Das Orakel von Delphi

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Das Orakel von Delphi

Beitrag von Tammuz am Do Jul 21, 2016 5:37 pm

Um 800 BCE wurde das Heiligtum von Delphi, worauf Grabungsfunde hinweisen, auf den Überresten eines archaischen Orakel-Heiligtums errichtet, das der Göttin Themis geweiht war, die ihre Funktion von ihrer Mutter, der ursprünglichen Orakelgöttin Gaia übernommen hatte, der Erdgöttin der indigenen Population und Mutter der Schlange Python, die nach dem ältesten bekannten Python-Mythos weiblich war, später aber transgendert wurde. Dass Gaia und Themis die ursprünglichen Orakelgöttinnen von Delphi waren, gilt seit Bachofen und Rohde als gesichert.

Das Vorbild für eine griechische Orakelgöttin könnte die ägyptische Kobragöttin Wadjet gewesen sein, deren Orakeltempel in Buto stand. Laut Herodot hat sich die Idee einer institutionalisierten Orakelgöttin von Ägypten nach Griechenland verbreitet. Dass als Orakelurheber- und verkünder Göttinnen und Priesterinnen fungierten, hatte auch in Mesopotamien eine lange Tradition, die im Alten Orient bis ins frühe 2. Jt. BCE zurückreicht, als die Könige von Assyrien und Mari in allen wichtigen politischen Fragen Orakel der Göttin Ischtar einholten, die ihnen durch Ischtar-Priesterinnen in Ich-Form vermittelt wurden.

Zu bedenken ist, dass es sich in Delphi nicht ausschließlich um einen Apollo-Tempel handelt, sondern um den Tempel zweier Götter, Apollo und Dionysos. Die Herkunft des Apollo ist ungewiss, wahrscheinlich war er ein indoeuropäischer Import, vielleicht kam er auch aus dem Vorderen Orient. Dionysos´ Ursprung ist mit Sicherheit in Thrakien zu verorten. Delphi war nach Athen und Theben der wichtigste Kultort des Dionysos, vor allem ab dem 4. Jh. BCE, als im Zuge des Tempelneubaus der östliche Giebel dem Apollo und der westliche dem Dionysos gewidmet wurde. Ihre Verbindung erklärt sich aus der Gemeinsamkeit des Ekstatischen im apollinischen Orakelkult und im Dionysoskult. Der Tempel diente somit beiden Göttern.

Tatian berichtet von einem ´Grab´ des Dionysos unter dem Omphalos, dem Herdfeuer der Göttin Hestia im delphischen Tempel, und dass sich die Götter den Aufenthalt im Tempel teilten: Dionysos im Winter, wenn Apollo bei den Hyperboräern weilte, und Apollo während des restlichen Jahres. Das ´Grab´ enthielt die von Zeus an Apollo übergebenen Überreste des von den Titanen zerrissenen Dionysos, dessen Auferstehung im zweijährigen Turnus im Winter in den nahe Delphi gelegenen Wäldern des Berges Parnass gefeiert wurde, wenn Apollo ´außer Haus´ war. Dabei wurde das Schicksal des Gottes re-enacted, d.h. die aus Athen und Delphi herbeigekommenen Thyiaden (Anhängerinnen des Dionysoskults) verleibten sich nach der Rückkehr des Gottes von seinem zweijährigen Aufenthalt im Totenreich der Persephone die Kraft des Gottes ein, indem sie im rauschhaften Zustand das Fleisch einer in Stücke gerissenen Ziege verzehrten, die den zerstückelten Gott repräsentierte.

