Marcion - der wahre Verfasser der Paulusbriefe?

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Marcion - der wahre Verfasser der Paulusbriefe?

Beitrag von Tammuz am Sa Sep 03, 2016 3:25 pm

Skeptik schrieb:
Hermann Detering bezieht sich auch stark auf die Holländische Radikalkritik, Auf seiner Homepage befindet sich ein interessanter Artikel von G.A. van den Bergh van Eysinga über Marcion.

Ich kenne die von Detering fortgeführte Tradition der Holländischen Radikalkritik, es ist aber gut, dass du auch andere User darauf aufmerksam machst. Detering hat in seiner hypothetischen Rekonstruktion des Original-Römerbriefs (dessen Autor Marcion sein soll) die Stelle mit der ´geistigen´ Beschneidung tatsächlich als katholische Überarbeitung gekennzeichnet, wie du schon vorgestern richtig vermutet hattest.

Ich liste nachstehend ein paar von Detering übernommene Argumente für die Falschheit aller Paulusbriefe auf, auch derjenigen, die als vermeintlich echte Briefe im NT erscheinen. Auf die von Prof. Gerd Lüdemann gehegten Bedenken gegen die Marcion=Paulusverfasser-Theorie (die er mir in einer Mail mitgeteilt hat) gehe ich demnächst ein.

++++

Ende des 18. Jahrhunderts äußerte Edward Evanson den Verdacht, dass der Römerbrief nicht Paulus zugeschrieben werden kann. Als Gründe nannte er die Widersprüchlichkeit zur von ihm für historisch korrekt gehaltenen Apg.

Ein halbes Jahrhundert später war Bruno Bauer in Deutschland der erste, der die Echtheit aller Paulusbriefe bestritt und sie vielmehr für Propagandamaterial von Christen im 2. Jhd. hielt. Er begründete das hauptsächlich mit den gnostischen Einflüssen, die in den Korintherbriefen deutlich spürbar sind.

Einige Jahrzehnte danach nahmen mehrere holländische Gelehrte diese Gedanken auf und formulierten ihre sog. Radikalkritik an der vermeintlichen Authentizität der sieben angeblich echten Paulusbriefe. Loman kam wie Bauer zu dem Befund, dass die Briefe Produkte gnostischer Gruppierungen seien. Er berief sich dabei u.a. auf die Tatsache, dass paulinische Briefe im 1. Jhd. und im frühen 2. Jhd. nicht zuverlässig nachweisbar sind. Nicht einmal Justin der Märtyrer, ein bedeutender Katholik um 150, erwähnt in seinem umfangreichen Werk einen Paulusbrief.

Nur der 1. Clemensbrief und die Briefe des Ignatius von Antiochien (die Ignatianen) scheinen Paulus Anfang des 2. Jhd. zu bezeugen. Allerdings bestehen auch an diesen Dokumenten Zweifel, was Datierung und Herkunft betrifft. Was die Apg betrifft, ist diese, so die Radikalkritiker, eine von den Katholiken Mitte des 2. Jhd. produzierte Gegenfälschung gegen die Paulusbriefe, die um 140 erstmals "auf den Markt kamen".

Womit wir beim ersten nachweisbaren Auftauchen der Briefe angelangt wären. Die erste historisch zuverlässige Quelle für Paulus ist nämlich Marcion, der Gründer einer riesigen, der Gnosis nahestehenden Christengemeinde, der 144 vom römischen Klerus wegen seiner antikatholischen Auffassungen exkommuniziert wurde. Er gab zehn Paulusbriefe heraus sowie ein Evangelium (das marcionitische), das dem Lk nahestand, aber keine Verweise auf das AT enthielt.

Diese Sammlung ist nicht nur der erste Schriftenkanon im Christentum überhaupt, sondern auch das erste historisch unbezweifelbare Erscheinen von Paulusbriefen.

Diese Briefe aber sind nach Auffassung der gegenwärtigen Radikalkritiker, also der Theologen Hermann Detering (Berlin), Darrell J. Doughty und Robert M. Price (beide USA), Schöpfungen von Marcion bzw. seines Umfeldes, die den Zweck hatten, hinter der Maske einer fiktiven Autorität mit Nähe zu Jesus (eben Paulus) Glaubensstreitigkeiten gegen Gegner aus dem eigenen Jahrhundert (dem zweiten) auszutragen.

