Die Suez Krise

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Die Suez Krise

Beitrag von Wallenstein am Sa Okt 29, 2016 12:49 pm

Die Suez Krise im Herbst 1956 war eine der schwersten Krisen während des Kalten Krieges und erweckte bei vielen Menschen die Furcht vor einer atomaren Apokalypse.

Anfang der fünfziger Jahre hatten in Ägypten nationalistische Militärs unter Führung von Nasser die Macht übernommen. Im Westen bezeichnete man ihn als „Roten Pharao“, obwohl er mit dem Kommunismus nichts zu tun hatte und dafür auch keinerlei Sympathien besaß. Er wollte sein Land aus der neokolonialen Abhängigkeit befreien und geriet deshalb bald in Konflikt mit den ausländischen Mächten. Eine Bodenreform entgegnete die Großgrundbesitzer und überließ das Land den Bauern. Eine Maßnahme, die sich als Erfolg herausstellte, denn die Produktion stieg erheblich an. Die Großgrundbesitzer erhielten Entschädigungen und sollten das Geld in Industrieunternehmen anlegen. Die Verstaatlichung ausländischer Firmen führte aber schon bald zu einem Konflikt mit den Westmächten. Als Nasser Geld haben wollte, um den Assuan-Staudamm zu finanzieren, bekam er eine Absage aus den USA. Die UDSSR sah eine günstige Gelegenheit, um in Ägypten Einfluss zu gewinnen und sprang ein. Das ursprünglich prowestliche Land wechselte die Seiten.

Die meisten Einnahmen machte Ägypten allerdings mit den Gebühren aus dem Suez Kanal, der  gehörte aber weiterhin den Briten und Franzosen. Nur ein Bruchteil des Geldes landete in Kairo. Zwar sollte die Wasserstraße später einmal an Ägypten fallen, doch das dauerte Nasser zu lange. Er verkündete die Nationalisierung des Kanals.

Dieser Coup forderte Gegenreaktionen heraus. England, Frankreich und Israel beschlossen eine Militäraktion. Ihre Truppen griffen am 29.Oktober 1956 an. Die Israelis besetzten die Sinai Wüste, englische und französische Fallschirmspringer landeten in Port Said. Ägypten mobilisierte seine Armee.

Die USA waren über die Militäroperationen nicht informiert worden und außerordentlich empört, an solchen neokolonialen Abenteuern hatten sie kein Interesse. Die UDSSR als neuer Partner von Ägypten fand harte Worte, die Äußerungen von Chruschtschow waren unmissverständlich und wurden so gedeutet, dass er notfalls Atomwaffen einsetzen würde, um die Aggressoren zu vertreiben. Da die USA mit England und Frankreich verbündet waren, konnte sie sich aus diesem Konflikt nicht heraushalten. Die Welt stand offensichtlich am Rande einer nuklearen Katastrophe.

Die Diplomatie lief auf Hochtouren. Den USA gelang es, die Briten, Franzosen und Israelis zum Abzug zu bewegen, die Sowjets zogen ihre Drohungen zurück. Die Suez Krise war für die Russen ein Geschenk des Himmels, denn sie konnten in aller Ruhe den Ungarn Aufstand niederschlagen, der in der Weltöffentlichkeit jetzt keinen so großen Stellenwert besaß und die USA wollten nicht in einen weiteren Konflikt hineingezogen werden.

Die Beilegung der Krise hatte viele Folgen: England und Frankreich hatten gezeigt, dass sie keine wirklichen Großmächte mehr waren. Die Franzosen hatten nach Indochina ihre zweite Niederlage erlitten. Die antikolonialen Bewegungen in Algerien und im restlichen Notafrika bekamen erheblichen Auftrieb. Frankreich würde schon bald alle Kolonien in die Freiheit entlassen müssen.
Auch die Briten zogen sich überall zurück, insbesondere aus dem Nahen Osten. Die dortigen Potentaten brauchten neue Beschützer und nun sprangen hier die USA ein.

Israel verlor an Kredit in der Dritten Welt, weil sie sich als Büttel der Kolonialmächte gezeigt hatten.

Die UDSSR gewann hingegen an Prestige, da sie in den Augen der „Dritten Welt“ auf der „richtigen Seite“ gestanden hatte. Während die Russen in Europa durch die Niederschlagung des Ungarn Aufstandes diskreditiert waren und die kommunistischen Parteien massenweise an Mitgliedern verloren, passierte in anderen Teilen der Welt das Gegenteil.

Nasser wurde zum Held und wurde in vielen Ländern gefeiert als unerschrockener Politiker. Die Bewegung der „Blockfreien“ mit Nasser, Tito, Nehru und Sukarno wurde als neue, dritte Kraft wahrgenommen und konnte vorübergehend großen Einfluss ausüben. Die Suez Krise brachte den Kolonialismus endgültig zum Einsturz. Es folgte eine Kettenreaktion mit Gründung zahlreicher, neuer Staaten.

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Re: Die Suez Krise

Beitrag von van Kessel am Sa Okt 29, 2016 3:02 pm

Hi "Wallenstein"
Die Suez Krise im Herbst 1956 war eine der schwersten Krisen während des Kalten Krieges und erweckte bei vielen Menschen die Furcht vor einer atomaren Apokalypse.
auf den Punkt gebracht! Allerdings wurde der Aufstand in Ungarn, in Deutschland wesentlich gravierender gesehen, als in der hervorragenden Zusammenfassung.