Zurück zum delphischen Orakel. Das Folgende ist allgemein bekannt: Die Pythia, die Orakelpriesterin, saß im Tempel auf einem Stuhl, dessen drei Beine für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft standen und unter dem aus einer Erdspalte Dämpfe entwichen, die, nebst den Lorbeerblättern, die die Seherin kaute, ihren ekstatischen Zustand verursachten. Die Befragungen wurden in der Regel am 7. Tag des Monats durchgeführt. Für weniger Betuchte waren nur Ja-Nein-Fragen möglich, Reiche durften mit komplexeren Antworten rechnen. Allerdings waren die Äußerungen der Pythia so kryptisch, dass die männlichen Priester sie in verständliche Botschaften ´übersetzen´ mussten. An diesem Punkt hakte gelegentlich schon in der Antike Kritik ein: Geargwöhnt wird und wurde, dass die Priesterschaft sich von Fragestellern bestechen ließ, um Auskünfte zu liefern, mit denen vom Fragesteller gewünschte Entscheidungen legitimiert werden konnten, wobei die Formulierungen aber nie so eindeutig ausfielen, dass der Betrug offensichtlich war. Zu vermuten ist auch, dass die Priesterschaft eine Art Geheimdienst beschäftigte, der ihr ständig relevante politische Informationen zutrug.

Ein mögliches Beispiel für Korruption ist folgendes: 480 BCE standen die Perser kurz davor, Athen zu erobern. Ein erstes delphisches Orakel riet zur Flucht. Die Athener unter Themistokles, davon wenig begeistert, gaben ein zweites Orakel in Auftrag, welches den Athenern den Bau von "hölzernen Mauern" empfahl. Auch vom "göttlichen Salamis" war die Rede. Daraufhin ließ Themistokles Schiffe (= hölzerne Mauern) bauen und besiegte die Perser in einer Seeschlacht bei Salamis. Man kann vermuten, dass der griechische Feldherr die Seeschlacht von vornherein geplant hatte und, um den Effekt des inopportunen ersten Orakels aufzuheben, seinen Plan der Bevölkerung mithilfe der Priester als zweites "delphisches Orakel" verkaufte.

Ich will damit nicht sagen, dass alle Orakel von den Priestern manipuliert wurden; auf diese Weise hätte sich Delphi nicht über mehrere Jahrhunderte seinen Ruf als religiöse Autorität bewahren können. Unzweifelhaft ist aber, dass die Priesterschaft einen beträchtlichen politischen Einfluss ausübte.

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Re: Das Orakel von Delphi

Beitrag von Ceres am Do Jul 21, 2016 10:44 pm

Tammuz schrieb:Um 800 BCE wurde das Heiligtum von Delphi, worauf Grabungsfunde hinweisen, auf den Überresten eines archaischen Orakel-Heiligtums errichtet, das der Göttin Themis geweiht war, die ihre Funktion von ihrer Mutter, der ursprünglichen Orakelgöttin Gaia übernommen hatte, der Erdgöttin der indigenen Population und Mutter der Schlange Python, die nach dem ältesten bekannten Python-Mythos weiblich war, später aber transgendert wurde. Dass Gaia und Themis die ursprünglichen Orakelgöttinnen von Delphi waren, gilt seit Bachofen und Rohde als gesichert.

Diese Erdmutter vereinigte sich mit dem Schlamm, der von der goldenen Welt übrigblieb und gebar die geflügelte Schlange, Pyton genannt. Diese Schlange besaß hellseherische Fähigkeiten.
Die Erdmutter provezeite ihre Enkelin Hera, Schwester und Gattin des Zeus, das Leto, ihre Nebenbuhlerin und eine der Geliebten des Zeus, einst Zwillinge gebären würde. Sie wären aber größer und stärker als alle ihre Kinder. So schickte sie Python los, um Leto zu verschlingen, noch bevor diese ihre Kinder zur Welt bringen konnte. Zeus verhinderte es, und so gebar Leto Artemis und Apollon.

