Schamanismus und Höhlenkunst

Vorheriges Thema anzeigen Nächstes Thema anzeigen Nach unten

Schamanismus und Höhlenkunst

Beitrag von Tammuz am Fr Jul 01, 2016 2:46 pm

Es geht im folgenden um diverse Theorien über den Sinn der prähistorischen Höhenmalerei. Ins Zentrum rücke ich dabei die Schamanismustheorie, die einen engen Zusammenhang dieser Kunstform mit schamanischer Erfahrung  feststellt.

Zunächst die alternativen Theorien:

+ L´art-pour-l´art = Kunst um der Kunst wegen, also Kunst als ästhetisches Experiment. Diese anachronistische Interpretation ist heute gänzlich obsolet.

+ Sympathetische Magie (Jagdzauber):

Tierbilder sollen, so Abbé Henri Breuil, der lange Zeit einflussreichste Verfechter dieser Interpretation, eine sympathetische Beziehung zu Jagdtieren erzeugen und eine erfolgreiche Jagd garantieren. Auch diese Theorie, wenngleich in neuerer Zeit vom ohnehin zu trivialen Auffassungen neigenden R. Dale Guthrie vertreten, wird in Wissenschaftskreisen immer weniger beachtet. Dagegen spricht vor allem, dass viele gemalte oder gezeichnete Tiere keine Jagdtiere waren und ein wichtiges Jagdtier, das Ren, nur ausnahmsweise dargestellt wurde.

+ die strukturalistische Theorie:

Sie geht auf André Leroi-Gourhan zurück, der sie Mitte der 1960er Jahre, als der französische Strukturalismus blühte, in die Paläontologie einführte. Ihr zufolge beruht das Zeichensystem der Höhlenkunst auf einem binären Code aus oppositionellen Signifikanten, die in ihrer Kombination ein Bedeutungs-Universum generieren. Da auch diese lange Zeit beachtete Theorie seit den 1990ern kaum noch Anhänger hat, soll diese Charaktisierung genügen.

Nun zur Schamanismus-Theorie (SchamTh):

Sie hat in fachwissenschaftlichen Kreisen z.Zt. die weiteste Akzeptanz und geht auf die Studien von David Lewis-Williams (1989), Jean Clottes (1998 mit Lewis-Williams) und Robert Ryan (1999) zurück. Ihre Grundthesen sind, (1) dass Höhlenkunst ein Produkt schamanistischer Rituale ist, und (2) dass bestimmte bei allen Menschen gegebene neurophysiologische Konstanten die formale Gestaltung der Felsenkunst determinieren. Obwohl die SchamTh seit den 1950ern, inspiriert durch die Malereien in Lascaux, Trois-Frères und Gabillou, von vielen Wissenschaftlern in Ansätzen vorgebracht wurde (z.B. Eliade, Levy, Hallifax, Bednarik, Lommel, Labarre), konnte sich diese Interpretation erst vor 20 Jahren durchsetzen, zum einen, weil die konkurrierenden Theorien an Überzeugungskraft verloren hatten und zum andern, weil sie erst in den 90ern ausgereift entwickelt und interdisziplinär mit neurowissenschaftlichen Argumenten ergänzt wurde.

Ich stelle die SchamTh unten genauer dar. Vorher gibt es zur Einführung einen Überblick über Rossanos Stufen-Modell paläolithischer Religion sowie eine Liste typischer Merkmale des Schamanismus.

+++

In seiner Studie über paläolithische Religion (The Religious Mind and the Evolution of Religion, in: General Psychology , Vol. 10, No. 4, 2006) unterteilt Prof. Matt J. Rossano die Entwicklung in drei Stadien:

1) Ca. 300.000 bis ca. 150.000: die prä-jungpaläolithische Proto-Religion mit ihrem Akzent auf ekstatischen Ritualen (ecstatic rituals) und sozialer Bindung (social bonding)

2) ca. 150.000 bis ca. 35.000: eine Übergangsform (transitional religion), die den bereits bestehenden Merkmalen das schamanistische Heilritual (healing ritual) hinzufügt

3) ab ca. 35.000: die jungpaläolithische Religion, welche zusätzlich Höhlenkunst, komplexere Formen des Begräbnisses und, nebst anderen Artefakten, die Produktion von ´Venus-Figurinen´ einschließt, denen Rossano eine fruchtbarkeitskultische Funktion zuspricht und deren pornographische Interpretation er als "remote" (in der Bedeutung von ´very unlikely´) zurückweist.

