Herrscherkult im Alten Rom

Vorheriges Thema anzeigen Nächstes Thema anzeigen Nach unten

Herrscherkult im Alten Rom

Beitrag von Tammuz am Mi Jun 29, 2016 4:55 pm

AUGUSTUS:

Der früheste Beleg für einen Kult um das ´ewige Rom´ in Kleinasien ist ein der Göttin Roma geweihter Tempel in Smyrna, datiert auf 195 BCE, lange bevor das Pergamesische Reich 133 BCE als Erbschaft seines Königs Attalus III. an das Römische Reich überging und zur Provinz Asia wurde. Abgesehen von einem schnell niedergeschlagenen Aufstand durch Mithradates VI. im Jahr 88 war das Verhältnis zwischen Rom und Asia immer konfliktfrei. Während des Bürgerkrieges hatte die Provinz gute Beziehungen zu Antonius und Cleopatra unterhalten, war nach Octavians Sieg also mit einem Herrscher konfrontiert, dessen Wohlwollen es durch eine besondere Maßnahme, die Einrichtung eines Kaiserkults, zu sichern galt.

Ein weiteres Motiv für diese Maßnahme könnte der Wunsch gewesen sein, der Fernverwaltung durch eine Zentralmacht (Rom) eine Form zu geben, die dem griechischen Bedürfnis nach einer lokalen Regierung entgegenkam. Als Lösung bot sich nach dem Modell der Götterverehrung an, die Abhängigkeit von jener Macht als Abhängigkeit von einer Gottheit zu interpretieren, die in den lokalen kultischen Zentren unmittelbar präsent - und nicht nur symbolisch fernrepräsentiert - ist.

29 BCE ersuchte die Ratsversammlung (Koinon) von Asia Kaiser Augustus um Genehmigung für den Bau eines ihm geweihten Tempels. Augustus war einverstanden, machte aber zur Bedingung, dass er wie in Rom als Sohn des vergöttlichten Caesar (divus Iulius), d.h. als divi filius, zu verehren und dass auch der Göttin Roma im Tempel ein Kult einzurichten sei, letzteres, um die Ausrichtung der kaiserlichen Macht am Wohl des Staates zu betonen Daraufhin entstand in Pergamon der erste Kaisertempel in der Provinz Asia. 79 weitere sollten bis ins 2. Jahrhundert CE folgen, verteilt auf über 60 asianische Städte. Zur Größenordnung: Ephesus hatte 200.000, Pergamon 120.000, Sardis 100.000 und Smyrna 75.000 Einwohner. Sie rangierten im ersten Jahrhundert CE in der Liste der größten Städte des Reichs auf Platz 3, 6, 7 und 14.

Um dem Kult ein Maximum an Wirkung zu verleihen, wurden die Tempel auf den Hauptplätzen der Städte errichtet und Kaiserstatuen auch in den traditionellen Göttertempeln aufgestellt. In Ephesus gab es vier Kaisertempel und vier Gymnasien mit kaiserkultischen Räumen. Zahlreiche Kaiserstatuen standen in Theatern, im Rathaus und auf den Straßen. Auf mehreren Toren waren Statuen von Augustus und Trajan einschließlich ihrer Familien angebracht. Alle Sportwettbewerbe, Gladiatorenkämpfe und Musikfeste wurden zu Ehren des Kaisers veranstaltet. Er war im Bewusstsein der Bevölkerung somit allgegenwärtig.

Aber nicht nur die kultisch erzeugte Präsenz, auch die auf Rom und Augustus´ fokussierte Neuordnung des antiken Weltbildes in den Dimensionen von Raum und Zeit veränderte das Denken der Bewohner Asias von Grund auf. Die Stadt Rom galt als Zentrum der Welt und Augustus´ Geburtstag als Beginn eines Zeitalters des Friedens und Wohlstands für die Provinz Asia. 9 BCE wurde eine Kalenderreform durchgeführt, die den kaiserlichen Geburtstag als Startpunkt der Jahreszyklen festlegte. Vorausgegangen war ein vom Koinon ausgeschriebener Wettbewerb um die beste Idee für eine neue Form der Kaiserehrung. Den Preis in Form eines Kranzes erhielt der Prokonsul Paullus Fabius Maximus für seinen Vorschlag, den Neujahrstag auf den 23. September, den Geburtstag des Augustus, zu verlegen. Damit trat Augustus´ Funktion als Überwinder des Chaos und Schöpfer einer neuen Ordnung und Friedensära (pax deorum) noch stärker ins allgemeine Bewusstsein. Die Bedeutung des Neujahrsfestes in der antiken Kultur als ritueller Neustart in einen Jahreszyklus kann dabei gar nicht überschätzt werden.

CAESAR:

Umstritten ist in der Forschung die Frage, ob und in welchem Maße sich Augustus bei der Gestaltung des Kaiserkultes am hellenistischen Kult um Alexander orientierte. Manche argumentieren für eine Herkunft aus diesem Vorstellungskomplex, andere sehen den Kaiserkult in traditionellen römischen Kulten verankert. Eigentlich trifft beides zu, weil das hellenistische Konzept des göttlichen Herrschers mit dem altrömischen Konzept des Genius auf raffinierte Weise kombiniert wurde. Der Reihe nach:

Caesar hatte am Beispiel des Kultes um Alexander gelernt, wie sehr ein divinisierender Kult eine Stadt über große Distanzen an einen Herrscher zu binden vermag. Wenn auch erst nach seinem Tod auf Initiative von Antonius und Octavian zur Gottheit Divus Iulius erhoben, ließ er sich schon zu Lebzeiten vom Senat und aus den Provinzen vergöttlichende Ehrungen entgegenbringen. Dass eine Divinisierung in Rom aber nicht bedeutet, in der gleichen Liga wie die traditionellen Götter zu spielen, zeigt die ab der Kaiserzeit geltende Differenzierung in Divus/Diva (= Staatsgott = vergöttlichter Mensch) und Deus/Dea (genuine Gottheit).