Tammuz schrieb:Das Vorbild für eine griechische Orakelgöttin könnte die ägyptische Kobragöttin Wadjet gewesen sein, deren Orakeltempel in Buto stand. Laut Herodot hat sich die Idee einer institutionalisierten Orakelgöttin von Ägypten nach Griechenland verbreitet. Dass als Orakelurheber- und verkünder Göttinnen und Priesterinnen fungierten, hatte auch in Mesopotamien eine lange Tradition, die im Alten Orient bis ins frühe 2. Jt. BCE zurückreicht, als die Könige von Assyrien und Mari in allen wichtigen politischen Fragen Orakel der Göttin Ischtar einholten, die ihnen durch Ischtar-Priesterinnen in Ich-Form vermittelt wurden.

Zu bedenken ist, dass es sich in Delphi nicht ausschließlich um einen Apollo-Tempel handelt, sondern um den Tempel zweier Götter, Apollo und Dionysos. Die Herkunft des Apollo ist ungewiss, wahrscheinlich war er ein indoeuropäischer Import, vielleicht kam er auch aus dem Vorderen Orient. Dionysos´ Ursprung ist mit Sicherheit in Thrakien zu verorten. Delphi war nach Athen und Theben der wichtigste Kultort des Dionysos, vor allem ab dem 4. Jh. BCE, als im Zuge des Tempelneubaus der östliche Giebel dem Apollo und der westliche dem Dionysos gewidmet wurde. Ihre Verbindung erklärt sich aus der Gemeinsamkeit des Ekstatischen im apollinischen Orakelkult und im Dionysoskult. Der Tempel diente somit beiden Göttern.

Ich weis nur von Apollo soviel, das dieser Gott der griechischen und römischen Mythologie entspringt. Apollo war der Gott des Lichtes, der Heilung und der Weissagung und der Künste. Außerdem war er auch der Gott der Bogenschützen.
Über Dionysos ist mir folgender Mythos bekannt:

Ariadne, die Gattin, war eine sterbliche Frau, bevor Dionysos sie, wie seine Mutter Semele, zur Göttin erhob.
Es geschah folgendermaßen: In einer Höhle auf Kreta hauste der Stier, ein Ungeheuer Minotauros. Der Held Theseus besiegte den Stier. Ariadne eilt ihm zur Hilfe und übergab ihm ein Schwert und ein Wollknäuel. Mit dem Schwert möge er das Ungeheuer besiegen und mit dem Garn wieder aus dem Labyrinth heraus zu finden. Er versprach ihr auch, sie bei seiner Rückfahrt nach Athen als Braut heimzuführen. Beide besiegten mit List diesen Stier. Nachdem hält er sein Versprechen und beide traten die Heimreise an. Doch auf der Insel Naxos machten sie einen Zwischenhalt. Er ließ sie aber allein während sie schlief. Scheinbar hatte die Göttin Athene es so gewollt. Aber nach älteren Fassungen sei Ariadne sogar tot gewesen; denn Artemis habe sie auf Wunsch von Dionysos getötet. Es gibt aber noch andere Endungen des Mythos. Er nimmt sich Ariadne als Braut. Es gibt aber noch eine andere Variante: Dionysos erschien dem Theseus im Traum und sagte, das Mädchen gehöre ihm selbst. Andererseits erschien Dionysos als Retter und Bräutigam des Mädchens auf Naxos oder gar schon auf Kreta. Dionysos schenkte Ariadne einen mit Edelsteinen geschmückten Kranz, welches er einst von Aphrodite erhalten habe. Am Ende fuhr Ariadne mit Dionysos in seinem Wagen zum Himmel und wurde eine Göttin.


