Der pharaonische Himmelsaufstieg im Alten Ägypten

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Der pharaonische Himmelsaufstieg im Alten Ägypten

Beitrag von Tammuz am Di Jun 28, 2016 5:39 pm

Ich versuche einen Überblick über die Umstände des pharaonischen Himmelsaufstiegs und die damit verbundene Funktion der Pyramide.

Das Politische und das Religiöse bilden im alten Ägypten eine vielleicht noch intensivere Einheit als im restlichen Alten Orient. Eine Trennung beider Aspekte gibt es nicht, auch keine mit ihnen korrespondierenden theoretischen Begriffe. Der Pharao (eine Bezeichnung erst ab dem Neuen Reich) verkörpert als irdischer Repräsentant des Gottes Horus das absolute Macht- und Kompetenzzentrum. Er gilt als exklusiver Vermittler zwischen Göttern und Menschen und als Verwirklicher und Garant der kosmischen Gerechtigkeit (ma´at) in der Menschenwelt. In diese Funktion tritt er durch den Akt der Krönung. Er hat sie aber auch noch als Verblichener, was Bemühungen um die Dauerhaftigkeit seiner himmlischen Existenz höchste Priorität verleiht. Die Pyramiden sind ein zentrales Element im Repertoire dieser Maßnahmen.

Der andere Zweck der Pyramiden ist damit verbunden, aber davon zu unterscheiden. Als materielles Monument sind sie konkreter Ausdruck der Präsenz des himmlischen Pharao auf Erden, die ineins Präsenz der Göttermacht ist. So gesehen sind sie kein Symbol (das auf etwas anderes verweist, ohne einen realen Bezug dazu zu haben), sondern ein Zeichen mit Realbezug (so wie Rauch ein Zeichen für Feuer ist: Pyramide = Rauch, Göttermacht = Feuer)

Neben dieser konkret-zeichenhaften Funktion der Pyramiden hat ihre architektonische Gestaltung dennoch einen symbolischen Aspekt. Die Pyramidentexte liefern Anhaltspunkte für die Vermutung, dass die Stufenform eine Himmelstreppe symbolisiert und die Dreiecksform der echten Pyramide die Sonnenstrahlen, auf denen der Tote zum Himmel aufsteigt. Das darf nicht so verstanden werden, als würde der Tote, für andere unsichtbar, auf dem materiellen Objekt emporsteigen, um dem Himmel nahe zu kommen, auch wenn z.B. Spruch 267 besagt, dass man für den Toten eine "Treppe zum Himmel gebaut" habe. Diese Wendung ist vermutlich eine metaphorische und zielt auf die Funktion eines Königsgrabs, dem Toten den Himmelsaufstieg und die himmlische Fortexistenz zu ermöglichen. Architektonisch konkretisiert Djoser diese Metapher mit seiner Stufenpyramide. (Einwänden, die die Planlosigkeit in der Entstehung betonen, könnte man entgegenhalten, dass die Idee zu einer symbolischen Form vielleicht erst während der Bauarbeiten aufkam oder sich durchsetzte; die Kreativität des Architektenstabs wurde von ZaphodB. bereits hervorgehoben).

Die Stufenform hat also - vermutlich - den Sinn, die Treppen-Metapher materiell auszudrücken. Analoges gilt - vermutlich - für die echte Pyramide, was die Sonnenstrahlen betrifft. Auf die architektonische Konkretisierung einer dritten geläufigen Metapher - die Himmelsleiter - hat man in Ägypten aber verständlicherweise verzichtet.

Was nun den Aufstieg und die Fortexistenz des Königs betrifft, dient die Pyramide dazu, 1) als Schutzraum den dauerhaften Erhalt des irdischen Körpers zu garantieren (ich nenne das ihre Firewall-Funktion), und 2) eine Stätte für Rituale zu sein, die Aufstieg und Fortexistenz unterstützen.

Die Ägypter (auch im folgenden immer als Altägypter gemeint) gehen davon aus, dass ein jenseitiges Leben nicht möglich ist, wenn der hinterlassene Körper seine menschliche Gestalt verloren hat. Ein konservierter irdischer Körper gilt als notwendige Basis für die Existenz und das Wohlergehen des himmlischen Körpers. Dazu zwei Anmerkungen:

+ Bis zum Neuen Reich gilt, dass allein der König zu den Sternen, also zum Götterhimmel aufsteigen kann. Für - im wahrsten Sinne des Wortes - Normalsterbliche gibt es ´nur´ die Option, in das überirdische selige Reich Sechet Iaru einzugehen (nach Bestehen des Totengerichts). Ab dem NR sichern sich auch Angehörige der Oberschicht das Privileg auf postmortale Existenz bei den Göttern.

