sich auch im christlichen Glauben wieder. In der alten ägyptischen Mythologie finden sich starke Anklänge an den christlichen Auferstehungsglauben wieder. Böse Zungen könnten auch behaupten "wer hat von wen abgeschrieben".

Die Familie Jesu war ja 12 Jahre in Ägypten - genug Zeit um mit den religiösen Gepflogenheiten des Gastlandes Erfahrungen zu sammeln.

Das ist ein Beispiel dafür wie uralte vergangene Hochkulturen eine Weltreligion wie das Christentum inspirieren konnten.

Gruß LA

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Re: Religionsgeschichtliche Herkunft der ´Maria´

Beitrag von Tammuz am Sa Jul 16, 2016 5:50 pm

Linuxaffiner schrieb:In der alten ägyptischen Mythologie finden sich starke  Anklänge an den christlichen Auferstehungsglauben wieder. Böse Zungen könnten auch behaupten "wer hat von wen abgeschrieben".

In Altägypten gab es kein Konzept, das dem christlichen Auferstehungsglauben entspricht. Die Christen übernahmen diese Idee vielmehr aus der jüdischen Apokalyptik, die eine körperliche Auferstehung nach erfolgtem Gottesgericht am Ende des gegenwärtigen, von ´bösen´ Mächten beherrschten Äons lehrt. Die paulinisch-christliche Auferstehungslehre behauptet im Unterschied dazu eine Auferstehung der Seele, die dann eine körperliche Form annimmt, ohne körperlich zu sein.

Ursprünglich entstand der Auferstehungsglaube in Persien in der zoroastrischen Religion, von der die jüdische Apokalyptik dieses Konzept wahrscheinlich übernommen hat.

Marek1964 schrieb:
Ja, schon interessant, dass man auch Mutterkulte braucht - offenbar schon seit der Antike.

Eigentlich ist der Mutterkult der älteste religiöse Kult (incl. Vulva-Kult) überhaupt, nachweisbar seit mindestens 30.000 Jahren, während Kulte um männliche Götter (zunächst Stiere und - seltener - Widder) incl. Phallus-Kult erst seit ca. 10.000 Jahren nachweisbar sind.

Das weltweite Vorkommen von parthenogenetisch bzw. monogenetisch (also ohne Vaterschaft) gebärenden Göttinnen in Göttermythologien kann nur durch ein exklusiv weibliches Gender der ersten religionsgeschichtlich auftretenden Gottheiten erklärt werden. Sie sind in den von männlichen Gottheiten dominierten polytheistischen Systemen also Relikte aus einer Phase, als die biologische Zeugung von Nachkommen noch nicht als Kooperation beider Geschlechter erkannt war. Diese Phase reichte bis zur Einführung der Viehzucht in den Anfängen des Neolithikums. Allein das weibliche Geschlecht galt bis dahin aufgrund des offensichtlichen Faktums seiner Gebärfähigkeit als Quelle neuen Lebens - und damit als Objekt religiöser Verehrung.

Einige archäologische Beispiele:

Stilistisch ungewöhnlich, aber vom Sinn her charakteristisch für das paläolithische Denken präsentiert sich der Eingang der Höhle von La Magdeleine in Frankreich: Hier säumen zwei Frauenreliefs mit besonders betontem Schamdreieck den Eingang. Ihre Bedeutung lag vermutlich darin, den Besuchern der Höhle zu signalisieren, dass sie den weiblichen Schoß der Erde betreten, den Ort der Wiedergeburt von Tieren und Menschen im Rahmen des kosmischen Erneuerungskreislaufs. Im Innern vieler Höhlen finden sich Vulva-Zeichen verschiedener Art, die in der Höhle von zentraler Bedeutung sind. In El Castillo sind an den Wänden vier leuchtend rot gemalte Vulven zu sehen, neben die ein schwarzer Pfeil (ein Todeszeichen) gezeichnet wurde, was zusammengenommen als Symbolisierung von Tod und Wiedergeburt gedeutet werden kann. In Bedeilhac ist eine Vulva sehr naturgetreu im Lehmboden dargestellt, sie steht ´offen´ und zeigt die Klitoris. Die Beispiele ließen sich lange fortsetzen. Zu beachten ist, dass es sich dabei nicht um Sexual-, sondern um Regenerationssymbole handelt.