Dieser Aufstand löste eine (relativ kleine) Flüchtlingswelle von Ungarn aus, welche zum größten Teil in der Schweiz, aber auch in Deutschland, 'landeten'. Die Drohung Chruschtschows mit A-Waffen, wurde tatsächlich als eine Bedrohung gesehen (die Erinnerungen an Hiroshima und Nagasaki waren bei den meisten Menschen noch 'frisch').

Das Erstaunen über den Niedergang des Kolonialismus (Dien-Bin Phu war ja gerade einmal zwei Jahre vorbei), wurde aber damals noch nicht so gesehen, wie in der Nachschau. Erst in den 60er (franz. Freunde von mir waren im algerischen Krieg, und erzählten mir Horrorstorys darüber) wurde es uns langsam bewusst, dass die 'schönen Tage von Aranjuez' endgültig vorbei waren.

Dass die 'alten Feinde' Frankreich und England, am Kanal 'den Schwanz einziehen mussten', diente auch der deutschen, beginnenden Export-Wirtschaft, wie schon zuvor der Korea-Krieg, Deutschland über die Maße ertüchtigte, seine Wirtschaftskraft zu erproben.

Und nicht nur dort, sondern auch die Überlegungen, Deutschland wieder zu bewaffnen, erhielten durch das Suez-Abenteuer (und die russische Warnung) neue Nahrung. Die 'Übernahme' der Welt, durch den Hegemon USA, ist sicherlich auch durch das laienhafte Vorgehen einer Luftlandeoperation am Suezkanal, und den israelischen Machtanspruch, als Todsünde einer westlich orientierten Außenpolitik zu sehen. Die NATO blieb total außen vor, obwohl F & GB Mitglieder waren. Dass ein 'ehrenwerter Lord' Anthony Eden darob seinen Hut (als Premierminister) nehmen musste, tröstet nur wenig.

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Re: Die Suez Krise

Beitrag von Wallenstein am Sa Okt 29, 2016 3:37 pm

Ich habe den kleinen Beitrag „hingehauen“. Daher viele Flüchtigkeitsfehler, habe ich erst jetzt bemerkt. Es heißt natürlich „Nordafrika“ und nicht „Notafrika“. Und die Großgrundbesitzer wurden enteignet, nicht „entgegnet“. So etwas passiert mir im zunehmenden Alter immer wieder.

Nasser ist eine zwiespältige Figur. Sehr charismatisch, aber in späteren Jahren wurde seine Politik immer verworrener. Der Krieg 1967 leitete seinen Abstieg ein. Die Sowjets wollten gerne, dass er die Landwirtschaft kollektiviert und Kolchosen gründet. So dumm war er nicht.

Er verordnete eine Mietpreisbindung, die bis heute gültig ist. Die Mieten sind noch immer auf dem Niveau der fünfziger Jahre. Das sieht man den Häusern in Kairo auch an. Sie verfallen immer weiter, da die Eigentümer nicht investieren. Kennen wir aus der DDR.

Nasser war vor allem ein Mann mit großen Visionen, mit denen er die Menschen begeisterte. Umgesetzt hat er dann kaum etwas. Doch die Ägypter lieben solche Träumereien und berauschen sich daran. Tauchen aber die ersten Schwierigkeiten auf, verlieren sie schnell die Lust und lassen alles liegen.

Eine Geschichte, die man in Ägypten gerne erzählt: Ali will seinen Mittagsschlaf halten und ärgert sich über die lauten Kinder vor der Haustür. Er denkt sich eine Geschichte aus: „Warum seid ihr  Kinder denn zuhause?  Wisst ihr denn nicht, dass heute am Nilufer kostenlos Eis verteilt wird? Die Kinder laufen fort, endlich ist Ruhe. Ali legt sich auf das Bett, doch plötzlich fällt ihm ein: Wenn es am Nil kostenlos Eis gibt, wieso bin ich denn hier? Sofort steht er auf und rennt auch zum Fluss.

Damit wollen die Ägypter zeigen, dass sie gerne ihre Phantasie für die Realität halten. Das konnte Naser besonders gut.

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Re: Die Suez Krise

Beitrag von van Kessel am Sa Okt 29, 2016 10:46 pm

hi "Wallenstein",
Ich habe den kleinen Beitrag „hingehauen“. Daher viele Flüchtigkeitsfehler, habe ich erst jetzt bemerkt. Es heißt natürlich „Nordafrika“ und nicht „Notafrika“. Und die Großgrundbesitzer wurden enteignet, nicht „entgegnet“. So etwas passiert mir im zunehmenden Alter immer wieder.
dieses (das Alter) befähigt aber auch, sich nicht über diese Kleinigkeiten aufzuregen. Smile
Damit wollen die Ägypter zeigen, dass sie gerne ihre Phantasie für die Realität halten. Das konnte Naser besonders gut.
den habe ich nicht mehr so auf dem 'Schirm'. Ich verbinde, auch noch heute, nur den Assuan-Damm und deutsche Düngerfabriken in Ägypten mit ihm. Ein bischen wenig, wie ich gestehen muss. Very Happy

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Re: Die Suez Krise

Beitrag von Skeptik am So Okt 30, 2016 9:55 am

Wallenstein schrieb:
Damit wollen die Ägypter zeigen, dass sie gerne ihre Phantasie für die Realität halten. Das konnte Naser besonders gut.

Zur Phantasie gehören auch vorgefasste Meinungen:
Der junge Nasser sah in Alexandria, wie sich ein Polizist und ein Zivilist stritten. Nasser schlug erst den Polizisten zusammen und fragte dann den Zivilisten nach der Ursache des Streits.


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