+ Der "himmlische Körper" des Toten ist eigentlich eine Pluralität: Der Tote existiert in mehreren Erscheinungsformen gleichzeitig (dazu unten mehr).

Sinn der Mumifizierung ist also die Verewigung des materiellen Leibes als Voraussetzung für ewiges himmlisches Dasein.

An den charakteristischen Mumienbinden kann man aber ablesen, wie gespalten das Verhältnis des Ägypters zu seinen Toten ist: Einerseits tut er per Ritual und Opfergaben alles Menschenmögliche, um ihre weiteres Dasein zu erleichtern, andererseits fürchtet er sie und ergeht sich in Vorstellungen, wie sie als materielle Wiedergänger die Lebenden heimsuchen. Die Mumienbinden können - neben der Konservierungsfunktion - also auch als Fesseln zu verstehen sein, um Wiedergänger daran zu hindern, aus dem Grab zu steigen. Das Ritual der Zerstückelung des Körpers und der anschließenden symbolischen Wiederzusammensetzung (unten mehr dazu) hat seine Ursache in der vorgeschichtlichen Sitte, eine Leiche zu vernichten oder zumindest wichtiger Organe zu berauben (z.B. Kopf, Gehirn, Herz, Penis), um eine Heimsuchung zu verhindern. Noch bis in die Zeit des NR wird auch königlichen Leichen zuweilen das Glied entfernt und dieses gesondert begraben. Das ursprüngliche Motiv dahinter ist die Angst, ein Toter könne damit die Frauen der Hinterbliebenen schänden. Mit dem Aufkommen der Vorstellung, der Tote könne in anderer als einer materiellen Erscheinungsweise seinen Leib verlassen und so die Fesseln überwinden, entsteht die Praxis der Konservierung der Leiche mit dem Hintergedanken, den Toten zufriedenstellen und von Rachegelüsten u.ä. abhalten.

Damit ist der Keim zu jenem religiösen Konzept gelegt, das in der rituellen Behandlung der Königsleiche gipfelt. Fortbestand und Harmonie der Menschenwelt sind nur gesichert, wenn diese Leiche dauerhaft ihre menschliche Gestalt bewahrt. Die Körperzerstückelung wird zwar beibehalten (in Form der Ausweidung, darunter Entfernung des Gehirns), nimmt aber eine positive Bedeutung an: Der Körper erhält die entfernten Organe (die separat beigesetzt werden) symbolisch wieder zurück in einer Weise, die ihn unendlich aufwertet, denn die neuen "Organe" sind göttlicher Provenienz. Damit vollzieht sich eine Transfiguration des Toten in den himmlischen Seinsmodus. Beispielhaft ist ein der Göttin Isis in den Mund gelegter Text aus der Zeit des MR:

Du hast Gestalt angenommen, indem du die Gesamtheit aller Götter bist;
Dein Kopf ist Re,
Dein Gesicht ist Upuaut,
Deine Nase ist der Schakal (= Anubis),
(...)
Deine Zunge ist Thot,
Deine Kehle ist Nut,
Dein Nacken ist Geb,
Deine Schultern sind Horus

(usw.)

Texte dieser Art werden von Priestern während der Einbalsamierung nonstop rezitiert; durch den Vortrag vollzieht sich die Wiederherstellung des Leibs auf höherer Ebene, er wird ins Göttliche transfiguriert. Der ägyptologische Ausdruck dafür ist "Gliedervergottung".

Mythologisch hat sich das Zerstückelungs- und Wiederbelebungsthema in Geschichten um den Gott Osiris niedergeschlagen, mit dessen Name der Tote rituell angesprochen wird:

O Osiris N! Empfange deinen Kopf im Westreich...

(N = Platzhalter für Name des Toten)

Die Gleichsetzung des Toten mit Osiris hat folgenden Hintergrund: Osiris, mythologisch der erste Gott, der die geschichtlich gewordene Welt beherrscht, wird von seinem Bruder Seth ermordet und zerstückelt, weil dieser den Thron begehrt. Osiris´ liebende Schwestergattin Isis findet die verstreuten Teile und setzt sie magisch wieder zusammen. Der daraufhin gezeugte Sohn Horus besiegt den schurkischen Onkel und tritt an dessen Stelle die Herrschaft über die Welt an. Sein Vater Osiris übernimmt die Herrschaft über die Toten im Duat (Unterwelt). Diese Konstellation dient als Blaupause für die ägyptische Königsideologie: Im lebenden König verkörpert sich Horus, im toten König Osiris. Als Horus hat der König die Aufgabe, die ma´at (Ordnung der Welt) vor den Mächten des Chaos (verkörpert in Seth) zu verteidigen. Die Reintegration des zerstückelten Toten geschieht kraft der Magie der Horus- bzw. Königsmutter Isis (die diese Mutterrolle von der älteren Göttin Hathor übernimmt).