Religiosität beginnt mit dem Bewusstwerden des Übernatürlichen. Dies markiert den Beginn des Schamanismus, der hauptsächlich als Methode zu definieren ist, durch veränderte Bewusstseinszustände mit einer geistigen Welt in Kontakt zu treten, um daraus Nutzen für das Wohl der eigenen Gruppe zu ziehen.

Dazu Rossano:

The supernatural world not only exists, but it exerts willful causal force. This spiritual force is accessed and directed by a prescribed, ritualized mode of encounter. Apart from the need for ritual, however, it seems unlikely that any deeper theological understanding of the supernatural would be required (at least not initially).

Die zu diesem Zweck angestrebten ekstatischen Zustände werden durch rhythmisches Tanzen, Gesang, nervenbelastende Initiationen und die Einnahme psychoaktiver Drogen ausgelöst. Aus den Ekstasen Nutzen zu ziehen, war der Neandertaler allerdings nicht in der Lage, weil, so Rossano,

Neanderthals… could not intentionally recall, cognitively restructure, and socially manipulate the images or experiences they had in altered states of consciousness. In other words, the images seen in dreams, hallucinations, and other forms of contemplation could not be recalled later and constructed into an alternative view of reality.

Der Homo sapiens verfügte dagegen über ein besseres kognitives Gedächtnis, was für die soziale Applikation des Übernatürlichen eine notwendige Bedingung ist:

The intensified altered states of the Homo sapiens’ brain combined with its (most likely) unique capacities for remembering, manipulating, and interpreting the experiences of those states brought forth something new on the evolutionary landscape: the supernatural.

+++

Die wesentlichen Charakteristika des Schamanismus fasse ich in Anlehnung an David Lewis-Williams, Prof. für Archäologie (Harnessing the Brain: Vision and Shamanism in Upper Paleolithic Western Europe) und Michael Winkelman, Prof. für Anthropologie (Shamanism as the Original Neurotheology) so zusammen:

1) Ekstase: ein Altered-State-of-Consciousness = ASC mit (zumindest subjektiver) Out-of-Body-Experience = Seelenflug

2) methodischer Einsatz von Gesang, Trommeln, Tanzen, Hyperventilation und psychoaktiven Drogen, um den ASC kontrolliert herbeizuführen

3) (zumindest subjektive) Fähigkeit der Krankheitsdiagnose

4) (zumindest subjektive) Kontakte zu übernatürlichen Wesenheiten (Geistern)

5) (zumindest subjektive) initiatorische Erfahrung von Tod und Wiedergeburt

6) Krankheitsanfälle aufgrund (zumindest subjektiv erfahrener) Angriffe durch ´böse Geister´

7) (zumindest subjektive) Beziehungen zu Geistern von Tieren sowie die Fähigkeit, sich in ein Tier zu verwandeln

Laut David Lewis-Williams, Jean Clottes, Robert Ryan, Thomas A. Dowson, Michael Winkelman und anderen ist Höhlenkunst ein Produkt ekstatischer schamanischer Zustände und wurde oft im initiatorischen Kontext hergestellt. Für letzteres sprechen die Orte mancher Zeichnungen, die in engen Stollen liegen und nur in unbequemer Körperhaltung erreicht werden können, was auf eine Prüfungssituation schließen lässt und Interpretationen wie l´art-pour-l´art und Jagdmagie ad absurdum führt.

In der SchamTh sind die Höhlen Aufenthaltsorte der Geister und werden von Schamanen aufgesucht, weil sie mit den Geistern und der Überwelt in Kontakt treten wollen, um bestimmte Aufgaben, vor allem die Heilung eines Kranken, zu erledigen. Dafür bringen sie sich in den hinteren Teilen der Höhle in die erforderliche ekstatische Verfassung. Dem schamanischen Glauben zufolge hat der Mensch mehrere Seelen und erkrankt, wenn ihm eine dieser Seelen abhanden kommt. Um sie in der übernatürlichen Welt wiederzufinden und in die irdische Welt zurückzuführen, begibt sich der Schamane, seinen Körper verlassend, in die Überwelt. Dafür und für die Rückführung der verlorenen Seele braucht er aber die Hilfe eines Tiergeistes, den er vor Beginn der Reise im ekstatischen Zustand herbeiruft. Erscheint dieser Geist, geht seine Kraft auf den Schamanen über, der nun bereit ist für den gefährlichen Trip.

