Geschichtsschreiber in der Antike

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Geschichtsschreiber in der Antike

Beitrag von Anticus am Di Aug 09, 2016 1:47 pm

Ich habe mich immer gefragt, wie konnten antike Geschichtsschreiber arbeiten - in einer Zeit ohne Telekommunikation, ohne Buchdruck usw.

Hatten sie einfach das niedergeschrieben, was sie vom Hörensagen in Erfahrung bringen konnten? Hatten sie Möglichkeiten, das Erfahrene nachzuprüfen?
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Re: Geschichtsschreiber in der Antike

Beitrag von Skeptik am Di Aug 09, 2016 5:22 pm

Das habe ich mich auch schon gefragt. Wenn man mal zwei römische Geschichtsschreiber nimmt:
Polybios (200 v bis 120 v.Chr.) hat in 5 Büchern umfangreich die punischen Kriege beschrieben. Und ließ noch 34 weitere Bücher folgen.
Hier sieht man etwas vom Umfang:

http://penelope.uchicago.edu/Thayer/E/Roman/Texts/Polybius/2*.html

140 Jahre später schreibt ein Livius (60 v. bis 19 n. Chr.) 142 Bücher und schreibt auch nochmals davon 30 Bücher über die punischen Kriege.

http://www.fachdidaktik.klassphil.uni-muenchen.de/forschung/seminarertraege/interpretationskurs/livius-allgemeines.pdf

Der Tag hatte für sie auch nur 24 Stunden. Und Polybios war ein ganz Genauer: Er behauptet immer wieder, daß er sich von anderen Geschichtsschreibern , die nur ihre Phantasien niederschrieben, unterscheide. Er habe alles, was er schrieb genauestens untersucht und nachgeprüft und sei auch an alle Stätten des Geschehens gereist um sich ein genaues Bild zu machen.

Wie sagt man so schön: Wer's glaubt, wird selig!

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Re: Geschichtsschreiber in der Antike

Beitrag von Tammuz am Do Aug 11, 2016 4:17 pm

Skeptik schrieb:140 Jahre später schreibt ein Livius (60 v. bis 19 n. Chr.) 142 Bücher und schreibt auch nochmals davon 30 Bücher über die punischen Kriege.

Livius steht bei Fachwissenschaftlern im Ruf, seine Quellen nicht kritisch hinterfragt und, wenn er es für sinnvoll hielt, durch Ausschmückungen ergänzt zu haben. Insbesondere jene Quellen, die er für seine Wiedergabe von Ereignissen in der Stadt Rom verwendete, gelten aus heutiger Sicht als unzuverlässig. Livius´ Ziel war weniger eine präzise Darstellung vergangener Ereignisse als vielmehr die Propagierung der restaurativen Augustäischen Ideale seiner Gegenwart. Charakteristisch war sein weitgehender Verzicht auf die Nutzung von Primärquellen (Dokumente, Inschriften usw.).

Zu Livius´ Darstellung der Bacchanalien-Affäre:

Er verfasste seinen ´Bericht´ in einer Zeit, deren durch Kaiser Augustus geprägtes restauratives Klima dem von Livius inszenierten Pathos des anti-bacchanalischen Feldzugs auffallend ähnlich war. Der Bacchuskult hatte unter Julius Cäsar eine Förderung und erneute Ausbreitung über das Römische Reich erfahren, also ist Livius´ Darstellung der Ereignisse von 186 im Buch XXXIX als Versuch zu werten, den Kult in seiner Gegenwart zu bekämpfen, wobei der Historiker nach dem Motto ´Der Zweck heiligt die Mittel´ vor Manipulationen nicht zurückschreckte.

Auffallend ist die Nichterwähnung von Cato in Livius´ ´Bericht´ der Affäre von 186 und die Heraushebung von Postumius als alleinigem Initiator der Unterdrückungskampagne. Schließlich war Cato zu dieser Zeit eine bedeutende politische Figur und wird von Livius im Buch XXXIV eingehend exponiert, ja geradezu gefeiert. Auch in Kap. 40 von Buch XXXIX, welches das Jahr 184 behandelt, erscheint Cato, von Livius einmal mehr in höchsten Tönen gelobt, im Kontext seiner Wahl zum Censor. Der Grund für das Verschweigen Catos im Kontext des Jahres 186 könnte sein, dass Livius für diesen Zweck das verloren gegangene historische Werk von Aulus Postumius Albinus, einem engen Verwandten des Postumius aus der nachfolgenden Generation, als Quelle genutzt hat. Dieses Werk diente in hohem Maße der Verherrlichung des Postumius-Clans und hat Catos Rolle zugunsten von Konsul Postumius in besagter Affäre vermutlich verschwiegen. Eine andere Erklärung für die Nichterwähnung Catos in Livius´ ´Bericht´ über das Jahr 186 ist kaum denkbar, da so gut wie ausgeschlossen ist, dass Cato keine nennenswerte Rolle bei diesen Ereignissen spielte.