Tammuz schrieb:Tatian berichtet von einem ´Grab´ des Dionysos unter dem Omphalos, dem Herdfeuer der Göttin Hestia im delphischen Tempel, und dass sich die Götter den Aufenthalt im Tempel teilten: Dionysos im Winter, wenn Apollo bei den Hyperboräern weilte, und Apollo während des restlichen Jahres. Das ´Grab´ enthielt die von Zeus an Apollo übergebenen Überreste des von den Titanen zerrissenen Dionysos, dessen Auferstehung im zweijährigen Turnus im Winter in den nahe Delphi gelegenen Wäldern des Berges Parnass gefeiert wurde, wenn Apollo ´außer Haus´ war. Dabei wurde das Schicksal des Gottes re-enacted, d.h. die aus Athen und Delphi herbeigekommenen Thyiaden (Anhängerinnen des Dionysoskults) verleibten sich nach der Rückkehr des Gottes von seinem zweijährigen Aufenthalt im Totenreich der Persephone die Kraft des Gottes ein, indem sie im rauschhaften Zustand das Fleisch einer in Stücke gerissenen Ziege verzehrten, die den zerstückelten Gott repräsentierte.

Zurück zum delphischen Orakel. Das Folgende ist allgemein bekannt: Die Pythia, die Orakelpriesterin, saß im Tempel auf einem Stuhl, dessen drei Beine für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft standen und unter dem aus einer Erdspalte Dämpfe entwichen, die, nebst den Lorbeerblättern, die die Seherin kaute, ihren ekstatischen Zustand verursachten. Die Befragungen wurden in der Regel am 7. Tag des Monats durchgeführt. Für weniger Betuchte waren nur Ja-Nein-Fragen möglich, Reiche durften mit komplexeren Antworten rechnen. Allerdings waren die Äußerungen der Pythia so kryptisch, dass die männlichen Priester sie in verständliche Botschaften ´übersetzen´ mussten. An diesem Punkt hakte gelegentlich schon in der Antike Kritik ein: Geargwöhnt wird und wurde, dass die Priesterschaft sich von Fragestellern bestechen ließ, um Auskünfte zu liefern, mit denen vom Fragesteller gewünschte Entscheidungen legitimiert werden konnten, wobei die Formulierungen aber nie so eindeutig ausfielen, dass der Betrug offensichtlich war. Zu vermuten ist auch, dass die Priesterschaft eine Art Geheimdienst beschäftigte, der ihr ständig relevante politische Informationen zutrug.

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen..

Tammuz schrieb:Ein mögliches Beispiel für Korruption ist folgendes: 480 BCE standen die Perser kurz davor, Athen zu erobern. Ein erstes delphisches Orakel riet zur Flucht. Die Athener unter Themistokles, davon wenig begeistert, gaben ein zweites Orakel in Auftrag, welches den Athenern den Bau von "hölzernen Mauern" empfahl. Auch vom "göttlichen Salamis" war die Rede. Daraufhin ließ Themistokles Schiffe (= hölzerne Mauern) bauen und besiegte die Perser in einer Seeschlacht bei Salamis. Man kann vermuten, dass der griechische Feldherr die Seeschlacht von vornherein geplant hatte und, um den Effekt des inopportunen ersten Orakels aufzuheben, seinen Plan der Bevölkerung mithilfe der Priester als zweites "delphisches Orakel" verkaufte.

Ich will damit nicht sagen, dass alle Orakel von den Priestern manipuliert wurden; auf diese Weise hätte sich Delphi nicht über mehrere Jahrhunderte seinen Ruf als religiöse Autorität bewahren können. Unzweifelhaft ist aber, dass die Priesterschaft einen beträchtlichen politischen Einfluss ausübte.

By the way; Das hatte ich nur noch etwas schwammig in Erinnerung. Aber ich habe sowieso noch viel nachzuholen. Habe mir einige Hefte über die griechische Mythologie von Kreta mit gebracht - und außerdem mir noch ein schönes dickes Buch mit diesem Thema gekauft Smile
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Re: Das Orakel von Delphi

Beitrag von Tammuz am Sa Jul 23, 2016 3:40 pm

Ceres schrieb:Diese Erdmutter vereinigte sich mit dem Schlamm, der von der goldenen Welt übrigblieb und gebar die geflügelte Schlange, Pyton genannt.