Am Anfang stand also die prähistorische Muttergöttin des Paläolithikums, der in der neolithischen Phase ein Sohn-Geliebter - in Gestalt eines Stiergottes - zugesellt wurde, wie dies z.B. aus den Funden im anatolischen Catal Hüyük ersichtlich ist. Diese steinzeitliche Ur-Mutter ist die unhintergehbare Grundlage aller späteren Göttinnen, auch der "Gottesmutter Maria". Ein wesentlicher Aspekt der Maria - die jungfräuliche Empfängnis - wurzelt in der parthenogenetischen (= ohne männliche Beteiligung) Fruchtbarkeit der prähistorischen Ur-Göttin, wie auch andere historische Göttinnen, denen jungfräuliche Fruchtbarkeit zugesprochen wurde (wie z.B. in manchen Mythemen die Isis) diesen Aspekt ihrem steinzeitlichen Vorbild verdanken. Auch der Sohn-Aspekt im Maria-Mythos geht auf die Ur-Göttin zurück: Jesus als sterbender und auferstehender Gott hat sein Vorbild im sterbenden und wiedergeborenen Sohn-Gott der Prähistorie und in dessen späteren historischen Varianten (Dumuzi, Attis, Adonis).

Was den Himmelskönigin-Aspekt der Maria betrifft, lässt sich dieser einerseits zur sumerischen Himmelsgöttin Inanna und andererseits zu den ägyptischen Himmelsgöttinnen Nut und Isis zurückverfolgen, also bis zum Ende des 4. Jahrtausends BCE. Inanna war seit dieser Zeit die wichtigste Göttin Mesopotamiens, wurde als Morgen- und Abendstern astralisiert und entsprechend als "Himmelskönigin" verehrt. Die ersten literarischen Hymnen auf diese Göttin werden Enheduanna zugeschrieben, einer Hohepriesterin der Inanna und Tochter des akkadischen Königs Sargon I. - sie gilt übrigens als erster in Ich-Form schreibender Autor überhaupt (d.h. eine Frau hat die Literatur begründet). Seit der Zeit Sargons I. - um 2300 - verschmolz die sumerische Inanna mit der semitischen Ischtar und nahm eine Doppelfunktion ein: als Morgenstern war sie Kriegsgöttin, als Abendstern Liebesgöttin. Noch im 8. Jahrhundert BCE wurde Ischtar (= Ex-Inanna) in Palästina, wie ikonograpischen Funde belegen, von Israeliten als "Himmelskönigin" verehrt, und das nicht nur vereinzelt, sondern in Form eines im israelitischen Volk verbreiteten Kultes.

Unmittelbarer in die Entstehungszeit des Christentums hinein ragt aber die Tradition der ägyptischen Himmelskönigin, als welche die Muttergöttin Nut und die Muttergöttin Isis, mythologisch eine Tochter von Nut, verehrt wurden (seit dem späten 4. Jt. BCE). Nut galt als "Mutter aller Götter" und gebar täglich aufs Neue den Sonnengott Re. Ihre Tochter Isis übernahm die schöpferischen und himmlischen Attribute von Nut. Vieles von dem, was den christlichen Kult ausmacht, bestand schon in der Isisreligion: eine Heilige Schrift, eine Priesterhierarchie, Fastenrituale, Weihwasser usw. Als Gottesmutter war Isis für Maria Vorbild in puncto mütterliches Erbarmen, Hilfsbereitschaft, Heilkraft für Blinde und Lahme sowie als "Schmerzensreiche Mutter", die ihren Sohn (Horus) betrauert. Natürlich galt sie auch als "Himmelskönigin".

Isis war zur Zeit der Herausbildung des Christentums im gesamten Mittelmeerraum die populärste Göttin, ja Gottheit überhaupt, sowohl beim einfachen Volk wie bei den gebildeten Schichten. Ihr auf manchen Darstellungen erkennbarer blauer Mantel wurde von Maria übernommen, ebenso wie - seit dem Konzil von Ephesos im Jahr 431 CE - die Epitheta "Mutter Gottes" und "Gottesgebärerin".

Tammuz

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