AUGUSTUS:

Octavian war schon lange vor seiner endgültigen Machtergreifung in Zeiten des Triumvirats als divus, als lebender Staatsgott, tituliert worden, natürlich ohne einen damit verbundenen Kult. Auch in den Jahren des Bürgerkriegs beanspruchte er, nicht anders als sein Gegner Antonius, aus Prestigegründen Göttlichkeit, was beiden Parteien Anlass gab, über die Göttlichkeit des Gegners zu spotten. Während Antonius sich als ´Neuen Dionysos´ feiern ließ, organisierte Octavian - wie aus Kreisen der Antonius-Partei verlautet - private Feste, bei denen die Teilnehmer, sechs Männer und sechs Frauen in der Tracht von Göttern und Göttinnen, Sexorgien praktizierten. Octavian soll dabei die Tracht des Apollo getragen haben. Nach seinem Sieg 36 BCE über Sextus Pompeius wurde ihm in den italienischen Städten auf gleicher Ebene Verehrung zuteil wie ihren lokalen Schutzgöttern.

Mit der Machtergreifung wurden die Dinge komplizierter. Um zu vermeiden, als absolutistischer Monarch nach dem Vorbild Alexanders dazustehen, verzichtete Augustus auf eine Vollvergöttlichung seiner Person zu Lebzeiten und nahm in seiner Eigenschaft als Adoptivsohn des vergöttlichten Caesar den Titel eines Divi filius an (wie oben erwähnt). Dennoch erreichte er schon zu Lebzeiten eine Quasi-Vergöttlichung, indem er die Verehrung dessen einführte, was nach altrömischer Auffassung sein persönlicher ´genius´ war. Dieser Verehrungsmodus wurde ab 13 BCE ein fester Bestandteil des Staatskultes.

Unter einem ´Genius´ ist eine individuelle geistige Kraft oder Entität zu verstehen, die allen Pflanzen, Tieren, Menschen und sogar Göttern einwohnt und sie belebt. Die häufig anzutreffende Definition als ´Schutzgeist´ ist ungenau, da diese suggeriert, dass Genius und Person getrennte Wesenheiten sind. Der Genius ist aber Teil der Person, sein belebendes Prinzip, dem auch eine schützende Funktion zugesprochen wurde, die ein Aspekt von ihm ist und kein selbstständiges Wesen. In der Ägyptologie wird der menschliche Seelenanteil Ka u.a. mit Genius übersetzt, was ebenfalls zeigt, dass der Genius kein getrennte Wesenheit ist, sondern eine belebende geistige Kraft. Der Genius normaler Menschen galt als sterblich, Augustus´ Genius aber, weil schon vor seiner Divisinisierung als göttlich proklamiert, existiert post-apotheotisch natürlich fort.

Augustus setzte die ritualisierte Verehrung seines Genius auf breiter Front durch. So war auf kaiserliche Anordnung ausnahmslos auf allen Banketten ein spezielles Opferritual zu verrichten: die Ausgießung von Wein (Libation) zu Ehren des Genius des Kaisers. Anders als Alexander, der von unterworfenen Städten seine Verehrung als ´theos´ einforderte, verzichtete Augustus aus genanntem Grund auf diesen Anspruch, etablierte aber einen Kult um seine Person, der sich u.a. durch die rituelle ´Spiritisierung´ seiner Person dem Kult um einen Gott annäherte. Unabhängig von diesen Differenzierungen sahen viele Römer in ihm aber sicher einen, so Horaz, "lebenden Staatsgott (divus)" an der Spitze des Imperiums.

In der Provinz Asia scheint die kaiserliche Göttlichkeit auch zu Lebzeiten offiziell anerkannt gewesen zu sein. Während nämlich der Titel ´divi filius´ (Sohn eines Gottes) in Rom keine Göttlichkeit, sondern Teilhabe am Göttlichen anzeigt, implizierte die griechische Entsprechung dieses Ausdrucks in Asia die Bedeutung eines vollwertig Göttlichen. Ein anderes Indiz ist ein städtisches Dokument um 10 BCE, das dem Augustus den Titel ´theos´ beigelegt. Eine Weihinschrift aus Ephesus um 22 BCE bezieht sich auf ihn als ´divus´. Man kann also annehmen, dass Augustus in Asia schon vor seinem Tod einen Status innehatte, den er in Rom posthum durch die Konsekration 14/15 CE erlangte.

Der Konsekration als posthume Vergöttlichung eines verstorbenen Kaisers durch seinen Nachfolger ging regulär ein Senatsbeschluss voraus, der die Konsekration verfügte und den Verstorbenen mit dem Titel eines divus belegte (als Element der Cognomen-Reihe), noch bevor die Apotheose erfolgt war.

Tammuz

Anzahl der Beiträge : 100
Anmeldedatum : 09.06.15

Benutzerprofil anzeigen https://independent.academia.edu/HorstTran

Nach oben Nach unten

Vorheriges Thema anzeigen Nächstes Thema anzeigen Nach oben

- Ähnliche Themen

 
Befugnisse in diesem Forum
Sie können in diesem Forum nicht antworten