Wobei die Python mythologisch zunächst weiblichen Geschlechts war und erst im Zuge eines patriarchalischen Remakes ins Männliche mutierte.

Die Idee einer Erd-Göttin kommt aus der uralten prähistorischen Vorstellung der Erde als natürliche Quelle allen Lebens. Diese Vorstellung wurde analogisch mit dem Mutterleib verbunden und auf die erste Gottheitsvorstellung der Menschheitsgeschichts übertragen, d.h. als Eigenschaft der Urmutter bzw. der Großen Göttin (Magna Mater) verstanden, die im Zentrum der Kulte jener Zeiten stand und hauptsächlich im Innern der Erde, also in Höhlen verehrt wurde, die symbolisch für die Vagina der Göttin stand. Eine weibliche Gottheit, die mit der Erde und deren Fruchtbarkeit assoziiert und auch als "Mutter der Tiere" verstanden wird, nennt man "chthonisch" (= ´der Erde zugehörig´).

Aus diesem Gottheitstyp entwickelten sich die späteren regionalen Erdgöttinnen des Neolithikums, der Bronzezeit und der Eisenzeit. Bekannte Exemplare sind die anatolische Erd- und Muttergöttin Kybele, die griechische Urmuttergöttin Gaia und ihr späteres Derivat Demeter, die mit ihrer Tochter Persephone im Mittelpunkt der Eleusinischen Mysterien stand. Der Name der Eva in der "Genesis" geht vermutlich auf "Hawwa" zurück, was aramäisch "Schlange" (ein erdverbundenes Tier) bedeutet und eventuell der Name einer altorientalischen Erdgöttin war (so z.B. der Theologe Simon Landersdorfer). Auch das Eva zugesprochene Epitheton "Mutter alles Lebendigen" (Gen 3,20) verweist auf Evas Ursprung in der altorientalischen Vorstellung der Erd-Mutter-Göttin.

Diesen Erd-Göttinnen wurde also die Macht zugesprochen, in letzter Instanz alles vegetative, animalische und menschliche Leben hervorzubringen, sie waren die treibende Kraft hinter der Fruchtbarkeit von Menschen, Tieren und Natur

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Re: Das Orakel von Delphi

Beitrag von Ceres am Sa Jul 23, 2016 4:32 pm

Tammuz schrieb:
Ceres schrieb:Diese Erdmutter vereinigte sich mit dem Schlamm, der von der goldenen Welt übrigblieb und gebar die geflügelte Schlange, Pyton genannt.

Wobei die Python mythologisch zunächst weiblichen Geschlechts war und erst im Zuge eines patriarchalischen Remakes ins Männliche mutierte.

Die Idee einer Erd-Göttin kommt aus der uralten prähistorischen Vorstellung der Erde als natürliche Quelle allen Lebens. Diese Vorstellung wurde analogisch mit dem Mutterleib verbunden und auf die erste Gottheitsvorstellung der Menschheitsgeschichts übertragen, d.h. als Eigenschaft der Urmutter bzw. der Großen Göttin (Magna Mater) verstanden, die im Zentrum der Kulte jener Zeiten stand und hauptsächlich im Innern der Erde, also in Höhlen verehrt wurde, die symbolisch für die Vagina der Göttin stand. Eine weibliche Gottheit, die mit der Erde und deren Fruchtbarkeit assoziiert und auch als "Mutter der Tiere" verstanden wird, nennt man "chthonisch" (= ´der Erde zugehörig´).