Die Malereien dienten laut SchamTh vor allem dazu, den nicht-schamanischen Mitgliedern der Gruppe die visionären Erfahrungen aus der Erinnerung anschaulich zu machen, was gewiss auch zum erhöhten Status des Schamanen/der Schamanin innerhalb der Gruppe beitrug. Die oben erwähnten Malereien an schwer zugänglichen Orten entstanden, wie gesagt, vermutlich als Prüfungsaufgaben für Initianden (im Sinne von Mutproben).

Zunächst muss begründet werden, warum die Annahme eines paläolithischen Schamanismus überhaupt zulässig ist. Nach Lewis-Williams (Harnessing the Brain: Vision and Shamanism in Upper Paleolithic Western Europe) spricht dafür folgendes:

(1) Die Fähigkeit zu halluzinieren gehört zum Grundbestand des menschlichen Nervensystems und kann vermutlich auch allen anderen Säugetieren zugeschrieben werden. Das haben in den 1970er Jahren Tierversuche mit und ohne Verabreichung psychoaktiver Drogen (Siegel & Jarvik 1975) ergeben. Die Fähigkeit zu halluzinieren ist beim Australopithecus wahrscheinlich, beim Neandertaler sehr wahrscheinlich (siehe auch oben Rossano) und beim Homo sapiens des späten Paläolithikums gesichert.

(2) Das Vorkommen von Praktiken mit schamanistischen Merkmalen (siehe obige Liste) in den heute noch bestehenden Wildbeutergesellschaften auf verschiedenen Kontinenten zeigt, dass solche Praktiken nicht durch kulturelle Diffusion entstehen, sondern auf einem gemeinsamen neurologischen Erbgut basieren. Anders sind die signifikanten Gemeinsamkeiten der Praktiken nicht erklärbar. Daraus kann man schließen, dass Schamanismus auch von prähistorischen Wildbeutergesellschaften ausgeübt wurde.

Dann ist die Annahme zu begründen, dass Höhlenkunst ein Werk von Schamanen/Schamaninnen ist. Die früheren Ansätze der SchamTh ab den 1950/60ern stützten sich allein auf die schon erwähnten Malereien in Lascaux, Trois-Frères und Gabillou mit Darstellungen von Mischwesen (halb Mensch, halb Tier), was zur Vorstellungswelt des uns heute bekannten Schamanismus gehört, ohne dass daraus aber eine umfassende Theorie über schamanistische Höhlenkunst abgeleitet werden könnte. Eine Wende brachte der Umstand, dass der südafrikanische Archäologe Lewis-Williams in den 1980ern begann, die Kultur der südafrikanischen Ethnie der San zu studieren, die Schamanismus praktizieren und noch im 19. und 20. Jahrhundert Höhlenmalerei produzierten. Dazu Lewis-Williams:

... the demonstrably multiple fit between aspects of nineteenth- and twentieth-century San ethnography and the highly detailed rock art images of the subcontinent led to a concomitantly detailed explanation: San rock art was, at any rate in large measure, associated with the beliefs, cosmology, experiences, diverse rituals, notions of supernatural power, changing social relations, metaphors, and symbols of San shamanism.

Der nächste Schritt in der Theoriebildung ist die Annahme, dass man von den Entstehungsbedingungen der San-Höhlenkunst auf die Entstehungsbedingungen der paläolithischen Höhlenkunst Europas schließen kann.

Ein weiterer Schritt besteht im Aufzeigen gemeinsamer Merkmale der europäischen und südafrikanischen Malereien. Hierfür greift Lewis-Williams auf neuropsychologische Forschungen über ASC (Altered-State-of-Consciousness) zurück, die u.a. folgende Resultate brachten:

Es gibt drei Stadien der Wahrnehmung geometrischer Formen während der schamanistischen Trance:

(1) Die sogenannten ´Phosphene´: Punkte, Zickzackstreifen, Gitter, parallele Linien und Mäander. Sie werden nicht durch Lichteindrücke auf der Netzhaut, sondern innerhalb des visuellen Hirnzentrums ausgelöst.