Der tote König hat auf seiner Reise zum Himmel im Totenreich eine Prüfung durch das Totengericht zu bestehen, das unter dem Vorsitz des Osiris an die vergangenen Taten des Toten rigide Maßstäbe anlegt. Natürlich ist der Tote dabei nicht als Verkörperung des Osiris anzusehen, dieser steht ihm ja als Richter gegenüber. Beide Vorstellungen, die verschiedenen Traditionen entspringen, stehen im ägyptischen Denken nebeneinander, ohne sich auszuschließen. Ist das Herz des Toten nicht schwerer als die Feder der Gerechtigkeitsgöttin Maat, dann ist die Prüfung bestanden, und der Tote vermag zum Himmel aufzusteigen. Im negativen Fall würde das Monster Ammit das Herz auffressen mit der Konsequenz, dass der Tote in den Höllenbereich stürzt ("der zweite Tod"), wo ihn schreckliche Qualen erwarten. Diese Vorstellung, wie auch die Vorstellung eines Totengerichts, ist die Grundlage späterer christlicher Ideen (endzeitliches Gericht und "zweiter Tod" in der Johannesoffenbarung).

Zu gewährleisten, dass der Tote zur Seligkeit aufsteigt statt in Qualen zu stürzen, ist der Zweck der Rituale und Totensprüche. Werden diese durchgeführt bzw. vom Toten berücksichtigt, ist das Gelingen vorprogrammiert. Bis hierhin unterscheidet sich der Weg des toten Königs nicht vom Weg des Normalsterblichen: Beide müssen sich dem osirianischen Gericht stellen. Im Falle des Bestehens gehen sie aber getrennte Wege: Der König zu den Göttern der Sternenwelt, der Normalsterbliche zum schon erwähnten überirdischen Reich Sechet Iaru.

Allerdings können sich dem König nach Bestehen der Prüfung missgünstige Götter in den Weg stellen, um den himmlischen Aufstieg zu sabotieren. Zwar versucht er, durch Gebete die Unterstützung der Götter zu erlangen, kann damit aber scheitern, so dass gröbere Geschütze ins Spiel kommen, nämlich Strafandrohungen gegen feindliche Götter (Teil der rituellen Sprüche in den Pyramidentexten). Angedrohte Konsequenzen sind z.B. Nahrungsentzug und Ausstoß aus der göttlichen Gesellschaft.

Voraussetzung für die Wirksamkeit der Drohungen ist natürlich, dass das göttliche Potential des Toten dem seiner Widersacher überlegen ist. Laut den Pyramidentexten besteht an dieser Überlegenheit aber kein Zweifel; die Drohungen erreichen also garantiert ihr Ziel.

In der göttlichen Sternenwelt existiert der Tote, wie schon angedeutet, in mehreren Seinsformen simultan nebeneinander. Die wichtigsten heißt Ba, Ka, Ach und Sechem.

1) Ach: Der Seligkeitskörper des Toten. Er entsteht erst mit dem Eintritt in den Himmel.

2) Ba: Der Handlungskörper des Toten. Mit ihm vertritt er nach außen seine Interessen. Von vornherein in jedem Menschen angelegt.

3) Ka: Der Ernährungskörper des Toten. Er ist für die Nahrungsbeschaffung zuständig. Verkörpert in einer Statue des Toten, opfern ihm die Hinterbliebenen die für die Fortexistenz des Toten unerlässlichen Gaben. Da die Ägypter aber jede Möglichkeit in Betracht ziehen, auch das Ausbleiben von Opfergaben, werden bildliche Darstellungen von Nahrung in die Grabanlage gestellt, die das Ausbleiben zu kompensieren vermögen. Auch der Ka ist Teil jedes Menschen.

4) Sechem: Der Herrschaftskörper des Toten, symbolisiert im Zepter. Kraft dieses Körpers kann er über andere Götter herrschen. Er ist exklusives Attribut von Königen und vielleicht auch wichtigen Angehörigen der Oberschicht.

Mittels seines Ba und seines Sechem vermag der tote König auch in der irdischen Welt Macht auszuüben. Umso wichtiger sind Bemühungen, seinen Leib zu erhalten (Firewall-Funktion der Pyramide) und ihm auf rituellem Wege per Opfergaben Kraft zuzuführen.

Tammuz

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Re: Der pharaonische Himmelsaufstieg im Alten Ägypten

Beitrag von Ceres am Mi Jun 29, 2016 9:25 am

Ein hochinteressanter Text. Danke dafür!
Diese Rituale erinnern mich spontan an griechische Rituale und Totenbrauchtum.
Dazu werde ich mich sobald äußern.

lg Ceres
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