Aus diesem Gottheitstyp entwickelten sich die späteren regionalen Erdgöttinnen des Neolithikums, der Bronzezeit und der Eisenzeit. Bekannte Exemplare sind die anatolische Erd- und Muttergöttin Kybele, die griechische Urmuttergöttin Gaia und ihr späteres Derivat Demeter, die mit ihrer Tochter Persephone im Mittelpunkt der Eleusinischen Mysterien stand. Der Name der Eva in der "Genesis" geht vermutlich auf "Hawwa" zurück, was aramäisch "Schlange" (ein erdverbundenes Tier) bedeutet und eventuell der Name einer altorientalischen Erdgöttin war (so z.B. der Theologe Simon Landersdorfer). Auch das Eva zugesprochene Epitheton "Mutter alles Lebendigen" (Gen 3,20) verweist auf Evas Ursprung in der altorientalischen Vorstellung der Erd-Mutter-Göttin.

Diesen Erd-Göttinnen wurde also die Macht zugesprochen, in letzter Instanz alles vegetative, animalische und menschliche Leben hervorzubringen, sie waren die treibende Kraft hinter der Fruchtbarkeit von Menschen, Tieren und Natur

Danke für deinen hochinteressanten Text! So etwa hatte ich es auch noch in Erinnerung, aber nicht mehr so deutlich. War Kybele und Gaia nicht ein und dieselbe Erdgöttin und wurde nur in griechisch Gaia genannt?
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Re: Das Orakel von Delphi

Beitrag von Tammuz am Mo Aug 08, 2016 1:41 pm

Ceres schrieb:War Kybele und Gaia nicht ein und dieselbe Erdgöttin und wurde nur in griechisch Gaia genannt?

Hatte deine Antwort übersehen, sorry.

Die Idee von Erd- bzw. Muttergöttinnen waren in paläo- und neolithischer Zeit regional, also unabhängig voneinander, entstanden. Durch Migration oder kulturellen bzw. ökonomischen Kontakt kam es zu Fusionen einer mitgebrachten mit einer indigenen Göttin. Gaia war sicher ein regionales Konstrukt, das aus der paläolithischen Idee einer Urmutter hervorging, entstand also unabhängig von Kybele.

Bei Kybeles Verbreitung nach Griechenland vermischten sich ihre Merkmale mit denen dort urwüchsiger Göttinnen wie Gaia, Demeter und Rhea (= Synkretismus). Kybele war ein überaus erfolgreicher anatolischer Exportschlager, der auch in Indien Wurzeln schlug, wie eine frappierende Übereinstimmung zwischen Kybele und Kali nahelegt (beide sind mit einem bestimmten Berg verbunden, beide sind von Löwen begleitet und beide haben tote Söhne).

Die Herkunft der Kybele dürfte im anatolischen Catal Hüyük zu suchen sein, wo die früheste uns bekannte neolithische Muttergöttin (mit einem Stiergott-Sohn) verehrt wurde (um 7000 BCE). Das gesellschaftlich matrifokal strukturierte Catal Hüyük war zu dieser Zeit mit ca. 6000 Einwohnern in 1000 Häusern die größte Siedlung der Erde. Hier ist ein Bild der dort verehrten Göttin (auf einem Leopardenthron), wobei zu bedenken ist, dass sich das uns heute geläufige Schönheitsideal erst in späteren Jahrtausenden (in Mesopotamien und in Ägypten ab dem 3. Jt. BCE und perfektioniert in Griechenland ab 500 BCE) herausbildete. Als ´Modell´ diente eine ältere Frau vom mütterlichen Typ und keine Sexbombe wie später für Pallas Athene und Aphrodite. Auf keinen Fall ist anzunehmen, dass der Bodymaß-Index der Figur den Durchschnittswert damaliger Frauen repräsentiert.



Dass Gaia mit ihrem Sohn Uranus Nachkommen zeugt, belegt ihre Abkunft aus der neolithischen Vorstellung von einer mit ihrem Stiergott-Sohn verbundenen Muttergöttin. Überlebt hat diese Idee beim altägyptischen Sonnengott Re mit seinem Beinamen ´Kamutef´ (= ´Stier seiner Mutter´), der sich durch Befruchtung seiner Mutter - Isis oder Hathor - selbst zeugt.

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