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Re: Geschichtsschreiber in der Antike

Beitrag von van Kessel am So Aug 14, 2016 1:40 am

Römer schrieben nicht im luftleeren Raum, sondern hatten Bibliotheken. Auch wenn wohl durch Cäsars Aktionen, die Bibliothek in Alexandria in Flammen aufging (oder die Rollen, deren Anzahl mal mit 40.000, mal mit 400.000 angegeben werden), so hat später der Antonius, der Kleopatra die Bibliothek von Pergamon  zum Geschenk gemacht.

Man darf gerost davonausgehen, dass sich Römer aus ihren Bibliotheken bedienten. Dass auch Berichte von Soldaten (z.B. aus dem germanischen Raum) in diese Bibliotheken gelangten, darf als sicher vermutet werden; schließlich hat ein Tacitus seine Weisheiten vom Hörensagen, aber auch aus niedergebrachten Berichten römscher Feldherren und Legionäre.

Tacitus sah seine Berichte als 'Wesensschau', weniger als exakte, falsifizierte Historiengeschichte.

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Re: Geschichtsschreiber in der Antike

Beitrag von Tammuz am So Aug 14, 2016 6:21 pm

van Kessel schrieb:
Tacitus sah seine Berichte als 'Wesensschau', weniger als exakte, falsifizierte Historiengeschichte.

Aus Sicht der modernen Geschichtswissenschaft haben Tacitus und seine senatorischen Historikerkollegen die Dinge aus der Perspektive des vom Kaisertum marginalisierten Senatorenstandes geschildert und die Rolle einiger Kaiser (Tiberius, Caligula, Claudius, Nero, Domitian) dabei bewusst negativer gezeichnet, als sie es verdienten. Das betrifft vor allem Caligula und Nero, denen vor allem aufgrund der Darstellung durch Tacitus (Nero) und Sueton (Caligula, Nero) ein ihren wahren Charakter verzerrender Makel des Psychopathischen anhaftet.

https://de.wikipedia.org/wiki/Senatorische_Geschichtsschreibung#Charakteristika_und_Problematik

Auswahl und Interpretation des Materials sowie die Beurteilung der Akteure (insbesondere der Kaiser) sind in viel höherem Maße, als es die ältere Forschung wahrnahm, vom senatorischen Standpunkt der Autoren beeinflusst. An Kaisern, die die Senatoren in deren Augen nicht respektvoll genug behandelten, „rächte“ man sich, indem man sie nach ihrem Tod negativ darstellte. Zugleich musste man den Umstand berücksichtigen, dass Teile des Senats mit dem jeweiligen Herrscher kooperiert und von ihm profitiert hatten. Daher bedienten sich die senatorischen Geschichtsschreiber teils sehr subtiler und raffinierter Manipulationstechniken.

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Re: Geschichtsschreiber in der Antike

Beitrag von Wallenstein am Mo Aug 15, 2016 1:24 pm

Geschichtsschreibung wird ja eigentlich fast immer aus einer bestimmten Perspektive vorgenommen und ist daher auch nie frei von subjektiven Wertungen. Das kennen wir ja von unseren national-konservativen Geschichtsschreibern wie etwa Ranke, Treitschke usw.

Alexander der Große hatte seinerzeit seine eigenen Schreiberlinge auf dem Feldzug dabei, die von seinen Heldentaten berichten sollten.

Und Tacitus, das hatte uns früher jedenfalls die Lateinlehrerin erzählt, wollte mit seinem Werk vor allem seinen Landsleuten einen Spiegel vorhalten. Es ging wohl auch nicht um eine exakte Darstellung.

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Re: Geschichtsschreiber in der Antike

Beitrag von Nepomuk am Sa Aug 20, 2016 11:46 am

Anticus schrieb:Ich habe mich immer gefragt, wie konnten antike Geschichtsschreiber arbeiten - in einer Zeit ohne Telekommunikation, ohne Buchdruck usw.

Hatten sie einfach das niedergeschrieben, was sie vom Hörensagen in Erfahrung bringen konnten? Hatten sie Möglichkeiten, das Erfahrene nachzuprüfen?

Viele Geschichtsschreiber wie zum Beispiel Plutarch waren in Politischen Kreisen Involviert, darum die Kenntnis. Durch mündliche Überlieferung.

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Re: Geschichtsschreiber in der Antike

Beitrag von Ceres am Sa Aug 20, 2016 12:17 pm

Vielleicht passt es hier nicht so ganz rein, aber ich möchte gern über Gaius (oder Quintus) Valerius Catullus sprechen, wusste aber nicht so recht wohin damit:

Catull war ein Römischer Dichter des 1. Jh. v. Chr. und ist in Verona geboren. Leider weiß man nicht sehr viel aus seinem Leben. Es fehlen uns einfach die Quellen. Einiges kann man aber aus seinen berühmten Gedichten der Carmina  entnehmen. Wann hatte er überhaupt gelebt? Hieronimus nimmt aber an, das Catull 87/86 v. Chr. geboren wurde und mit ca. 30 Jahren starb. Also alt ist Catull wahrlich nicht geworden...
Wie Hieronumus es herauszufinden glaubte, war der Bezug zu dem teilweise erhaltene Werk "De poetis" von Sueton.
Catull war ein hervorragender Dichter seiner Zeit.
Die "Carmina" ist ein aufschlussreiches Werk über das Leben Catulls. Sehr zu empfehlen!
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