(2) Die einzelnen Formen verbinden sich zu sinnvollen Mustern, z.B. einer Schlange oder anderen Tieren, aber auch zu Menschen und seltsamen Monstern. Begleitet werden diese real wirkenden Visionen oft von starken Emotionen.

(3) Der/die Wahrnehmende wird in einen Tunnel oder Strudel gezogen, wo sich ihm/ihr eine andere Welt öffnet incl. synästhetischer Erfahrungen, Out-of-Body-Experience und der eigenen Identifizierung mit geometrischen und naturalistischen (z.B. Tier-) Gestalten.

Bevor dies auf eine schamanistische Interpretation europäischer Höhlenkunst angewendet wird, sind diese Stadien in den Malereien heute noch existierender archaischer Ethnien zu verifizieren. Laut Lewis-Williams kann man Merkmale aller drei Stadien in der Kunst der südafrikanischen San, der nordamerikanischen Cosos, der südamerikanischen Tukano und der mittelamerikanischen Huichol feststellen: Es gibt bei ihnen geometrische Formen vom Typ des ersten Stadiums, komplexere Formen vom Typ des zweiten Stadiums und Bildformen vom Typ des dritten Stadiums.

Dagegen ist kein malerischer Stil in der Menschheitsgeschichte bekannt, der nicht-schamanischen Ursprungs ist und dennoch Merkmale jener drei Stadien aufweist. Man kann daher aus dem Vorkommen dieser Merkmale auf einen schamanischen Kontext schließen.

Auf dieser Grundlage kann man an eine Untersuchung der europäischen Höhlenmalerei herangehen.

Dabei zeigt sich, dass geometrische Elemente des Stadiums 1 (Punkte, Zickzack, Mäander, Girlanden usw.) als Bestandteil der Malereien mühelos aufzufinden sind. Es gibt in diesen Malereien zwar weitere geometrische Formen, die nicht zum Repertoire schamanischer Visionen gehören, was Lewis-Williams´ Theorie zu schwächen scheint. Es ist aber denkbar, dass die Höhlenkünstler nicht nur halluzinative Formen, sondern auch anderweitig entstandene Symbole in ihre Darstellungen einbezogen haben.

Die Theorie erfährt durch das Vorkommen von Merkmalen der zwei anderen Stadien, vor allem des dritten, eine weitere Bestätigung. Was Stadium 2 betrifft, sind seine Merkmale nur schwer mit Sicherheit zu verifizieren, da der Übergang von Einzelformen zu einer sinnvoll komplexen Figur (Stadium 2) den Endresultaten nicht unmittelbar anzusehen ist. Immerhin fallen die Monsterdarstellungen klar in dieses Stadium (siehe oben Punkt 2). Leichter fällt die Verifikation für Merkmale des Stadiums 3. Die Höhlenmalereien enthalten zahlreiche Darstellungen von Mischwesen und Tieren, die mit geometrischen Formen bedeckt oder von ihnen umringt sind, was für Stadium 3 typisch ist. Mischwesen finden sich in Malereien in Gabillou, Les Trois Frères, Fontanet, Lascaux, Altamira, Chauvet, Candamo, Pech Merle, Los Casares, Les Combarelles und Hornos de la Pena.

Lewis-Williams bilanziert:

In sum, the antiquity and ubiquity of altered states of consciousness, the
widespread occurrence of shamanism among hunter-gatherers, and formal parallels between elements of the mental imagery of altered states and Upper Paleolithic parietal imagery are three points that suggest that at least some - not necessarily all - parietal art was probably associated with institutionalized hallucinations. In other words, it seems highly probable that some yet to be precisely defined forms of shamanism were present at, probably, all periods of the Upper Paleolithic of Western Europe.

Tammuz

Anzahl der Beiträge : 99
Anmeldedatum : 09.06.15

Benutzerprofil anzeigen https://independent.academia.edu/HorstTran

Nach oben Nach unten

Vorheriges Thema anzeigen Nächstes Thema anzeigen Nach oben


 
Befugnisse in diesem Forum
Sie können in diesem Forum nicht antworten