Diese Gegner waren die Katholiken, die, sehr im Unterschied zu Marcion, am AT festhielten, ohne einen eigenen nichtjüdischen Text als kanonische Glaubensgrundlage zu verwenden. Marcion dagegen verwarf das AT als Zeugnis eines "bösen Gottes" völlig, ganz in Entsprechung zum gnostischen Standpunkt, dass es einen "guten Gott" gibt (den Gott des Christus) und einen Demiurgen, der ein rachsüchtiger Schöpfer der finsteren Materiewelt ist (den Marcion mit Jahwe identifiziert).

Die Radikalkritiker argumentieren dahingehend, dass Marcion die ursprünglichen Paulusbriefe produziert habe (als Pseudoepigraphien) und dass diese Fassungen nachträglich von den Katholiken verfälscht worden seien, um "Paulus" bzw. die unter diesem Namen umlaufenden Briefe für ihre eigenen Zwecke zu instrumentalisieren. Letzteres schien notwendig, da "Paulus" innerhalb der marcionitischen Gemeinden sehr beliebt war. Um also die marcionitischen Anhänger ins eigene katholische Lager zu locken, durfte das Idol "Paulus" nicht abgelehnt werden, man musste es nur verfälschen und für sich vereinnahmen.

So entstanden lt. Radikalkritik die heutigen Fassungen der Paulusbriefe, die wesentlich länger sind als die marcionitischen. Man schlug also Marcion mit seinen eigenen Waffen, indem man seine gefälschten Briefe im Sinne der eigenen katholischen Lehre "überarbeitete" und ergänzte.

Ich liste unsystematisch ein paar Argumente der Radikalkritiker auf.

1) Der 1. Korintherbrief enthält stark gnostische Elemente (z.B. Doketismus), die zur Zeit der angeblichen Entstehung des Briefes (vor 60) gar kein Thema gewesen sein können. So ist z.B. in 1 Kor 2,8 von den bösen "Herrschern der Welt" die Rede, was eine typisch gnostische Formulierung ist, die in die Mitte des 1. Jhd. gar nicht passt.

2) Die Apg weiß nichts von Paulusbriefen.

3) Paulus, angeblich ein Jude, zitiert nur aus der Septuaginta (griechische AT-Übersetzung). Im Unterschied zu Philo u.a., die ebenfalls aus der S. zitieren, gibt es in den Briefen keine Stelle, die seine Hebräischkenntnisse belegt. Dagegen ist sein Griechisch für einen geborenen Juden fast schon zu perfekt.

4) Der Römerbrief soll kurz vor der Ankunft in Rom verfasst worden sein. Das ergibt, bedenkt man seinen Umfang und Gehalt, keinen Sinn.

5) Paulus wird in außerchristlichen Quellen des 1. Jhd. überhaupt nicht erwähnt. Das ist, in Anbetracht seiner angeblich hocheffizienten Missionsaktivitäten, ganz erstaunlich.

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Re: Marcion - der wahre Verfasser der Paulusbriefe?

Beitrag von Skeptik am Sa Sep 03, 2016 8:09 pm

Tammuz schrieb:

2) Die Apg weiß nichts von Paulusbriefen.

3) Paulus, angeblich ein Jude, zitiert nur aus der Septuaginta (griechische AT-Übersetzung). Im Unterschied zu Philo u.a., die ebenfalls aus der S. zitieren, gibt es in den Briefen keine Stelle, die seine Hebräischkenntnisse belegt. Dagegen ist sein Griechisch für einen geborenen Juden fast schon zu perfekt.

Da wird dem unbedarften Leser des NT schon immer ein Bären aufgebunden. Die Pharisäer sind dort Heuchler und Feinde des Jesus. Das paßt dann logisch zum Saulus als Pharisäer, der die Christen bis aufs Blut verfolgte. Dabei waren es die Saduzäer, die Anhänger der Hohepriester, die im NT die Christen verfolgten:

Wiki: Paulus wurde in der Stadt Tharsos (heutige Südtürkei) in eine streng religiöse jüdische Familie hineingeboren und verbrachte seine Jugend in Jerusalem, wo ihn der bekannte Rabbi Gamaliel zum Pharisäer ausbildete, wie Paulus selbst schrieb. In seinem religiösen „Eifer für das Gesetz“ tat sich Saulus – so hieß er vor seiner Bekehrung – als Inquisitor der Jerusalemer Tempelpriesterschaft hervor. Er war ein Bluthund, der die ersten Christen erbarmungslos verfolgte und verhaftete, sie foltern und sogar hinrichten ließ.

Umso erstaunlicher, dass ausgerechnet dieser fanatische Vertreter des pharisäischen Judaismus sich später zum Christentum bekehrte. Will man seinen Schilderungen glauben, so erlebte Paulus gar Außergewöhnliches: Jesus soll ihm vor Damaskus in gleißendem Licht während einer „Vision“ erschienen sein.


Während ihres Bestehens definierten sich die Pharisäer in erster Linie als Opposition zu den Sadduzäern. Die Sadduzäer repräsentierten die konservative, priesterlich-aristokratische Oberschicht, die Pharisäer fanden ihre Anhänger in der breiten Masse des Volkes.

Das Wertesystem der Pharisäer entstand zuerst in Abgrenzung zu den Sadduzäern und entwickelte sich dann durch interne Diskussionen weiter. Wichtige Fragestellungen betrafen das jüdische Leben ohne den Tempel, das Leben im Exil und die Auseinandersetzung mit dem Christentum. Diese Entwicklung führte zum rabbinischen Judentum.
Kritiker, die die Entstehung des Neuen Testaments nach dem Bruch zwischen Judentum und Christentum ansetzen, vermuten eine verzerrte Darstellung der Pharisäer, die zur Zeit der Entstehung jener Schriften zur dominanten jüdischen Richtung geworden waren. Sie weisen darauf hin, dass Jesus pharisäische Positionen der Schule des Hillel (Nächstenliebe) oder der des Schammai (zur Ehescheidung) vertreten habe. Seine Auffassung von einem Leben nach dem Tod sei ebenfalls bei den Pharisäern zu finden. Auch die Anrede Rabbuni (= Meister, Lehrmeister) weise Jesus als in der pharisäischen Tradition stehend aus.


Und dann behaupet dieser Saulus/Paulus er sei Pharisäer und habe seine Schulung unter Rabbi Gamaliel erhalten. Dazu passen seine dürftigen Hebräischkenntnisse aber ganz und garnicht. Pinchas Lapide, der es wissen muß, schreibt in seinem Buch „Ist die Bibel richtig übersetzt?“: „Von den 82 Zitaten die Paulus aus seiner hebräischen Bibel bringt, stimmen rund 30 mit der Septuaginta-Übersetzung überein; 36 weichen beträchtlich von ihr ab; 12 Zitate weisen wesentliche Sinnveränderungen auf; der Rest besteht aus äußerst freien Paraphrasen, die kaum dem Sinn, geschweige denn dem Wortlaut des Originals entsprechen.“

Mit der gröbsten  fehlerhaften Übersetzung aus 5. Mose 21, Vers 23 begründet der uns bekannte Paulus auch noch seine zentrale Christologie. Im hebräischen Original steht richtig übersetzt: „Jeder am Holz Hängengelassene ist eine Verfluchung Gottes“. (Gott will nicht, daß ein zu Recht Verurteilter, aber auch Geschöpf dieses Gottes, über Nacht am Holz hängen gelassen wird.) Paulus macht daraus sein berühmtes: „Verflucht ist jeder, der am Kreuz hängt“. (Sein Christus nimmt diesen Fluch auf sich und erlöst, die daran glauben).

Ob das wider besseres Wissen von wem auch immer so entwickelt wurde, ist die große Frage.

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Re: Marcion - der wahre Verfasser der Paulusbriefe?

Beitrag von Tammuz am Mo Sep 05, 2016 3:59 pm

Skeptik schrieb:
Da wird dem unbedarften Leser des NT schon immer ein Bären aufgebunden.  Die Pharisäer sind dort Heuchler und Feinde des Jesus. Das paßt dann logisch zum Saulus als Pharisäer, der die Christen bis aufs Blut verfolgte. Dabei waren es die Saduzäer, die Anhänger der Hohepriester, die im NT die Christen verfolgten

Pharisäer als Jesus-Verfolger treten in der Tat nur in einem Evangelium in Erscheinung, nämlich im spätesten, dem JohEv. Vermutlich ist dieses Motiv (das bei Mk und Lk fehlt) eine Rückprojektion von Konflikten zwischen Rabbinern und Christen im 2. Jh. CE auf die angeblichen Geschehnisse im 1. Jh. CE. Aus Zeitgründen gehe ich erst morgen ausführlicher auf deine diversen interessanten Hinweise ein.

PS. Der von dir zitierte Text stammt nicht aus Wikipedia.






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Re: Marcion - der wahre Verfasser der Paulusbriefe?

Beitrag von Skeptik am Mo Sep 05, 2016 7:44 pm

Tammuz schrieb:
PS. Der von dir zitierte Text stammt nicht aus Wikipedia.

Die ersten beiden Kursivabsätze stammen von:
https://www.zeitenschrift.com/artikel/apostel-paulus-der-eifrige-pharisaeer

Die restlichen Kursivabsätze von:
https://de.wikipedia.org/wiki/Pharis%C3%A4er



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